mini|hochkant=1.4|Luftbild von Schloss Türnich aus westlicher Richtung mini|hochkant=1.4|Schematischer Lageplan des Schlossgeländes
Schloss Türnich ist eine spätbarocke Schlossanlage im Stadtteil Türnich der nordrhein-westfälischen Stadt Kerpen im Rhein-Erft-Kreis, etwa 15 Kilometer südwestlich von Köln. Die Anlage liegt in den Erftauen am Rande des mittlerweile renaturierten Braunkohletagebaus Frechen und gehört seit Mitte des 19. Jahrhunderts der Familie von und zu Hoensbroech.
Der Vorgänger des heutigen Schlosses war Glied einer langen Kette von Wasserburgen in der Pufferzone zwischen dem Herzogtum Jülich und Kurköln. Anfänglich ein Lehen des Essener Damenstifts, wechselte die Herrschaft zu den Herzögen von Jülich, welche die damalige Burg an die Familie von Haas verlehnte. Von ihr gelangte sie in den gemeinsamen Besitz der Familien von Palant und von Rolshausen. Letztere wurde 1707 alleinige Besitzerin. Carl Ludwig Anton von Rolshausen ließ in der Zeit ab 1757 einen spätbarocken Neubau im Stil französischer Lustschlösser errichten, dem er in den späten 1790er Jahren einen Landschaftsgarten im englischen Stil hinzufügen ließ. Dieser wurde nach dem Verkauf des Schlosses durch Georg von Rolshausen im Jahr 1850 an Karl von Hoensbroech-Türnich noch einmal verändert und erweitert. Mit dem Bau einer neuen Schlosskapelle und eines neuen Torbaus fanden die Bauarbeiten in Türnich ihren vorläufigen Abschluss. Wegen der vornehmlich durch Kriegsschäden und Grundwasserabsenkung einsetzenden Bauschäden musste das Herrenhaus des Schlosses 1979 geräumt werden. Seither bemüht sich die Eigentümerfamilie um eine allmähliche Sanierung und Restaurierung der gesamten Anlage, um sie auf Dauer zu erhalten und als Erfahrungsort für natürliche und soziale Kreislaufprozesse mit den zentralen Themen Ernährung, Ökologie, erneuerbare Energien und Gesundheit weiterzuentwickeln.
Das Aussehen der Schlossanlage ist stark vom Vorbild französischer beeinflusst. Bestehend aus Herrenhaus, Vorburg, Schlosskapelle, Torbau, Barockgarten und Schlosspark, zählt sie zu den bedeutendsten Barockschlössern des Rheinlandes und ist eines der letzten vollständig erhaltenen Bauensembles dieser Epoche in der Region. Nachdem sie am 9. Oktober 1984 in die Denkmalliste Kerpens aufgenommen worden war, folgte am 9. Januar 1997 auch ihre Unterschutzstellung als Bodendenkmal. Obwohl sich der Landschaftsgarten in Privatbesitz befindet, ist er kostenlos öffentlich zugänglich. Die Stadt unterstützte die Eigentümer 2016 durch die Bezahlung zweier Bufdis, die im Park arbeiteten.
Geschichte
Essener und Jülicher Lehen
Die Geschichte der Anlage lässt sich bis in das Jahr 898 zurückverfolgen, als Zwentibold, der König von Lotharingien, das Reichsgut dem Essener Damenstift schenkte. Die grundherrlichen Rechte übten für das Stift bestellte Vögte aus, die bis in das 14. Jahrhundert aus der Familie der lothringischen Pfalzgrafen kamen. Als deren Gefolgsmann erschien 1208 erstmals der Ritter Winandus de Tornich, dessen Geschlecht auch später noch dort residierte. Der Pfalzgraf bei Rhein, Otto der Erlauchte, belehnte als Nachfolger der lothringischen Pfalzgrafen im Februar 1233 den Jülicher Grafen Wilhelm IV. mit der „Vogtei Dornich“. Auch Wilhelms Nachfolger erhielten alle diese Belehnung. Sie bestellten jeweils einen Untervogt aus der Familie der Ritter von Türnich, die möglicherweise eine Motte als Vorgängeranlage des heutigen Schlosses errichteten. Diese Burg befand sich wahrscheinlich nahe dem heutigen Osttor und ist noch als Hügel mit einem Umfang von etwa 30 Metern im Schlosspark erhalten. Die Belehnung der Jülicher mit der Türnicher Vogtei wurde im Laufe der Jahre zur Selbstverständlichkeit, sodass die derweil in den Herzogsstand aufgestiegene Familie sie 1356 bereits als ihr Eigentum ansah. 1412 wurde aus der bis dato eigenständigen Herrlichkeit eine Unterherrschaft des Jülicher Amts Bergheim, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bestand.
