Linkskatholizismus bezeichnete in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts jene Strömungen innerhalb des deutschen politischen Katholizismus, die sich aus religiösen Motiven auf der linken Seite des politischen Spektrums positionierten. Wegen des stark integrierenden Charakters der Zentrumspartei für das katholische Minderheitsmilieu im Deutschen Reich muss zunächst das Engagement auf dem linken Flügel der demokratischen, sozialen und antiliberalen Zentrumspartei von vereinzelten katholisch inspirierten Sozialisten unterschieden werden.
Der Begriff „Linkskatholizismus“ wurde aus der französischen Diskussion übernommen (), in der er jedoch eher eine republikfreundliche, meist antiroyalistische Haltung umschrieb. Sein Gegenstück ist der Rechtskatholizismus.
Katholische Kirche und Politik in Deutschland Kaiserreich 1871–1918 Unter dem Einfluss des caritativen und publizistischen Wirkens des „Arbeiterbischofs“ Wilhelm Emmanuel von Ketteler und Adolph Kolpings forderten die Kleriker Franz Hitze und Wilhelm Hohoff die Sorge von Kirche und Staat um die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft auf unterschiedlichen Wegen ein. Während Hitze sich als Reichstagsabgeordneter und Sozialpolitiker für den aktiv eingreifenden Staat und Hilfseinrichtungen der Kirche einsetzte, vertrat der in der Öffentlichkeit als der „Rote Pastor“ bekannte Hohoff die Auffassung der Vereinbarkeit einiger Teile der marxistischen Gesellschaftslehre mit dem Christentum.Müller, Franz: Franz Hitze und sein Werk. Hamburg/Berlin/Leipzig 1928. Klaus Kreppel: Entscheidung für den Sozialismus. Die politische Biographie Pastor Wilhelm Hohoffs 1848–1923. (Schriftenreihe des Forschungsinstituts der Friedrich-Ebert-Stiftung 114), Bonn-Bad Godesberg 1974. Hohoff erlebte eine gewisse Renaissance unter den katholischen Sozialisten der Weimarer RepublikKlaus Kreppel: Wilhelm Hohoff – der „rote Pastor“ und die katholischen Sozialisten. In: Günter Ewald (Hrsg.): „Religiöser Sozialismus.“ Stuttgart-Berlin-Köln-Mainz 1977 (Kohlhammer T-Reihe Band 632), S. 79–90. und unter den katholischen Achtundsechzigern.Walter Dirks: Wilhelm Hohoff – ein Priester und Sozialist. In: kritischer Katholizismus. Köln. 4. Jg. 1971. Nr. 6. Ebenso Wilhelm Weber: Priester und Sozialist? Zum 50. Todestag des Paderborner Priesters Wilhelm Hohoff. In: Rheinischer Merkur.Bonn. 2. Februar 1973.
Weimarer Republik und 1933–1945 Mit dem Ende des Kaiserreichs 1918 erlangten die katholischen Vereine und Bünde wieder mehr Bewegungsfreiheit – auch in ausgesprochenen Diaspora-Regionen wie Berlin. So konnte sich in der Weimarer Republik nach 1918 ein Milieu alternativer christlicher Gruppen entwickeln, das zum Pazifismus und teilweise auch zum Sozialismus tendierte. Der Horror des gerade beendeten Weltkriegs und die Fragwürdigkeit der üblichen Nähe des Klerus zum Militär führte zur Gründung katholisch-pazifistischer Gruppen wie zum Beispiel der Friedensbund Deutscher Katholiken von 1919 bis 1933.Siehe: Klaus Kreppel: In der Verbannung. Pater Franziskus Stratmann zum Gedenken. In: „kritischer Katholizismus“ Nr. 8 / Köln 1971, S. 3.
Manche revolutionäre Hoffnungen auf eine Überwindung des kapitalistischen Systems ließen christlich-sozialistische Gruppen wie den Bund der katholischen Sozialisten und deren Rotes Blatt in den Jahren 1929 und 1930 entstehen. Zu ihren Leitfiguren zählten christliche Gewerkschafter wie Heinrich Mertens und Ernst Michel, während etwa die Rhein-Mainische Volkszeitung christlichen Publizisten wie dem sozial engagierten Unternehmer Friedrich Dessauer, Heinrich Scharp oder Walter Dirks, dem Sekretär von Romano Guardini, ein vielbeachtetes Forum bot. Als dezidiert linkskatholische Partei bestand des Weiteren die kleine Christlich-Soziale Reichspartei.Klaus Kreppel: Der soziale Katholizismus Deutschlands und die November-Revolution 1918. In: „werkhefte – zeitschrift für probleme der gesellschaft und des katholizismus.“ 25. Jahrgang. München. Heft 1. Januar 1971, S. 15–23.- Ders: Die Diskussion sozialistischer Grundbegriffe im sozialen Katholizismus. In: „werkhefte – zeitschrift für probleme der gesellschaft und des katholizismus.“ 25. Jahrgang. München. Heft 4. April 1971, S. 111–121. Ders: Feuer und Wasser. Katholische Sozialisten in der Weimarer Republik. In: „kritischer Katholizismus. Zeitung für Theorie und Praxis in Gesellschaft und Kirche.“ Früher Rothenfelser Hefte. 4. Jahrgang Köln 1971. Nr. 6, S. 4.
