Das Werk Christi Hort gehört zur religiösen Dichtung des 13. Jahrhunderts. Der Autor ist Gundacker von Judenburg. Es ist eine Kompilation aus alttestamentlicher Geschichte, kanonischen Evangelien, dem Nicodemusevangelium (Acta Pilati und Christi Höllenfahrt) und der Pilatus-Veronika-Sage.
I.Teil – Schöpfung, Sündenfall und Heilsplan
Welterschaffung und Sündenfall
vs. 1 Erschaffung der Erde und des Himmels durch Gott. Lucifer lehnt sich auf und wird aus dem Himmel verstoßen. Gott schafft Adam und Eva und setzt sie in das Paradies. vs. 87 Verführung Evas durch den „tivel“ (bzw. „Leviathan“). Adam und Eva werden aus dem Paradies verstoßen und ihnen werden die Strafen auferlegt.
Heilsplan
vs. 158 Die Minne ringt mit Gott und konnte „die gothait betwingen daz er sich erpitten liez“. Durch die Minne bewogen sendet Gott das Heil. (vgl. Streit der vier Töchter Gottes)
vs. 171 Eines von zahlreichen Gebeten, die hier nicht immer angegeben werden sollen. In diesem erwähnt sich der Autor allerdings selbst. vs. 188 „mich Gundachern vil armen / von Judenburch pin ich geborn“. Er verteidigt sich vor etwaigem Spott und Neidern.
II.Teil – Verkündigung bis Gefangennahme Jesu
Es folgen Erzählungen über das Leben Jesu, die regelmäßig durch ein Gebet Gundackers abgegrenzt werden. In diesen Gebeten wird das eben Erzählte gedeutet und oft auf Gundackers eigenes Leben projiziert. Sündenbekenntnisse, Bitten und Loblieder überwiegen. Die Geschichten entstammen mit Ausnahmen den kanonischen Evangelien. Einige Forscher meinen, dass Gundacker das Perikopensystem zugrunde gelegt hat, da seine Ordnung der Geschichten sich an den festgelegten Predigtthemen der Kirche zwischen Weihnachten und Ostern orientiert.
Verkündigung bis Versuchung
vs. 269 Der Engel Gabriel kündigt Maria die Geburt des Heilands an. vs. 327 Gott wird Mensch. Er ist der Retter der Menschheit, von einer Jungfrau geboren, in Armut im Stall geboren. vs. 369 Jesus wird beschnitten und vergießt zum ersten Mal sein „vil raines plut“ für uns. vs. 399 Die drei Weisen aus dem Morgenland bringen Jesus ihre Gaben. Gundacker deutet die Gaben der Weisen: Gold, weil er König ist; Weihrauch, weil er Gott ist; Myrhe zum Gedächtnis seines Sterbens. vs. 433 Jesus wird in den Tempel gebracht und der alte Simeon weissagt von ihm. vs. 459 Die heilige Familie flieht nach Ägypten. Hier hat Gundacker sich an das Pseudo-Matthäus Evangelium angelehnt. Der Ort der Flucht sei „Ereinpolim “ und in der Zeit im Exil vertreibt Jesus alle Abgötter – beides Pseudo-Matthäus Stoff. vs. 493 Der zwölfjährige Jesus ist im Tempel in Jerusalem, wo er die Juden lehrt. Maria und Josef reisen inzwischen ab. Als sie merken, dass ihr Sohn fehlt, machen sie sich auf den Rückweg nach Jerusalem, wo sie ihn im Tempel finden. Jesus folgt dem elterlichen Gebot in Gehorsam. vs. 543 Jesus wird im Jordan von Johannes d. T. getauft. Die Trinität Gottes wird sichtbar durch die Stimme vom Himmel (Vater), die schwebende Taube (Hl. Geist) und den Gottessohn Jesus. vs. 571 Fasten und Versuchung in der Wüste durch den Teufel. Jesus wehrt sich mit den Worten Gottes aus dem AT gegen die Versuchungen. Gundackers Deutung ist, dass was Jesus widerfahren ist, ein Sinnbild für die drei Versuchungen des Menschen ist: Die Welt, der Teufel und der Mensch selbst (das Fleisch).
