Das Kernkraftwerk Tihange in der wallonischen Stadt Huy in Belgien besteht aus einem in Betrieb befindlichen Druckwasserreaktor und zwei stillgelegten Blöcken. Es liegt an der Maas, ca. 25 km südwestlich von Lüttich und 57 km westsüdwestlich des Aachener Stadtgebiets.
Tihange ist einer von zwei in Betrieb befindlichen Kernkraftwerksstandorten in Belgien; der andere ist Doel im Hafen von Antwerpen, beide werden von Engie Electrabel betrieben, dem belgischen Tochterunternehmen des französischen Konzerns Engie.
Am 31. Januar 2023 wurde der besonders umstrittene Reaktorblock 2 endgültig stillgelegt, am 30. September 2025 Block 1.https://www.grenzecho.net/129799/artikel/2025-10-01/tihange-1-ist-endgultig-vom-netz-startschuss-fur-ruckbau
Geschichte mini|Kernkraftwerk Tihange mini|Huy mit dem Kraftwerk im Hintergrund Das Kernkraftwerk Tihange besteht aus drei Kraftwerksblöcken, die von 1975 bis 1985 ans Netz gingen: Block 1 mit einer Nettoleistung von 962 MW(e) 1975, Block 2 mit einer Nettoleistung von 1.008 MW(e) und Block 3 mit 1.038 MW(e) folgten bis 1985.
Belgien beschloss 2003 den Ausstieg aus der Kernkraft bis 2025. Die belgischen Reaktoren sollten demzufolge nach jeweils 40 Jahren endgültig abgeschaltet werden. Für Tihange-1 war die Abschaltung am 1. Oktober 2015 vorgesehen. Abgerufen am 17. Februar 2015. Der Betreiber Electrabel erklärte im November 2011, Block 1 gemäß dem Gesetz 2015 vom Netz nehmen zu wollen, da sich weitere Investitionen nicht mehr lohnen würden.
Am 4. Juli 2012 entschied die damalige Regierung Di Rupo jedoch gemäß den Möglichkeiten, die das Atomausstiegsgesetz Belgiens bot, dem Betreiber für Tihange-1 eine Laufzeitverlängerung um zehn Jahre – bis 2025 – zu gewähren. Man fürchtete Engpässe in der Stromversorgung., grenzecho.net, 4. Juli 2012 Für Block 2 erlosch die Genehmigung unverändert, nach 40 Jahren, 2023. Im Frühjahr 2023 gab die Belgische Regierung eine erneute Laufzeitverlängerung für Tihange bekannt, dadurch wurde die Genehmigung für den Betrieb des Blocks 3 von ursprünglich 40 auf 50 Jahre verlängert. Diese erlischt nun 2035 und wurde erneut mit Versorgungssicherheit begründet.
2012 wurden „tausende feine Risse im Reaktorbehälter“ zunächst im Kernkraftwerk Doel und im September 2012 auch in Tihange bekannt., aachener-zeitung.de, 14. September 2012
Im Februar 2015 teilten der Betreiber Engie Electrabel und die belgische Atomaufsichtsbehörde FANK mit, man habe tausende weitere Wasserstoffflocken in den Reaktoren Tihange-2 und Doel-3 gefunden. In Tihange stieg die Zahl von 2000 auf 3150.Atomkraftwerke: Tausende Risse in belgischen Reaktoren entdeckt. In: spiegel.de, 26. Februar 2015.Größere Risse: Aus für Doel 3 und Tihange 2?. In: Aachener Zeitung. 26. Februar 2015.
Eine grenzüberschreitende Bürgerinitiative engagiert sich seitdem gegen das ihrer Einschätzung nach unsichere Kernkraftwerk.stop-tihange.org
Am 28. März 2017 wurde bekannt, dass Tihange-2 seit Juli 2016 mit Brennelementen aus der Brennelementfertigungsanlage Lingen in Deutschland beliefert wurde.tagesschau.de: dpa: Bundesregierung billigt Brennelemente-Lieferung nach Tihange. In: handelsblatt.com. 28. März 2017. Das dem Bundesumweltministerium unterstellte Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) erteilte 50 Transportgenehmigungen, darunter auch, 68 Brennelemente für Tihange-2 zu liefern. Seit der Abschaltung von Reaktor 1 am 30. September 2025 verbleibt lediglich Meiler 3 zur Produktion Elektrischer Energie.
