Organisationstheorien haben den Zweck, Organisationen, ihr Entstehen, ihr Bestehen und ihre Funktionsweise zu erklären.
Der Begriff „Organisation“ steht dabei sowohl für den Prozess des Organisierens als auch für die funktionale Entität. Es existiert eine Vielzahl von Organisationstheorien. Allen Ansätzen ist ihr Objektbereich – die Organisationen – gleich, während sie jeweils bestimmte Aspekte untersuchen. Die Theorien spielen in unterschiedlichen Disziplinen wie der Organisationssoziologie, der Organisationspsychologie, der Betriebswirtschaftslehre und der Verwaltungswissenschaft eine Rolle. Im Kontext von Organisationstheorien spricht man hier auch von Organisationswissenschaft; Organizational Behavior stellt ein besonderes, interdisziplinäres Fachgebiet dar. Sie alle stehen letztlich unter dem von Eberhard Witte aufgestellten Grundsatz: „Ein organisierter Arbeitsablauf ist effizienterwirkungsvoller im Sinne eines gesetzten Unternehmensziels als ein unorganisierter Arbeitsablauf“.Eberhard Witte, Ablauforganisation, in: Erwin Grochla (Hrsg.), Handwörterbuch der Organisation, 1969, Sp. 20
Max Webers Bürokratieansatz Max Weber stellte Ende des 19. Jahrhunderts die Bürokratie in Zusammenhang mit dem „Prozess der Rationalisierung, d. h. mit der sich im Laufe der Geschichte steigernden Fähigkeit des Menschen, sich mit der natürlichen und sozialen Umwelt geistig auseinanderzusetzen und gestaltend in sie einzugreifen“.A. Kieser: Max Webers Analyse der Bürokratie. In: A. Kieser, H. Ebers: Organisationstheorien. Stuttgart 2006, S. 63.
Die Rationalisierung geschah nach Webers Ansicht auf drei Ebenen: auf der Ebene der „praktischen Lebensführung“ auf der Ebene der „Weltbilder und Glaubenssysteme“ auf der Ebene der „Institutionen“. Webers Überlegungen begannen auf der Ebene der Weltbilder und Glaubenssysteme. Hier sah er ein magisches Weltbild vorliegen, welches es seiner Ansicht nach zu entzaubern galt. Dieses Weltbild verhindere, dass der Mensch die Weltbeherrschung übernehmen konnte, da bei jeder Arbeit stets mit der Verärgerung eines Gottes gerechnet werden musste. Im Laufe der Geschichte konnte das calvinistische Weltbild Gott und die Welt trennen, wodurch die Welt „restlos entzaubert“A. Kieser: Max Webers Analyse der Bürokratie. In: A. Kieser, H. Ebers: Organisationstheorien. Stuttgart 2006, S. 70. war. Nach Webers Ansicht geht diese Entzauberung der Weltbilder mit einer Rationalisierung der Institutionen einher. Hier entwickelte er drei Idealtypen der Herrschaft, die eine jeweils unterschiedlich stark ausgeprägte Rationalität besitzen: „charismatische Herrschaft“ (basiert z. B. auf Heldenkraft) „traditionale Herrschaft“ (basiert auf Traditionen) „legale Herrschaft“ (basiert auf Legitimität). Lediglich die legale Herrschaft ist laut Weber rational, die beiden anderen Typen sieht er als vorrationale Formen an. Die Rationalität der legalen Herrschaft basiert laut Weber auf der „Sachlichkeit, Unpersönlichkeit und Berechenbarkeit.“Gabriel 1979: 32, zitiert nach Kieser 2006: 72. Schließlich sieht Weber die Bürokratie als reinste Form der legalen Herrschaft an. Die Bürokratie zeichnet sich durch personenunabhängige Arbeitsteilung, Amtshierarchie, Amtsführung sowie eine Aufgabenerfüllung aus, welche auf Schriftstücken basiert.A. Kieser: Max Webers Analyse der Bürokratie. In: A. Kieser, H. Ebers: Organisationstheorien. Stuttgart 2006, S. 71 f. Problematisch ist allerdings, dass die hohe Rationalität der Bürokratie die praktische Lebensführung des Einzelnen stark einschränkt und diese ebenfalls rationalisiert. Darunter wird konkret verstanden, dass „die Lebensführung