mini|250px|Der um 1880 erbaute Livingstonsche Pferdestall an der Ecke Ulmenstraße/Kettenhofweg entging nur knapp dem Abriss für ein Bürohochhaus. Er wurde 1978 von der Stadt erworben, ist heute Sitz der Aktionsgemeinschaft Westend und dient als Bürgertreff und Restaurant. Der Frankfurter Häuserkampf umfasste Protestbewegungen, Kundgebungen und Demonstrationen der Frankfurter Spontiszene in den frühen 1970er-Jahren. Die Proteste richteten sich in erster Linie gegen die Grundstücksspekulationen im Frankfurter Westend und die damit verbundene Verdrängung der Wohnbevölkerung (Gentrifizierung).

Der Häuserkampf markiert den Beginn der deutschen Hausbesetzerbewegung und den Anfang vom Ende einer bürgerfernen Stadtplanung. Die Entwicklung partizipativer Planungsmodelle erhielt durch den „Frankfurter Häuserkampf“ entscheidende Impulse. Im betroffenen Stadtteil Westend selbst war die Bewegung dagegen nur teilweise erfolgreich: Während viele der abrissbedrohten Gründerzeitvillen gerettet und der Bau weiterer Bürohochhäuser gestoppt werden konnte, setzte sich die Vertreibung der Bewohner durch Büromieter weiter fort.

Ausgangssituation Das kriegszerstörte Frankfurt am Main übernahm nach dem Zweiten Weltkrieg anstelle Berlins mehrere Hauptstadtfunktionen für die neugegründete Bundesrepublik. Vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht gewann Frankfurt an Bedeutung, was mit einem Schub für die Stadtentwicklung einherging. Die sich in Frankfurt ansiedelnden Unternehmen lösten einen Flächenbedarf aus, der über die Wiederherstellung der Vorkriegsbestände hinausging.

Nachdem gegen Ende der 1950er-Jahre die meisten Freiflächen innerhalb der eigentlichen Innenstadt, also der zentrale und westliche Teil der Neustadt innerhalb der Wallanlagen, bebaut waren, stellte sich die Frage nach der Erschließung von so genannten City-Erweiterungsgebieten. Wegen der seit Mitte des 19. Jahrhunderts mit Bau der Westbahnhöfe entstandenen „Westlastigkeit“ der Frankfurter City boten sich hierfür die zwei westlich an die Neustadt angrenzenden, gründerzeitlichen Innenstadtbezirke an: das Bahnhofsviertel und das Westend. Beide galten durch die Nähe des Bahnhofs, breit ausgebaute Straßen und eine gute Verbindung zum Flughafen als gut erschlossen.

Das Bahnhofsviertel ist ein verdichtetes, urbanes Innenstadtviertel mit gründerzeitlicher Blockbebauung. Die Nutzungsdichte war durch die fünf- bis sechsgeschossigen Vorderhäuser und die verbreitete Hinterhofbebauung bereits hoch und kaum erweiterbar. Die Einwohnerzahl war rückläufig, die Zahl der Arbeitsplätze stieg an. Im Bahnhofsviertel entstanden so unter anderem die Konzernzentralen der Dresdner Bank und von Philipp Holzmann. Diese beiden Unternehmen waren die einzigen, die im Bahnhofsviertel der 1960er- und 1970er-Jahre Hochhäuser errichteten.

Für Handel, Banken und Versicherungen war das benachbarte Westend interessanter als das bereits weitgehend geschäftlich genutzte Bahnhofsviertel. Wie das Bahnhofsviertel wies auch das Westend vergleichsweise geringe Bombenschäden auf. Es war im 19. Jahrhundert jedoch nicht als innerstädtisches Geschäftsviertel, sondern als Wohnviertel des Großbürgertums entstanden. Für eine erheblich kleinere Stadt geplant, lag es aufgrund der folgenden rasanten Stadtentwicklung nun mitten in der Großstadt. Durch die Inflationszeit, die Ermordung der Frankfurter Juden im Dritten Reich, die Kriegs- und Nachkriegswirren und die einsetzende Suburbanisierung des Bürgertums war die ursprüngliche Sozialstruktur weitgehend abhandengekommen. Um 1960 war das Westend zum großen Teil ein „einfaches“ Wohngebiet.

