mini|Büste von Jean Piaget im Parc des Bastions in Genf mini|Piaget mit Königin Juliana bei den Feierlichkeiten zur Vergabe des Erasmuspreises in der Aula des Tropeninstituts Amsterdam (1972) Jean Piaget [] (* 8. August 1895 in Neuchâtel; † 16. September 1980 in Genf) war ein Schweizer Biologe und Pionier der kognitiven Entwicklungspsychologie sowie Begründer der genetischen Epistemologie. Letzteres war eines der großen im 20. Jahrhundert entwickelten Forschungsprogramme zur Verwissenschaftlichung der traditionell als Teil der Philosophie angesehenen Erkenntnistheorie bzw., im französischen Kontext, Epistemologie. «Genetisch» ist dabei im Sinne von «die Genese (Entstehungsgeschichte, Entwicklung) betreffend» zu verstehen (und damit meist nicht im Sinne von «erblich programmiert» oder «die erbliche Information betreffend»).

Leben mini|Nicht gekennzeichnetes Grab von Jean und Valentine Piaget, Cimetière des Rois, Genf Piagets Vater Arthur Piaget war in Neuchâtel Professor für Literaturwissenschaften. Die Mutter beschrieb Piaget in seiner Biografie als sehr intelligent, aber neurotisch. Dadurch wurde das Familienleben sehr belastet und hat vermutlich Piagets große Ängstlichkeit mit bewirkt. Er wurde dadurch daran gehindert, sich wie andere Knaben seines Alters zu verhalten und Sport zu treiben. Stattdessen befasste sich Piaget schon im Alter von 8 Jahren mit wissenschaftlichen Themen. Zunächst interessierte er sich vor allem für Mechanik und entwarf ein Auto mit Dampfmotor. Bald fesselte ihn aber die Vogelwelt und er verfasste handschriftlich ein kleines Büchlein mit dem Titel „Unsere Vögel“. Sein Vater machte darüber allerdings eine abfällige Bemerkung, die Piaget wohl sehr kränkte, denn er erwähnte den Vorfall Jahrzehnte später in seiner Biografie.

Nach der Aufnahme ins Gymnasium im Alter von 10 Jahren, beschloss Piaget nach eigenen Worten „ernsthafter zu werden“. Er schrieb einen Artikel über einen Spatzen-Albino, den er beobachtet hatte. Der Aufsatz wurde in der Zeitschrift für Naturgeschichte publiziert. Der Erfolg animierte Piaget dazu, sich im Museum für Naturgeschichte um ein Praktikum zu bewerben. Dort wurde er lange und intensiv von Paul Godet betreut, der das Museum leitete. Er führte Piaget in die Molluskenforschung ein. Bis zu seinem Abitur hatte Piaget bereits 20 wissenschaftliche Arbeiten über Mollusken publiziert. Piaget wurde dadurch «in wenigen Jahren zu einem international geachteten Fachmann» auf diesem Gebiet. Er begann danach ein Studium der Biologie, das er bereits nach 3 Jahren mit der Promotion abschloss. Diese kurze Studienzeit ist umso bemerkenswerter als Piaget wegen seiner angeschlagenen Gesundheit ein Jahr pausieren musste.Heinrich Zankl: Jean Paul Piaget – Ein frühreifer Forscher. In: Kleine Genies – 25 Wunderkinder der Wissenschaft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Darmstadt. 2007. S. 140–145. ISBN 978-3-534-19671-5Thomas Kesselring: Jean Piaget. C. H. Beck, München 1988, S. 18f.

Etwa ab seinem sechzehnten Geburtstag beschäftigte sich Piaget, der bis in seine frühen Erwachsenenjahre auch im Protestantismus seiner westschweizerischen Heimat verwurzelt war, außerdem intensiv mit Philosophie – was ihn jedoch weniger zu einer Umorientierung als dazu führte, dass er sich nicht mehr nur für das biologische Problem der Anpassung des Organismus an seine Umwelt interessierte, sondern «in der Biologie die Erklärung aller Dinge und des Geistes selbst» sahJean Piaget: Autobiographie. In: Jean Piaget, Werk und Wirkung. München 1976, S. 15–59, hier: 20. und schließlich den Entschluss fasste, sein Leben «der biologischen Erklärung der Erkenntnis zu widmen».

