miniatur|hochkant=1.3|Goethe Wilhelm Meisters theatralische Sendung, der sogenannte „Urmeister“, ist das Fragment eines Theaterromans von Johann Wolfgang von Goethe. In den Jahren 1777 bis 1785 entstanden, verwertete Goethe diesen Künstlerroman für seinen Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre. Eine von Barbara Schulthess und ihrer Tochter gefertigte Abschrift des „Urmeisters“ wurde 1910 gefunden und lag 1911 im Erstdruck vor.

__TOC__ Theater Im Roman wird das Verhalten des Schauspielers zum Rollentext, zum Ensemble und zum Bühnenstück ausgiebig durchgespielt. Die Konfrontation des Bühnenautors mit seinem Stoff, mit der Schauspielertruppe, auch mit dem Publikum und besonders mit der bürgerlichen und feudalen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts nimmt breiten Raum im Romantext ein.

Handlung Zahlen verweisen auf das betreffende Kapitel.

Erstes Buch 3 Der Schuljunge Wilhelm Meister hat vier Geschwister. Seine Mutter kriegt „noch in ihren ältern Jahren eine Leidenschaft für einen abgeschmackten Menschen“. Das Familienleben leidet unter dem Verhältnis, denn der Vater, ein ehrbarer Kaufmann, hasst schimpflichen „Ehe- und Scheidungsprozeß“.

4 Wilhelm, der mit seinem Puppentheater Rollen für den König Saul und David einübt und spielt, geht seinen Weg über die erste „Freude der Überraschung und des Staunens“ zur „Wollust des Aufmerkens und Forschens“.

5 Aus der Vorratskammer stiehlt Wilhelm „ein geschriebenes Büchelchen, darin die Komödie von David und Goliath aufgezeichnet“ ist. Der Junge lernt „sein Schauspiel“ auswendig, studiert „das Stück ganz in sich hinein“ und ergreift „alle Rollen“.

8 Über die Bücher seines Vaters kommt Wilhelm an die „Teutsche Schaubühne“ und verschiedene „italienisch-teutsche Opern“ heran. Nun muss „König Saul in seinem schwarzen Samtkleide den Chaumigrem, Cato und Darius spielen“. Wilhelm spielt „meistensteil nur die fünften Akte, wos an ein Totstechen“ geht. Der „Donner“ gelingt nicht immer. Wilhelm schafft sich nach und nach neue Theatergarderobe. Dies oder jenes Stück interessiert ihn „um irgend einer Szene willen“.

9 Besonders fesselt ihn Chlorinde, wirkt „auf den keimenden Geist der Liebe, der sich in dem Knaben“ entwickelt.

10 Wilhelms Schulkameraden lassen sich Rollen geben und spielen mit. Die Jungen glauben, „es sei leichter, ein Trauerspiel als ein Lustspiel zu machen“.

12 Der Vater hofft, dass sich Wilhelm „zeitig und ganz dem Handelsgeschäfte widmen möchte“. Wilhelms schulische Leistungen sind vielversprechend. Im Laden des Vaters wird Wilhelm „über das unendliche Wählen der Frauenzimmer nie verdrießlich“; steht ihnen vielmehr „mit gutem Rate“ bei. Aber „mit großen Schmerzen“ muss der Vater schließlich bemerken, wie Wilhelm, der seinen Vater liebt, das Handelsgewerbe verachtet.

14–16 Wilhelm besucht das Schauspiel, das „etlichemal des Jahrs“ in seine Stadt kommt, und lernt dort Mariane kennen. Mariane war „eine Gewissensheurat mit einem Menschen ohne Gewissen eingegangen“. Der Gewissenlose ist verschwunden und Mariane gilt „wechselweise für Jungfrau, Frau und Witwe“. Wilhelms „Gutheit, Ergebenheit, Beschränktheit, Unschuld, Genügsamkeit, Verehrung und Herzlichkeit“ machen Mariane anfangs verlegen. Sie ist „von Natur eine gute Seele“, fürchtet aber, Wilhelm „möchte Erfahrenheit“ in ihren Augen „lesen“. Wilhelm bemerkt die Unordnung bei Mariane, denn „in einem feinen Bürgerhause“ erzogen, ist „Ordnung und Reinlichkeit“ sein Element.

17 Mariane lernt „das Glück der Liebe“, das ihr fremd war, in Wilhelms Armen „erst kennen“. Als berechnende Frau erkundigt sie sich „gar bald wie nebenher nach Wilhelms Vermögen“.

18 „Sie ist dein! Sie hat sich dir hingegeben!“, jubiliert Wilhelm. Er will die Familie, seine uneinigen Eltern, verlassen. Dazu kommt, dass Werner, „ein sehr gesetzter Mensch“, sich um seine Schwester bewirbt und „seine Stelle vertreten“ könnte. „Seine Bestimmung zum Theater“ ist Wilhelm nunmehr klar. Das hohe Ziel: der vollkommenste Schauspieler zu werden, „Schöpfer eines großen Nationaltheaters“.