Die zwei- bis dreigeschossigen klassizistischen, gründerzeitlichen und Jugendstilvillen mit ihren großen Gärten waren jedoch, wenn auch oft in schlechtem baulichen Zustand, weitgehend erhalten geblieben. Dieser Umstand machte das Westend einerseits zu einem der schönsten und historisch wertvollsten Frankfurter Stadtteile, andererseits – angesichts der zentralen Lage und der geringen Nutzungsdichte – in den Augen der Stadtplanung und der Politik zum idealen City-Erweiterungsgebiet.

1962 hatte Oberbürgermeister Werner Bockelmann in seiner Festrede zur Eröffnung des Zürich-Hauses am Opernplatz genau dies angekündigt. Es wurde auf einem Grundstück der Familie Rothschild errichtet, das die Stadt Frankfurt 1938 in der Zeit des Nationalsozialismus in ihren Besitz gebracht und nach anhaltendem Widerstand 1960 zurückerstattet hatte. Zwei Drittel, den heutigen Rothschildpark, behielt sie, ein Drittel ging an die Erben, wobei zum Ausgleich eine Ausnutzung zugestanden wurde. Diese verkauften das zurückgegebene Gelände an die Zürich-Versicherung und die Berliner Handels-Gesellschaft, die dort Bürohochhäuser errichteten. Der Bau des Zürich-Hochhauses am Anfang der Bockenheimer Landstraße bildete den Auftakt zum Ansturm von Bauherren und Investoren auf das Westend und wurde von einer Welle der Bodenspekulation gefolgt.Dokumentation zur Bodenspekulation und zur Zweckentfremdung von Wohnraum in Frankfurt am Main. Magistrat der Stadt Frankfurt am Main, Frankfurt am Main Oktober 1975, S. 3–92.

Investoren, Stadtplaner und der „Fingerplan“ Getrieben von einem massiven Investoreninteresse entwickelte die sozialdemokratische Stadtverwaltung, vertreten durch den Baudezernenten Hans Kampffmeyer und den Leiter der Stadtplanung Hans-Reiner Müller-Raemisch, 1968 ein informelles Planwerk zur Erweiterung der Citynutzungen in das Westend hinein: den sogenannten Fingerplan. Er sah vor, das Westend nicht flächendeckend umzugestalten, sondern die Büronutzungen in neuzubauenden Hochhäusern entlang fünf Entwicklungsachsen zu konzentrieren. Vom Opernplatz als „Handteller“ ausgehend sollte dies (im Uhrzeigersinn) die Taunusanlage bzw. die Mainzer Landstraße, den Kettenhofweg, die Bockenheimer Landstraße, die Oberlindau und den Reuterweg betreffen.

Vor allem der „Zeigefinger“ und „Ringfinger“, also Kettenhofweg und Oberlindau, waren jedoch schmale Wohnstraßen, die bisher von innerstädtischen Nutzungen unberührt waren. Auch die Bockenheimer Landstraße galt dank ihrer zahlreichen eleganten Villen als eine der schönsten und vornehmsten Straßen der Stadt. Alle drei Straßen waren also für eine massive Verdichtung durch Hochhausbebauung denkbar ungeeignet. Es war schnell absehbar, dass der Plan nur um den Preis erheblicher Stadtzerstörung umzusetzen war.

Dieser Gefährdung des durch die Kriegszerstörungen ohnehin arg geminderten architektonischen und städtebaulichen Erbes der Stadt wurde in der Stadtverwaltung wesentlich weniger Bedeutung zugemessen als in der Öffentlichkeit. Mit Verweis auf das gelungene Stadtbauprogramm Neues Frankfurt der 1920er-Jahre von Kampffmeyers Vorgänger Ernst May verfolgte man städtebaulich eine funktionalistisch orientierte Planungspolitik, die den baulichen Zeugnissen der reichhaltigen Stadtgeschichte erkennbar wenig Respekt zollte. Oberstes und ausdrücklich so benanntes Prinzip der Frankfurter Stadtplanung war seit den 1950er-Jahren zudem die autogerechte Stadt. Die zahlreichen Projekte zur Bekämpfung der Wohnungsnot beschränkten sich seit etwa 1960 nach Abschluss des Wiederaufbaus der Innenstadt und der Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung des Wohnraums auf den Neubau von Wohnvierteln am Stadtrand, z. B. der Nordweststadt. Die Erhaltung preiswerten Wohnraums im Altbestand spielte in der Frankfurter Wohnungspolitik keine erkennbare Rolle, obwohl in der Bevölkerung ein großes Interesse an zeitgemäßer Wohnraumversorgung im angestammten Quartier bestand.