mini|Ansicht von Türnich mit der Burg auf einem Plan Johann Philipp Hochsteins von 1681
Seit Beginn des 14. Jahrhunderts waren die Ritter von Bachem Untervögte in Türnich. Sie wurden um 1400 von der Familie von Hemberg abgelöst. Durch die Heirat Pia von Hermbergs mit Wilhelm von Quadt gelangte das Lehen 1458 an die Familie des Ehemannes. Nach einem Streit zwischen dem Essener Stift und den Jülicher Herzögen um die Türnicher Vogtei und die damit verbundene Gerichtsbarkeit kaufte der mit der Familie von Quadt verwandte Degenhard von Haes (auch Haas geschrieben) die Vogtei am 22. Juni 1458. Nachdem seine Familie 1591 mit Arnold von Haes ausgestorben war, entbrannte zwischen den Familien von Palant zu Wachendorf und von Geldern zu Arcen ein Streit um die Nachfolge, der 1638 und 1643 mit zwei Vergleichen endete: Die beiden Parteien teilten sich das Erbe. Katharina von Palant (* 1546 – † 6. Oktober 1624), deren Mutter eine geborene von Haes gewesen war, und ihr Mann Christoph von Rolshausen († 20. Januar 1616), die Türnich schon 1591 „in Besitz genommen hatten“, durften dort wohnen bleiben, als sie ihr Haus in Monschau, das später so genannte Haus Rolshausen, anlässlich der dortigen Besetzung im Jahr 1609 im Rahmen des Jülich-Klevischen Erbfolgestreits verlassen mussten. Ihr Gut hatte den Status eines Rittersitzes und ist auf einer lavierten Karte des General-Landmessers Johann Philipp Hochstein aus dem Jahr 1681 dargestellt. Wann der Sitz errichtet wurde, ist unklar. Damals war es eine einfache, wohl zweiteilige Burganlage, die aus mehreren Gebäuden bestand und einen hohen, polygonalen Turm besaß. Das mittelalterliche Burghaus ist mit einem Staffelgiebel und einen Treppenturm dargestellt. Ob die Zeichnung jedoch vollkommen authentisch ist, bleibt zweifelhaft. Bis 1707 blieb die Anlage gemeinsamer Besitz beider Familien, dann verkaufte Adolf Anton von Geldern seinen Anteil an die von Rolshausen, die somit alleinige Besitzer wurden.
Der Ur-Ur-Enkel Christoph von Rolshausens, Freiherr Carl Ludwig Anton, ließ die alte, wohl baufällige Wasserburg gemeinsam mit seiner Frau Maria Isabella von Waldbott zu Bassenheim in der Zeit von 1757 bis 1766 durch ein spätbarockes Schloss ersetzen. Dabei wurde nicht der exakte Standort der Vorgängeranlage als Bauplatz gewählt, sondern der Neubau etwas versetzt. Trotzdem war der Bauherr wohl bestrebt, alte Fundamente so weit wie möglich wiederzuverwenden. Da nur wenige neue Ziegel gekauft wurden, lässt dies den Rückschluss zu, dass auch viele Steine der Vorgängeranlage wiederverwendet wurden. Der planende Architekt steht nicht mit Sicherheit fest. Die Entwürfe könnten vom kurkölnischen Hofbaumeister Michael Leveilly stammen. Er zeichnete auch für das Schloss Arff, Schloss Graurheindorf und Haus Horr verantwortlich. Aufgrund der Ähnlichkeit zu seinen anderen Bauwerken kommt dafür aber auch Johann Georg Leydel infrage. Anhand erhaltener Baukostenabrechnungen ist der Verlauf der Bauarbeiten gut dokumentiert. Der für 1758 geplante Baubeginn verzögerte sich wohl wegen des Siebenjährigen Krieges auf 1759, als die Vorgängeranlage abgerissen und ein neuer Keller sowie das Erdgeschoss gebaut wurden. Auch die weiteren Arbeiten gingen kriegsbedingt nur schleppend voran: Erst 1762 war der Rohbau fertig, und die restlichen Arbeiten zogen sich noch bis 1766 hin. 1782 ließ Carl Ludwig Anton von Rolshausen den heutigen Südflügel der Vorburg bauen und neben dem damaligen Torbogen ein Torwächterhaus errichten. Dieser eingeschossige Ziegelbau war von einem Mansarddach abgeschlossen. Auch den Außenbereich der Anlage ließ der Schlossherr verändern. Als Ergänzung zu einem seit dem frühen 18. Jahrhundert bestehenden Barockgarten und einem Wildpark kam um 1795 ein erster Landschaftsgarten hinzu. Spätestens 1799 war er fertiggestellt, besaß aber noch nicht die heutige Größe. Gleichzeitig wurde der Wassergraben teichartig erweitert, um ihn für Kahnfahrten nutzen zu können.
