mini|Sartorius Campus, Hauptsitz der Sartorius AG in Göttingen
Die Sartorius AG ist ein internationaler, börsennotierter Pharma- und Laborzulieferer mit Hauptsitz in Göttingen. Das im Jahr 1870 gegründete Unternehmen hat Niederlassungen in mehr als 60 Ländern.
Geschichte mini|Aktie über 200 RM der Sartorius-Werke AG vom Juli 1941
Anfänge als feinmechanische Werkstatt Am 1. Juli 1870 gründete Florenz Sartorius (1846–1925) in Göttingen die feinmechanische Werkstatt F. Sartorius. Zuvor hatte er seine Ausbildung beim Göttinger Universitätsmechaniker Apel erhalten und war anschließend auf Wanderschaft gegangen. Die Grundlage für die weitere Entwicklung des Unternehmens war eine neu konstruierte kurzarmige Analysenwaage unter Verwendung des damals neuartigen Leichtmetalls Aluminium. Diese wurde auch ins Ausland verkauft.
Zur Nutzung von Wasserkraft wurde 1892 ein Zweigbetrieb in Rauschenwasser bei Bovenden, nördlich von Göttingen, eröffnet. 1898 zog das Unternehmen in ein neues Fabrikgebäude an der Weender Landstraße. Damit entwickelte sich der zuvor kleine Handwerksbetrieb erkennbar zu einem Industrieunternehmen, dessen Fertigungstiefe alle wichtigen Metall- und Holzbearbeitungstechniken sowie einen eigenen Werkzeugbau umfasste. 1905 fertigte das Unternehmen seine 10.000. Analysenwaage.
1906 nahm der Gründer seine drei Söhne Wilhelm (1872–1937), Erich (1876–1947) und Julius (1878–1918) als Teilhaber in das Unternehmen auf. Dafür wandelte er das Unternehmen in eine offene Handelsgesellschaft um. 1914 erfolgte ein erneuter Wechsel zu einer Aktiengesellschaft: der Sartorius-Werke AG. Im Ersten Weltkrieg wurden auch militärische Geräte hergestellt, wie feinere Teile von Artilleriegeschossen sowie Munitions- und Proviantwagen. mini|Grabstätte der Familie Sartorius auf dem Stadtfriedhof Göttingen; Florenz (1846–1925), Wilhelm (1872–1937) und Erich Sartorius (1876–1947) sind hier begraben.zur Familie Sartorius insgesamt siehe
Beginn der Membranfilterentwicklung 1927 gründete Wilhelm Sartorius mit anderen Industriellen und dem Chemie-Nobelpreisträger Richard Zsigmondy die Membranfiltergesellschaft mbH zur Forschung und Entwicklung von Membranfiltern, basierend auf den Forschungsarbeiten von Zsigmondy und Wilhelm Bachmann. 1938 wurde die Gesellschaft von der Sartorius-Werke AG übernommen. Die Membranfilter sind ein wichtiger Bestandteil des späteren Bioprozessgeschäfts.
Sartorius im Nationalsozialismus Nach dem Tod von Wilhelm Sartorius 1937 übernahm Erich Sartorius die Leitung des Unternehmens. Er war bereits am 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP geworden (Mitgliedsnummer 3.124.680) und fungierte als Blockleiter einer Göttinger Ortsgruppe der NSDAP. Während des Zweiten Weltkrieges profitierte Sartorius von der weitgehenden Umstellung auf Rüstungsindustrie. In einem eigens dafür errichteten Werk wurden Abwurfwaffen- und Zubehörteile für die Luftwaffe produziert. Dabei kamen bis Kriegsende zahlreiche Zwangsarbeiter zum Einsatz.
Nachkriegszeit und einsetzende Globalisierung 1947 starb Erich Sartorius. Die Geschäftsführung übernahm sein Sohn Horst Sartorius (1910–1998).Vgl. Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 1049. 1948 begann Sartorius mit der industriellen Gleitlagerfertigung. Laut der im Unternehmen überlieferten Darstellung erfolgte dies auf Empfehlung des Chemikers und Nobelpreisträgers Otto Hahn, der auch Präsident der Max-Planck-Gesellschaft in Göttingen war. Dieser Zusammenhang lässt sich zwar nicht eindeutig belegen, wird von Luitgard Marschall und Stephan Lindner jedoch aufgrund der räumlichen und gesellschaftlichen Nähe von Sartorius und Hahn in Göttingen als plausibel angesehen. Der größte Geschäftsbereich blieb weiterhin die Wägetechnik. 1958 stellte Sartorius die Analysenwaage mit der Nummer 100.000 her.
