Ortrun Enderlein, verheiratete Zöphel (* 1. Dezember 1943 in Trünzig), ist eine ehemalige Rennrodlerin der DDR. Sie war eine der erfolgreichsten Rennrodlerinnen in den 1960ern. Mit dem Rennrodeln kam sie in ihrem Heimatdorf Raschau im Erzgebirge in Berührung, startete aber während ihrer aktiven Karriere für den SC Traktor Oberwiesenthal. Sie ist die erste Olympiasiegerin ihrer Sportart (1964 in Innsbruck) und gewann zudem unter anderem zwei Weltmeistertitel (1965 in Davos und 1967 in Hammarstrand). Die sportlichen Erfolge der Rennrodler um Thomas Köhler und Ortrun Enderlein wurden in der DDR gefeiert und politisiert. Beider Sportkarriere fiel in die Zeit des Kalten Krieges, in der weder die DDR aufgrund der Hallstein-Doktrin durch die Bundesrepublik Deutschland anerkannt war noch sportliche Wettkämpfe zwischen Sportlern der beiden deutschen Staaten auf deutschem Boden geduldet waren. Höhepunkt der Spannungen in Enderleins Sportkarriere war die umstrittene Disqualifikation im „Kufenskandal“ der Olympischen Winterspiele 1968 in Grenoble, als sie wie auch zwei weitere DDR-Sportlerinnen aufgrund des Vorwurfs, mit geheizten Kufen angetreten zu sein, in Führung liegend aus der Wertung genommen wurde. Von DDR-Offiziellen wurde sofort der Verdacht geäußert, dass es sich dabei um eine Intrige gegen die erstmals mit einer eigenständigen Mannschaft bei Olympischen Spielen startende DDR handelte. Nach ihrer Sportkarriere war Enderlein als Vertriebsingenieurin tätig. Sie war Präsidiumsmitglied des Rennschlitten- und Bobsportverbandes der DDR und gehörte dem NOK der DDR als persönliches Mitglied an.

Leben Ortrun Enderlein ist eine Tochter des Försters Willy Enderlein und seiner Ehefrau Hertha geb. Müller. Ihr aus Hammerunterwiesenthal stammender Vater war als Forstgehilfe und Förster u. a. in Reichstein, Oberwiesenthal, Mittweida und Trünzig tätig. Die Familie ließ sich 1954 in Raschau im Erzgebirge nieder. Ihr älterer Bruder ist der Motorradrennfahrer Klaus Enderlein.

Enderlein erlernte im VEB Meßgerätewerk Beierfeld den Beruf der Mechanikerin, in welchem sie auch tätig war. Während ihrer sportlichen Karriere absolvierte sie ein Fernstudium zur Maschinenbauingenieurin mit einer Vertiefung in Fertigungstechnik. Später arbeitete sie als Vertriebsingenieurin im VEB Meßgerätewerk Beierfeld, in dem Tachometer, Druck- und Temperaturmessgeräte, Magnetventile, Regler für Durchlauferhitzer und ähnliche Erzeugnisse hergestellt wurden.ND v. 7. September 1984, S. 7. Sie ist mit Bernd Zöphel, dem ehemaligen Geschäftsführer der KUKA Werkzeugbau Schwarzenberg GmbH, verheiratet.

Sportkarriere mini|links|Enderlein (Mitte) beim Präparieren ihres Schlittens vor dem Fichtelbergrennen im Januar 1962 mini|Enderlein bei den DDR-Meisterschaften 1964 auf der Spießbergbahn Friedrichroda Enderlein spielte Handball bei der BSG Rotation Raschau, für die sie noch 1964 gelegentlich als Torhüterin in der Kreisligamannschaft aktiv war.ND v. 6. Februar 1964, S. 8. In dieser Betriebssportgemeinschaft kam sie 1961 in der von Gotthold Meinhold betreuten Sektion Rennschlittensport mit dem Rodeln in Kontakt. In der 1962 gegründeten Sektion Rennschlittensport des SC Traktor Oberwiesenthal, zu der unter anderem Thomas Köhler, Michael Köhler, Klaus-Michael Bonsack und Ilse Geisler gehörten, erreichte Ortrun Enderlein Weltniveau. Den schnellen Durchbruch zur Spitzenfahrerin verdankte sie nach eigener Aussage der Mannschaft, ihrem Trainer und ihrer Ausbildung zur Mechanikerin.

