mini|Österreichisches Außenministerium am Wiener Minoritenplatz Sowohl in der Zwischenkriegszeit als auch während des Kalten Krieges betrieb die Republik Österreich an der Schnittstelle zweier gegenüberstehenden Militärallianzen eine Politik „immerwährender Neutralität“, um zur Stabilität der Region und zur kooperativen Neugestaltung der Ost-West-Beziehungen beizutragen. Nach den Umwälzungen in Mittel- und Osteuropa und seit Österreichs EU-Beitritt 1995 sieht die Regierung in Wien ihre Aufgabe vor allem darin, Stabilität in die neuen östlichen EU-Länder und insbesondere in die Balkanregion hineinzutragen. Österreich versteht sich daher als Brücke nach Mittel- und Osteuropa.
Die Außenpolitik Österreichs setzt Schwerpunkte in einer aktiven und gestaltenden Auslands-Kulturpolitik. Es wird versucht, den Standort Österreichs in Europa und der Welt mit kulturellen Mitteln verständlich und wahrnehmbar zu machen. mini|zentriert|600px |Blau: diplomatische Vertretungen Österreichs (Anwesenheit einer Botschaft, eines Konsulats oder eines Honorarkonsulats) Grün: Österreich. Grau: Fehlende diplomatische Beziehungen
Die Ressortzuständigkeit für die Außenpolitik liegt in der österreichischen Regierung beim Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten.
Geschichte der österreichischen Außenpolitik
Monarchia Austriaca 1742 wurde in Wien die Geheime Haus-, Hof- und Staatskanzlei für die Angelegenheiten der Außenpolitik geschaffen. Die Außenpolitik der Habsburgermonarchie basierte seit dem Aufstieg des Hauses Österreich infolge des Spanischen Erbfolgekrieges und des Venezianisch-Österreichischen Türkenkrieges, vor allem aber seit den Niederlagen im Polnischen Erbfolgekrieg und im Russisch-Österreichischen Türkenkrieg auf einer traditionellen Heiratspolitik (Felix Austria) und zielte auf eine Hegemonie über Deutschland und Italien ab. Seit dem Aufstieg Preußens infolge der Schlesischen Kriege bemühte sich Österreich um ein Gleichgewicht der fünf europäischen Großmächte. Diese beiden Grundlagen österreichischer Diplomatie (Heiratsallianzen, Gleichgewichtspolitik) unterschieden sich lange deutlich von der imperialistischen und militaristischen Außenpolitik etwa Frankreichs oder Preußens und erreichten mit dem Umsturz aller Bündnisse und der auf dem Wiener Kongress beschlossenen Heiligen Allianz ihre Höhepunkte.
Österreich-Ungarn mini|Fürst Metternich prägte Österreichs Außenpolitik und beeinflusste Europa. Die habsburgische Außenpolitik war bis zur Gründung des Kaisertums Österreich vor allem dynastischen und religiösen Interessen untergeordnet. Nach dem Verlust der Oberhoheit über Italien (Schlacht von Solferino 1859) und Deutschland (Deutscher Krieg 1866) sowie seit dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich unterlag sie jedoch zunehmend nationalen bzw. nationalistischen Aspekten und war fortan stark von ungarischen Interessen auf dem Balkan bestimmt.Wladimir Petrowitsch Potjomkin: Geschichte der Diplomatie, Zweiter Band, Die Diplomatie der Neuzeit (1872–1919), S. 25–30 und 38–43. SWA-Verlag Berlin 1948. Entscheidend geprägt wurde diese neue Außenpolitik Österreich-Ungarns bis 1879 zunächst vom ungarischen Ministerpräsident Gyula Andrássy, dem ersten Verfechter der Magyarisierungspolitik. Er und seine Nachfolger (z. B. Gustav Kálnoky, Stephan Burián, István Tisza) widersetzten sich einer Gleichberechtigung der slawischen Volksgruppen im Innern ebenso wie einer Aussöhnung mit Russland und Serbien nach außen. Auch die wirtschaftlichen Interessen der ungarischen Reichshälfte spielten in die Außenpolitik hinein, wie es besonders im „Schweinekrieg“ von 1906 (einem Zollkrieg zwischen Österreich-Ungarn und dem Königreich Serbien) deutlich wurde. Davor waren Österreich-Ungarn und Serbien noch verbündet und Österreich hatte Serbien im Serbisch-Bulgarischen Krieg von 1885/86 unterstützt.