Beginn des Wirkens bis Gefangennahme
vs. 635 Jesus fängt an der Welt zu predigen, zusammen mit seinen zwölf Jüngern. Keine genauere Angabe, wie die Jünger zu ihm kamen. Gundacker geht auf die Armut Jesu ein, ohne einem bestimmten Text zu folgen. vs. 681 Die Salbung in Bethanien. Jesus wird in Simons Haus geladen und von Maria Magdalena gesalbt. Die Angabe von Maria M. ist eine Kombination aus den Evangelienberichten. Die Jünger begehren gegen die „Verschwendung“ des Öls auf und Jesus weist sie zurecht. Auseinandersetzung mit Simon. Gleichnis (wem viel vergeben ist, der liebt viel). vs. 787 Jesus wandelt auf dem Meer. Petrus kommt zu ihm aufs Wasser, sinkt und wird gerettet. vs. 841 Jesus speist 5000 Männer „ane wip unt ane chint“. In den Evangelien geht diese Geschichte dem Wandeln auf dem Meer voraus, nicht aber im Perikopensystem, an das sich Gundacker zu halten scheint. vs. 867 Jesu Verklärung auf dem Berg Tabor. Petrus, Johannes und Jakobus begleiten ihn. Gott Vater spricht und es erscheinen Moses und Elia. Der Name des Berges wird in den Evangelien nicht genannt. vs. 919 Drei Totenerweckungen: Die Tochter des Jairus, der Jüngling zu Nain und Lazarus. Der Höhepunkt des Wirkens Jesu sind die Totenerweckungen, die Gundacker, aus den Evangelien kompiliert, in einem Atemzug nennt. Er deutet die Auferstehung der Drei allegorisch auf die Erlösung von Sünden in Gedanken, Wort und Tat hin. vs. 983 Die Heilungen Jesu werden hier zusammengefasst. Blinde, Kranke, Sieche ... werden von ihm geheilt. Die Rede bleibt aber recht knapp. „du hast getan hie zaichen vil, / von den ich nimer sprechen wil, / want diu rede wurd zelanc“
vs. 1021 Jesus zieht in Jerusalem ein. Auf einem Esel kommt der Heiland nach Jerusalem wo das Volk ihn begrüßt: „gelopt sei der da chomen ist / in unsers herren namen da her“. Die Juden aber besprechen sich, wie sie ihn töten könnten. vs. 1069 Jesus wird verraten. vs. 1073 Fußwaschung, Abendmahl, Verrat durch Judas. vs. 1153 Jesus im Garten Gethsemane. „Mein sel ist trouric untz in den tot“. Gundacker schiebt hier die Geschichte der Weissagung über die Verleugnung des Petrus ein, obwohl sie nach den Evangelien früher stattfindet. Jesus betet drei Mal und findet bei seiner Rückkehr die Jünger jedes Mal schlafend. vs. 1231 Jesus wird gefangen genommen. Judas führt die Juden zu Jesus und küsst ihn zum Zeichen. Bei der Gefangennahme schlägt Petrus einer Wache ein Ohr ab, flieht und folgt Jesus im geheimen.
III.Teil – Passion, Tod und Auferstehung
Bis hierher war Gundackers bericht zum Großteil eine Kompilation der kanonischen Evangelien. Seine weiterführende Quelle benennt er selbst: „also schreipt uns Nichodemus“ (1309) – das Evangelium Nicodemi, bestehend aus „Gesta Pilati“, der Pilatusgeschichte, und den „Descensus ad infernos“, der Höllenfahrt. Stilistisch unterscheiden sich Teile I und II von III dahingehend, dass der dritte Teil mehr an eine Erzählung erinnert. Die Untergliederungen, die am Anfang noch so häufig waren, fallen weg. Überschriften sind spärlich und keine Gebete oder Mahnungen strukturieren die Geschichte.
Gesta Pilati
vs. 1305 Neue Einleitung. „aller erste wil ich tichten ...“. Wie am Anfang beteuert er seine „unchunst“ (seine künstlerische Bedürftigkeit) und wehrt sich gegen Spott. Es ist ein recht kunstloser Übergang, der den neuen Teil und die neue Quelle markiert. Er bezieht sich auf den Bericht des Nichodemus (Pharisäer und Ratsmitglied) „der berichtet uns da von sus / wie ez alles ergie unt wie ez geschach“. vs. 1326 Herodes und Pilatus. Ein Einschub, der nicht im Ev.Nic. vorkommt. Herodes und Pilatus begraben ihre Feindschaft wegen des gemeinsamen Feindes Jesus von Nazareth. vs. 1368 Jesus wird von den Juden vor Pilatus angeklagt. Pilatus schickt einen Läufer, um Jesus zu holen. Jesus wird vor Pilatus geführt. Die Juden werden wild vor Ärger, weil sich die Kaiserstandarten in den Händen der Wachen wundersam vor Jesus verneigen. vs. 1505 Die Juden feinden die Standartenträger an. Diese wehren sich und sagen es sei „ain wunder“. Daraufhin nehmen 12 der stärksten Hebräer die Standarten, doch wieder neigen sie sich vor Jesus nieder. vs. 1570 Ein Bote überbringt Pilatus Nachricht vom Traum seiner Frau. Er solle Jesus gehen lassen. (Kanonisch) vs. 1582 Jesus antwortet nicht auf die Anklagen der Juden. 12 Juden bezeugen seine Herkunft; aber vergeblich. Jesus erklärt, dass sein Leiden schon von Moses und den Propheten geweissagt wurde. vs. 1627 Viele Juden beweinen Jesus. „Der richter Pilatus / er unt Nichodemus / versuhten ir chunst und ir list / ob sie mochten Jesum Christ / mit dehainen dingen / von den juden pringen“ - Pilatus und Nichodemus versuchen beide Jesus zu befreien. vs. 1639 Verschiedene Geheilte bezeugen Jesu Taten. vs. 1663 Pilatus weist die Juden scharf auf ihre Gottlosigkeit hin. Diese sagen, dass Jesus als König verehrt wurde und deswegen von Herodes verurteilt worden sei. Das zwingt Pilatus dazu, Gericht zu halten.