Die gesamte Bedeutung des Fingerplans für die bauliche und soziale Umgestaltung des Westends ist schwer einzuschätzen. Der Interessenkonflikt zwischen städtischer Wohnungspolitik und den Interessen der alteingesessenen Bürger entstand schon Anfang der 1960er-Jahre, und auch nach 1968 lagen viele der umstrittenen, aber genehmigten Bauprojekte außerhalb der fünf im Plan genannten Entwicklungsachsen. Auf jeden Fall trug der Plan dazu bei, die aufkommenden Proteste politisch zu legitimieren.

Besonders eine Passage des Fingerplans entfaltete eine erhebliche Wirkung: als Voraussetzung für eine hohe Ausnutzung eines Grundstücks durch den Bau eines Bürohochhauses war eine Mindestgröße von 2.000 Quadratmetern festgelegt. Private Eigentümer von Wohnhäusern versuchten daraufhin, Nachbargrundstücke zu erwerben und zu einem großen Areal zu verbinden, um dann durch Verkauf an einen Bauherren an der Wertsteigerung des Bodenpreises zu verdienen. Im ersten Jahr nach der Verabschiedung des Fingerplans kam es so zu den intensivsten Bodenaufkäufen im Westend. Nach Angaben des Frankfurter Planungsdezernates waren es sieben Einzelkäufer bzw. Käufergruppen, insgesamt weniger als 30 Personen, die einen großen Teil der Grundstücke kauften. Sie erhielten dafür von sieben Banken Kredite über mehr als eine Milliarde Deutsche Mark. Dass auch die Hessische Landesbank, die zur Hälfte dem damals sozialdemokratisch regierten Land Hessen gehörte und in deren Vorstand der Frankfurter Oberbürgermeister Rudi Arndt war, ebenfalls solche Kredite vergab, wurde von den Hausbesetzern stark kritisiert.

Konflikte und Widerstand Die Zerstörung des Westends durch die Immobilienspekulation nahm im Laufe der späten 1960er-Jahre bedenkliche Formen an. Die Zahl der Wohnungen nahm rapide ab, allein im Jahr 1968 ging die Zahl der Wohnräume um mehr als 4.000 zurück. Sie wurden überwiegend in Büros umgewandelt oder es wurden Wohngebäude abgerissen und durch Bürobauten ersetzt. Räume für Bürozwecke ließen sich zu deutlich höheren Mieten vermieten als zu Wohnzwecken. Dazu kam die spekulative Aussicht, von den Stadtbehörden die Genehmigung zu einem Neubau mit wesentlich höherer Fläche zu erhalten.

Die Methoden zur Vertreibung der Mieter waren drastisch. Notwendige Reparaturen wurden bewusst unterlassen, bereits entmietete Wohnungen mit sogenannten Gastarbeitern belegt. Die katastrophale Überbelegung, bei der in jedem Raum viele Menschen zusammengepfercht waren, führte zur Verwahrlosung der Wohnhäuser. Die sanitären Anlagen reichten nicht aus, Rattenplagen entstanden. Hauseigentümer machten ihre Wohnungen vorsätzlich unbewohnbar: Heizungen fielen plötzlich aus, Rohre brachen und massiver, teilweise nächtlicher Baulärm entnervte die Mieter.

Nachdem die Bewohner diesem Druck schließlich nachgegeben hatten, wurden zahlreiche bauhistorisch wertvolle Altbauten abgerissen und durch Bürogebäude im Stile der Zeit ersetzt. Vor allem die Bockenheimer Landstraße änderte ihr Bild radikal, vom ehemaligen großbürgerlichen Boulevard blieb praktisch nichts erhalten. Auch in vielen Nebenstraßen erreichten Bauspekulation, Mietervertreibung und Abriss ungeahnte Ausmaße. Innerhalb von vier Jahren halbierte sich die Einwohnerzahl des Westends auf etwa 20.000.

Erstmals in der jüngeren deutschen Bau- und Planungsgeschichte entwickelte sich im Westend jedoch Widerstand. Die Ereignisse fielen zeitlich in die allgemeine Aufbruchs- und Proteststimmung der Studentenbewegung und lösten eine Widerstandsbewegung aus, die bis in die Gegenwart reichende Folgen haben sollte, nicht nur für das Frankfurter Westend, sondern auch für das allgemeine Selbstverständnis der Stadtplanung in Deutschland.