methodisch und konsistent nach eigenen Wertorientierungen – nach freiem Ermessen – zu gestalten (ist)“.A. Kieser: Max Webers Analyse der Bürokratie. In: A. Kieser, H. Ebers: Organisationstheorien. Stuttgart 2006, S. 76. Um dieses Dilemma, welches sowohl die in der Bürokratie Tätigen, als auch Außenstehende, wie z. B. Bürger, betrifft zu lösen schlägt Weber vor, die Bürokratie von einer charismatischen Spitze und Industrieunternehmen von eigenverantwortlichen Unternehmern führen zu lassen. Insgesamt wird der Ansatz Webers im wissenschaftlichen Diskurs positiv bewertet, z. B. von Jürgen Habermas. Außerhalb der Wissenschaft besteht ebenfalls eine hohe Akzeptanz, da eine Nachvollziehbarkeit aus der Alltagserfahrung heraus besteht. Kritisch wird allerdings diskutiert, dass es entgegen Webers Annahmen dazu kam, dass mit der Entwicklung der Bürokratie die Individualität und die Kreativität zugenommen habe. Als Beleg können bspw. die Wissenschaft und die Kunst herangezogen werden, die trotz bürokratischer Verwaltung neue Stile kreieren oder konkurrierende Theorien entwickeln.A. Kieser: Max Webers Analyse der Bürokratie. In: A. Kieser, H. Ebers: Organisationstheorien. Stuttgart 2006, S. 86.
Scientific Management und Taylorismus Der Taylorismus, ein auf Frederick Winslow Taylor zurückgehender Ansatz, verwissenschaftliche die einfache Managementlehre. Taylor identifizierte nicht nur bewährte Praxismethoden in Organisationen, sondern formte diese auch in konkrete, optimierende Anwendungsregeln um. Dabei nutzte Taylor das Experiment als genaues methodisches Prinzip, um allgemeine Organisationsprinzipien ableiten zu können und diese zu optimieren. Da die beobachteten Arbeitsabläufe zu zuverlässigen Ergebnissen führen sollten, erhöhte Taylor den Lohn der beobachteten Arbeiter.Alfred Kieser: Managementlehre und Taylorismus. In: Organisationstheorien. Stuttgart 2006, S. 104ff. Taylor identifizierte vor allem durch seine Zeit- und Bewegungsstudien, bei denen er die Bewegungsabläufe und Arbeitsleistungen bei veränderten Bedingungen genauestens beobachtete, vier allgemeine Organisationsprinzipien:
Das erste ist die Trennung von Hand und Kopfarbeit und verfolgt das Ziel, „wissenschaftliche Werte an die Stelle von Faustregeln zu setzen“.Alfred Kieser: Managementlehre und Taylorismus. In: Organisationstheorien. Stuttgart 2006, S. 107. Dieses Prinzip fordert die Trennung von ausführender und vorschreibender Arbeit. Das zweite Prinzip ist eng mit dem ersten verbunden und betrifft Pensum und Bonus bei der Arbeit. Taylor vertrat die Ansicht, dass die Arbeiter durch materielle Anreize wie Bonus- oder Prämienzahlungen für die Erledigung eines bestimmten Pensums zu motivieren sind. Dabei stellte Taylor fest, dass die Meister mit der Berechnung der Höhe von Prämie und Arbeitspensum überfordert waren. Daher empfahl er die Einrichtung eines Arbeitsbüros und die Einführung eines Funktions- oder Tätigkeitssystem, bei dem jeder Meister eine bestimmte Kontrollaufgabe übernimmt. Das dritte Prinzip betrifft die Auslese und Anpassung der Arbeiter. Taylor wollte einen „erstklassigen Arbeiterstamm“Alfred Kieser: Managementlehre und Taylorismus. In: Organisationstheorien. Stuttgart 2006, S. 111. bei dem jeder Arbeiter entsprechend seiner Fähigkeiten eingesetzt wird. Das vierte Prinzip widmet sich schließlich der Versöhnung zwischen Arbeitern und Management durch die Herrschaft von Experten. und dem Ziel durch erhöhte Effizienz sowohl die Löhne des Managements als auch die der Arbeiter zu erhöhen.Alfred Kieser: Managementlehre und Taylorismus. In: Organisationstheorien. Stuttgart 2006, S. 106–112.
