mini|Logo des Kernkraftwerks auf einer Wand Das stillgelegte Kernkraftwerk Greifswald (genauer: Kernkraftwerk Lubmin, auch: Kernkraftwerk Nord) befand sich auf dem Gemeindegebiet des Seebads Lubmin bei Greifswald und war das größere der beiden betriebenen Kernkraftwerke der DDR. Das Kraftwerk hieß offiziell VEB Kernkraftwerk „Bruno Leuschner“ Greifswald und war Stammbetrieb des VE Kombinat Kernkraftwerke „Bruno Leuschner“ Greifswald. Das Kraftwerk wurde ab 1974 schrittweise in Betrieb genommen, 1990 abgeschaltet, im Jahr 1995 endgültig stillgelegt und befindet sich seitdem im Abriss. Heutiger Eigentümer und Betreiber sind die Entsorgungswerke für Nuklearanlagen, die auch das benachbarte Zwischenlager Nord betreiben.

Geschichte mini|Das Innere des Reaktorblocks 6 (Haltevorrichtung für die Regel- und Brennstäbe) mini|Ein Kontrollraum im Juni 2007 Errichtung des KKWs (Block 1 bis 4) Noch vor Fertigstellung und Inbetriebnahme des ersten kommerziellen 70-MW-Versuchsreaktors Rheinsberg der DDR im Jahr 1966 wurde am 14. Juli 1965 ein Regierungsabkommen zwischen der DDR und der UdSSR zum Bau eines zweiten Kernkraftwerks mit ca. 2000 MW elektrischer Leistung auf dem Gebiet der DDR sowie Lieferung der Kernkomponenten dafür aus der UdSSR geschlossen.

Im Rahmen eines Standort-Auswahlverfahrens wurde Lubmin in der Nähe von Greifswald favorisiert. Gründe dafür waren die durch die Ostsee ganzjährig ausreichende Kühlwasserbereitstellung, der geringe landwirtschaftliche Nutzwert der Flächen und die geringe Siedlungsdichte, die die Auswirkungen eines Störfalls reduzieren sollten. Dagegen sprach die große Entfernung des Nordens der DDR von den Stromverbrauchszentren im Süden und die daraus resultierenden höheren Übertragungsverluste.

1967 begann die Erschließung des Standorts und ab 1969 der eigentliche Bau an vier Reaktorblöcken des Typs WWER-440/230, Hauptauftragnehmer war der VEB BMK Kohle und Energie. Der Bau der ersten vier Blöcke erfolgte im international üblichen Zeitrahmen, wobei auf der 14. Tagung des Zentralkomitees der SED vom 9. bis zum 11. Dezember 1970 kritisiert wurde, dass die Kosten des Projektes um das Doppelte gegenüber der Bilanzierung lagen. Der kommerzielle Leistungsbetrieb begann 1974 in Block 1, 1975 in Block 2, 1978 in Block 3 und 1979 in Block 4. Ab da deckten die ersten vier Blöcke ca. 10 % des Strombedarfs der DDR. Beim verwendeten Bautyp WWER (auch VVER aufgrund der englischen Transliteration) handelt es sich um einen Wasser gekühlten Wasser moderierten Energie-Reaktor, dessen Funktionsweise grundsätzlich analog zu „westlichen“ Leichtwasserreaktoren ist.

Erweiterung um vier weitere Blöcke (Block 5 bis 8) Mitte der 1970er Jahre wurde der Beschluss zur Erweiterung des Kernkraftwerks um weitere vier Blöcke mit einer Nettoleistung von 408 MW getroffen, die nach 1980 in Betrieb gehen solltenJoachim Kahlert: Die Energiepolitik der DDR. Mängelverwaltung zwischen Kernkraft und Braunkohle. Bd. 92. Bonn, 1988, Verlag Neue Gesellschaft Download LMU München. In den Blöcken 5 bis 8 sollte der unter Sicherheitsaspekten deutlich verbesserte Reaktortyp WWER-440/213 zum Einsatz kommen, der z. B. über mehrere redundante Hauptkühlleitungen, ein überarbeitetes Notkühlsystem mit zumindest theoretischer Beherrschung großer Kühlmittelverluste sowie eine Nasskondensation verfügt und heute noch in mehreren Ländern des ehemaligen Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe betrieben wird.

