Die Polymyalgia rheumatica (griechisch/lateinisch für rheumatischer Vielmuskelschmerz, umgangssprachlich Polymyalgie; abgekürzt PMR) ist eine entzündlich-rheumatische Erkrankung mit akut beginnenden Schmerzen der Schulter- und Beckengürtelmuskulatur. Sie betrifft überwiegend ältere Menschen. Die Muskelschmerzen ähneln denen des Fibromyalgiesyndroms. Es handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung.https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/060-006 Wahrscheinlich ist es eine Minor-Variante (Form mit verminderter Symptomatik) der Riesenzellarteriitis.

Epidemiologie Die Polymyalgia rheumatica ist eine typische Erkrankung des älteren Menschen und nach der Rheumatoiden Arthritis die zweithäufigste entzündlich-rheumatische in dieser Altersgruppe. Meist tritt sie bei über 50-jährigen auf. Frauen sind etwa dreimal so häufig betroffen wie Männer. In 20 % der Fälle tritt die Polymyalgie zusammen mit einer Riesenzellarteriitis auf. mini|Der Kanoniker Joris van der Paele, Ausschnitt aus einem von ihm gestifteten Gemälde von Jan van Eyck, 1436, möglicherweise dargestellt mit Symptomen von Polymyalgia rheumaticaJan V. Dequeker: Polymyalgia Rheumatica with Temporal Arteritis, as Painted by Jan van Eyck in 1436. In: Canadian Medical Association Journal. Band 124, Nr. 12, 15. Juni 1981, S. 1597 f. und Riesenzellarteriitis (geschwollene Hand links, hervortretende Schläfenarterien)

Symptomatik Kardinalsymptom ist der akut einsetzende, erhebliche morgendliche Muskelschmerz im Schulter- und/oder Beckengürtelbereich. Dieser Schmerz ist in der Regel seitensymmetrisch. Es tritt eine zum Teil schmerzhafte Steifigkeit der Muskulatur auf, die bis zur Bewegungsunfähigkeit führen kann. Meist besteht zudem ein allgemeines Krankheitsgefühl, wie bei einem grippalen Infekt.

Paraklinisch sind starke Entzündungszeichen (vermehrte Akute-Phase-Proteine, erhöhte Blutsenkungsgeschwindigkeit) und bisweilen eine Anämie nachweisbar. Die Bestimmung von Rheumafaktoren ist für die Differentialdiagnose hilfreich. Auch die Elektromyographie ist unauffällig. In der Muskelbiopsie kann bei diagnostischer Unsicherheit das Vorliegen einer Polymyositis, einer Dermatomyositis oder einer Einschlusskörper-Myositis ausgeschlossen werden.

Ursachen Zur Entstehung und Ausprägung der Erkrankung tragen wahrscheinlich eine genetische Prädisposition (Krankheitsanfälligkeit), Infektionen, Alterungsprozesse und möglicherweise hormonelle Ungleichgewichte kollektiv (im Zusammenspiel) bei.

Diagnosekriterien Vier von sieben Kriterien müssen erfüllt sein (nach Bird u. a., 1979):

beidseitige Schulterschmerzen und/oder Steifigkeit (alternativ Schmerzen im Bereich: Nacken, Oberarme, Gesäß, Oberschenkel) akuter Erkrankungsbeginn (innerhalb von zwei Wochen) Alter > 65 J. (in Ausnahmefällen auch früher) initiale Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit von > 40 mm/1.h morgendliche Steifigkeit > 1 Stunde Depression und/oder Gewichtsverlust beidseitiger Oberarmdruckschmerz

Ein entscheidendes diagnostisches Zeichen ist, dass bei der Behandlung mit einer höheren Dosis von Cortison die Beschwerden fast schlagartig, also meist schon am nächsten Tag, verschwinden. Es gibt keinen spezifischen Test zum Nachweis der Erkrankung.

Abgrenzung (Differentialdiagnose)

Kalziumpyrophosphat-Arthropathie: Befall großer Gelenke Rheumatoide Arthritis des höheren Lebensalters: oft schleichender Beginn in kleinen Gelenken Fibromyalgie: keine Entzündungszeichen

Therapie Bei ausreichender Gabe von Glukokortikoiden kommt es bereits nach wenigen Stunden bis Tagen zur Beschwerdefreiheit. Liegt gleichzeitig eine Riesenzellarteriitis vor, muss eine deutlich höhere Dosis verwendet werden. Die Dosis wird nur bei Beschwerdefreiheit gesenkt. Während der Behandlung wird auf mögliche Nebenwirkungen, Laborparameter und die Krankheitsaktivität geachtet. Zur Verhinderung von Rezidiven ist eine Erhaltungstherapie über die Dauer von höchstens einem Jahr nötig.

Wenn die alleinige Behandlung mit Glukokortikoiden ein zu hohes Risiko für Nebenwirkungen birgt, kann zusätzlich Toclizumab, Methotrexat oder Rituximab gegeben werden. Dies gilt auch für Patienten mit rezidivierendem Verlauf.

Insbesondere älteren und/oder gebrechlichen Patienten sollte zusätzlich zur medikamentösen Therapie ein individualisiertes Übungsprogramm angeboten werden.https://register.awmf.org/assets/guidelines/060-006m_S2e_Behandlung-der-Polymyalgia-rheumatica_2025-04.pdf

Therapieziel Beschwerdefreiheit Senkung (BSR) < 20 mm nach der Westergren-Methode (1-Stundenwert) C-reaktives Protein (CRP) < 1 mg/dl

Literatur A. Bird u. a.: An evaluation of criteria for polymyalgia rheumatica. In: Annals of the Rheumatic Diseases. 1979, 38(5), S. 434–439.

Weblinks Diagnostik und Differenzialdiagnose bei Myalgien in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie F. Wermelinger: «Polymyalgia rheumatica» – eine problematische Diagnose. (PDF; 335 kB) In: Schweiz Med Forum, Nr. 26, Juni 2002, S. 623–630. (Beschreibung des Krankheitsbildes) Merkblatt. (PDF; 99 kB) Deutsche Rheuma-Liga

Einzelnachweise

Kategorie:Autoimmunerkrankung Kategorie:Krankheitsbild in der Rheumatologie