Als Tembienschlachten werden die zwischen dem 20. Januar und dem 29. Februar 1936 im Kontext des Abessinienkrieges im Nordosten des damaligen Kaiserreiches Abessinien ausgetragenen Kämpfe zwischen Italien und Abessinien bezeichnet. Die beiden Schlachten fanden in der historischen Region Tembien statt, die in der heutigen äthiopischen Provinz Tigray liegt. Nach rund sechs Wochen endeten die Kämpfe mit einem Sieg der zahlenmäßig und waffentechnisch überlegenen italienischen Streitkräfte. Dieser Erfolg brachte, zusammen mit dem italienischen Sieg in der Schlacht von Mai Ceu, die Entscheidung in jenem Krieg zugunsten Italiens. Das Kaiserreich Abessinien wurde nachfolgend Teil der Kolonie Italienisch-Ostafrika.

Erste Tembienschlacht Die erste Tembienschlacht (20. bis 24. Januar 1936) begann mit einem Vorstoß der Italiener unter der Führung von Marschall Pietro Badoglio von Eritrea aus. Die italienischen Verbände zählten etwa 70.000 Soldaten, 14.000 Zugtiere sowie rund 300 Artilleriegeschütze. Hinzu kamen etwa 100 Flugzeuge, die im Schwerpunkt um Asmara und in der Region Debub stationiert waren, darunter 20 Ca.101-Bomber, 17 Ca.133-Bomber sowie 22 SM.81-Transporter bzw. Behelfsbomber. Die Italiener rückten zunächst in zwei Kolonnen vor, die aus dem II. und dem III. Armeekorps bestanden. Das III. Korps sicherte zunächst das Gebiet um Mek’ele, während das II. Korps auf den Af Gaga-Pass westlich von Aksum vorstieß und dort den Flankenschutz übernahm. Im Nachgang sollten Vorstöße entlang des Flusses Beles und in Richtung der Berge Amba Cossà und Amba Dembra durchgeführt werden.

Während am 20. Januar 1936 die Operationen nach Plan verliefen, stieß am 21. Januar eine rund 1.500 Mann starke Einheit des Schwarzhemden-Bataillons „Eritrea“ unter der Führung von Generalkonsul Filippo Diamanti – entgegen den Befehlen Badoglios – vom Warieu-Pass aus über den Beles hinaus vor und wurde wenige Kilometer jenseits des Flusses von zahlenmäßig weit überlegenen äthiopischen Kräften (geschätzt etwa 10.000 bis 15.000 Soldaten) eingekreist. Verschärft wurde die Lage noch von der Untätigkeit einer weiteren Marschkolonne, die – ebenso entgegen den Befehlen Badoglios – ihr Nachtlager auf dem kurz zuvor gesicherten Berg Amba Dembra aufschlug anstatt weiter vorzurücken, um Diamanti zu entlasten.Angelo del Boca: Gli italiani in africa orientale. La conquista dell'impero. Vol. 2. Arnoldo Mondadori. Cles 1992, S. 523f. In der Folge setzten die Italiener an den nachfolgenden 24 Stunden auch Bomberstreitkräfte ein, um den Rückzug dieser zu weit vorgestoßenen Einheit Diamantis absichern zu können, die unter Mühen (alleine Diamantis Schwarzhemden-Bataillon zählte später rund 260 Gefallene) ihren Weg zurück in Richtung des Warieu-Passes freikämpfen konnte, der unter anderem von eritreischen Kolonialtruppen (Regio corpo truppe coloniali d'Eritrea), von Teilen des 3. Gebirgsartillerieregiments „Brescia“ mit zwei Batterien mit 65-mm-Gebirgsgeschützen sowie von weiteren Schwarzhemden verteidigt wurde.

Die äthiopischen Heerführer Ras Cassa und Ras Sejum erkannten ihre Chance und versuchten, die um den Warieu-Pass stehenden und zahlenmäßig noch schwachen Italiener einzukreisen und mit infanteristischen Angriffen zu vernichten. Diese Versuche scheiterten jedoch nach kleineren Anfangserfolgen. Auf Anweisung von General Alessandro Pirzio Biroli setzten die italienischen Luftstreitkräfte in den folgenden zwei Tagen mehrfach Senfgas-Bomben gegen die am Warieu-Pass anstürmenden Äthiopier ein,Arrigo Petacco: Faccetta nera. Storia della conquista dell'impero. Arnoldo Mondadori. Cles 2005, S. 122. die nachfolgend schwere Verluste erlitten. Am 24. Januar 1936 brachen die Äthiopier ihre massierten Infanterieattacken schließlich ab, womit die erste Tembienschlacht ihr Ende fand.