Zu Beginn der 1960er Jahre begann das Unternehmen mit der automatischen Herstellung von synthetischen Membranfiltern. Die handwerkliche Herstellung war an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen. Abnehmer waren die Getränke- und Lebensmittelindustrie, Labore, Gesundheits- und Untersuchungsämter sowie Kliniken. Diese nutzten die Filter für bakteriologische, chemische und technische Zwecke.
Von 1967 bis 1978 firmierte das Unternehmen als Sartorius-Werke GmbH, von 1978 bis 1990 als Sartorius GmbH. Mitte der 1970er Jahre wandelte sich die Wägetechnik von der Mechanik zur Elektronik. Das Membranfiltergeschäft war stark gewachsen und hatte sich als zweites Standbein etabliert.
In den 1970er-Jahren gründete Sartorius mehrere Vertriebsniederlassungen in Europa und den USA. In den 1980er-Jahren folgten Tochtergesellschaften in Asien sowie der erste Produktionsstandort außerhalb Deutschlands in Puerto Rico.
Börsengang und weitere Entwicklung 1990 ging das Unternehmen als Sartorius AG an die Börse.Sartorius geht an die Börse. In: Hamburger Abendblatt. 7. Juni 1990.
Sartorius übernahm 2000 B. Braun Biotech International (BBI), einen Hersteller von Fermentern (Bioreaktoren) und Zellkultursystemen, von B. Braun Melsungen. Diese Akquisition wurde später vom Wirtschaftshistoriker Hartmut Berghoff als „Schlüsselakquisition“ bewertet. In der Folge verlagerte sich der Schwerpunkt der Expansionspolitik des Unternehmens auf die Biotechnologie.
2007 legte Sartorius seine Biotechnologiesparte mit dem französischen Biotech-Unternehmen Stedim Biosystems S.A., spezialisiert auf Einwegtechnologien für biopharmazeutische Anwendungen, zusammen. Das kombinierte Unternehmen Sartorius Stedim Biotech ist an der Pariser Börse notiert.
In den 2010er Jahren wurde der Konzern umfangreich umgebaut. Zwischen 2011 und 2020 tätigte Sartorius 14 Akquisitionen von Firmen, die in den Bereichen Einweg-Bioreaktoren, Bioanalytik, Zellkulturmedien und Chromatographie tätig waren, darunter auch Life-Science-Geschäfte der Danaher Corporation in 2020. Im Dezember 2014 verkaufte Sartorius seinen Geschäftsbereich der industriellen Wägetechnik (heute: Minebea Intec), an das japanische Unternehmen Minebea. Damit konzentrierte sich Sartorius fortan auf die Kerngeschäfte Bioprozess und Labor.
Am 17. September 2021 wurde das Unternehmen in den DAX aufgenommen, dem es bis zum 3. September 2025 angehörte.GEA Group und Scout24 SE steigen aus dem MDAX in den DAX auf. tagesschau.de: Porsche AG fliegt aus dem DAX Seit 2012 ist Sartorius zudem im Technologiewerteindex TecDAX gelistet.Sartorius rückt auf: Centrotherm fliegt aus dem TecDax, Handelsblatt am 5. Juni 2012.
Zwischen 2021 und 2023 übernahm Sartorius eine Reihe von Unternehmen aus dem Bereich Zell- und Gentherapien. 2021 erwarb Sartorius CellGenix, einen Hersteller von Reagenzien. 2022 folgte die Übernahme von Albumedix für 415 Millionen britische Pfund (etwa 490 Millionen Euro). Albumedix bietet Lösungen auf Basis rekombinanten Albumins an. 2023 übernahm Sartorius Polyplus, einen Entwickler von viralen Vektoren.
Seit dem 1. Juli 2025 ist Michael Grosse Vorstandsvorsitzender der Sartorius AG. Er übernahm die Position von Joachim Kreuzburg, der das Unternehmen seit 2003 geführt hatte.
Unternehmensprofil Sartorius ist ein Technologieanbieter für die biopharmazeutische Forschung und Industrie. Das Unternehmen ist in zwei Geschäftsbereiche unterteilt: Bioprocess Solutions ist auf die Herstellung von Biopharmaka ausgerichtet und umfasst unter anderem die Bereiche Filtration, Fluidmanagement, Fermentation und Membranchromatografie. Lab Products & Services zielt auf die Forschung und Entwicklung. Dazu gehören insbesondere bioanalytische Instrumente, Laborwaagen, Pipetten und Verbrauchsmaterialien.
Sartorius hat Standorte in mehr als 60 Ländern. Wichtige Produktionsstätten befinden sich unter anderem in Göttingen, Aubagne, Yauco, Bangalore und Peking.