Aus- und Umbau im 19. Jahrhundert mini|Lithografie des Schlosses Türnich nach einer Vorlage von Christian Hohe um 1860
Über Carl Ludwig Antons erstgeborenen Sohn Max Felix kam der Besitz an Georg Carl von Rolshausen. Seine Familie war mittlerweile Eigentümerin und nicht mehr Lehnsnehmerin der Anlage, denn die französische Revolutionsregierung der linksrheinischen Gebiete, zu denen Türnich gehörte, hatte in der zweiten Hälfte der 1790er Jahre alle ständischen Privilegien aufgehoben und somit die von Rolshausen zu Eigentümern ihres einstigen Lehens gemacht. Unter Georg Carl wurde die Freitreppe des Schlosses durch die heutige zweiläufige Treppe ersetzt, ehe er die Anlage 1850 für 170.000 Taler an Karl Eugen von und zu Hoensbroech verkaufte. Dessen Familie ist heute noch Eigentümerin. Der neue Schlossherr ließ um das Jahr 1875 den vorhandenen Landschaftsgarten überformen, der bei der Neugestaltung zugleich vergrößert wurde. Der Entwurf dafür stammte von dem kaiserlich-russischen Hofgärtner Friedrich Schulz, und sein Ergebnis ist bis heute weitgehend erhalten. Bei der Umgestaltung wurde eine lange Lindenallee angelegt, die den neuen Schlosspark in einen Nord- und einen Südteil trennen sollte; allerdings wurde die südliche Partie nie realisiert, sodass die Allee heute den südlichen Abschluss des Türnicher Parks bildet. Anhand erhaltener Rechnungen dauerten die Arbeiten bis 1880 an. Lediglich die Zugangstore zum Park samt den flankierenden Pavillons kamen erst um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hinzu. Sie wurden nach Entwürfen des Kölner Regierungsbaumeisters Heinrich Krings errichtet. 1890 begann Karl Eugen von und zu Hoensbroechs Sohn Franz-Eugen mit der Umgestaltung der Innenräume im Stil des sogenannten zweiten rheinischen Rokokos. Die Räume erhielten prachtvolle Stuckdekorationen und wurden mit aufwändig gestalteten Boiserien verkleidet. Der unerwartete, frühe Tod seiner Frau Hermine Gild, geborene Wolff-Metternich, veranlasste Franz-Eugen 1893 dazu, eine neue Schlosskapelle bauen zu lassen, die anschließend als Haus- und Taufkapelle der gräflichen Familie genutzt wurde. Gemäß dem damals vorherrschenden wilhelminischen Zeitgeschmack erhielt der Neubau eine Innengestaltung im byzantinisch-romanischen Stil. 1895 waren die Arbeiten am Rohbau der Kapelle abgeschlossen. Die Arbeiten im Inneren dauerten jedoch noch bis 1898. Die Weihe erfolgte 1894, und der kleine Kirchenbau erhielt das Recht auf eine wöchentliche Messe. Die alte Schlosskapelle an der Nordost-Seite der Schlossinsel ließ Franz-Eugen von und zu Hoensbroech samt einem danebenstehenden Tor 1895 abreißen und anstatt dessen dort bis 1897 einen neuen, wesentlich größeren und repräsentativeren Torbau errichten. Die Entwürfe dazu lieferte wieder Heinrich Krings.
Verfall und erste Restaurierungen
Schon in den 1930er Jahren stellte sich heraus, dass aus dem Boden aufsteigende Feuchtigkeit für ein schlechtes Raumklima in der Schlosskapelle sorgte. Ihr Turm musste nach einem Blitzschlag 1934 abgebrochen werden. Nachdem Fenster und Dächer der Anlage während des Zweiten Weltkriegs durch Artillerietreffer oder den Druck detonierender Bomben weitere Schäden davongetragen hatten, konnte zudem lange Jahre Feuchtigkeit von oben eindringen, sodass die Innenausstattung nachhaltig in Mitleidenschaft gezogen wurde. Kriegsschäden waren aber nicht nur an der Architektur, sondern auch im Schlosspark zu beobachten, unter anderem durch Fahrzeuge dort stationierter Truppen. Als dann in den 1950er Jahren wegen des benachbarten Tagebaus Frechen das Grundwasser um 230 Meter abgesenkt wurde, zeigten sich noch im gleichen Jahrzehnt erste statische Schäden an der Bausubstanz, die aus der Verformung des Untergrundes und dem Verfaulen der trocken gefallenen Pfahlgründung resultierten. 1979 waren die Senkungsschäden dann derart bedenklich, dass das Schloss einzustürzen drohte und vorsorglich geräumt werden musste.
mini|Friedrich Schulz’ Gartenplan von ca. 1785 war Grundlage für die Restaurierung des Türnicher Schlossparks