Störfälle, Schäden und Reaktionen 2002–2011 Am 22. November 2002 ereignete sich ein Störfall im Block 2 (INES 2). Der Reaktor – zu dieser Zeit heruntergefahren und nicht mehr kritisch – produzierte noch Nachzerfallswärme, die wie im Leistungsbetrieb durch zirkulierendes Kühlmittel im Primärkreislauf abgeführt wurde. Bei einem Test wurde irrtümlich ein Sicherheitsventil des Druckhalters geöffnet, wodurch der Druck im Primärkreislauf sehr schnell von 155 bar auf 85 bar fiel. Der hohe Druck im Primärkreislauf während des Betriebs bewirkt, dass das Wasser auch bei hoher Temperatur nicht siedet, sondern flüssig bleibt. Sinkt der Druck, dann sinkt auch die Siedetemperatur des Wassers. Dann kann die Nachzerfallswärme der Brennelemente nicht mehr abtransportiert werden und es besteht die Gefahr einer Kernschmelze. Im konkreten Fall wurden aufgrund des rapiden Druckabfalls mehrere Sicherheitssysteme aktiviert, die Wasser in den Primärkreislauf hineinpumpten und so die Brennelemente weiter kühlten. Das irrtümlich geöffnete Überdruckventil wurde nach drei Minuten wieder geschlossen.Nuclear issues information service – Serious incident vindicates Belgian nuclear phaseout. (englisch)
Am 25. Oktober 2006 gelangten etwa 30 Greenpeace-Aktivisten auf das Kraftwerksgelände und besetzten es. Sie stellten auf der Kuppel einen riesigen Riss dar. Mit der Aktion an dem über 30 Jahre alten Kraftwerk wollte Greenpeace auf das Alter(n) der belgischen Kernkraftwerke aufmerksam machen.Bericht, contratom.deGreenpeace voert actie rond kerncentrale in Tihange. In: Indymedia.be 25. Oktober 2006. Meldung mit Bildern der Aktion.
Am 4. Oktober 2010 kurz nach 18 Uhr liefen rund 600 Liter säurehaltigen Wassers aus einem Graben in die Maas. Laut Betreiberangaben trat bei dem Unfall kein radioaktives Material aus; die Säure soll sich im Flusswasser schnell neutralisiert haben., tageblatt.lu
Am 5. Dezember 2011 kam es zu nicht näher erläuterten Abweichungen bei Kontrollen des Kühlsystems (INES 1). Laut Angaben der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANK wurde das Problem behoben.FANC: Website, siehe auch französische Wikipedia
2012–2013 Am 7. Februar 2012 wurde erkannt, dass eine Gruppe von Heizstäben des Druckhalters von Tihange-1 außer Funktion war, was die FANK am 15. Februar 2012 bekannt gab. Der Vorfall wurde als INES-1-Ereignis eingestuft.Niederländisch: Französisch: Der Druckhalter mit den integrierten Heizstäben und Sprühsystemen ist relevant, um den notwendigen Druck im Primärkreislauf aufrechterhalten zu können. Dies kann beispielsweise bei Unterkühlungstransienten, die eine Reduktion der Kühlmitteldichte zur Folge hat (und somit eine Füllstandabnahme im Druckhalter), relevant werden. Durch Zuschaltung von Druckhalterheizstufen (was normalerweise über die Reaktordruckregelung automatisch erfolgt) kann der Druck stabilisiert werden, da im Druckhalter immer Sättigungsbedingung herrscht (z. B. 155 bar / 354 °C).
Bei einer im Juni 2012 begonnenen Routineinspektion mit neuen Ultraschall-Messgeräten wurden laut FANK tausende Wasserstoffflocken am Reaktordruckbehälter von Tihange 2 und im Reaktor Doel-3 entdeckt.Belgique: la fiabilité de deux réacteurs nucléaires remise en cause, Le Monde (französische Tageszeitung), 8. August 2012 Die FANK stellte fest, die Wasserstoffflocken seien „höchstwahrscheinlich“ schon bei der Herstellung der Druckbehälters entstanden und daher unbedenklich.
Im Juli 2012 wurde bekannt, dass das Abklingbecken von Tihange-1 pro Tag etwa 2 Liter radioaktiven Wassers verliere, ein Problem das seit 2005 besteht und bis dato nicht behoben werden konnte (Stand Juli 2012).AKW Tihange ist seit Jahren nicht mehr dicht. Aachener Nachrichten, 13. Juli 2012, Titelseite
Im August 2012 wurde Block 2 heruntergefahren, nachdem – wie auch am Reaktor Doel-3 – tausende Wasserstoffflocken am Reaktordruckbehälter gefunden worden waren. Nachforschungen ergaben, dass diese Flocken schon 1979 während des Baus entstanden waren. in Grenzecho, 23. August 2012 Die seit 1996 nicht mehr bestehende Firma Rotterdamsche Droogdok Maatschappij (Rotterdam) hatte 22 Reaktorbehälter dieses Typs gefertigt, darunter Tihange-2 und Doel-3In Belgien könnten bald die Lichter ausgehen.spiegel.de vom 16. November 2012: Deutsche Kernkraftwerke frei von belgischer Krankheit Die beiden anderen Druckwasserreaktoren in Tihange stammen von Framatome und sind von dem Problem nicht betroffen.