20 Mariane sieht Mutterfreuden entgegen. Mindestens zwei Männer kommen als Vater in Frage.

21–23 Werner übernimmt das Handelsgeschäft und will Wilhelm auf Geschäftsreisen schicken. Mariane ist das recht, denn dann kann sie sich ungestört mit Norman abgeben, Wilhelms Nebenbuhler. Zum Abschied schreibt Wilhelm Mariane einen glühenden Liebesbrief. Darin setzt er sie auch von seinen ernsten Absichten ins Bild. Als Wilhelm von Mariane Abschied nehmen will, entdeckt er – da ist ein Nebenbuhler.

Zweites Buch 1–5 Wilhelm ist lange krank. Er „flieht“ die Menschen, „enthält sich“ in seiner Stube. Und er wäre auch untergegangen, „hätte ihn nicht die Kraft seiner Natur, die wieder zum Geraden und Reinen strebte, gerettet“. Wilhelm liest „mit vielem Vergnügen“ Theaterbücher – die Poetik des Aristoteles und Corneille – die Abhandlung über die drei Einheiten Handlung, Ort und Zeit. Werner, der inzwischen die Schwester geheiratet hat, bewundert, was Wilhelm „so vielerlei geschrieben“ hat. Im Gespräch mit Werner definiert Wilhelm den großen Theaterdichter: „Eine tiefe innere Selbständigkeit ist der Grund aller seiner Charaktere, Stärke des Geistes in allen Situationen ist das Liebste, was er schildert. Wer hat“, schwärmt er weiter, „Götter gebildet, uns zu ihnen erhoben, sie zu uns hernieder gebracht, als der Dichter?“ Dann kommt Wilhelm auf das Thema Mariane und bricht „in einen Strom von Tränen aus“. Werner steht „in der größten Verlegenheit“ dabei. In ellenlangen Gesprächen mit Werner favorisiert Wilhelm im Drama die Handlung als „die Hauptsache“.

6–7 Während einer Landpartie mit Werner lernt Wilhelm den jungen Schauspieler Melina und seine Madame kennen. Melina hat sich „mit seiner jungen Braut“ gegen den Willen ihrer Eltern davongemacht. Die Madame will die Welt sehen und sich der Welt zeigen. Wilhelm möchte den beiden helfen. Melina strebt eine „bürgerliche Bedienung“ an. Wilhelm, der möchte, dass Melina Schauspieler bleibt, hat Vorstellungen vom Schauspielerberuf, die Melina keineswegs teilen kann. Wilhelm sagt, er kenne keine Lebensart, „die Ihnen so viele Annehmlichkeiten darbietet als die eines Schauspielers“. Melina: „Man sieht, daß Sie keiner gewesen sind.“ Als Wilhelm dann allein ist, hält er an seinem Ideal fest: „Nichts ist auf der Erde ohne Beschwerlichkeit, nur der innere Trieb, die Lust, die Liebe helfen uns Hindernisse überwinden.“ Wilhelm meint, „daß in den Menschen ein besserer Funke lebt“.

8 Wilhelm wird von Werner als Schuldeneintreiber auf Reisen geschickt.

Drittes Buch 1 Auf seiner Reise kommt Wilhelm „in einsamen Gebürgen, zwischen undurchdringlichen Wäldern zu Hochdorf“ an einer „Wachstapetenfabrik“ vorbei, deren Direktor auf Wilhelms Liste der Schuldner steht. Der biedere Direktor zahlt „auf der Stelle in Golde aus“ und ist auch noch menschenfreundlich: Wenn es an Aufträgen mangelt, lässt er seine Arbeiter Komödien spielen. Eine solche Aufführung erlebt Wilhelm mit.

2 Nach einigen Tagereisen treibt Wilhelm weitere Schulden ein und trifft auf „eine große Gesellschaft von Seiltänzern, Springern, Gauklern“. Wilhelm macht sich Gedanken über das Trauerspiel – „daß es die Leidenschaften reinige“, er findet aber niemanden, „dem er diese Betrachtungen hätte mitteilen können“.

3 „Zu Hochstädt“ dann schwillt Wilhelms eingetriebenes Kapital auf „beinahe fünfzehnhundert Taler“ an. Einige „Handelsleute“ machen sogar noch Bestellungen bei ihm. Wilhelm kann sich wenden, wohin er will – er trifft auf eine Truppe Komödianten. „Muß denn das Schicksal“, sagt er sich, „immer zu diesen Leuten führen, mit denen ich doch keine Gemeinschaft haben will noch soll.“ Herr und Frau Melina sind mit von der Partie.

