Die Multihalle ist eine Mehrzweckhalle im Mannheimer Herzogenriedpark, die zur Bundesgartenschau 1975 errichtet wurde. Das Bauwerk wurde von Carlfried Mutschler und seinem Büropartner Joachim Langner entworfen. Das Tragwerk wurde von Frei Otto als Gitterschale konzipiert, es ist bis heute die größte frei geformte Holzgitter-Schalenkonstruktion der Welt. Die Multihalle gilt als ein Hauptwerk organischer Architektur und steht seit 1998 unter Denkmalschutz.Georg Vrachliotis: Ein Denkmal der Experimentalkultur. In: arch+, 17. September 2016.
Architektur Die Multihalle ist eine Halle mit einem mehrfach gekrümmten Gitter aus Dachlatten (Querschnitt 50 × 50 mm), die von den Mannheimer Architekten Carlfried Mutschler und Joachim Langner geplant und 1975 fertiggestellt wurde. Die Planung des Tragwerks wurde von Frei Otto und die Nachweise der Standsicherheit durch das Büro Ove Arup & Partners aus London erbracht (heute Arup Group Ltd.). Unter der gemeinsamen Überdachung aus zwei ineinander übergehenden Kuppeln befindet sich die eigentliche Veranstaltungshalle sowie ein erweiterter Bereich mit Durchgängen und einem Restaurant. Durch die teilweise matt lichtdurchlässige Folie wird der Innenraum gleichmäßig mit Tageslicht ausgeleuchtet.
Allgemeine DatenVgl. Daten und Fakten in: Jan Krasko: Daten und Fakten der Multihalle. (PDF; 68 kB; 5 S.) In: Stadt Mannheim, 24. Oktober 2016. Tragkonstruktion: Holzlatten, kreuzweise in zwei bzw. vier Latten übereinander verlegt. Abstand voneinander 50/50 cm. Lattenquerschnitt 5/5 cm. Holz von Hemlocktannen und Kiefern. Dachfläche: 9.500 m² Bohrlöcher an den Kreuzungspunkten: 144.000, 34.000 Bolzen Randumfang: 685 m (seilgestützter Rand: 35 m, Bögen: 135 m) Seilnetz: 7.150 m Bedachung: Trevira-Gewebe, geschwärzt, PVC-beschichtet, Bahnenware, an den Stößen überlappt und geschweißt, auf Nagellatten mit Bukamaklammern Hallengröße: 10.500 m³ Gesamtlänge: 160 m Gesamtbreite: 115 m Kuppelhöhe: 20 m Größte Querspannweite: 60 m
Baugeschichte Auf der Bauausstellung 1962 in Essen (DeubauDeubauKom (ehemals Deubau). In: baulinks.de, aufgerufen am 22. November 2021.) erstellte Otto seine erste Holzlattenkuppel. Sie hatte auf dem Boden ausgelegt eine Fläche von 250 m² und bestand aus quadratisch zusammengelegten, dünnen Latten von 40 × 20 mm. Ein Autokran hob in der Mitte den Lattenrost 5 m in die Höhe. Die zuvor lose miteinander verbundenen Latten überkreuzten sich nun rautenförmig. Otto ließ die Lattenenden an einem umlaufenden Auflager befestigen und erst dann die Schraubbolzen auf den Verbindungen der Holzleisten fest anziehen.. In: Architekturmuseum der TU München. Das fertige Tragwerk ähnelt dem eines Zollingerdachs, welches jedoch aus 1 bis 2½ Meter kurzen Holzleisten (Lamellen) zusammengesetzt ist und diese sich auch nicht mittig überkreuzen.
Ein zweites und diesmal doppelt gewölbtes HolzgitterschalendachHolzgitterschale im Deutschen Pavillon 1967, siehe Foto auf S. 81 in: I. Meissner, E. Möller, Frei Otto: forschen, bauen, inspirieren. 2015, auf Seitenauswahl „20–21“ vorblättern. errichtete Otto 1967 innerhalb des deutschen Pavillons als Vortragssaal und Foyer während der Weltausstellung Expo 67 in Montreal.Irene Meissner, Eberhard Möller: Frei Otto: forschen, bauen, inspirieren / a life of research, construction and inspiration. In: Detail, München 2015, ISBN 978-3-95553-252-9, S. 80.Ewald Maushake, Ein bemerkenswertes Kuppeldach im Deutschen Pavillon zu Montreal, in: Bautechnik, Dezember 1967, Nr. 12, kostenfreies Herunterladen des Artikels.
Nachdem im Januar 1970 die Entscheidung fiel, die Bundesgartenschau des Jahres 1975 in Mannheim stattfinden zu lassen, wurden zwei Wettbewerbe ausgeschrieben, bei denen Architekten und Landschaftsarchitekten ihre Ideen für die beiden Gartenschaugelände Herzogenriedpark und Luisenpark vorstellen sollten.
