250px|mini|Vicke-Schorler-Rolle im Stadtarchiv Rostock (Zustand vor 2012) Die Vicke-Schorler-Rolle ist eine 19 Meter breite bildliche Darstellung der „See- und Hansestadt Rostock“ im 16. Jahrhundert. Benannt ist sie nach ihrem Urheber Vicke Schorler, der 1578–1586 die öffentlichen, sakralen und privaten Bauwerke sowie das Leben in der Stadt und in einigen Gemeinden außerhalb des Mauerrings zeichnerisch erfasste. Seit dem Ankauf durch den Rat der Stadt 1792 wird die kolorierte Federzeichnung im Stadtarchiv Rostock aufbewahrt. Die Hanse- und Universitätsstadt Rostock zählt die Bildrolle zu ihren bedeutendsten kulturhistorischen Dokumenten.Alle Fakten ohne Einzelnachweis entstammen der 1989 von Horst Witt herausgegebenen Publikation, S. 13–19 und 25–42. Die 2022 bekanntgegebenen Erkenntnisse aus der Restaurierung 2012–2020 sind berücksichtigt. Eine wissenschaftliche Publikation und neues Bildmaterial sind laut Auskunft des Stadtarchivs in Vorbereitung (Stand: Juni 2023).
Urheberschaft
Die Bildrolle selbst gibt Auskunft über ihren Urheber und den Zeitraum ihrer Entstehung.
Die Eingangsnotiz lautet:
ANNO ◦ DOMINI ◦ 1 ◦ 5 ◦ 78 ◦ AM ◦ TAGE ◦ SANCT ◦ IOHANNIS ◦ DES ◦ TEUFFERS ◦ HABE ◦ ICH ◦ VICKE ◦ SCHORLER ◦ DIS ◦ VOLGENDE ◦ WERCK ◦ ERSTLICH ◦ ANGEFANGEN ◦ ZW ◦ MACHENN ◦
Am Rollenende ist zu lesen:
ANNO ◦ DOMINI ◦ 1586 ◦ AM ◦ TAGE ◦ SANCT ◦ IOHANNIS ◦ DES ◦ TEUFFERS ◦ HABE ◦ ICH ◦ VICKE ◦ SCHORLER ◦ DIS ◦ VORGEHEMDE ◦ WERCK ◦ GANTZ ◦ UN ◦ GAR ◦ VOLLENBRACHT ◦
Demnach hat ein Mann namens Friedrich „Vicke“ (sprich: Fiecke) Schorler die Zeichnungen zwischen dem 24. Juni 1578 und dem 24. Juni 1586 erstellt. Über die Person ist trotz intensiver Forschung wenig bekannt, in den archivischen Quellen finden sich jedoch einige Lebensdaten. Daraus lässt sich folgern: 1589 erwarb Vicke Schorler das Bürgerrecht als Krämergeselle,Krämer ist die alte Bezeichnung für den Einzelhändler – im Unterschied zum Kaufmann als Zwischen- oder Großhändler machte sich selbständig und heiratete die Tochter eines Kürschners und Witwe eines Beutlers. Seine Ehefrau überschrieb ihm nach damaligem Recht das Erbe: ein Haus am Platz Am Schilde und später eines in der Blutstraße (heute Kröpeliner Straße). Da die selbständige Gewerbeausübung nur nach Aufnahme in eine Zunft (Handwerker) oder Kompanie (Händler) möglich war, muss Schorler 1589 Mitglied der Landfahrer-Krämer-Compagnie geworden sein. Womit er handelte und wie vermögend er war, ist nicht überliefert. Wenn er auch nicht zu den vornehmen Seiden-, Gewürz- und Eisenkrämern gehörte, seine Wahl zum Ältermann der Kompanie und seine Mitgliedschaft im Hundertmänner-Kollegium setzten ein gewisses Ansehen voraus.
Der letzte Eintrag in Schorlers 1583 begonnener Rostocker Chronik stammt vom Februar 1625. 1626 ist Vicke Schorler in den Steuerlisten als verstorben verzeichnet. Aus der Rückschau seines Lebens wird das Geburtsjahr mit (ca.) 1560 angenommen. Als er die Arbeit an der Bildrolle aufnahm, dürfte er also etwa 18 Jahre alt gewesen sein. Dass er sowohl den Anfang als auch das Ende auf den Johannistag legte, zeugt von stadtgeschichtlicher Kenntnis: Am 24. Juni 1218 bestätigte Fürst Heinrich Borwin I. das lübische Stadtrecht für Rostock.
