mini|Portal der 1825 gegründeten TH Karlsruhe (heute Karlsruher Institut für Technologie). Technische Hochschule (TH) bezeichnet eine Hochschule, deren Schwerpunkt auf den Natur- und Ingenieurwissenschaften liegt. Die Bezeichnung erhielten die Institutionen der höheren technischen Bildung im deutschen Sprachraum seit den 1870er Jahren; ab 1899 erhielten sie das Recht, die akademischen Grade Diplomingenieur sowie Doktoringenieur zu vergeben. Nach 1945 wurden die meisten dieser Technischen Hochschulen durch Ausbau des Fächerspektrums in Technische Universitäten (TU) umgewandelt.

Seit 2009 werden vermehrt Fachhochschulen in „Technische Hochschulen“ umbenannt; allerdings besitzen diese neuen TH im Unterschied zu den älteren nur vereinzelt Promotionsrecht, aber kein Recht zur Habilitation. Diese (neuen) „Technischen Hochschulen“ sind den Universitäten nicht gleichgestellt; somit sind diese (de jure) keine universitären Einrichtungen.

Dieser Artikel stellt die geschichtliche Entwicklung der höheren technischen Bildungseinrichtungen mit Schwerpunkt im deutschen Sprachraum dar.

Vorformen höherer technischer Bildungsinstitutionen Im Verlauf des 18. Jahrhunderts bildete sich im Zuge von Merkantilismus, Aufklärung und Revolution ein breites Spektrum beruflich-technischer Bildungseinrichtungen im ganzen kontinentalen Europa. In Ergänzung zu den traditionellen Lateinschulen entstand im deutschen Sprachraum eine Vielfalt von technischen Lehranstalten, die den Eindruck eines mehrgliedrigen „Bildungssystems“ erweckten. Jedoch fehlte diesem der direkte Zusammenhang, da die einzelnen Bildungseinrichtungen unterschiedliche Gesellschaftsgruppen ansprachen.

Technische Bildung für das einfache Volk erfolgte in den neugegründeten Industrieschulen. Parallel dazu wurde das Bürgertum im Zuge der Aufklärung in Realschulen, gewerblichen Sonntagsschulen, Zeichen- und Bauschulen, Provinzialkunstschulen, Philanthropien und Handelsschulen unterrichtet. Höhere Bildungseinrichtungen wie die Ritter-, Militär-, Bau- und Bergakademien dienten in erster Linie dem höheren Bürgertum und dem Adel.

Die meisten der Fachschulen besaßen ein bescheidenes Niveau und waren nur von kurzer zeitlicher Dauer. Eine Ausnahme bildeten die Bergschulen. Sie wuchsen über das allgemeine Niveau der übrigen Fachschulen hinaus und wurden zu Bergakademien, denen bereits der Charakter von Fachhochschulen gebührte. Nur von diesen Bergakademien gingen im Verlauf des Jahrhunderts wesentliche Impulse zur Entwicklung der technischen Wissenschaften und deren Hochschulen aus. Der dort stattfindende Versuch einer mathematisch-naturwissenschaftlichen Grundlegung der Fachbildung sowie die vorhandenen Ansätze zur Verbindung von Lehre und Forschung wiesen bereits den Weg zum technischen Hochschulwesen des 19. Jahrhunderts. Zwar versuchten die Universitäten in den 1770er Jahren nach diesem Vorbild technologische Fächer zu etablieren, konnten letztlich aber keinen rechten Bezug zur praktischen Anwendung des theoretischen Wissens schaffen. Die Bergakademien waren somit unerreichte Vorbilder und „die einzigen Technischen Hochschulen, die das 18. Jahrhundert auf deutschem Boden hervorgebracht hat“.Albrecht, 1989, S. 144. Denn lediglich hier wurde bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts eine hochschulmäßige technische oder berufliche Ausbildung geboten.

Doch weder die Bergakademien noch die Universitäten (und die vorhandenen Schultypen der niederen Bildungsebenen) bildeten den Grundstein für die polytechnischen Schulen des 19. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum. Erst die 1794 in Paris gegründete École polytechnique brachte mit ihrem Grundgedanken der praktischen Anwendbarkeit wissenschaftlicher Methoden und Erkenntnisse der Mathematik und Naturwissenschaften auf technische Gegenstände den entscheidenden Impuls zur Entstehung des technischen Hochschulwesens. Sie wurde somit zum Urbild einer Hochschule der technischen Wissenschaft.