Preisträger für den Bereich des Herzogenriedparks war das Architekturbüro Carlfried Mutschler + Partner, Mannheim. Der Wettbewerbsplan sah als zentralen Bereich einen großen, überdachten Treffpunkt für verschiedene Aktivitäten und ein Café mit Sitzterrasse am Wasser vor. Für das Café war eine luftige Holzkonstruktion vorgesehen. Der Treffpunkt sollte mit großen Schirmen überdacht werden, die an Gasballons aufgehängt werden sollten. Dies war zwar technisch möglich, doch baurechtliche Einwände ließen dieses Projekt scheitern. Außerdem hätten die Ballons ab Windstärke 7 eingezogen werden müssen.
Es wurden die verschiedensten Arten von pneumatischen Konstruktionen untersucht, die allerdings zu hohe Material- und Zuschnittskosten verursacht hätten. Luftdicht abgeschlossene Traglufthallen kamen ebenfalls nicht in Frage, so dass die verschiedenartigen Zeltkonstruktionen diskutiert wurden.
mini|Aerobus, Bundesgartenschau 1975 Da auch künstliche Hügel aus Leimbinderkuppeln nicht zufriedenstellen konnten, kam die Idee der Gitterschalen des Stuttgarters Frei Otto ins Gespräch. Der Vorteil einer Gitterschale als Dachtragwerk besteht darin, dass diese unter ihrem Eigengewicht „nur druck- und nicht biegebeansprucht sind.“Irene Meissner, Eberhard Möller: Frei Otto: forschen, bauen, inspirieren / a life of research, construction and inspiration. Detail, München 2015, ISBN 978-3-95553-252-9, S. 78. Zeitgleich mit der Wahl der Konstruktion wurden die Standorte der verschiedenen Funktionen festgelegt. Die Besucher sollten auf zwei Ebenen – der des Aerobusbahnhofs und des Parks – in die Halle geführt werden.
Ausgangsbasis für die Gitterschale war das Drahtmodell des Vorentwurfs. In diesem Modell 1:500 konnte die endgültige Form allerdings nur grob vorgegeben werden. Mit Hilfe von Zwirnfäden konnte immerhin die Länge und Breite der Fläche annähernd abgewickelt werden. Das Drahtmodell als hängendes Netz simulierte die Gittermaschen des späteren Gitterrostes aus Holz. Bevor das Knüpfen des Netzes begann, musste die Richtung, in der es liegen sollte, festgelegt werden, um dann mit Hilfe von Stecknadeln und einer weichen Unterlage die Glieder und Ringe aneinanderzureihen. Im hängenden Kettenmodell stand die Schale auf dem Kopf.
Mit Hilfe von Gabelstaplern und Gerüsttürmen hoben Bauarbeiter das Dach behutsam in die endgültige Position.Foto von Joachim Langner: Gabelstapler mit Gerüsttürmen in der Multihalle. In: saai, publiziert von Enrico Santifaller: Frei Ottos Multihalle in Mannheim. In: Bauwelt, 13. Juni 2017, Nr. 12, Bild 5 von 5. Am 30. Januar 1975 wurde auf Wunsch von Prüfingenieur Fritz Wenzel an dem Dach selbst ein Belastungstest durchgeführt, bei dem 205 gefüllte Wassertonnen an das Lattengitter gehängt wurden.Fritz Wenzel: Multihalle Mannheim. Wie kann es weitergehen mit Frei Ottos Holzgitterschale? In: Bautechnik, 2019, Jg. 96, Nr. 1, S. 21–24, mit Abbildungen vom Aufbau. Die Schale gab um 79 Millimeter nach, einen Millimeter weniger als errechnet.Christiane Weber: Multihalle Mannheim. Hängemodell zur Bestimmung der Gitterschale des Hallendaches. In: Deutsches Architekturmuseum – Modellsammlung, 15. Februar 2013.
In einem Dokumentarfilm bekannte Otto im Jahr 2005, dass er die Multihalle für seinen „kühnsten Bau“ hielt, „viel kühner als das Olympiadach“. Der Bauingenieur Ian Liddell, der 1975 die Multihalle statisch überprüft hatte, fügte hinzu, den Naturstoff Holz als mehrfach gekrümmtes Dachtragwerk einzusetzen, wäre ohne Vorläufer und Geschichte gewesen, „wie eine Idee von einem anderen Stern“.. In: megaherz, 2005.
Aktueller Zustand mini|Stützen am Dachrand
Die Multihalle sollte als temporäres Bauwerk ursprünglich nur für die Dauer der Bundesgartenschau 1975 Bestand haben. Die bis heute größte unregelmäßig geformte Holzgitterschalenkonstruktion der Welt wurde jedoch nicht abgerissen und im Jahr 1998 aus wissenschaftlichen und heimatgeschichtlichen Gründen als Kulturdenkmal unter Denkmalschutz gestellt. Der größere, 1991 fertiggestellte Superior Dome am Lake Superior im US-Bundesstaat Michigan hat eine regelmäßig doppelt gekrümmte Kuppel als Holzgitterschale.
