mini|Eberhard Zangger im hethitischen Felsheiligtum Yazılıkaya, 2018Eberhard Zangger (* 9. April 1958 in Kamen, Nordrhein-Westfalen, als Eberhard Finke) ist ein deutscher Geoarchäologe, Kommunikationsberater und Publizist. Bekannt wurde er vor allem durch seine Thesen zur bronzezeitlichen Geschichte des östlichen Mittelmeerraums. Besonderes Aufsehen erregte dabei sein Deutungsansatz, wonach Platons Atlantis mit Troia gleichzusetzen sei – eine Deutung, die in der Fachwelt auf breite und deutliche Ablehnung stieß. Nicht weniger umstritten sind seine Thesen zur historischen Rolle der Träger der luwischen Sprache im 2. Jahrtausend v. Chr. In der Fachöffentlichkeit wurden Zanggers Arbeiten wiederholt als außerhalb des etablierten wissenschaftlichen Konsenses stehend rezipiert und teilweise dem Bereich der Parawissenschaft zugerechnet. Zangger ist Gründer und Präsident der im April 2014 ins Leben gerufenen Stiftung Luwian Studies, die sich der Erforschung der bronzezeitlichen Kulturen Westanatoliens widmet.

Biographie Frühes Leben und akademische Ausbildung Eberhard Zangger wurde im April 1958 unter dem Namen Eberhard Finke als Sohn von Günter und Gerda Finke in eine Handwerkerfamilie geboren.Amy Elisabeth Fuller (Hrsg.): Contemporary Authors New Revision Series, Bd. 156, Detroit 2007, S. 427; Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg. Eine Entdeckungsgeschichte, Zürich 2017, S. 263. Nach der mittleren Reife begann er 1974 eine zweijährige Ausbildung zum Technischen Assistenten am Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main. Daran schloss sich eine weitere zweijährige Ausbildung zum Geologischen Präparator an der damals ersten und einzigen deutschen Präparatorenschule in Bochum an, die er 1978 abschloss. Im Anschluss arbeitete Finke anderthalb Jahre lang am Deutschen Bergbau-Museum in Bochum, wo er an Projekten beteiligt war, die sich mit den Auswirkungen der Luftverschmutzung auf Kunst- und Kulturdenkmäler befassten. Parallel zu seiner beruflichen Tätigkeit legte Finke die Begabtenprüfung ab, die ihm ein Hochschulstudium ohne Reifezeugnis ermöglichte. Er nahm ein Studium der Geologie und Paläontologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel auf. Für seine Leistungen erhielt er mehrere Stipendien der Studienstiftung des deutschen Volkes – darunter ein Inland-, Übersee- und Doktorandenstipendium.

1984 setzte Finke sein Studium an der Stanford University fort. Dort wurde er 1988 mit einer Dissertation zum Thema Landscape Evolution of the Argive Plain (Greece). Paleoecology, Holocene Depositional History, and Coastal Change promoviert.Eberhard Finke: Landscape Evolution of the Argive Plain, Greece. Paleoecology, Holocene Depositional History and Coastline Change [Phil. Diss.], Stanford 1988. Im selben Jahr heiratete er und nahm den Nachnamen seiner Ehefrau an. Das Paar bekam zwei Kinder. Von 1988 bis 1991 war Zangger wissenschaftlicher Mitarbeiter am Department of Earth Sciences der University of Cambridge. In dieser Zeit konzentrierte er sich auf geoarchäologische Fragestellungen und untersuchte unter anderem die Küstenlage der Dimini Magoula im neolithischen Griechenland, die Ausdehnung des Lernäischen Sees und die Funktion mykenischer Flussumleitungen. Diese Forschungen fanden in der Fachwelt einige Beachtung. 1991 gründete Zangger das unabhängige Büro für geoarchäologische Beratung Geoarchaeology International in Zürich und war darüber an mehreren archäologischen Feldprojekten im Mittelmeerraum beteiligt.Zum Lebenslauf siehe Amy Elisabeth Fuller (Hrsg.): Contemporary Authors New Revision Series, Bd. 156, Detroit 2007, S. 427; und Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg. Eine Entdeckungsgeschichte, Zürich 2017, S. 54, 258–85.