Die Gegensätze zu Frankreich und dem Osmanischen Reich waren inzwischen eher gering, und ein Bündnis mit Deutschland und England sogar wünschenswert. Doch das Dreikaiserbündnis mit Russland und Deutschland (1872), der Dreibund mit Italien und Deutschland (1882Ebenso war der Beitritt Rumäniens zum Dreibund (1883) durch den rumänischen Irredentismus gegenüber Ungarn bzw. die Unterdrückung der Rumänen in Ungarn belastet.) sowie die Mittelmeerentente mit England und Italien (1887Auch Spanien trat der Mittelmeerentente 1887 bei.) waren von Anfang an durch die panslawistische Agitation Russlands und Serbiens bzw. durch den italienischen Irredentismus belastet. Die österreichisch-russische Balkanrivalität rückte nach dem Berliner Kongress von 1878 immer mehr in den Vordergrund, entscheidende Zusammenstöße waren die Bulgarische Krise (1885/88), die Bosnienkrise von 1908 und die Parteinahme für Bulgarien im Zweiten Balkankrieg (1913). Eine Verstärkung des slawischen Elements durch direkte Annexionen auf Kosten des Russischen oder Osmanischen Reiches bzw. Serbiens lag allerdings zunächst nicht im Interesse der österreichisch-ungarischen Außenpolitik. Die folgenschwerste Entscheidung der österreich-ungarischen Außenpolitik war nach dem Attentat von Sarajevo und der Julikrise 1914 das Ultimatum an Serbien, welches zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte. Der letzte Versuch einer eigenständigen Außenpolitik Österreich-Ungarns waren die Friedensbemühungen von k.u.k. Außenminister Ottokar Czernin und Kaiser Karls 1917. Die Versuche scheiterten aber am Willen eigene Opfer zu bringen und der schwierigen Lage schließlich in der Sixtus-Affäre 1918.
Erste Republik mini|Karl Renner (1905) Die außenpolitische Orientierung Österreichs nach 1918 war längst nicht so klar, wie dies der bei der Ausrufung der Republik kundgetane Anschlusswille an Deutschland vermuten lassen würde: Bankkapital und Handel suchten neuen Bewegungsraum und ein Teil hätte dies gern durch den Anschluss, ein anderer Teil durch die alte Wirtschaftsverbindungen erneuernde „Donaukonföderation“ erreicht und auch die außenpolitischen Initiativen bewegten sich in beide Richtungen. Bereits unmittelbar nach der Auflösung des alten Staates fuhr eine österreichische Regierungsdelegation nach Prag, um dort Verhandlungen über die Beibehaltung einer Wirtschaftsgemeinschaft vorzuschlagen. Prag lehnte eine solche Zusammenarbeit ab, ebenso wie den späteren Vorschlag Renners für ein gemeinsames Wirtschaftsparlament der Nachfolgestaaten in Bratislava im März 1919. Der freie Warenverkehr wurde von den Nachfolgestaaten – zur Herstellung ihrer wirtschaftlichen Autarkie und der Grundlagen zur Regelung des Wirtschaftsverkehrs – unterbunden. Über die später in den Friedensverträgen noch ermöglichte Herstellung eines gemeinsamen Wirtschaftsraumes für den Zeitraum von fünf Jahren auf der Basis von wechselseitigen Präferenzzöllen wurde niemals verhandelt.
Auch die Initiativen in Richtung „Anschluss“ waren nicht erfolgreich: Die von Otto Bauer initiierten Anschluss-Geheimverhandlungen in Berlin zwischen dem 27. Februar und 2. März 1919 endeten mit der Weigerung Deutschlands, Finanzhilfen für die Herstellung der Währungseinheit bereitzustellen. Schließlich bereitete das sich bereits Ende 1918 abzeichnende Anschlussverbot der deutschen Orientierung zumindest an der Oberfläche ein Ende.
Die Wende in der Außenpolitik signalisierte der Rücktritt Otto Bauers am 26. Juli 1919, der eine allzu pointierte Anschlusspolitik vertreten hatte: Die außenpolitische Konzeption des neuen Leiters des Außenressorts, Karl Renner, sah eine Konsolidierung Österreichs mit Hilfe der Siegermächte vor und wollte gute Beziehungen zu den Nachbarstaaten ausbauen, ohne dabei aber Verpflichtungen und Bündnisse einzugehen, die einen späteren Anschluss an Deutschland behindern hätten können.