Die Kritik an Taylors Ansatz rührt stark an der Wissenschaftlichkeit. So formuliert Kieser: „‚Wissenschaftliche Betriebsführung‘ ist eine Wissenschaft ohne Theorie.“,Alfred Kieser: Managementlehre und Taylorismus. In: Organisationstheorien. Stuttgart 2006, S. 121. und betont weiter, das Experiment sei ein Hilfsmittel zur Theorieüberprüfung und nicht zur Theoriebildung. Ebenso hat Taylor keinerlei für sozialwissenschaftliche Experimente geltende Kriterien eingehalten. Auch hat Taylor seine Hypothesen hinsichtlich seines negativen Menschenbildes nicht überprüft, sondern als gegeben gesehen. Außerdem wird Taylor vorgeworfen, seine Daten manipuliert zu haben und betont, dass eine genaue Überprüfung einer von seinem Ansatz ausgehenden Effizienzsteigerung nicht möglich sei. Kieser führt weiter aus, dass die Wirksamkeit des Taylorismus, welche sich insbesondere im von Taylor inspirierten Fordismus zeigt, nicht deshalb erzeugt wurde, weil eine adäquate Theorie zugrunde lag, sondern weil „seine Anwendung tatsächlich die Kontrolle des Managements über die Arbeiter ausbaute und damit zur Disziplinierung der Arbeiter wesentlich beitrug“.Alfred Kieser: Managementlehre und Taylorismus. In: Organisationstheorien. Stuttgart 2006, S. 123. Weitere Aspekte kritischer Diskussion sind die Reduzierung des Menschen auf die Verübung einer einzigen zweckgerichteten monotonen Tätigkeit, die gesundheitlichen Konsequenzen, und die Dequalifizierung der Arbeiter.Alfred Kieser: Managementlehre und Taylorismus. In: Organisationstheorien. Stuttgart 2006, S. 121–128.
Managementlehre Die Managementlehre wird als Lehre der „Guten Praxis“ verstanden. Also als Lehre, die auf bewährte Methoden im Organisationsalltag, also auf Organisationsprinzipien, zurückgreift. Solche Organisationsprinzipien haben in der Praxis den Vorteil, dass sie Komplexität der Arbeitsgestaltung vermindern. Versuche, die beste Praxis in Leitfäden und Handbüchern zusammenzufassen, gibt es schon seit vier Jahrtausenden. So finden sich beispielsweise aus Zeiten des Pyramidenbaus im alten Ägypten Empfehlungen, wie mit unzufriedenen Arbeitern umzugehen sei oder im chinesischen Reich der Choudynasty ein Handbuch zur Verwaltung des Reiches. Häufig betreffen die aus der Praxis abgeleiteten Regeln die Arbeitsteilung. Schon Platon verwies auf diese. Im Mittelalter waren dann Klöster für die Formulierung von Organisationsregeln zentral. Im Merkantilismus setzte sich die Einsicht durch, dass „der „Volkswohlstand“ durch Eingriffe in die Wirtschaft, durch die Gründung von Arbeitshäusern und Manufakturen etwa, gesteigert werden könne“.A. Kieser: Managementlehre und Taylorismus. In: A. Kieser, H. Ebers: Organisationstheorien. Stuttgart 2006, S. 95. Weiter spezifiziert wurden die Vorteile der Arbeitsteilung dann u. a. von Adam Smith, der die Produktion von Stecknadeln untersuchte. Wenig später stellte Ure Regeln zur Organisation der Arbeit und Stellenbesetzung auf und verwies hierbei explizit auf die Vorteile der mechanischen Wissenschaft als Substitut für die „Unzuverlässigkeit der menschlichen Natur“A. Kieser: Managementlehre und Taylorismus. In: A. Kieser, H. Ebers: Organisationstheorien. Stuttgart 2006, S. 96. Babbage machte deutlich, dass man durch die Arbeitsteilung effizienter wirtschaftet, wenn nur noch die direkt für die Tätigkeit benötigten Qualifikationen vom Unternehmen gekauft werden (Babbage-Prinzip). Neben der Arbeitsteilung sind ein weiteres früh erkanntes Effizienzkriterium der Managementlehre die „Anleitungen für umfassende und zweckmäßige Formalisierung“A. Kieser: Managementlehre und Taylorismus. In: A. Kieser, H. Ebers: Organisationstheorien. Stuttgart 2006, S. 97. und die u. a. von Fayol geforderte Einheit der Auftragserteilung.