Die Geschichte der Wasserstraßen umfasst die weltweiten Aktivitäten von der Frühgeschichte bis zur Gegenwart, um Flüsse für die Schifffahrt besser nutzbar zu machen und Kanäle zu errichten. Wasserstraßen, zu denen neben Kanälen auch alle schiffbaren Flüsse gerechnet werden, sind in Europa spätestens seit dem Mesolithikum von Menschen zum Reisen genutzt worden. Die Funde von nicht seetüchtigen Einbäumen belegen die Existenz der Binnenschifffahrt zu dieser Zeit.Detlev Ellmers: Die Archäologie der Binnenschiffahrt in Europa nördlich der Alpen. In: Herbert Jankuhn (Hrsg.): Untersuchungen zu Handel und Verkehr der vor- und frühgeschichtlichen Zeit in Mittel- und Nordeuropa V. Der Verkehr, Verkehrswege, Verkehrsmittel, Organisation. Bericht über die Kolloquien der Kommission für die Altertumskunde Mittel- und Nordeuropas in den Jahren 1980 bis 1983. S. 306. Bis zur Einführung des Pferdes in der Hallstattzeit stellten die großen Flusssysteme Nordeuropas die wesentlichen Transportrouten für den Schwerlast- und Personenverkehr dar.Vgl. Walter Torbrügge: Europäische Vorzeit. 1969. S. 192–197. Es ist davon auszugehen, dass die bandkeramischen Einwanderer Nordeuropa zunächst über die Donau und den Rhein erschlossen.Detlev Ellmers: Die Archäologie der Binnenschiffahrt in Europa nördlich der Alpen. In: Untersuchungen zu Handel und Verkehr der vor- und frühgeschichtlichen Zeit in Mittel- und Nordeuropa V. Der Verkehr, Verkehrswege, Verkehrsmittel, Organisation. Bericht über die Kolloquien der Kommission für die Altertumskunde Mittel- und Nordeuropas in den Jahren 1980 bis 1983. S. 308. In den Provinzen des Römischen Reiches kommt es dann vermutlich erstmals zur Anlage von Treidelpfaden und Kanälen. Jedoch sind diese nur durch Schrift und Bildquellen zu belegen.Detlev Ellmers: Die Archäologie der Binnenschiffahrt in Europa nördlich der Alpen. In: Herbert Jankuhn (Hrsg.): Untersuchungen zu Handel und Verkehr der vor- und frühgeschichtlichen Zeit in Mittel- und Nordeuropa V. Der Verkehr, Verkehrswege, Verkehrsmittel, Organisation. Bericht über die Kolloquien der Kommission für die Altertumskunde Mittel- und Nordeuropas in den Jahren 1980 bis 1983. S. 322.
Weit früher wurde in Asien und Nordafrika mit dem Bau der ersten künstlichen Wasserstrassen nämlich der Kanäle begonnen. Nachfolgend ist diese Entwicklung – in Auszügen – dargestellt, da die Erfassung der kompletten Entwicklung das Ausmaß eines Artikels in jeder Hinsicht sprengen würde.
Es gibt zwei bemerkenswert große Zeiträume. Der erste reichte vom 5. Jahrhundert vor Christus bis zum 8. Jahrhundert nach Christus. Ein Grund für die fehlende Entwicklung in diesem Zeitraum ist möglicherweise die fehlende Dokumentation der erforderlichen Kenntnisse. Der zweite große Zeitraum vom 8. bis zum 19. Jahrhundert rührt daher, dass in dieser Zeit Mensch und Tier als natürliche Kraft die Bewegung eines Schiffes gegen den Strom (Bergfahrt, Flussaufwärts) erst möglich machten. Eine grundlegende Wandlung ergab sich erst mit Erfindung der Dampfmaschine im 19. Jahrhundert sowie des Dieselmotors im 20. Jahrhundert.
Antike Pharao Necho II. (reg. 610–595 v. Chr.), ein Sohn Psammetichs I., begann in Ägypten mit den Arbeiten an einer Kanalverbindung zwischen dem Nil bzw. Mittelmeer und dem Roten Meer, die allerdings erst um 280 v. Chr. unter Ptolemaios II. fertiggestellt wurde. An den Kanalausgängen standen nach Auskunft antiker Geographen bereits Schleusen. Obwohl zu Kleopatras Zeit teilweise bereits versandet, bildete der Kanal den geographischen Vorläufer des Suezkanals.
Der größte antike Kanal des Nahen Ostens war der Nahrawan-Kanal entlang des Tigris in der Nähe von Ktesiphon. Er stammte aus dem 3. Jahrhundert, war 400 km lang und 122 m breit.