Rein nach Verlusten gerechnet, die äthiopischen Verluste waren rund fünfmal so hoch wie die italienischen, und vor dem Hintergrund, dass es den Italienern gelang, Geländegewinne zu erzielen, die für die zweite Tembienschlacht später bezüglich der Ausgangslage von Gewicht waren, kann die Schlacht als begrenzter italienischer Erfolg gewertet werden. Gleichwohl geschahen auf italienischer Seite teils grobe taktische Fehler, die, wenn die Luftstreitkräfte inklusive der Gasbomben nicht verfügbar gewesen wären, rasch zu einem empfindlichen Rückschlag gegenüber einem technologisch unterlegenen Gegner hätten führen können.

Zweite Tembienschlacht Nach der ersten Tembienschlacht und den heftigen Gefechten um den Warieu-Pass standen große Teile der Streitmacht von Ras Cassa, etwa 40.000 Mann, entlang des Beles-Flusses aufgestellt. Darüber hinaus befand sich weiter östlich von dieser ein weiterer äthiopischer Heeresverband unter Ras Mulugeta mit circa 30.000 Soldaten. Um diese Flankenbedrohung auszuschalten, attackierte Badoglio in der Schlacht von Amba Aradam die Truppen von Ras Mulugeta und fügte diesen zwischen dem 10. und dem 19. Februar 1936 eine schwere Niederlage zu, wobei vor allem dem italienischen III. Armeekorps unter Ettore Bastico bei diesem Erfolg eine gewichtige Rolle zufiel.A. J. Barker: Rape of Ethiopia, 1936. Ballantine Books. New York 1971, S. 55. Die in der Kolonie Eritrea stehenden italienischen Luftstreitkräfte flogen dabei massive Luftunterstützung und warfen innerhalb von sechs Tagen rund 192 Tonnen Bomben ab. Auch der äthiopische Kommandeur, Ras Mulugeta, wurde bei einem Luftangriff getötet. mini|links|Operationen während der Tembienschlachten im Jahr 1936, Abiy Addi und Tembien sind in der Karte oben mittig zu sehen. Im Anschluss konzentrierten sich die Italiener mit allen Kräften, im Schwerpunkt das II. und das III. Armeekorps, auf die noch direkt vor ihnen am Beles stehenden äthiopischen Verbände von Ras Cassa. Badoglio ließ unter anderem für den entscheidenden Angriff rund 48.000 Artilleriegranaten bereitstellen.Barker: Rape of Ethiopia, 1936, S. 83. Zudem führten die Italiener noch rund 50.000 Mann als Reserven heran, so dass Badoglios Verbänden nun um die 120.000 Soldaten und rund 400 Geschütze zählten. Eine wichtige Rolle fiel auch den italienischen Luftstreitkräften in Eritrea zu, die die im Feld stehenden Truppen mit Treibstoff, Munition und Wasser versorgten.

Angesichts des italienischen Aufmarsches bat Ras Cassa, dem die gegnerischen Bewegungen und die technische Überlegenheit durchaus bekannt waren, Kaiser Haile Selassie darum, sein Truppen zurücknehmen zu können, um sie gegebenenfalls mit den stark angeschlagenen Kräften von Ras Mulugeta vereinigen zu können. Die Bitte war indessen überflüssig, da Selassie bereits nach dem Debakel am Amba Aradam die generelle Erlaubnis gegeben hatte, dass Ras Cassa notfalls auf Ras Mulugetas Truppenteile zurückgehen könnte. Diese Anfrage verzögerte indessen die Rückzugsbewegungen, so dass die Äthiopier den größten Teil ihrer Truppen nicht mehr rechtzeitig vom Beles zurücknehmen konnten. mini|links|Kämpfe in schwierigem Terrain: Italienische Soldaten ersteigen einen Bergrücken (Februar 1936). Die zweite Tembienschlacht (27. bis 29. Februar 1936) begann in der Nacht des 26./27. Februar 1936 mit einem italienischen Kommandounternehmen gegen den aus zwei Gipfeln bestehenden und von den Äthiopiern gehaltenen Berg Amba Uork, der wie eine Riegelstellung vor Basticos III. Armeekorps lag. Dem etwa 150 Mann starken Kommando, zum überwiegenden Teil bestehend aus Alpinis, gelang die überraschende Einnahme des nördlichen Gipfels, dann jedoch wurden die Italiener von den Äthiopiern entdeckt, so dass der kleinen Einheit die Eroberung des Südgipfels nicht gelang. Gleichwohl zogen sich die Äthiopier im Morgengrauen, als die italienische Artillerie ab 8:00 Uhr das Feuer auf den Berg eröffnete, vom südlichen Bergrücken zurück, wobei sie in schweres Maschinengewehrfeuer von eritreischen Kolonialtruppen gerieten, die mittlerweile den Bergrücken in kleinen Gruppen umgangen hatten.

