miniatur|Inge Keller (l.) als Frau Alving, Ulrich Mühe (M.) als Sohn Osvald und Simone von Zglinicki als Dienstmädchen Regine Engstrand (r.) in der Inszenierung von Thomas Langhoff am Deutschen Theater in Berlin, 1983
Gespenster. Ein Familiendrama in drei Akten (Original Gengangere. Et familjedrama i tre akter, wörtlich Die Wiedergänger) ist ein Theaterstück von Henrik Ibsen von 1881. Es gehört zu den bedeutendsten Gesellschaftsdramen des späten 19. Jahrhunderts.
Werkgeschichte Henrik Ibsen hatte mit Stützen der Gesellschaft 1877 und Nora oder Ein Puppenheim 1879 seine beiden ersten bedeutenden Gesellschaftsdramen geschrieben. 1880 hatte er erste Ideen für das neue Stück, als Fortführung der Thematik der Nora. Im Frühjahr verfasste er erste Skizzen in Rom. Während seines Sommeraufenthaltes im Hotel Tramontano in Sorrent seit Ende Juni verfasste er innerhalb kurzer Zeit das neue Drama. Im September lag die erste Fassung vor, am 11. Dezember konnte sein Verleger Frederik Vilhelm Hegel das Werk in Kopenhagen in dänischer Sprache veröffentlichen.
Inhalt Henrik Ibsen stellt die Situation einer Familie dar. Hauptperson ist der verstorbene Vater und die Folgen, die er durch sein Leben hinterlassen hat. Indem Ibsen der Gesellschaft gleichsam einen Spiegel vorsetzte, kritisierte er überholte Konventionen.Hans Wilhelms: Ibsens Selbstporträt in seinen Dramen, München 1911, S. 117
Personen Helene Alving, Witwe des Hauptmanns und Kammerherrn Alving Osvald, ihr Sohn, Künstler Manders, Pastor und Berater von Frau Alving Jakob Engstrand, Tischler und Regines Stiefvater Regine Engstrand, Bedienstete im Hause der Frau Alving und Osvalds Halbschwester
Das Stück spielt auf Frau Alvings Landgut an einem großen Fjord in West-Norwegen. Die gesamte Handlung findet in einem Gartenzimmer dieses Gutes statt.
Erster Akt Jakob Engstrand und seine Tochter Regine sprechen miteinander. Sie solle mit ihm in die Stadt ziehen. Nach Fertigstellung des Kinderasyls, das Frau Alving gerade in Erinnerung an ihren verstorbenen Mann errichten lässt, wolle er dort ein Asyl für Seefahrende aufbauen. Regine könne ihm dort helfen und vielleicht auch eine gute Partie machen. Sie lehnt höhnisch ab (Bis in alle Ewigkeit kriegst Du mich nicht nach Hause. […] In so ein Haus? Pfui!), sie will bei den Alvings bleiben, bei denen sie Haushälterin ist, Bildung erhält, wie eine Tochter angenommen wird, und wo Osvald lebt. Regine: Je eher Du fährst, desto besser für mich. Regine macht Engstrand Vorwürfe: Er habe ihr oft in Trunkenheit gesagt, sie ginge ihn nichts an, sie sei eine Fi donc, er habe die Mutter zu Tode gequält. Auch habe er ein Pied de mouton [Engstrand hat ein krummes Bein, seit er von betrunkenen Matrosen eine Treppe hinab gestürzt worden ist und trägt einen Holzabsatz – ein Grund, weshalb er (zur Schmerzbetäubung) oft trinkt]. Als er eine Anmerkung wegen Osvald macht (Oho, da wird doch wohl nicht etwa er –) jagt sie ihn davon.
Pastor Manders tritt auf und unterhält sich nun mit Regine. Nach einigen Allgemeinplätzen kommen sie auf Regines Vater zu sprechen. Manders gibt Regine zu verstehen, sie sollte sich mehr um ihren Vater kümmern: Ihr Vater ist keine richtig starke Persönlichkeit […]. Er braucht so sehr eine leitende Hand. […] Er braucht jemanden um sich, den er gern haben, auf dessen Urteil er Wert legen kann. Das hat er mir selber so treuherzig gestanden […]. Regine lehnt das jedoch ab und zieht sich zurück.
Frau Alving tritt auf und spricht mit dem Pastor. Sie lenken das Gespräch zunächst auf Osvald, der seit über zwei Jahren nicht mehr zu Hause war. Frau Alving ist überglücklich, dass er aus Paris und Rom zurückgekommen ist: Ach mein lieber, mein geliebter Junge, er hat ein Herz für seine Mutter. Dann kommen sie auf das Kinderasyl zu sprechen. Pastor Manders hat sich um die Stiftungsunterlagen und die Finanzierung gekümmert. Eine Versicherung hält er für unnötig, da das Asyl unter dem Segen Gottes stehe. Tatsächlich fürchtet er jedoch Gerede in dieser Sache. Er spricht Frau Alving auf Regine und ihren Vater an, doch Frau Alving wehrt ab: Oh, ich weiß am besten, was für eine Art Vater er für sie war. Nein, zu ihm kommt sie mit meinem Einverständnis nie.