Im Winter 1961/62 startete Enderlein bei fünf Rennen und erreichte bei der nationalen Juniorenmeisterschaft den fünften Platz. Bei ihrem Einstand bei internationalen Großereignissen belegte Enderlein bei den 8. Weltmeisterschaften 1963 in Imst nach einem Sturz nur den 24. Platz, während sich ihre Mannschaftskollegin Ilse Geisler den Titel sichern konnte. Wenige Tage später belegte Enderlein bei dem internationalen Wettbewerb um den „Ehrenpreis der Stadt Innsbruck“ auf der neu errichteten Bahn in Innsbruck-Igls hinter Geisler den zweiten Platz.ND v. 22. Januar 1963, S. 8. Ihren ersten großen nationalen Erfolg konnte sie im Februar 1963 feiern, als sie in Oberbärenburg bei den DDR-Meisterschaften den Sieg vor Helga Meusinger, der Junioren-Europameisterin der Jahre 1961 und 1962, errang, während Ilse Geisler durch zwei Stürze chancenlos blieb.ND v. 25. Februar 1963, S. 4.

Bei der olympischen Premiere des Rodelsports 1964 in Innsbruck gewann sie mit Bestzeit in allen vier Läufen (je einer am 30. und 31. Januar sowie zwei am 4. Februar) überlegen mit 0,75 Sekunden Vorsprung die Goldmedaille vor Ilse Geisler und Helene Thurner aus Österreich. Zudem fuhr sie in 50,87 s einen neuen Bahnrekord. Während der Schlussfeier der Olympischen Spiele am 9. Februar 1964 wurde ihr die Ehre zuteil, als Fahnenträgerin der gemeinsamen deutschen Mannschaft aufzutreten.ND v. 17. Februar 1964, S. 3. Am 21./22. Februar 1964 konnte sie auf der Spießbergbahn in Friedrichroda ihren Titel als DDR-Meisterin (wiederum vor Ilse Geisler) verteidigen.ND v. 23. Februar 1964 und 24. Februar 1964, S. 4. Anschließend besiegte sie Geisler auch im Rennen um den Mitropa-Pokal.ND v. 27. Februar 1964, S. 6. Im Juni 1964 wurde ihr, wie auch Thomas Köhler, der ebenfalls den Olympiasieg erringen konnte, anlässlich der Woche der Jugend und des Sports der Vaterländische Verdienstorden in Silber verliehen.ND v. 17. Juni 1964, S. 4. Beider Erfolge wurden im Kampf um die Anerkennung der Eigenständigkeit der DDR und dem Ziel, zukünftig mit einer eigenständigen Olympiamannschaft auftreten zu dürfen, durch die DDR politisiert. Dazu gehörte ihre Delegierung zum Frauenkongress der DDR, der vom 25. bis 27. Juni 1964 in Berlin stattfand.ND v. 10. Juni 1964, S. 5.

Im Winter 1965 errodelte sich Enderlein bei den Weltmeisterschaften am 6. und 7. Februar in Davos mit über einer Sekunde Vorsprung nach vier Läufen ihren ersten Weltmeistertitel vor ihren Teamkolleginnen Petra Tierlich, Ilse Geisler und Barbara Winter.ND v. 8. Februar 1965, S. 4. Bei der folgenden DDR-Meisterschaft in Oberhof siegte sie eine Woche später trotz Disqualifikation im zweiten Lauf (nur zwei der drei Rennläufe wurden gewertet) mit einer knappen Sekunde Vorsprung wiederum vor Petra Tierlich und Ilse Geisler.ND v. 15. Februar 1965, S. 4. Durch ihre anhaltenden Erfolge belegte Enderlein bei der Wahl zur Sportlerin des Jahres 1965 hinter Hannelore Suppe und Gabriele Seyfert den dritten Platz.ND v. 24. Dezember 1965, S. 8.

Die Rennrodel-Weltmeisterschaften 1966, die auf der Spießbergbahn in Friedrichroda hätten stattfinden sollen, konnten wegen Föhns und dem damit verbundenen Tauwetter nicht stattfinden; auch wurde keine DDR-Meisterschaft durchgeführt. Am 22. Juni 1966 nahm sie die Weihe des seit 1959 durch das Nationale Aufbauwerk neu errichteten Freibads in ihrem Heimatdorf Raschau vor.

Ihren Weltmeistertitel verteidigte Enderlein bei den Rennrodel-Weltmeisterschaften 1967 in Hammarstrand erfolgreich. Nachdem sie in allen vier Läufen am 18. und 19. Februar jeweils Bestzeit erzielt hatte, lag sie in der Endwertung 1,39 Sekunden vor Petra Tierlich und Helene Thurner. Sie erzielte zudem in 50,93 s einen neuen Bahnrekord.ND v. 20. Februar 1967, S. 6. Wegen „diskriminierender Bedingungen“ (Nichtanerkennung der DDR aufgrund der Hallstein-Doktrin) konnten die Rennrodler aus der DDR bei den Rennrodel-Europameisterschaften 1967 am Königssee nicht an den Start gehen.ND v. 22. Februar 1967, S. 8. Da es die einzigen durchgeführten Europameisterschaften zwischen 1963 und 1969 waren, nahm Enderlein somit nie an Rennrodel-Europameisterschaften teil. Bei der DDR-Meisterschaft des Jahres in Oberhof belegte sie den zweiten Platz hinter Anna-Maria Müller.ND v. 25. Februar 1967, S. 8.