Konzern-Kennzahlen + in EUR 2017 2018 2019 2020 2021 2022 20232024 Umsatz Mio. 1.405 1.566 1.827 2.336 3.449 4.175 3.3963.380 Ergebnis v. St. Mio. 198,6 270,7 303,2 446,7 668,4 1.181,7 392,4945,3 Mitarbeiter 7.501 8.125 9.016 10.637 13.832 15.942 14.61413.528
Aktien und Anteilseigner Das gezeichnete Kapital der Sartorius AG setzt sich aus Stamm- und Vorzugsaktien zusammen.
Die Vorzugsaktie wird seit dem 18. Juni 2012 im deutschen Technologiewerteindex TecDAX gehandeltSartorius wird in den TecDAX aufgenommen, 6. Juni 2012. und seit dem 24. September 2018 zusätzlich im MDAX. Im Zuge einer Indexreform wurde das Unternehmen zum 20. September 2021 in den DAX aufgenommen und verblieb dort bis zum erneuten Wechsel in den MDAX im September 2025.
Anteil an denStammaktien(37,44 Mio. Stück) Anteilseigner 50,3 % Erbengemeinschaft nach Horst Sartorius(Karin (* 1942) – Christine (* 1944)) vertreten durch den Testamentsvollstrecker Lothar Kappichbis Mitte 2028 treuhänderisch verwaltet 34,7 % Bio-Rad Laboratories, Inc., 8,6 % von der Sartorius AG selbst gehalten 6,4 % Streubesitz (Stand: Dezember 2024)
Anfang 2022 hat die Erbengemeinschaft einen Anteil von 56,7 % der etwas mehr als 50 % der im Besitz der Erbengemeinschaft befindlichen Stammaktien an den Finanzinvestor Armira/LifeScience Holding verkauft. Wegen der bis Mitte 2028 laufenden Testamentsvollstreckung kann der Kauf erst zu diesem Zeitpunkt abgewickelt werden. Parallel dazu hat Karin Sartorius-Herbst ihren Anteil an Stammaktien innerhalb der Erbengemeinschaft erhöht.
Anteil an denVorzugsaktien(37,44 Mio. Stück) Anteilseigner 25,6 % Bio-Rad Laboratories, Inc. 8,7 % von der Sartorius AG selbst gehalten 65,7 % Streubesitz
Sartorius-Gebäude in Göttingen mini|Das Sartorius-Quartier an der Weender Landstraße, zentral im Bild in rotem Backstein ältere Gebäudeteile nach Sanierung und Umbau, in hellem Stein Neubauten (Mai 2024)
2001 wurde im Industriegebiet Grone am nordwestlichen Stadtrand Göttingens ein neues Werk in Betrieb genommen.
2007 eröffnete Sartorius in Göttingen auch ein neues Chemie-Produktionsgebäude. In: Faktor-Magazin 24. Juli 2006. Am Stammsitz in Göttingen weihte Sartorius bald ein neues Membrangebäude ein, 2013 wurde ein neues Produktionsgebäude zur Spritzgussfertigung von Kunststoffteilen in Göttingen eröffnet. Am Göttinger Siekanger eröffnete Sartorius 2014 zusammen mit seinem Partner Zufall Logistics das neue Logistikzentrum in einem ehemaligen Industriequartier. Von hier aus erfolgt sowohl der weltweite Versand der Labor- und Prozesstechnologieprodukte als auch die Produktionsversorgung aller Göttinger Sartorius Standorte. Das als Sartorius-Quartier vermarktete Gelände erhielt im Jahr 2022 neue Fassaden sowohl für den markanten Turm als auch für die benachbarte Sheddach-Halle durch die Berliner Firma Fittkau Metallgestaltung.Aktuele: Sartorius-Quartier in Göttingen, abgerufen am 18. Februar 2024.
Sartorius weltweit 2007 weihte Sartorius neue Werke in Peking einSartorius weiht neues Werk in China ein: Verdoppelung der Produktionskapazitäten, Chemie.de am 14. September 2007. im gleichen Jahr wurde in Shanghai die neue Asien-Vertriebszentrale der Sartorius Gruppe in Betrieb genommen, von der aus sämtliche Vertriebs- und Marketing-Aktivitäten für China sowie für die gesamte Region Asien gesteuert werden.Sartorius Unternehmensgeschichte 2001–heute. auf sartorius.de.Sartorius: Neue Produktionshalle für die Kunststoffverarbeitung KunststoffWeb am 19. Juni 2013. Neben einem neuen Werk in Arvada, USA, eröffnete Sartorius im Jahr 2009 den Sartorius India Campus in Bengaluru.Sartorius eröffnet neues Werk, HNA am 30. Oktober 2009.