Zum Disput über Reformtheologie, Gesellschafts- und Kirchenreformen trug auch der linke Flügel der katholischen Jugendbewegung vieles bei – vor allem im Quickborn-Arbeitskreis und in den Werkheften junger Katholiken (1931–1933). Von den vielen linkskatholischen Initiativen seien ferner genannt: Die Soziologische Arbeit von Ernst Michel Die Sozialismusdiskussion und Karl-Marx-Rezeption von Theodor Steinbüchel die Akademie der Arbeit und das Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main.
Dieses vielfach vernetzte Milieu stärkte den linken Reformflügel der deutschen Zentrumspartei und war der Nährboden für den Linkskatholizismus bis nach 1945. In diese Gemengelage der Zwischenkriegszeit wirkten auch die vom Kirchenvolk rasch angenommenen Liturgiereformbestrebungen – etwa des im Stift Klosterneuburg wirkenden sudetendeutschen Augustiners Pius Parsch und anderer. Sie verstärkten das Gefühl vieler kritischer Christen, sozusagen „Kirche von unten“ zu sein, ohne das dieser Begriff damals formuliert worden wäre, da Treue zur Hierarchie das Kennzeichen aller Katholiken war.
In der Zeit des Nationalsozialismus wurde dieses Milieu allerdings entscheidend geschwächt. Zwar entstanden, wie evangelischerseits starke, so katholischerseits auch vereinzelte christlich-nationalsozialistische Gruppierungen wie die Arbeitsgemeinschaft für den religiösen Frieden, wurden aber meist von den Ortsbischöfen verboten (wie zum Beispiel Ende 1938 in der „Ostmark“ (Österreich) vom später heftig kritisierten Kardinal Theodor Innitzer).
Doch das rückgratlose Paktieren mancher Bischöfe mit der Nazi-Obrigkeit beraubte die kritischen Katholiken ihres Wirkungsrahmens. Während sich die evangelisch geprägte Bekennende Kirche ihre eigene Struktur zusammenfinden konnte, musste der Widerstand der progressiveren Katholiken fast ohne institutionellen Rückhalt bleiben. Was heute schwer nachvollziehbar ist, erzeugte einen Riss in der katholischen Identität, der nicht ganz verheilte. Allerdings waren die katholischen Institutionen seit dem Kulturkampf in Preußen und im Deutschen Reich ab 1871 in einer Minderheitsposition, und ihre antimodernen Grundhaltungen begünstigten ein unpolitisches Empfinden.
Deutschland seit 1945 Die Vorläuferorganisationen und Gründerkreise der CDU und CSU hatten im Frühsommer 1945 zum Teil deutliche sozialistische und sozialreformerische Tendenzen. Die Wende zur heutigen bürgerlichen und konservativen Partei vollzogen sie erst Ende 1945, als Adenauer sichtbar in die Politik der Nachkriegszeit eingriff und nachdem sich die protestantisch geprägten norddeutschen CDU-Verbände organisiert hatten. Adenauer war ein erklärter Gegner solcher sozialistischer, sozialreformerischen Ideen. Seine frühen Kontakte zu norddeutschen protestantischen Politikern hatten eine große Bedeutung für die weitere politische Ausrichtung der CDU. Das Bündnis zwischen Adenauer und den Protestanten hatte nicht zuletzt das Ziel, die sozialistischen Tendenzen des politischen Katholizismus zu bekämpfen.
Einen sozialistischen Charakter hatten u. a. zweifellos die Programmideen des Kölner Gründerkreises der CDP, der späteren CDU. Dieser war fast schon das geistige Zentrum des Linkskatholizismus, obwohl gerade im rheinisch-katholischen Köln der Politiker Adenauer in den zwanziger Jahren zu seinen bedeutendsten Erfolgen kam.