Osvald tritt hinzu. Als Maler schon zu Bekanntheit gekommen, ist er nun auf unbestimmte Zeit zu Hause und nimmt im Moment eine Auszeit. Pastor Manders vergleicht Osvald mit seinem Vater: Als Osvald vorhin mit der Pfeife im Mund durch die Tür kam, war mir, als ob ich leibhaftig seinen Vater sähe, was Frau Alving abwehrt: Osvald kommt […] nach mir. Als Osvald von einer Kindheitserinnerung mit seinem Vater spricht, wehrt Frau Alving auch das ab: Oh, du erinnerst Dich an nichts mehr aus diesen Tagen. Pastor Manders fürchtet, dass Osvald nie ein richtiges Zuhause habe kennenlernen können, da er mit sieben Jahren aus dem Haus gegeben wurde und zwanzig Jahre in der Fremde gelebt habe. Über Osvalds Ansichten zum Thema Familie und Kinder ist Manders bestürzt: Er schwärmt vom freien Leben in der Fremde. Dann bekommt er Kopfschmerzen und geht ab.
Manders spricht mit Frau Alving über ihre frühere Ehe. Nur ein Jahr nach ihrer Hochzeit hatte sie ihren Mann verlassen. Sie erinnert den Pastor daran, dass Alving kein guter Ehemann war. Manders gibt jedoch zu bedenken: […] eine Ehefrau ist nicht dazu berufen, der Richter ihres Mannes zu sein. Es wäre Ihre Schuldigkeit gewesen, mit demütigem Sinn das Kreuz zu tragen, das Ihnen ein höherer Wille als dienlich erachtet hatte […] Pastor Manders hält sich als Tugend zugute, dass er unter Gefährdung seines Rufes Frau Alving auf den Weg der Pflicht und in das Haus Ihres angetrauten Ehemannes zurückgeführt habe, worauf dieser liebevoll und untadelig mit ihr bis an das Ende seiner Tage gelebt habe. Das Asyl sei nunmehr ein Bekenntnis ihrer Schuld. Ähnlich sieht er ihr Versäumnis als Mutter darin, dass sie Osvald – gerade siebenjährig – in die Fremde gegeben und so Schuld auf sich geladen habe. Frau Alving schildert dem Pastor nun ihre Sicht, wie sie es sich geschworen hat. Ihr Mann sei genauso ruchlos gestorben, wie er all seiner Tage gelebt hat, die Ehe sei nichts als ein überdeckter Abgrund gewesen. Aus einem Verhältnis ihres Mannes mit dem Stubenmädchen Johanne sei Regine hervorgegangen. Engstrand heiratete später Johanne. Damit Osvald nicht in diesen Verhältnissen aufwachse, habe sie ihn schweren Herzens fortgegeben. Sie kümmerte sich um alles und mehrte so den Ruhm ihres Mannes, der – von der Syphilis schwachsinnig geworden – vor sich hin delirierte. Mit dem Asyl wollte sie jeden möglichen Zweifel an der Ehrbarkeit der Familie ausräumen. Sodann wolle sie ihren Mann für immer vergessen und nur noch für ihren Sohn da sein.
Im Esszimmer hört Frau Alving, wie Osvald sich an Regine heranmacht: Gespenster. Das Paar im Wintergarten – es ist wieder da.
Zweiter Akt Frau Alving und Pastor Manders treten auf. Sie sprechen über das Verhältnis zwischen Osvald und Regine. Regine müsse weg. Ihre Mutter war dereinst mit einer Aussteuer an den Tischler Engstrand verkauft worden, dafür nahm er die Schuld mit dem Kind auf sich, wie Pastor Manders meint. Frau Alving klagt über ihre eigene Lage in der Vergangenheit: Wenn ich wäre, wie ich sein sollte, würde ich Osvald beiseite nehmen und sagen: Höre mein Junge, dein Vater war ein verkommenes Subjekt – Der Pastor glaubt, Frau Alving solle Osvald die Illusion seines guten Vaters erhalten und verweist auf das vierte Gebot, nach dem man Vater und Mutter achten und ehren soll. Als sie überlegt, ob Osvald vielleicht seine Halbschwester heiraten könnte, empört sich Manders. Frau Alving: Wir stammen ja nun alle miteinander aus Verbindungen dieser Art, wie man hört. Und wer war es denn, der das hier auf der Welt so eingerichtet hat, Pastor Manders?