Der Bau der neuen Blöcke verzögerte sich infolge von Lieferverzögerungen seitens der sowjetischen Schwerindustrie sowie Qualitätsmängeln an den gelieferten sowie auch in der DDR gefertigten Komponenten deutlichFelix Christian Matthes: Stromwirtschaft und deutsche Einheit: Eine Fallstudie zur Transformation der Elektrizitätswirtschaft in Ost-Deutschland. ISBN 3-89811-806-1.Michael Hänel: Das Ende vor dem Ende: Zur Rolle der DDR-Energiewirtschaft beim Systemwechsel, 1980–1990. Download (PDF; 496 kB). Nach eindringlichen Beschwerden in Moskau über die Nichteinhaltung der Lieferverträge wurde die DDR-Führung vom Ministerium für Atomwirtschaft darauf hingewiesen, dass dieses „unter den neuen Bedingungen der Wirtschaftsleitung in der UdSSR keine zwingenden Möglichkeiten hat, die mit den zweiseitigen Regierungsabkommen über die Errichtung von Kernkraftwerken in der DDR eingegangenen Verpflichtungen gegenüber den sowjetischen Vereinigungen und Betrieben durchzusetzen.“

Block 5 nahm erst deutlich verspätet 1989 den Probebetrieb auf, Block 6 wurde 1990 fertiggestellt, aber nicht mehr mit Brennelementen beladen.

Rolle im Winter 1978/79 Während der Schneekatastrophe 1978/1979 war das Kernkraftwerk Greifswald das einzige große Kraftwerk der DDR, das Strom mit voller Leistung lieferte. Das Personal wurde in diesen Tagen aufgrund unpassierbarer Straßen teilweise mit Armeehubschraubern zur Arbeit gebracht oder von dort abgeholt. Viele Braunkohlekraftwerke liefen mit verminderter Leistung oder fielen aus, da sie oft nur geringe Vorräte hatten, die hoch wasserhaltige Kohle auf dem Transportweg festfror oder die Transportzüge aufgrund vereister Oberleitungen und Gleisanlagen gar nicht bis zu den Kraftwerken gelangten.Manfred Haferburg: Blackout in Deutschland – vor 40 Jahren war alles zu spät (Teil 1), Achse des Guten, 27. Dezember 2018.Manfred Haferburg: Blackout in Deutschland (Teil 2) – der Tag, an dem ich die Mauer beleuchtete, Achse des Guten, 28. Dezember 2018., Nordmagazin, NDR, 22. Dezember 2018.Sechs Tage Eiszeit - Der Katastrophenwinter 1978/79 | Video | ARD Mediathek. Abgerufen am 1. Januar 2020.

Nachdem ab dem 13. Februar 1979 erneut Schneestürme mit bis zu 25 m/s über den Norden der DDR zogen und die Straßen sowie die Bahnlinie zum Kraftwerk unpassierbar machten, war es von der Außenwelt abgeschnitten. Die gerade anwesende, etwa 1000-köpfige Nachtschicht, die am Morgen des 14. Februar abgelöst werden sollte, arbeitete unter Schichtleiter Manfred Haferburg über 50 Stunden bis zur Erschöpfung durch, ehe am 16. Februar, immer noch im Schneetreiben, die erste Ablösung mit Armeehubschraubern, in denen zwölf Passagiere befördert werden konnten, eingeflogen werden konnte. Um Landeplätze auf einem Werksparkplatz zu schaffen, wurden die dort stehenden Lichtmasten umgerissen. Der Schichtleiter verließ das Werk mit dem letzten Hubschrauber nach einem 70 Stunden-Dienst.

Bau der Fernwärme-Trasse 1982 wurde mit dem Bau einer Fernwärmeauskopplung begonnen. Ab 1983 und 1984 konnten jeweils 75 MW Fernwärme aus den Blöcken 1, 2, 3 und 4 ausgekoppelt und damit ca. 14.000 Wohnungen sowie einige Industriebetriebe versorgt werden.

Verschleppung von Instandhaltungsmaßnahmen Ende der 1980er Jahre Die WWER-440/230-Reaktoren der Blöcke 1 bis 4 entsprachen mit ihrer Konzeption aus den späten 1960er Jahren unter einer Reihe von Sicherheitsaspekten nicht den in den 1980er Jahren üblichen Standards. Neben grundsätzlichen konzeptuellen Schwächen wurde vom Staatlichen Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz der DDR insbesondere die zunehmende Versprödung der Reaktordruckbehälter in den Blöcken 1 bis 4 (siehe Abschnitt weiter unten) mit großer Sorge beobachtet. Im Rahmen einer großangelegten Rekonstruktion der Blöcke 1 bis 4 sollte eine Annäherung an das international übliche Sicherheitsniveau sowie ein zuverlässiger Betrieb für die verbleibende Laufzeit der Reaktoren erreicht und sichergestellt werden. Das Projekt kam jedoch wegen fehlender Kooperation der sowjetischen Stellen zunächst nicht voran. Im Laufe der 1980er Jahre verschlechterte sich der Zustand der Anlage so sehr, dass die Aufsichtsbehörde im Mai 1987 für Block 1 eine sofortige Rekonstruktion forderte, da der Betrieb sonst sicherheitstechnisch nicht vertretbar sei:

Vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Energiekrise der DDR schob das Politbüro am 30. Juni 1987 die Modernisierungsmaßnahmen für das Kernkraftwerk Greifswald auf. Der Reaktorblock 1 wurde entgegen den Forderungen der Sicherheitsbehörde wieder angefahren. Zumindest die thermische Behandlung des Reaktordruckbehälters zum Ausheilen der Versprödung der Schweißnähte wurde jedoch ein Jahr später vorgenommen.Gesellschaft für Reaktorsicherheit - Zweiter Zwischenbericht zur Sicherheitsbeurteilung des Kernkraftwerks Greifswald Blöcke 1-4 (WWER-440/W-230) Download

Innerhalb der DDR-Führung war die Zukunft der Blöcke 1 bis 4 des Kernkraftwerks Greifswald umstritten. Während das Zentralkomitee der SED am 30. Mai 1989 die großangelegte Rekonstruktion der Reaktorblöcke 1 bis 4 beschloss, war man im Staatlichen Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz gegenüber sowjetischen Stellen der Ansicht, dass „einer Rekonstruktion in den 90er Jahren, bei der eine beträchtliche Differenz zum internationalen Stand verbleibt, nicht zugestimmt werden kann, sondern eine Stilllegung der Blöcke erfolgen sollte“. Auch in dieser Frage musste sich die formell unabhängige Aufsichtsbehörde letztendlich der Parteilinie beugen und die geplante Rekonstruktion befürworten.

Stilllegung 1990 Mit der am 1. Februar 1990 im westdeutschen Spiegel erschienenen Reportage Zeitbombe Greifswald wurden erstmals in der Öffentlichkeit Sicherheitsmängel im Kernkraftwerk Greifswald bekannt. In Anspielung auf die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl wurde es polemisch als „Tschernobyl Nord“ bezeichnet, obwohl in Lubmin kein RBMK-Reaktor (wie in Tschernobyl), sondern wie bereits oben erwähnt ein WWER-Reaktor verbaut war, der völlig andere reaktorphysikalische Eigenschaften hat. Neben einer Auflistung von bis dahin nicht veröffentlichten Störfällen und dem Hinweis auf die Versprödung der Reaktordruckbehälter enthielt der Artikel auch Behauptungen zu unbeherrschten Korrosionsproblemen im Reaktordruckbehälter sowie einer problematischen Strömungsmechanik im Reaktorkern infolge überdimensionierter Hauptumwälzpumpen. Den beiden letztgenannten Problemen wurde in einem später erschienenen Sicherheitsgutachten der Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) widersprochen.

Die GRS begann mit Hilfe sowjetischer und französischer Experten das Kernkraftwerk Anfang 1990 im Vorfeld der Wiedervereinigung zu überprüfen. Neben generellen sicherheitstechnischen Mängeln an allen vier Blöcken wie der fehlenden Redundanz für die Notkühlung der Reaktoren, der Nichtbeherrschung eines Bruchs der Hauptkühlmittelleitung sowie dem Fehlen eines Sicherheitsbehälters oder einer Nasskondensation führten insbesondere die sich aus der Versprödung der Reaktordruckbehälter ergebenden gravierenden Sicherheitsbedenken bei den Blöcken 2 und 3 zu einer vorübergehenden Stilllegungsempfehlung im Februar 1990.

Die Blöcke 2 und 3 wurden im Februar abgeschaltet. Block 4 wurde im Frühsommer 1990 für die anstehende Revision abgefahren und nicht mehr in Betrieb genommen. Die DDR-Regierung entschied am 1. Juni 1990 auf Basis eines Gutachtens der GRS, dass die Blöcke 1 bis 4 nur mit nichtvertretbaren Kosten auf ein nach bundesdeutschem Recht genehmigungsfähiges Niveau gebracht werden könnten und somit abgeschaltet werden sollten.Journalisten-Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung e. V. Geschichte des KKW Nord (brueckerhoff.de) Zur Versorgung der per Fernwärme angeschlossenen Einrichtungen blieb Block 1 noch bis zum 17. Dezember 1990 in Betrieb und wurde unmittelbar nach Inbetriebnahme eines provisorischen Heizhauses mit zehn Ölheizkesseln à 20 Megawatt als letzter abgeschaltet. Seit 1995 erfolgt die Fernwärme-Versorgung größtenteils durch gasbetriebene Blockheizkraftwerke.