Die Atomaufsicht FANK ordnete 2012 an, dass das Notkühlwasser (über 1 Million Liter) auf über 40 °C vorgeheizt werden muss. Anlass ist der schon mit Wasserstoffeinschlüssen durchsetzte Reaktordruckbehälter, der durch zu kaltes Kühlwasser einen thermischen Schock erleiden könnte. Die maximale Vorlauftemperatur beträgt 50 °C. Ab dieser Temperatur wird der Reaktor nicht mehr ausreichend gekühlt.tagesschau.de: Zu marode für kühles Kühlwasser
Im Februar 2013 wurde auf dem Kraftwerksgelände eine Weltkriegsbombe in der Nähe eines Verwaltungsgebäudes entdeckt, das vorsichtshalber evakuiert wurde; die Bombe wurde vom Kampfmittelräumdienst der belgischen Armee abtransportiert. Es soll sich um eine deutsche Granate aus dem Ersten Weltkrieg gehandelt haben.
Im Mai 2013 erteilte die FANK die Erlaubnis für den Weiterbetrieb der Kernreaktoren. Jan Bens, Leiter der FANK seit Januar 2013, der von 2004 bis 2013 auch Leiter des Kernkraftwerk Doel gewesen war, schloss aus, dass es in Belgien überhaupt zu einem Reaktorunfall kommen könne.Aachener Zeitung Nr. 124 v. 1. Juni 2013. Anfang Juni 2013 wurde der Reaktor von Tihange-2 wieder hochgefahren.
In den Jahren 2013 bis 2015 sind insgesamt acht sogenannte Precursor (engl. precursor „Vorläufer, Vorbote“), d. h. Zwischenfälle, welche unter bestimmten Voraussetzungen zu schweren Schäden am Reaktorkern bis hin zur Kernschmelze führen können, in Tihange-1 vorgekommen – mehr als die Hälfte aller Precursor-Fälle in ganz Belgien. Dies wurde erst Anfang Februar 2018 in Medienberichten laut einem Schreiben der belgischen Atomaufsicht FANK bekannt. Allerdings seien diese Precursor-Analysen laut FANK nicht geeignet, Rückschlüsse auf den Sicherheitszustand einzelner Reaktoren zu ziehen. Die Behörde erklärte gegenüber dem WDR-Hörfunk und dem Politmagazin Monitor, man könne garantieren, dass der Betreiber und die FANK die Sicherheit dieses Reaktors gewährleisten.
2014–2015 Im März 2014 mussten Doel-3 und Tihange-2 auf behördliche Anordnung erneut heruntergefahren werden. Tests im Studienzentrum für Kernenergie in Mol mit dem Reaktorbehälter-Material der beiden Reaktoren Doel-3 und Tihange-2 hätten „unerwartete Resultate“ bezüglich mechanischer Resistenz erbracht. Der Stillstand dauerte vorläufig bis Sommer 2015. Deutsche Medien vermuteten, die endgültige Stilllegung der Blöcke stünde – angesichts der Defekte und der Tatsache, dass ein Tausch des Reaktordruckbehälters nicht möglich ist – bevor.Zwei belgische Atommeiler vor der definitiven Abschaltung? In: heise.de, 20. August 2014. Abgerufen am 20. August 2014. Belgische Medien betonten im Februar 2015, es sei noch keine endgültige Entscheidung gefallen.Tihange 2 und Doel 3 – Mehr Materialschwächen, Belgischer Rundfunk, 14. Februar 2015.
Am 30. November 2014 ereignete sich außerhalb des nuklearen Bereichs des Blocks 3 eine Explosion mit anschließendem Feuer an einem Transformator, was zu einer Abschaltung des Blocks 3 führte.Reaktor in Tihange nach Explosion abgeschaltet In: aachener-nachrichten.de, 30. November 2014. Nach einer Reparatur wurde der Reaktor am 2. Dezember 2014 wieder angefahren.Tihange 3: Reaktor wieder angefahren. In: Belgischer Rundfunk. 14. Februar 2015.
Am 23. Februar 2015 wurde öffentlich bekannt, dass die Defekte weiter gewachsen sind (siehe Einleitung).Scheuren tot 6 centimeter in reactorvat Tihange
Am 4. Mai 2015 wurden nach einem Störfall die Überdruckventile im Containmentgebäude des Reaktors Tihange-1 geöffnet und nicht radioaktiver Dampf abgelassen (Venting)., 15. Mai 2015
Im August 2015 wurde bekannt, dass die belgische Atomaufsichtsbehörde aufgrund von Mängeln im Kernkraftwerk die Staatsanwaltschaft eingeschaltet hat.Malte Pieper: „Schlamperei“ in belgischem AKW Alle Mitarbeiter müssen zur Nachschulung. In: tagesschau.de. 8. August 2015. (archive.org)