Die Atlantis-Troia-Hypothese Im Sommer 1991 besuchte Zangger auf Einladung Manfred Korfmanns erstmals die Ausgrabungsstätte des antiken Troia am Hisarlık Tepe. Aufgrund seiner Expertise im Bereich künstlicher Wasserbauanlagen hoffte Korfmann auf weiterführende Anregungen. Da die geomorphologische Analyse der Kanäle in Troia bereits dem Geoarchäologen Ilhan Kayan oblag, erfolgte Zanggers Teilnahme an den Grabungen inoffiziell und lediglich „als Tourist“. Bereits im Vorfeld, noch in Tübingen, hatte Korfmann in einem persönlichen Gespräch Zangger nachdrücklich davon abgeraten, seine seit April 1990 entwickelte Hypothese zu Troia und Atlantis weiterzuverfolgen, was Zangger jedoch nicht beherzigte.Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg. Eine Entdeckungsgeschichte, Zürich 2017, S. 258–67.

1992 erregte Zangger schließlich mit seinem Werk The Flood from Heaven – Deciphering the Atlantis Legend größere Aufmerksamkeit, indem er erstmals öffentlichkeitswirksam die These formulierte, Platons Atlantis-Erzählung basiere auf der Geschichte Troias. Er argumentierte hierbei, dass Platon eine altägyptische Version der Geschichte Troias für seinen Atlantis-Bericht verwendet habe, indem er Parallelen zwischen der mykenischen Kultur und Platons Beschreibung von Atlantis sowie zwischen dem Troianischen Krieg bei Homer und dem Krieg zwischen Griechenland und Atlantis zog.Eberhard Zangger: The Flood from Heaven. Deciphering the Atlantis Legend, London 1992. Im gleichen Jahr auch in deutscher Übersetzung unter dem Titel Atlantis – Eine Legende wird entziffert; erschienen. Diese These rief insbesondere im angelsächsischen Raum zunächst verhaltenes Interesse,Phyllis Young Forsyth: Rezension. The Flood from Heaven. In: The American Historical Review 98/5, 1993, S. 1565. dann aber vor allem vehemente Kritik hervor und wurde von Altertumskundlern aufgrund von methodischen Unzulänglichkeiten weit überwiegend als nicht haltbar abgelehnt.Manfred Korfmann: Troia und Atlantis. In: Antike Welt, 1992, S. 299; Thomas A. Szlezák: Atlantis und Troia, Platon und Homer – Bemerkungen zum Wahrheitsanspruch des Atlantis-Mythos. In: Studia Troica 3, 1993, S. 233–37; Edmund F. Bloedow/Giuseppina A. Spina: Two Tales of One City. Atlantis Surfaces from the Deluge to Claim Ilion. In: Studia Troica 4, 1994, S. 159–71; Heinz-Günther Nesselrath: Platon und die Erfindung von Atlantis, München 2002, S. 8f, S. 43–45, Anm. 4–6. Jüngst Stephan W. E. Blum: Troia. Vom vielen Suchen und nichts finden. In: Stefan Baumann (Hrsg.): Fakten und Fiktionen. Archäologie vs. Pseudowissenschaft, Darmstadt 2018, S. 114–29 (PDF).

Auseinandersetzung mit Manfred Korfmann und Wechsel in die Privatwirtschaft Ab 1994 erarbeitete Zangger eine Chronologie der politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen im östlichen Mittelmeerraum des 13. Jahrhunderts v. Chr. Dabei interpretierte er den homerischen Troianischen Krieg als Erinnerung an einen bedeutenden Konflikt, der um 1200 v. Chr. zum Zusammenbruch mehrerer Staaten in der Region führte. Besonderes Gewicht maß er verschiedenen dem luwischen Sprachraum zugehörigen Staaten in Westanatolien bei – darunter Arzawa, Mira, Wilusa, Lukka und Seha – und betonte deren Rolle im Verlauf dieser historischen Ereignisse.Eberhard Zangger: Ein neuer Kampf um Troia. Archäologie in der Krise, München 1994. Jüngere Arbeiten zum Themenkomplex sind ders.: Die luwische Kultur. Das fehlende Element in der Ägäischen Bronzezeit, Istanbul 2016; sowie Die Luwier und der Trojanische Krieg. Eine Entdeckungsgeschichte, Zürich 2017.