Kontext mini|120px|Meister des Rostocker Dreikönigsaltars: Heimkehr der Heiligen Drei Könige. Tafelbild, um 1440 Das gesamte Werk lässt erkennen, wie beeindruckt der junge Vicke Schorler von „seiner“ Stadt Rostock, deren gediegenen Backsteinbauten, dem geschäftigen Treiben auf den Plätzen, dem regen Schiffsverkehr im Hafen und dem akademischen Leben gewesen sein muss. Inspiriert, dies im Bilde festzuhalten, haben ihn möglicherweise zwei Tafelbilder in seiner unmittelbaren Nähe: Die um 1440 datierte Heimkehr der Heiligen Drei Könige vom Hochaltar der einstigen St.-Johannis-Klosterkirche und die Gründungslegende, das im 16. Jahrhundert entstandene, im 18. Jahrhundert allerdings stark übermalte Stiftungsbild des Klosters zum Heiligen Kreuz. Wie der Meister des Rostocker Dreikönigsaltars nimmt auch Schorler (zumindest in Teilen) einen erhöhten Standpunkt ein, wie der Maler des Stiftungsbildes gibt er die architektonischen Details gewissenhaft wieder.
450px|mini|links|Hans Weigel: Warhafftige Contrafactur der alten Herrlichen Stat Rostock. Kolorierter Holzschnitt, um 1560 (Verse: Hans Sachs) mini|links|Wenzel Hollar: Rostock, Radierung, 1624/25
Wohl mehr als eine Anregung mag Schorler von einem zeitgenössischen Holzschnitt erfahren haben: Die mit gut 1 Meter Länge ebenfalls stattliche Warhafftige Contrafactur der alten Herrlichen Stat Rostock des in Nürnberg tätigen Formschneiders und Verlegers Hans Weigel erfreute sich weiter Verbreitung durch Buchhändler. In Rostock kamen Angehörige dieses Berufsstands von weither zum alljährlichen Pfingstmarkt. Als weiteres Bindeglied zu Vicke Schorler kann die Zugehörigkeit der Rostocker Buchhändler zur Landfahrer-Krämer-Brüderschaft gelten. Der Blick von Norden, dem Gehlsdorfer Ufer, über die Warnow auf die Stadtsilhouette entwickelte sich in der Folge zum Klassiker der Rostocker Stadtansichten. Als jüngere Beispiele seien nur der Kupferstich Prospect der Statt Rostock von Caspar Merianerschienen in: Topograhia Saxoniae Inferioris von Zeiller und Merian, Frankfurt a. M. 1653, abgebildet bei Gehrig, S. 31 und die Radierung Rostock 1933. Zur Erinnerung an die 50-Jahrfeier des Vereins für Rostocks Altertümer von Alfred MahlauMuseum für Kunst- und Kulturgeschichte, Lübeck genannt. Auffallend beim Prototyp ist die leicht erhöhte Position des Künstlers. Durch dieses Stilmittel kann der Betrachter die Details besser wahrnehmen (und vielleicht sogar sein eigenes Haus entdecken).
Gleiche Blickrichtung, anderer Blick: Wie heute noch in Touristenführern beliebt, verbindet die Radierung Rostochium Urbs Megapolitana Anseatica et Mercatura et Universitate Celebris von Wenzel Hollar einen Stadtplan mit einer Vogelschau genannten Aufsicht. Die Vorteile eines solchen Vogelschauplans: Einerseits können Bauwerke in Ansicht dargestellt, andererseits nicht nur die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, sondern auch die Straßen und Plätze mit Namen versehen werden. In Teilen seiner Bildrolle hat Vicke Schorler dieses seit dem letzten Viertel des 15. Jahrhunderts beliebte Stilmittel ebenfalls angewendet.
Werk
Konzeption Der Titel ist fein säuberlich mittig am oberen Bildrand angebracht:
WARHAFTIGE ◦ ABCONTRAFACTUR ◦ DER ◦ HOCHLOBLICHEN ◦ UND ◦ WEITBERUMTEN ◦ ALTEN ◦ SEE ◦ UND ◦ HENSESTADT ◦ ROSTOCK ◦ HEUPTSTADT ◦ IM ◦ LANDE ◦ ZU ◦ MECKELNBURGK ◦
Auffallend ist die Ähnlichkeit mit dem Bildtitel bei Weigel. Doch statt Contrafactur ist bei Schorler Abcontrafactur zu lesen. Dem ersten Begriff „Gegenentwurf“ steht nun also die „Abbildung“H. Schmidt: abkontrafaktur. In: Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. Neubearbeitung 1965–2018. Band 1, Spalte 452, Zeile 56; dwds.de gegenüber. Warhaftig würde man heute in „wahrheitsgemäß“ abändern. Heuptstadt ist selbstredend kein Irrtum Schorlers, damit verweist er stolz auf die erste Priorität der ca. 12.000–14.000 Einwohner zählenden Stadt im gesamten Herzogtum Mecklenburg.
Mehrere Fakten unterscheiden die Vicke-Schorler-Rolle von den bereits erwähnten Stadtansichten: Die Rolle misst enorme 1903 × 60 cm (zum Vergleich: Weigels Holzschnitt hat eine Breite von 109 cm). Ihr Urheber war weder Maler noch Zeichner, sondern Autodidakt und ein Laie auf dem Gebiet der Perspektivlehre. Er hegte keine gewinnbringenden Absichten, hatte keinen Auftraggeber und war bei der Ausführung ganz auf sich selbst gestellt. Die Reproduktion seines monumentalen Werks stand für Schorler wohl niemals zur Debatte.