Frau Alving zeichnet ihre Sicht: Als ich Regine und Osvald da drinnen hörte, war es mir, als ob ich Gespenster vor mir sah. Aber ich glaube fast, wir sind allesamt Gespenster, Pastor Manders. Es ist ja nicht nur, was wir von Vater und Mutter geerbt haben, das in uns herumgeistert; auch alte, abgestorbene Meinungen aller Art, alte, abgestorbene Überzeugungen und ähnliches. Sie sind nicht lebendig in uns; aber sie sitzen doch in uns fest, und wir können sie nicht loswerden. Wenn ich nur eine Zeitung zur Hand nehme und darin lese, sehe ich solche Gespenster zwischen den Zeilen herumschleichen. Die scheinen im ganzen Land zu leben. Sie scheinen so zahllos zu sein wie Sandkörner. Und darum sind wir auch so gotterbärmlich lichtscheu, wir alle miteinander. Gegen Frau Alvings Zwang in die Ehe, Pflicht und Schuldigkeit zu tun im Namen Gottes und im Auftrag Manders, empörte sich ihr ganzer Sinn als etwas Widerwärtiges: Das war die Zeit, als ich begann die Nahtstellen Ihrer Lehre zu untersuchen. Ich wollte nur einen einzigen Knoten lösen, aber als ich den aufhatte, war gleich alles aufgetrennt. Und da begriff ich, dass der Saum mit der heißen Nadel genäht war. Frau Alving wollte Pastor Manders heiraten, doch der schickte sie zurück zu ihrem Mann, für ihn (Manders) der schwerste Kampf und der größte Sieg seines Lebens, für sie seine kläglichste Niederlage und ein Verbrechen an ihnen beiden.
Engstrand tritt hinzu. Er möchte mit dem Pastor über eine Andacht im nun fertigen Asyl bitten. Frau Alving bleibt stumme Zuhörerin. Manders kommt sofort auf Regine zu sprechen. Engstrand dachte, niemand wisse von der Situation, da Johanne, seine verstorbene Frau ihm das geschworen hatte. Jedoch wusste Frau Alving von allem. Pastor Manders ist betroffen: Und in all diesen Jahren haben sie die Wahrheit vor mir verheimlicht. Vor mir verheimlicht, der ich in allem und jedem ein so unbedingtes Vertrauen in Sie gesetzt habe. Engstrand ist sich seiner Schuld bewusst; er erzählt die Geschehnisse auf andere Art (das Geld sei vollständig in die Erziehung Regines geflossen), so dass der Pastor mit ihm wieder versöhnt wird. Manders und Engstrand gehen ab, Osvald kommt hinzu.
Osvald versucht seiner Mutter seinen Zustand zu gestehen, dass er geistig zerrüttet sei, nie wieder werde arbeiten können. Er habe nie ein wildes Leben geführt. […] Und trotzdem kommt das über mich! Dieses fürchterliche Unglück! Er beschreibt, wie er die Krankheit schon als Kind und später in Paris in sich hatte, den Arzt, der zu ihm sagte: Da ist von ihrer Geburt an etwas Wurmstichiges in ihnen. […] Die Sünden der Väter werden heimgesucht an ihren Kindern. Er sucht bei sich die Schuld, da sein Vater doch redlich war: Wenn es etwas wäre, was ich geerbt habe – etwas, wofür man nicht kann. Aber so! Auf eine so schändliche, gedankenlose Art sein Glück, seine Gesundheit, überhaupt alles verspielt zu haben – seine Zukunft, sein Leben – ! Frau Alving sagt hier zu ihm, dass sie alles für ihn tun würde, ihm nichts abschlagen werde.
Osvald fragt seine Mutter um Regine an, sie sei gut gebaut, so voller Lebensfreude, bereit ihn zu empfangen. Ihm missfällt der Ort: Ich meine bloß dies: den Menschen hier wird beigebracht, die Arbeit sei ein Fluch und eine Strafe für die Spenden, und das Leben sei etwas Jämmerliches, und am besten sei uns gedient, wenn wir es so schnell als möglich hinter uns bringen. […] Aber davon wollen die Menschen da draußen nichts wissen. Da gibt es niemanden, der an diese Art Heilslehre noch richtig glaubt. Da draußen kann man auf so überschwängliche Weise Glück empfinden, allein deshalb, weil man auf dieser Welt ist. Mutter, hast Du bemerkt, dass sich alles, was ich gemalt habe, um die Lebensfreude dreht? Immer um die Lebensfreude. Da ist Licht und Sonne und Sonntagsluft – und da sind strahlende Menschengesichter. Darum habe ich Angst, hier bei Dir zu Hause zu bleiben.