Geregelten Beziehungen zu den neuen Nachbarstaaten stand zuerst noch die Territorialfrage entgegen: Mit dem SHS-Staat und Ungarn war es hier sogar zu militärischen Auseinandersetzungen gekommen, die mittels der Volksabstimmung 1920 in Kärnten und der Volksabstimmung in Ödenburg 1921 nur zum Teil diplomatisch gelöst werden konnten. Allein die rasche großräumige Abklärung der gemeinsamen Grenze ermöglichte eine frühe Annäherung zwischen Österreich und der Tschechoslowakei. Beide Staaten waren dabei an guten zwischenstaatlichen Beziehungen interessiert: Österreich aus ökonomischen Gründen, die tschechoslowakische Außenpolitik deshalb, weil sie die ČSR als Zentrum des neuen mitteleuropäischen Friedenssystems, als Garanten des Status quo zu etablieren bestrebt war. Auch die Gefahr des Revisionismus in Ungarn, wo nach dem Sturz der Räterepublik unter Béla Kun im August 1919 eine rechtsautoritäre Regierung unter Miklós Horthy an die Macht gekommen war, und die Gefahr einer Restauration der Habsburger brachten die beiden Staaten einander näher.
mini|Propagandaplakat zur Volksabstimmung Sopron/Ödenburg 1921 Am 12. Jänner 1920 schlossen Karl Renner einerseits und Edvard Beneš und Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk andererseits in Prag ein Geheimabkommen, eine Art Defensivbündnis gegen Restaurationsbestrebungen UngarnsHochenbichler 1971, 88–90., dem noch weitere Verträge im Bereich der Staatsbürgerschaft, der Grenzziehung und der Trennung der Archive und Kunstsammlungen vorbereiten sollten. Innenpolitisch zeigten sich die Christlichsozialen und die Großdeutschen, außenpolitisch vor allem Ungarn und Italien, das mehr und mehr Interesse am Donauraum zeigte, über diesen schnell publik gewordenen Vertrag verstimmt. Dennoch hatte es die österreichische Außenpolitik in einer unklaren politischen Situation verstanden, trotz der prekären Wirtschaftslage sich einen gewissen Manövrierraum zu schaffen, indem Renner das rasch wechselnde internationale Kräfteverhältnis zu nutzen bestrebt war. In wirtschaftlicher Hinsicht waren die Jahre 1918 bis 1921 die Jahre der handelspolitischen Abschottung der Nachfolgestaaten von Österreich. Nur langsam konnten geregelte handelspolitische Beziehungen aufgebaut werden: Aber bereits 1919 wurde eine Reihe von zwischenstaatlichen Verträgen zur Lebensmittel- und Brennmaterialbeschaffung geschlossen. Der Handelsaustausch erfolgte vorerst noch über Kompensationsverträge. Diese wurden in der Folge von provisorischen Handelsverträgen und angeschlossenen Kontingentverträgen abgelöst, in denen die Freigabe von gewissen Ausfuhrkontingenten fixiert wurde.Holzgreve 1980, 29. Zwischen 1919 und 1921 wurden Handelsübereinkommen mit allen Nachfolgestaaten abgeschlossen.
Auch unter den folgenden Regierungen wurden die Kontakte zur ČSR ausgebaut. Da das Außenamt, das mit seinem Beamtenapparat den außenpolitischen Kurs entscheidend mitbestimmte, gute Kontakte zur ČSR, vor allem wegen des dringend nötigen Sanierungskredites, für förderlich betrachtete, kam es am 16. Dezember 1921 in Lány bei Prag zu einem weiteren Gipfeltreffen. Die Besprechungen fanden mit einem Grundsatzvertrag zwischen den beiden Staaten ihren Abschluss, die ČSR gewährte Österreich einen Sanierungsfinanzkredit. Wieder war die Annäherung an den mitteleuropäischen Verbündeten Frankreichs nicht unumstritten: Die Großdeutsche Volkspartei zog sich aus der konservativ-bürgerlichen Regierung Schober zurück und brachte diese gemeinsam mit den Sozialdemokraten schließlich im Parlament zum Sturz.