Der Kanalbau der Römer war vor allem von militärischen Gesichtspunkten geprägt. In Germanien entstand vermutlich um 12 v. Chr. die Fossa Drusiana, ein Kanal, der den Rhein mit dem Oberlauf der IJssel verband. Unter dem Befehlshaber Gnaeus Domitius Corbulo wurde ab dem Jahr 47 n. Chr. die Fossa Corbulonis erbaut, ein künstlicher Wasserweg, der den Rhein bei Matilo mit der Maas verband. Dieser Kanal war 34,5 km lang. Seine Breite variierte zwischen 12 und 14 Metern, die Wassertiefe betrug zwei Meter. Die Fossa Corbulonis ist abschnittsweise noch heute im Gelände nachzuvollziehen.
In China war der wahrscheinlich aus dem 6. Jh. v. Chr. stammende Hong-Gou-Kanal die erste künstliche Wasserstraße. Eine bekanntere technische Leistung war jedoch der Magische Kanal (Ling Qu) aus der Zeit Qin Shihuangdis um 219 v. Chr., der zwei entgegengesetzt fließende Flüsse – Li und Xiang – bändigte und miteinander verband. Er wurde durch Shi Lu projektiert, diente zunächst der Truppenversorgung und war der erste Kanal, der in unebenem Gelände über 32 km entlang von Höhenlinien geführt wurde. Der chinesische Kaiserkanal (7. Jh.) ist über 1700 km lang, oft 30 m breit, Höhenunterschied ca. 42 m. Einzelne Teile des Kanals entstanden schon vor mehr als 2.400 Jahren (Ende der Frühlings- und Herbstannalen im Staat Wu).
In Indien errichtete Nandivardhana (Śiśunāga-Dynastie) im 5. Jh. v. Ch. einen künstlichen Wassertransportweg.
Europa seit dem 8. Jahrhundert miniatur|Canal du Midi miniatur|Canal de Saint-Quentin miniatur|Schleuse des geplanten Nordkanals
Wasserstraßen waren im Mittelalter die einzige Alternative zum Landweg. Als Wasserstraßen dienten zunächst die Flüsse. Wegen der für die Schifffahrt problematischen Wasserverhältnisse bei naturbelassenen Flüssen wurde ab dem 8. Jahrhundert versucht, die Flüsse durch Bauwerke schiffbar zu halten. Im Gegensatz zu natürlichen Gewässern boten die entstandenen Kanäle zahlreiche Vorteile: weitgehend gleich bleibende Wasserstände und beherrschbare Strömungen. Sie hatten wegen der wenigen ausgebauten Wege eine hohe verkehrstechnische Bedeutung. Ferner dienten sie der Verkehrsnetzentwicklung.
Durchstiche von Flussschleifen wurden ab dem 12. Jahrhundert durchgeführt und bildeten zusammen mit Deichen die erste Möglichkeit, Flussläufe zu korrigieren.
Im 10.–11. Jahrhundert entstanden Ansiedlungen und Märkte vor allem an Flussübergängen. Die Benutzung von Wasserstraßen beinhaltete Probleme: Flussaufwärts musste getreidelt werden, heißt: Pferde mussten das Schiff bergauf ziehen. Dies war natürlich sehr zeitaufwändig. Denn wurde z. B. das Gelände zu unwegsam, musste man die Tiere erst auf die andere Seite bringen, wo sie dann weiter zogen. Die Treidelpfade dienten dazu, mit Pferden die Kähne stromaufwärts zu ziehen.
Schwere Lasten wie Steine und Getreide wurden hauptsächlich auf Schiffen transportiert. Ein Nachteil war die geringe Ladekapazität der Schiffe. Zur Lösung dieses Problems wurden häufig Einwegschiffe eingesetzt. Das Holz diese Schiffe wurde an dem Endpunkt der Fahrt weiterverwendet.
Mit dem Aufblühen der Städte im Mittelalter bildeten die Flüsse die frequentesten Verkehrs- und Handelsstraßen. Nur zu bald aber erkannten die Dynasten in den Wasserstraßen eine ergiebige Einnahmequelle und belegten sie daher mit hohen Zöllen (s. Wasserregal). Es dauerte Jahrhunderte, ehe sich in den herrschenden Kreisen eine bessere volkswirtschaftliche Einsicht Bahn brach, welche auf den meisten europäischen Strömen, wenigstens insoweit sie in einem Land flossen, die Abschaffung der Flusszölle herbeiführte.