Die Initiatoren des Kölner Kreises waren u. a. der Verleger Theodor Scharmitzel, der Studienrat Leo Schwering und der Justitiar und Bürgermeister von Krefeld-Uerdingen am Rhein Wilhelm Warsch. Seinen Höhepunkt erreichte die inhaltlich-politische Auseinandersetzung bei der Wahl des CDU-Landesvorsitzenden im Rheinland Anfang Februar 1946 in Uerdingen, bei der Adenauer gegen den kommissarischen Vorsitzenden Schwering kandidierte und obsiegte. Keiner des Kölner Kreises machte danach noch eine politisch Karriere. Lediglich Warsch wurde im März 1946 Regierungspräsident von Köln. Ihr Programm geriet in Vergessenheit, von dem Schwering sagte, es sei „das Urprogramm für jegliche christliche Politik in ganz Westdeutschland“. Diese „Kölner Leitsätze“ wurden 1945 von Warsch, Schwering, Scharmitzel mit Hilfe des Paters Eberhard Welty von der Albertus-Magnus-Akademie des Dominikanerkloster St. Albert bei Bonn niedergeschrieben.
Sie waren fast schon sozialistisch: „Das Gemeineigentum darf so weit erweitert werden, wie das Allgemeinwohl es erfordert. Post und Eisenbahn, Kohlenbergbau und Energie-Erzeugung sind grundsätzlich Angelegenheit des öffentlichen Dienstes. Das Bank- und Versicherungswesen unterliegt der staatlichen Kontrolle.“ Zur etwa gleichen Zeit entwickelte der hessische CDU-Gründerkreis um Heinrich von Brentano, Eugen Kogon und Walter Dirks, die „Frankfurter Leitsätze“: „Wir wollen, dass die Wirtschaft im großen einheitlich und planvoll gelenkt werde, weil nur dadurch … ein Wiederaufbau nach sozialen und gesamtwirtschaftlichen und nicht nur nach privatwirtschaftlichen Rentabilitätsgrundsätzen gesichert werden kann.“
Ebenso sozialistisch war das erste Programm des Gründerkreises der CSU in Franken. Initiator zur Parteigründung war in Würzburg Adam Stegerwald, der bereits in der Weimarer Republik christlicher Gewerkschaftsführer war. Ziel war ursprünglich die Gründung der „Christlich-soziale Arbeiter- und Bauernpartei“. Stegerwald entschloss sich aber später zu dem weniger provozierenden Parteinamen „Christlich-Soziale Union“ (CSU), wobei das Adjektiv „sozial“ im Partei-Namen das einzige war, was von seiner sozialistische Initiative geblieben ist. Im ersten Programm des Stegerwaldschen (Würzburger) Gründerkreises hieß es: „Die Schlüsselindustrien, die Bodenschätze, der Bergbau, die Energiewirtschaft und alle monopolartigen Unternehmungen sind entweder in das Staatseigentum zu überführen oder dem Einfluss der öffentlichen Gewalt zu unterstellen.“
Als sich dann im Sommer 1947 der führende katholische Berliner CDU-Politiker Jakob Kaiser und der rheinische Katholik und CDU-Mann Karl Arnold in dem Vorhaben vereinigten, die Ruhr-Industrie zu vergesellschaften, konnte sich Adenauer bei der Abwehr dieser Bestrebungen der Hilfe der norddeutschen CDU-Verbände sicher sein. Bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 gelang Adenauer die sozialistischen Entwicklungen innerhalb der CDU/CSU zurückzudrängen.
Bereits 1946 wurde die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft gegründet. Die Gründung der CDA wurde vor allem von ehemaligen christlichen Gewerkschaftern in den Arbeiterhochburgen Nordrhein-Westfalens betrieben. Die offizielle Gründung der CDA fand im Jahr 1946 im Kolpinghaus in Herne statt. In: cda-bund.de, abgerufen am 1. Mai 2019. In den Anfangsjahren stand für die CDA programmatisch vor allem die Soziale Frage, d. h. die materielle Sicherheit der Arbeitnehmer und deren Stellung in den Betrieben im Vordergrund, womit der linkskatholizistische Flügel weitgehend in die Partei integriert wurde.
Anders war es bei der SPD. In der Nachkriegszeit bis etwa 1960 war ein politisches Engagement deutscher Katholiken in der deutschen Sozialdemokratie eine seltene Ausnahme, weil die offizielle katholische Kirche eine eindeutig antimarxistische Position hatte, aber gleichzeitig starkes soziales Engagement entwickelte.