Gründungsphase von polytechnischen Schulen 1794–1840 mini|Gründungen höherer technischer Bildung von 1762 bis 1939

Die École polytechnique

Die 1794 in Paris gegründete École centrale des travaux publics (Zentralschule für öffentliche Arbeiten) sollte die alten Ingenieurschulen, die die Revolutionäre während der französischen Revolution als Instrumente des Ancien Régimes angesehen hatten, ersetzen. Ein Jahr später wurde sie in École polytechnique umbenannt. Zu den Gründungsvätern gehörten der Mathematiker und Ingenieur Lazare Carnot und der Physiker und Mathematiker Gaspard Monge.

Die auf staatlich-militärische Aufgaben ausgerichtete École polytechnique lehrte in einer Art allgemeiner wissenschaftlicher Vorschule ihrem Ingenieurnachwuchs in zweijähriger Ausbildung die allgemeinen theoretischen Grundlagen der Naturwissenschaften, der Mathematik und des mathematisch-technischen Zeichnens. Danach folgte eine praktische Ausbildung an den so genannten Écoles d'application für Brücken- und Wegebau, Bergbau, Schiffbau sowie für militärisches Ingenieurwesen. Diese Zweiteilung findet sich auch heute noch in der Gliederung in Grund- und Hauptstudium wieder. Anfangs wurden unter Napoleon, der die Schule 1805 dem Kriegsminister unterstellte, nahezu ausschließlich Ingenieuroffiziere insbesondere für die Artillerie ausgebildet.

Die Professoren der École Polytechnique wurden von den besten Schulen Frankreichs ausgewählt; zahlreiche berühmte Wissenschaftler gingen aus ihr hervor. Sie besaß ein für damalige Verhältnisse hohes Niveau und führte ein strenges Auswahlverfahren durch. Ihre Bildungsidee, Technik als angewandte Naturwissenschaft zu verstehen, verbreitete sich über den Kontinent nicht nur durch ihren Vorbildcharakter, sondern insbesondere durch die Lehrbücher ausländischer Absolventen.

Gründungswelle im deutschen Sprachraum

In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gründeten sich eine Vielzahl von Gewerbeschulen und polytechnischen Schulen in den Staaten des deutschen Sprachraums, die bis heute wichtig und bedeutend sind (unter anderem in Berlin 1821, Nürnberg 1823, Karlsruhe 1825, München 1827, Stuttgart 1829, Hannover 1831, Darmstadt 1837). Diese Gründungswelle muss jedoch unter dem Aspekt gesehen werden, dass sich einige Einrichtungen aus früheren Militär- oder Bauschulen sowie anderen älteren Einrichtungen entwickelten, die zum Teil nur ihren Gegenstandsbereich ausweiteten, sich verselbstständigten oder ausgebaut wurden. Zum Beispiel übernahm die polytechnische Schule in Karlsruhe Strukturen der dort bereits vorhandenen Realschule. Ergänzt wurde das Fächerspektrum um einzelne Bereiche aus der Ingenieur- und Bauschule.

Die Leitbilder für diese Gründungen waren zum einen der Staatsdienst, zum anderen die Gewerbeausbildung für die sich entwickelnde Industriegesellschaft. Die Zersplitterung des deutschen Sprachraums (Deutschland) in mehrere Länder führte zu parallelen Gründungen von Gewerbe- und polytechnischen Schulen meist in den Hauptstädten der einzelnen Länder. Die Aufgaben des technischen Staatsdienstes sind in den entstehenden modernen Staaten, die sich mehr Verantwortlichkeiten aneigneten, angewachsen und lagen vor allem im staatlichen Bergbau, beim Militär und Bauwesen, ab 1840 auch beim Eisenbahnbau, der im Laufe des 19. Jahrhunderts verstaatlicht wurde.