1921 wurde er an die Universität Genf berufen, an das Institut Jean-Jacques Rousseau (École des sciences de l’éducation), dessen Leiter er von 1933 bis 1971 war. Jean Piaget setzte sich intensiv mit der Psychoanalyse auseinander, er absolvierte, bei der seit 1919 im Institut mitarbeitenden Ärztin und Psychoanalytikerin Sabina Spielrein,Sabina Spielrein (1885–1942). Psychoanalytikerinnen. Biografisches Lexikon, Psychoanalytikerinnen in Russland. 2007–2022 Brigitte Nölleke, Hamburg eine Lehranalyse.Christof Goddemeier: Sabina Spielrein: Ein bewegtes Leben. Deutsches Ärzteblatt PP 17, Ausgabe März 2018, S. 124–125 André Haynal: Freud und Piaget. März 1975, 29. Jahrgang, Heft 3, S. 242–272Sabine Richebächer: Sabina Spielrein. Un penseur moderne. Le Coq-héron, 2009/2 (n° 197), S. 19–31. DOI:10.3917/cohe.197.0019.

Im Jahr 1923 heiratete er Valentine Châtenay. Seine drei Kinder waren ihm unter anderem Studienobjekte für seine wegweisenden Forschungen zur Entwicklung der Intelligenz von der Geburt bis zum Erstspracherwerb. Nach einer Vortragsreise Maria Montessoris durch verschiedene Schweizer Städte 1932, wurde Piaget erster Präsident der in Genf neu gegründeten »Schweizerischen Montessori-Gesellschaft«. Er war von 1929 bis 1954 Professor für Psychologie an der Universität Genf und anschließend Leiter des 1955 von ihm gegründeten Centre International d’Épistémologie Génétique, ebenfalls in Genf. Außerdem hatte er Professuren an der Universität Lausanne, Université de Neuchâtel und an der Sorbonne in Paris inne.

Werk und Theorie

Jean Piagets Werk ist vor allem ein psychologisches Werk, das aber auf der Idee beruht, die Erkenntnis biologisch zu erklären.Jean Piaget: Autobiographie. In: Jean Piaget, Werk und Wirkung. München 1976, S. 15–59, hier: S. 19–20.Ludwig von Bertalanffy: General System Theory. Foundations, Development, Applications. New York 1968. Seine Bücher erschienen zunächst in französischer Sprache und wurden meist erst viele Jahre später ins Deutsche übersetzt. Die ersten französischen Originaltexte von Nachahmung, Spiel und Traum erschienen beispielsweise 1945https://www.fondationjeanpiaget.ch/fjp/site/textes/index_extraits_chrono3.php die deutsche Ausgabe von 1969 beruhte auf der überarbeiteten und erweiterten Publikation von 1959.Ausgabe beim Klett-Verlag mit einem Vorwort von Hans Aebli

Zentraler Gedanke der Épistémologie (Wissenschaftstheorie bzw. Erkenntnistheorie)Thomas Kesselring: Entwicklung und Widerspruch. Ein Vergleich zwischen Piagets genetischer Erkenntnistheorie und Hegels Dialektik. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1981; S. 40 ff. Piagets ist, dass auch die menschliche Intelligenz und Erkenntnis, von der Auseinandersetzung des Organismus mit seiner Umwelt her, prozessual verstanden werden müsse. Dies schließt einfaches Lernen im Sinne des zu Anfang des 20. Jahrhunderts dominierenden klassischen Behaviorismus – Konditionierung und Habituation – als Grenzfall ein, geht aber darüber hinaus, weshalb Piaget das im Zentrum des klassischen Behaviorismus stehende Reiz-Reaktions-Schema um den Organismus als drittes, vermittelndes Element ergänzt.Jean Piaget: Biologie und Erkenntnis. Über die Beziehungen zwischen organischen Regulationen und kognitiven Prozessen. Frankfurt am Main 1992 (1967), S. 8–11.

Zum theoretischen Rüstzeug Jean Piagets gehören außerdem: Immanuel Kant, dessen Erkenntnistheorie er untermauern wollte (wobei das Apriori-Verständnis der genetischen Epistemologie aber an Kant vorbeilaufe), der an Kant anschließende Pragmatismus John DeweysJohn Dewey: Die Suche nach Gewißheit. Eine Untersuchung des Verhältnisses von Erkenntnis und Handeln. Frankfurt am Main 2001 (1929)., die französische Psychologie des frühen 20. Jahrhunderts (Édouard Claparède u. a.), die moderne, strukturalistische Mathematik (Nicolas Bourbaki), die Kybernetik, die sich ab den 1940er Jahren ebenfalls formaler Modelle des Geistes bediente.Jean Piaget: Les modèles abstraits sont-ils opposés aux interprétations psycho-physiologiques dans l’explication en psychologie? In: Bulletin de psychologie, 13, Nr. 169, S. 7–13