Fast gleichzeitig wurden äthiopische Truppen unter Ras Sejum nahe der Stadt Abiy Addi durch schwere Luftangriffe und durch Artilleriebeschuss zum Rückzug gezwungen. Bis zum Abend des 27. Februar war den Italienern an allen Punkten der Durchbruch gelungen und alleine Ras Sejums Truppen, die sich teils panikartig und unkoordiniert zurückzogen, zählten mehr als 1.000 Gefallene.Barker: Rape of Ethiopia, 1936, S. 84f. In der Folge konnte Basticos III. Armeekorps schnell nachsetzen und rasch durch das Ghevà-Tal vorrücken.

Von äthiopischen Gefangenen erfuhren die Italiener im Laufe des 27. Februar, dass Ras Cassa, der sich, von italienischen Flugzeug beständig bombardiert, auf dem Rückzug vom Beles befand, zurückgehende Verbände gesammelt hatte und mit etwa 10.000 Soldaten südlich von Abiy Addi eine neue Abwehrlinie aufzubauen versuche. Am Morgen des 28. Februar erneuerten die Italiener ihre Offensive und stießen mit zwei Stoßkeilen – einen bildete das III. Armeekorps unter Bastico, den anderen eritreischen Kolonialtruppen und die Schwarzhemden-Division 1st CC.NN. Division "23 Marzo" – an Abiy Addi vorbei vor und kreisten so die Reste von Ras Cassas und Ras Sejums Truppen allmählich ein. Die beiden Zangen trafen sich am Nachmittag des 28. Februar südwestlich von Abiy Addi und schlossen somit den Kessel. Die etwa 10.000 äthiopischen Soldaten im Kessel wurden nachfolgend durch Luftangriffe, wobei erneut Senfgas-Bomben eingesetzt wurden, und Artilleriebeschuss zermürbt.Boca: Gli italiani in africa orientale, S. 580ff. Die überlebenden Äthiopier ergaben sich im Laufe des 29. Februar 1936. Ras Cassa und Ras Sejum sowie geschätzt etwa 2.000 bis 3.000 Soldaten konnten der Umzingelung entkommen und erreichten Tage später Haile Selassies Hauptquartier in Korem.

Die zweite Tembienschlacht endete mit einem klaren italienischen Erfolg. Die äthiopischen Streitkräfte büßten mindestens 8.000 Soldaten ein und stellten danach, zumal auch die Moral stark beeinträchtigt war, keine größere Herausforderung mehr für die Italiener dar. Die italienische Armee hatte im Gegenzug dazu nur geringe Verluste zu beklagen und verlor etwa 600 Mann, darunter 188 eritreische Kolonialsoldaten.

Nachwirkung Badoglio eroberte später noch den geschichtsträchtigen Amba Alagi und rieb bis zum 3. März auch die Armee des Ras Imru auf. Der Negus startete danach mit seiner kaiserlichen Garde und anderen Verbänden einen letzten, verzweifelten Versuch, mit einem Angriff auf Badoglios Kolonnen die von Eritrea und Somalia aus gestartete italienische Zangenbewegung zu stoppen. Nachdem dieser Gegenangriff bei Mai Ceu gescheitert war, zog sich der Negus in Richtung Addis Abeba zurück. Dort marschierten die italienischen Truppen am 5. Mai 1936 ein.

Einzelnachweise

Siehe auch Italienische Kriegsverbrechen in Afrika Italienisch-Eritrea

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