Die Erfindung der Kammerschleuse im 15. Jahrhundert gab den Anstoß für die großen Kanalbauten Mitteleuropas. In Frankreich wurde unter Ludwig XIV. und Jean-Baptiste Colbert der Canal du Midi gebaut. Später setzte sich Napoleon I. für einen großzügigen Kanalbau ein (z. B. Canal de Saint-Quentin). In der Zeit der Besetzung Deutschlands begann Napoleon mit dem Bau des Nordkanals und konzipierte einen Canal de la Seine à la Baltique, der den Rhein mit der Ostsee bei Lübeck verbinden sollte. In Belgien und den Niederlanden begannen größere Kanalbauten ebenfalls im 15. Jahrhundert, während Russland erst ab 1700 die Anlage großer künstlicher Wasserstraßen durchführte. Etwa zur gleichen Zeit begann der erste bedeutendere Kanalbau in Großbritannien (Sankey-Brook-Kanal, 1720). (PDF; 8 kB)
miniatur|Nordgeorgsfehnkanal (Moorkanal) 1910; im Hintergrund das Torfkraftwerk Wiesmoor Einen Sonderfall stellen Moorkanäle dar, die einen doppelten Zweck erfüllen: Erstens sollen sie ein Moor entwässern und zweitens zugleich eine Möglichkeit schaffen, den abgebauten Torf per Kähnen abzutransportieren. Die älteste Siedlung, die auf diese Weise entstanden ist, ist die Siedlung Oude Pekela in der niederländischen Provinz Groningen. Sie wurde 1599 gegründet. Die älteste deutsche Fehnkolonie entlang mehrerer Moorkanäle ist das 1630 gegründete Papenburg im Emsland. Die meisten Moorkanäle wurden während des 19. Jahrhunderts gebaut.Otto Lueger: Lexikon der Gesamten Technik. 1904. Lemma: Moorkanal
Deutschsprachiger Raum miniatur|Schleuse am Ludwigskanal miniatur|Treideln mit Zugtieren am Finowkanal
8. – 16. Jahrhundert 793 n. Chr. gelang es Karl dem Großen, eine Verbindung zw. Rhein und Donau zu schaffen (Fossa Carolina), die aber keinen längerfristigen Bestand hatte. Erst 1845 wurde dies mit dem Ludwigskanal zwischen Bamberg und Kelheim realisiert.
In Deutschland wurden seit dem 14. Jahrhundert zunächst kleinere Kanäle gebaut (Ilmenau-Elbe-Kanal, Neuß-Rhein-Kanal, Stecknitz-Kanal), größere Projekte nahm man seit Ende des 17. Jahrhunderts in Angriff.
17. – 19. Jahrhundert Flussbegradigungen und die Beseitigung von Schifffahrtshindernissen erhöhten die Schiffbarkeit beispielsweise auf dem Neckar. Im Zeitraum von 1700 bis 1850 erfolgte eine Systematisierung des Flussausbaus. Zeitgleich begann auch in Deutschland eine erste Ära des Kanalbaus. Mit dem Ausbau und Neubau der Wasserstraßen änderten sich auch die Standortbedingungen für die Industrieproduktion. Es entstanden größere Manufakturen und Fabriken ermöglichten so eine rationellere Fertigung.
Von 1605 bis 1620 dauerte die Bauzeit des Finowkanals, des ältesten noch befahrbaren Kanals in Deutschland. 1663 bis 1693 wurde der Friedrich-Wilhelm-Kanal von Neuhaus an der Spree bis zur Oder bei Frankfurt (Oder) gebaut. Dadurch entstand die erste künstliche Verbindung zweier großer Stromsysteme (von Oder und Elbe) in Europa. Zwischen 1736 und 1896 wurde die Oder durch Wasserbauarbeiten zwischen der Olsamündung und Hohensaaten von 822 km auf 635 km Länge verkürzt. 1743 wurde mit dem Bau des Plauer Kanals begonnen, der nach dem Ersten Weltkrieg zum Elbe-Havel-Kanal ausgebaut wurde. 1773 bis 1774 wurde der Bromberger Kanal () errichtet. 1817 begann unter Leitung von Johann Gottfried Tulla die Rheinbegradigung; diese wurde 1876 zunächst beendet. 1823 befuhr das erste Dampfschiff den Rhein 1839 brachte der erste Dampfschlepper auf dem Rhein regelmäßig 3 – 4 kleine Schleppkähne von Rotterdam nach Emmerich. Hier mussten die Züge wegen der stärkeren Strömung aufgeteilt werden. Bereits 1846 wurden von Hugo Stinnes und Franz Haniel so starke Dampfschlepper bei den Werften bestellt, dass die Anzahl der Schleppkähne auf 10 erhöht werden musste, was zu damaliger Zeit zu der ungeheuren Transportleistung von rd. 2.000 t / pro Schleppverband führte. 1846 schloss der Ludwig-Donau-Main-Kanal die schiffbare Verbindung zwischen der Nordsee bei Rotterdam und dem Schwarzen Meer bei Constanța. Der Kanal wurde 1950 aufgelassen.