Rezeption Würdigungen und Einflussnahme Jean Piagets Arbeit wurde mit über 30 Ehrendoktorwürden und zahlreichen internationalen Auszeichnungen gewürdigt, unter anderem mit dem Balzan-Preis 1979 für Sozial- und Politikwissenschaften. Die Accademia Nazionale dei Lincei nahm ihn 1951 als auswärtiges Mitglied auf. 1957 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt, 1966 in die National Academy of Sciences. Seit Dezember 1960 war er assoziiertes Mitglied der Königlichen Akademie von Belgien. Ein ICN-Zug der Schweizerischen Bundesbahnen SBB trägt den Namen Jean Piaget und ist im Innern mit Piaget-Zitaten beschriftet. Seine Mitarbeiterin, Koautorin und spätere Nachfolgerin war Bärbel Inhelder. Zu den Schülern Piagets gehörten Félicie Affolter, Hans Aebli, Seymour Papert, Richard Meili und Constance Kamii Jean Piaget wird als ein Vorläufer des Radikalen Konstruktivismus betrachtet. Die pädagogische Methode der Konstruktiven Kontroverse basiert auf Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung. Seit 1981 wurde Kognitive Akzeleration (englisch abgekürzt: CA) am King’s College London von Michael Shayer und Philip Adey entwickelt. Das Lehrkonzept fördert die allgemeine Denkfähigkeit von Lernenden signifikant.P. Adey, M. Shayer: Really Raising Standards. Routledge, London 1994.M. Shayer, P. S. Adey (Hrsg.): Learning Intelligence: Cognitive Acceleration across the curriculum from 5 to 15 years. Open University Press, Milton Keynes 2002. Der Ansatz vereinigt die Denkentwicklung im Sinn von Piaget und das Konzept der Zone der nächsten Entwicklung (ZDN) von Vygotsky. John Hattie zitiert in seiner als Hattie-Studie bekannten Meta-Meta-Analyse eine Metastudie aus dem Jahr 1982, die einen hohen Lernerfolg nachweist, wenn im Unterricht die Stufen der kognitiven Entwicklung der Schüler beachtet werden.

Kritik

Grundsätzlich gibt es drei Arten der Kritik an Piagets Theorie. Zum einen richtet sich diese gegen Piagets Methode und zum anderen gegen seine Einteilung der kognitiven Entwicklung in verschiedene Stadien. Eine weitere grundsätzlichere Kritik wendet sich gegen sein zirkelhaftes Verfahren: Piaget präsentiert seine Arbeiten als wechselseitiges Begründungsverhältnis zwischen seinen Experimenten und seinem Entwicklungsmodell. Er unterstellt dabei, dass die Resultate einzelner Entwicklungsschritte notwendig seien, um jeweils die nächste Entwicklungsstufe zu erreichen, was im Sinne eines Lernprozesses interpretiert wird.Friedrich H. Steeg: Lernen und Auslese im Schulsystem am Beispiel der „Rechenschwäche“: Mehrebenenanalyse der Funktionen unseres Bildungssystems und Versuch einer ideologiekritischen Folgerung auf didaktische Ansätze und praktische Umsetzungen. Schriftenreihe Pädagogische Psychologie, 5. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1996, ISBN 3-631-30731-4, S. 41–57. Der dritte Kritikpunkt ist, dass seine Theorie nicht kulturunabhängig ist, wie behauptet. Vielmehr erreichen nur beschulte Menschen das formal-operationale Stadium.

Methodisch vertrat Piaget zeitlebens eine andere Position als die etablierte behavioristische (positivistische) Psychologie.J. W. P. Allen M. H. Bickhard: Stepping off the pendulum: Why only an action-based approach can transcend the nativist-empiristic debate. In: Cognitive Development. Band 28, Nr. 2, 2013, S. 96–133, s. a. freien Volltext (PDF, 820 KB, abgerufen am 16. September 2020) Er hielt den Gebrauch von parametrischen Statistiken und standardisierten Untersuchungsmethoden für kontraproduktiv. Im Frühwerk adaptierte er die in der Psychiatrie gebräuchliche Methode des Klinischen Interviews. Schon bald wurde festgestellt, dass die Aussagen im «Weltbild des Kindes» Artefakte der suggestiven Wirkungen der Interviewfragen und -techniken enthielten. Die Methode wurde revidiert und von da an «revidierte klinische Methode» (Ginsburg & Opper, 2004) oder auch kritische Explorationsmethode genannt (Inhelder, Sinclair & Bovet, 1974, S. 35: méthode d’exploration critique;B. Inhelder, H. Sinclair, M. Bovet: Apprentissage et structures de la connaissance. Presses Universitaires de France, Paris 1974. Ducret, 2004J.-J. Ducret: Méthode clinique-critique piagetienne. 2004, S. 19: Service de la recherche en éducation du canton de Genève).