Im Allgemeinen spielten die frühen Gewerbe- und polytechnischen Schulen nur eine marginale Rolle bei der Versorgung der frühindustriellen Industrie mit technischen Fachkräften. Nur eine Minderheit der in der Industrie tätigen Techniker waren Absolventen einer polytechnischen Schule gewesen; die Mehrheit hatte ihre technischen Fachkenntnisse in der industriellen Praxis erworben. Hinzu kam, dass sich die Schulen nicht als Anstalten zur Forschung und Wissensgenerierung, sondern in erster Linie als Unterrichtsanstalten verstanden. Durch den hohen theoretischen Anteil der Ausbildung blieb der kurzfristige Erfolg in der Praxis aus.

In den meisten deutschen Ländern war demnach die Ausbildung noch eng mit dem Staatsdienst verbunden und auf ihn zugeschnitten. Eine Ausnahme bildete das Gewerbeinstitut im preußisch-brandenburgischen Berlin, dessen Unterricht auf die Bedürfnisse der Privatindustrie zugeschnitten war und bestimmte Arbeitsweisen simulierte, die in der Industrie gebräuchlich waren.

Aufstieg polytechnischer Schulen in der Zeit der Industrialisierung

Aufgrund hoher Niveauunterschiede war in der Mitte der 1840er Jahre die Stellung polytechnischer Schulen im Bildungssystem noch immer unklar. So wurde zum Beispiel Wien und Karlsruhe schon früh der Rang von „technischen Hochschulen“ zugesprochen, wogegen andere polytechnische Schulen Mitte der 40er nur das Niveau „technischer Lyceen“, angesiedelt zwischen Hochschule und Mittelschule, nachweisen konnten. Obgleich die technischen Hochschulen schon früh eine Gleichwertigkeit mit den Universitäten anstrebten, erfolgten bedeutende Schritte in dieser Richtung erst in den 1860er/70er Jahren.

Eine Vorbildfunktion für die Entwicklung der polytechnischen Schulen bekam das Karlsruher Polytechnikum, nachdem es der Staatsrat Karl Friedrich Nebenius im Jahr 1832 grundlegend reorganisiert hatte. Nebenius integrierte vorhandene technische Schulen in das Polytechnikum und erweiterte es damit sowohl inhaltlich als auch personell. Nach dem Vorbild der Universitäten führte die Neuorganisation, in Anlehnung an Fakultäten, zur Gliederung in fünf Fachschulen: der Ingenieur-, Bau-, Forst-, Handels- und höheren Gewerbeschule. Auch die Leitungsstruktur ähnelte dem universitären Schema mit deren Dekanen, Senat und Rektor. Das Eintrittsalter der Schüler war, wie an Universitäten, 15 Jahre. Die von über 30 Lehrern unterrichteten Schüler absolvierten zuerst eine Vorschule, in der das mathematische und naturwissenschaftliche Wissensfundament gelegt werden sollte. Danach folgte eine praxisorientierte Ausbildung in den Fachschulen. Diese Gliederung der Ausbildung übernahmen ab den 1840er Jahren andere polytechnische Schulen wie beispielsweise Stuttgart und Hannover. Man erkennt in ihr das strukturelle Vorbild der französischen École Polytechnique und der École d’application. Allerdings waren beide Ausbildungsabschnitte in Frankreich räumlich voneinander getrennt, während sie in Deutschland in derselben Schule angesiedelt waren. Ferner bestand ein Unterschied darin, dass die École Polytechnique bis zur Jahrhundertmitte vor allem in Mathematik und den Naturwissenschaften ein höheres Niveau besaß. Die Polytechnika der 1830er/40er Jahre waren in erster Linie Ausbildungsstätten; die Forschung spielte noch keine wesentliche Rolle.

Das polytechnische Bildungsniveau lag weit über dem allgemeinen Stand der industriellen Produktion und unter dem der Universitäten. Dies stellte ein großes Problem dar, denn einerseits waren die Absolventen für Arbeitsstellen mit Hochschulvoraussetzung unterqualifiziert, andererseits fehlte ihnen wegen der theorielastigen Ausbildung die Praxis für einen Ingenieurberuf in der Industrie. Die Absolventen der Polytechnika sollten erst seit dem Durchbruch der Industrialisierung nach 1850 genügend, ihren Qualifikationen entsprechende Einsatzmöglichkeiten in der privaten Industrie finden.

Der Akademisierungsprozess – Von der Polytechnischen Schule zur technischen Hochschule