1998 plante Zangger eine luftgestützte geophysikalische Untersuchung der Troia-Ebene, um Siedlungsschichten und vermeintliche künstliche Hafenbecken zu identifizieren. Das türkische Ministerium für Kultur und Tourismus verweigerte jedoch die Genehmigung für dieses Projekt – ein Entschluss, der im Einklang mit den wissenschaftlichen Bedenken Manfred Korfmanns stand, der Zanggers Theorien und Interpretationen kritisch gegenüberstand. Der zu diesem Zeitpunkt bereits länger schwelende Konflikt mit dem Tübinger Altertumskundler eskalierte Anfang der 2000er vollends, als Korfmann Zanggers wissenschaftliche Reputation infrage stellte und angab, dieser sei in wissenschaftlichen Veröffentlichungen nicht zu finden.Im Konkreten sagte Korfmann, von Klaus-Dieter Linsmeier auf die Thesen von Zangger angesprochen, aus: „In Fachpublikationen werden Sie ihn [Zangger] nicht finden. Nur so viel zu seiner These [einer Identität von Troia und Atlantis]: In insgesamt fast dreißig Jahren wurde auf dem Burgberg sehr intensiv gegraben, ohne dass Hunderte von Archäologen und anderen Wissenschaftlern dort etwas von den bei Plato genau geschilderten Merkmalen des Zentrums von Atlantis gefunden hätten. Es gab nicht den kleinsten Rest von goldverkleideten Mauern oder Dachgestühlen aus Elfenbein. Und bei 260 Sondagen im Umland, die der Erforschung der Landschaftsentwicklung galten, kamen keine Hinweise auf Siedlungsreste einer Weltmetropole um den Burgberg Troias herum zum Vorschein.“ Klaus-Dieter Linsmeier: „In seiner Ilias hat Homer die Leiden des Kriegs angeprangert“. Interview mit Manfred Korfmann. In: Spektrum der Wissenschaft 7, 2000, S. 68f, hier: S. 68. Auch verglich Korfmann Zangger bei anderer Gelegenheit aufgrund von dessen fragwürdigen Interpretationen mit Vertretern der Parawissenschaften.Korfmann stellte im Zuge seiner Auseinandersetzung mit Zangger eine Parallele zwischen diesem und dem bekannten Schweizer Parawissenschaftler Erich von Däniken her, dessen Werke in Millionenauflage erschienen sind. Diesen Vergleich griff der Althistoriker Frank Kolb 2001 gegenüber Korfmann auf, was die Kolb-Korfmann-Kontroverse auslöste; Gregor Weber: Neue Kämpfe um Troia. Genese, Entwicklung und Hintergründe einer Kontroverse. In: Klio 88, 2006, S. 7–33, insbes. S. 9f., Anm. 16. Auch Stephan W. E. Blum: Troia. Vom vielen Suchen und nichts finden. In: Stefan Baumann (Hrsg.): Fakten und Fiktionen. Archäologie vs. Pseudowissenschaft, Darmstadt 2018, S. 114–29 (PDF); kommt in seiner Analyse der von Zangger vertretenen Thesen zu Troia und Atlantis erneut zum Ergebnis, dass diese in zentralen Punkten jenseits des Rahmens anerkannter Wissenschaft operieren und in wesentlichen Teilen dem Spektrum der Grenzwissenschaft zuzuordnen sind. Diese Aussagen, Zangger könne in Fachpublikationen nicht gefunden werden, führten zu einem Gerichtsverfahren, in welchem Zangger Korfmann verklagte. Im August 2000 entschied die Pressekammer des Landgerichts München I zugunsten von Zangger und untersagte Korfmann, ihm die wissenschaftliche Befähigung abzusprechen.Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg. Eine Entdeckungsgeschichte, Zürich 2017, S. 80f.