Das Foliendach bestand ursprünglich aus einer PVC-Folie mit Gewebe-Einlage. 1981 wurde es notwendig, die Halle mit einer neu entwickelten Kunststoffdichtungsbahn zu beziehen. Die bis dahin halbtransparente Dachhülle wurde nun weiß. Mittlerweile ist diese stellenweise porös geworden, so dass eindringendes Wasser das Holz der Dachkonstruktion beschädigt und die Tragfähigkeit beeinträchtigt. Zudem verschiebt sich die tragende Holzkonstruktion, wenn auch nur minimal. Um weitere Verformungen zu verhindern, wurde aus statischen Gründen 2008 in der großen Halle ein Stützturm errichtet. Seit 2011 ist die eigentliche Halle gesperrt, die Wege unter der Bedachung sind weiterhin begehbar.
Auch die Dachkonstruktion außerhalb der eigentlichen Halle wurde inzwischen mit Stützen stabilisiert. Der bauliche Zustand verschlechtert sich weiterhin. Die Sanierung wird bereits seit einigen Jahren ins Auge gefasst. Im Mai 2016 wurden die Kosten auf 3,39 Millionen Euro für eine Konservierung und 11,6 Millionen für eine Generalsanierung kalkuliert. Die Kosten für einen Abriss werden mit 1,02 Millionen Euro beziffert. Dagegen spricht unter anderem, dass der denkmalrechtliche Status eines „Kulturdenkmals von besonderer Bedeutung“ zu erwarten steht.Peter W. Ragge (pwr): . In: Mannheimer Morgen, 1. Juni 2016, S. 19. Am 10. Juni 2016 stimmte der Gemeinderat der Stadt bei nur einer Gegenstimme von Steffen Ratzel (CDU)Peter Ragge: . In: Mannheimer Morgen, 23. Juni 2017. einem Abriss zu, sollte nicht bis Ende 2017 ein namhafter Betrag zugunsten einer Sanierung über externe Zuschüsse, Sponsoring oder ein Crowdfunding zusammenkommen.
Rettungsinitiativen mini|Stützträger im Inneren Am 23. Juni 2017 stimmte der Hauptausschuss des Mannheimer Gemeinderats für einen Aufschub einer endgültigen Entscheidung über die Zukunft der Multihalle bis Ende 2019. Damit bis dahin in der Halle weiterhin kulturelle und sportliche Veranstaltungen stattfinden können, bewilligten die Gemeinderäte 158.000 Euro. Eine international angelegte Spendenkampagne soll den Hauptanteil der erforderlichen Sanierungskosten in Höhe von 11,6 Millionen Euro einbringen, dann werde auch die Stadt Mannheim einen Anteil beisteuern. Baubürgermeister Lothar Quast kalkulierte für die Kampagne eine Dauer von drei bis acht Jahren ein.Gerhard Bühler: Hilft Sir Norman Foster bei der Rettung der Multihalle? Internationale Architekten für Spendenkampagne gesucht – Kulturdenkmal wird vorerst nicht abgerissen. In: RNZ, 24. Juni 2017. Ein Ziel sei es, die Multihalle bis zur Bundesgartenschau 2023 in Mannheim zu retten.Annika Wind: Die Gedanken sind Frei. Ideen zur Weiternutzung der Multihalle in Mannheim. In: Baunetz, 7. April 2017.
Für den Erhalt und die Bekanntmachung der Multihalle gründeten am 24. Oktober 2016 die baden-württembergische Architektenkammer und die Stadt Mannheim einen Förderverein.Verein Multihalle Mannheim Ein erster Workshop wurde im Frühjahr 2017 in der Multihalle angeboten, um Bau-Experten die Besonderheiten dieser neuartigen Schalenbau-Architektur zu erläutern und um neue Nutzungsmöglichkeiten zu entwickeln.Uschi Götz: Frei Ottos Multifunktionshalle gerettet? Das Wunder von Mannheim. In: Deutschlandfunk Kultur, 13. Juni 2017.
Der Vorsitzende des Sportkreises Mannheim, Michael Scheidel, erklärte, dass es in Mannheim einen Mangel an Sporthallen gebe. Er unterstütze daher eine Nutzung der Multihalle für sportliche Zwecke.ragge: . In: Mannheimer Morgen, 28. Juni 2017.
Im Rahmen der UN-geförderten Konferenz Urban Thinkers Campus im Mannheimer Stadthaus Ende Oktober 2017 diskutierte eine Arbeitsgruppe über eine zukünftige Nutzung und Einbindung der Nutzer der Multihalle.Fabian Busch: . In: Mannheimer Morgen, 23. Oktober 2017: „… in zwei Dingen sind sich die Studenten einig: Die Multihalle muss verschiedene Nutzungsmöglichkeiten bieten. Und sie soll im Sinne ihres Architekten Frei Otto wieder ihr gesellschaftliches Potenzial entfalten, ein Symbol für die offene Gesellschaft und eben ein Treffpunkt sein.“