4–6 Wilhelm begegnet bei der Truppe, die von der Direktrice Madame de Retti zusammengehalten wird, dem Mädchen Mignon. Wilhelm schätzt Mignon „zwölf bis dreizehn Jahre“. Ihr Körper ist „gut gebaut, ihre Gesichtsfarbe bräunlich“. Mignon antwortet Wilhelm „in einem gebrochenen Deutsch und mit einer Art, die Wilhelmen in Verwirrung“ setzt. Madame de Retti hat Mignon dem Herrn einer Seiltänzertruppe für hundert Dukaten abgekauft, weil dieser das Kind auspeitschte. Nach Madame Melinas Ansicht ist Mignon „zu gar nichts“ nütze. „Auswendig lernt sie sehr geschwind, spielt aber erbärmlich.“ Mignon will hundert Dukaten sparen. Mignons „Gestalt und Wesen“ wird Wilhelm „immer reizender“.

7 Wilhelm bleibt bei der Truppe der Direktrice Madame de Retti. Madame Melina zieht ihn an, weil sie von ihm zu lernen und sich nach ihm zu bilden versucht. Man lässt ihn merken, dass er „sowohl Kenner als Liebhaber und Beschützer des Theaters“ ist. Wilhelm borgt der Direktrice größere Summen einkassierten Geldes. Die Direktrice wird bei anderen Gläubigern wieder kreditwürdig. Man isst und trinkt, man lebt in Freuden.

8 „Am allerlustigen“ feiert die Truppe auf Wilhelms Kosten. Als Mignon von einem Unbekannten geküsst wird und ihn dafür ins Gesicht schlägt, dass „die Ohren sumsen und der Backen brennt“, setzt sich Wilhelm für sie ein. Darauf kommt Mignon zu ihm und sagt: „Herr, ich bin dein Sklave, kaufe mich von meiner Frau, daß ich dir allein zuhöre.“

9 Wilhelm arbeitet an seinem Trauerspiel Belsazar. Der medische König Darius hat darin einen „Anschlag auf Babylon“ vor. Die Truppe ist sich einig – das Stück muss gespielt werden.

10 Herr Bendel, der Geliebte der Direktrice, „eine ungeschickte, breite Figur ohne den mindesten Anstand, ohne Gefühl“, soll den Darius spielen. Der Trinker Bendel hat „alle Fehler, die einen Schauspieler verwerflich machen“.

11 Wilhelm freundet sich mit Herrn von C. an. Dieses Stück, so schätzt der neue Freund Wilhelms Trauerspiel ein, „ist nur von innen heraus geschrieben, es ist ein einziger Mensch, der fühlt und handelt. Man sieht, daß der Autor sein eignes Herz kennt, aber er kennt die Menschen nicht.“

12 Die Direktrice nutzt Wilhelm aus. Nach und nach gibt er sein ganzes Geld für Bühnenhandwerker et cetera hin. Am Tage der Uraufführung des Belsazar hat Herr Bendel „wieder einen neuen, schweren Anfall seiner Krankheit“. Das ganze Haus ist „angefüllt“, das Publikum wird unruhig und „pocht“ schon eine Viertelstunde. Von der Direktrice und Madame Melina überredet, spielt Wilhelm unvorbereitet den Darius und hat Erfolg.

Viertes Buch 1 „Gehst du nach Italien“, sagt Mignon zu Wilhelm, „so nimm mich mit, es friert mich hier.“ Mignon singt: miniatur|hochkant=1.3|Am Golf von Neapel – Zeichnung von Goethe anno 1787 Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrte still und froh der Lorbeer steht, Kennst du es wohl? Dahin! Dahin Möcht ich mit dir, o mein Gebieter, ziehn.

Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach, Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach, Und Marmorbilder stehn und sehn mich an: Was hat man dir, du armes Kind, getan? Kennst du es wohl? Dahin! Dahin Möcht ich mit dir, o mein Gebieter, ziehn.

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg? Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg, In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut, Es stürzt der Fels und über ihn die Flut: Kennst du ihn wohl? Dahin! Dahin Geht unser Weg! Gebieter, laß uns ziehn!

2 Herr Melina überredet Wilhelm, er solle bei der Direktrice wenigstens einen Teil des verborgten Geldes eintreiben. Widerwillig begibt sich Wilhelm zu Madame de Retti. Die speist ihn mit einem Bruchteil des Geldes ab. Den Löwenanteil hat Herr Bendel.

3 Wilhelm will „nie das Theater wieder betreten“. Mignon führt Wilhelm einen Eiertanz vor. Wilhelm möchte „dieses verlassene Wesen an Kindesstatt seinem Herzen“ einverleiben.