Von vs. 1700 bis ca. 2150 folgt Gundacker nicht mehr der Gesta, sondern erzählt Stücke aus den kanonischen Evangelien. Ohne Rücksicht auf ihre eigentliche Ordnung.
vs. 1700 Den Juden ist die Todesstrafe verboten, sie können sie nicht vollziehen. Erste Schmähungen. vs. 1731 Jesus wird vor Herodes geführt. vs. 1751 Jesus wieder vor Pilatus, der ihn fragt „ob du der juden chunick pist“? Pilatus versucht Jesus ein letztes Mal vor dem Tod zu retten. Die Juden aber rufen „du solt ihn töten pitterlich / nu chriuze in, nu chriuze in / daz wirt vom chaiser dein gewin“ vs. 1796 Das letzte Gespräch zwischen Pilatus und Jesus. vs. 1827 Petrus verleugnet seinen Herren dreimal. vs. 1850 Pilatus geht vor die Juden und bietet ihnen an einen Gefangenen freizulassen. Die Juden wählen den Verbrecher Barrabas. vs. 1880 Geißelungen und Schmähungen. vs. 1915 Der Gang nach Golgotha. Simon Cyreneus trägt Jesu Kreuz. Die Kreuzigung.
Die sieben Worte am Kreuz
vs. 1949 Jesus bittet, dass sein Vater den Peinigern vergibt. vs. 1953 Die Schächer am Kreuz: Der eine glaubt nicht an Jesus, der andere aber bittet den Heiland, dass er sich seiner erinnere, wenn er in sein Reich kommt. Jesus: „du bist heute mit mir / im paradise, daz sag ich dir.“ vs. 1989 Jesus spricht zu Johannes und Maria am Kreuz. Jesus wird weiter von der Menge verspottet, bis die Sonne sich verdunkelt und die Erde bebt. vs. 2033 „er ruft also: hely, heli / lamazabactani.“Eigentlich Aramäisch אֵלִי אֵלִי לְמָה שְׁבַקְתָּנִי ’eli, ’eli, lema schewaktani oder ܐܹܝܠ ܐܹܝܠ ܠܡܵܢܵܐ ܫܒܲܩܬܵܢܝ ’il, ’il, lmana schwaktan ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen‘, in die Koinē übertragen ελωι ελωι λαμμα σαβαχθανι eloi eloi lamma sabachthani beziehungsweise ηλι ηλι λαμα σαβαχθανι eli eli lama sabachthani. - mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? vs. 2047 „mich durstet“ vs. 2055 „consummatum est“ - Es ist vollbracht! vs. 2065 „er sprach: 'ich enphile dir, vater mein, / den gaist mein in die hende din“. Eine Wache stößt ihm den Speer ins Herz (!).
vs. 2081 Maria klagt unter dem Kreuz. Diese Marienklage hat kein biblisches Vorbild, ist aber nach mittelalterlicher Tradition gebaut.
Es folgt der Bericht von Begräbnis und Auferstehung. Gundacker orientiert sich am Gedankengang der Gesta, aber fügt Details der kanonischen Evangelien ein. Die folgende Episoden sind eng mit der Geschichte des Josef von Arimathia verbunden.
vs. 2145 Josef von Arimathia bittet Pilatus um den Leichnam Jesu und begräbt ihn. vs. 2169 Die Juden beschließen, das Grab mit einem Stein zu verschließen. vs. 2173 Josef von Arimathia wird gefangen genommen und in den Kerker geworfen. vs. 2207 Die Juden wissen um Jesu Weissagung, dass er am dritten Tage auferstehen wird. Daher lassen sie das Grab bewachen. vs. 2242 Christi Höllenfahrt. Gundacker nimmt eine Episode aus den „Descensus ad infernos“ vorweg. Der Christus dringt in die Hölle ein und führt die hinaus, die „sin willen heten getan.“ vs. 2265 Jesus befreit Josef von Arimathia aus dem Kerker. Gundacker gesteht ein, dass sein Bericht nicht biblisch ist: „swie ez doch nicht geschriben ist / an dem ewangelio / so ist ez doch benam also“ vs. 2293 Ein Engel erscheint beim Grab Jesu. Die Erscheinung versetzt die Wachen ins „Koma“. vs. 2303 Die erste Offenbarung Christi. Verschiedene Stofftraditionen lassen es Gundacker schwerfallen, eine sinnvolle und einheitliche Zusammenstellung der Ereignisse zu finden.