Realisierung (Kenntnisstand vor 2020) mini|hochkant|Papierherstellung im 16. Jahrhundert Vicke Schorler hielt seine Zeichnungen auf damals üblichem Hadernpapier fest – das wegen seines Kanzleiformats (33 × 42 cm) auch Kanzleipapier genannt wird. Dass er, wohl aus Kostengründen, die Bögen nach und nach besorgte, belegen die unterschiedlichen Wasserzeichen: Stierkopf mit Stab oder Stierkopf mit Krone, Nasenring und Halsfell aus mecklenburgischen Papiermühlen sowie ein Lilienwappen mit der Inschrift MSAVOIS aus Savoyen. Als Zeichenstift diente ihm ein Federkiel oder eine Rohrfeder, als Tusche verwendete er eine Mischung aus Ruß und gebrannter Tonerde (gemahlenem Ton), als Bindemittel Honig oder Firnis. Koloriert hat Schorler seine sepiabraunen Zeichnungen mit Wasserfarben in Rot, Blau und Grün (heute teils verblasst, teils oxidiert). Nur die Personen, Tiere, Pflanzen u. ä. sind Freihandzeichnungen, die Bauwerke dagegen entstanden unter Zuhilfenahme von Lineal und Zirkel.
Für die Rolle fügte Schorler insgesamt 127 Blätter in zwei Reihen zusammen: oben 63 Bögen, unten 64 halbe Bögen. 1586 war er vermutlich nur noch mit dem Verkleben, dem Erstellen der Übergänge und der Inschriften, der Ausschmückung mit den drei Rostocker Wappen und vielleicht einigen Ausbesserungen beschäftigt. Die ersten Jahre verbrachte er wohl damit, einzelne Objekte zu skizzieren, vielleicht das Treiben auf den Plätzen und Märkten zu studieren oder sich im Zeichnen zu üben (oder er unterbrach die 1578 begonnene Arbeit aus persönlichen Gründen). Seine eigenen Eintragungen auf der Bildrolle dokumentieren die Ausführung der Zeichnungen von 1582 bis 1585.
Komposition mini|Die horizontalen Ebenen auf der Karte von Wenzel Hollar, nach Oscar Gehrig, 1939 Die augenfälligste Gliederung ist die Darstellung des Lebens intra muros und extra muros. Die ummauerte Stadt Rostock nimmt den mittleren, in seiner Breite etwa 14 Meter messenden Abschnitt ein. Die umliegenden Dörfer und Kleinstädte – Warnemünde, Lütten Klein, Groß Klein, Marienehe und Bramow auf der linken, Kessin, Schwaan, Güstrow, Bützow und einige andere auf der rechten Seite – flankieren die „Hauptstadt“ an den beiden äußeren Enden. Am unteren Bildrand verbindet ein Fluss, die Warnow, alle Gemeinden; sie ist damit als Lebensader der gesamten Region zu verstehen. Die Bauwerke der inneren Stadt ordnete Schorler schematisch in zwei Reihen übereinander an: Oben die markanteste Architektur wie öffentliche Gebäude, die vier Parochialkirchen, die Haupt-Stadttore, Universitätsbauten und Bürgerhäuser mit prachtvollen Giebeln, sowie Szenen städtischen Lebens. Darunter zieht sich die Stadtmauer mit ihren Türmen von links ins Bild – und geht dann über in eine Reihe recht gleichförmiger Giebelbauten. Am „östlichen“ Mühlentor endet die Reihe wieder als Mauerring.
Mit dieser Bildkomposition verband der Krämer die klassische Rostock-Vedute mit einer summarischen Aufreihung der im Profil aufgenommenen Bauwerke. Und mehr noch: Er gab eine Blickrichtung von Norden vor, sah die gesamte Stadt jedoch von Süden nach Norden. Für die obere Reihe ging der Zeichner quasi in die Stadt hinein und bildete individuelle Straßenzüge in der Vielfalt ihrer Baulichkeiten ab. Dies steht im Gegensatz zu der schemenhaft wirkenden Stadtmauer-Gebäude-Abfolge im unteren Bereich. Der Abgleich mit dem Grundregister untermauert diesen Eindruck: Hier standen zwar vereinzelt Buden mit der Rückseite zur Mauer, Giebelhäuser befanden sich dort allerdings nicht. Die verschiedenen Haustypen dienten dem Zeichner wohl als Versatzstücke, um die Darstellung der Mauer in diesem Bereich nicht eintönig wirken zu lassen. Alle Gebäude sind wie auf einer Perlenschnur aufgereiht und der Betrachter nimmt einen immer gleichen Abstand zu ihnen ein. Es scheint, als gleite er in einem der abgebildeten Boote an der Stadtsilhouette vorbei.
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