mini|Apsley Cherry-Garrard (fotografiert von Herbert Ponting im Januar 1912) rahmenlos|rechts|Apsley Cherry-Garrards Unterschrift Apsley George Benet Cherry-Garrard (* 2. Januar 1886 in Bedford, Bedfordshire; † 18. Mai 1959 in London) war ein britischer Polarforscher, der an der Terra-Nova-Expedition (1910–1913) unter Robert Falcon Scott in die Antarktis teilnahm. Bei dieser Forschungsreise war er unter anderem am Wintermarsch zum Kap Crozier beteiligt und Mitglied einer von mehreren Unterstützungsgruppen, die Scott und vier Begleitern den Vorstoß zum geographischen Südpol ermöglichten. Cherry-Garrard gehörte auch der Suchmannschaft an, die im November 1912 das letzte Lager der Südpolgruppe mit den Verstorbenen Scott, Wilson und Bowers fand. Die Expeditionserlebnisse schilderte er im 1922 erschienenen Buch The Worst Journey in the World, das inzwischen zu den Klassikern der Reise- und Polarliteratur gehört.
Nach einer medizinischen Forschungsreise nach China im Jahr 1914 und seinem Militärdienst im Ersten Weltkrieg traten bei Cherry-Garrard im Jahr 1916 schwere gesundheitliche Probleme zutage, die vermutlich durch die traumatischen Erlebnisse bei der Terra-Nova-Expedition hervorgerufen wurden und unter denen er den Rest seines Lebens, den er als Privatier verbrachte, litt.
Herkunft und Jugend mini|Cherry-Garrard (rechts) mit seinen Eltern und den Schwestern Mildred, Elsie und Ida (v. l. n. r.) im Jahr 1896 Apsley Cherry-Garrard wurde im Haus Nr. 15 in der Landsdowne Road der südenglischen Stadt Bedford geboren.David Nash Ford: Apsley Cherry-Garrard (1886–1959). berkshirehistory.com, Kurzbiografie (englisch); abgerufen am 6. Dezember 2012.Nick Smith: Plaque unveiled for Bedford’s forgotten explorer, bedfordshire-news.co.uk vom 19. November 2010 (englisch); abgerufen am 6. Dezember 2012. Seine Eltern waren Generalmajor Apsley Cherry (später Cherry-Garrard, 1832–1907), Companion des Order of the Bath (CB) und Justice of Peace (JP),Nicholas Jenkins: genealogische Informationen auf der Homepage der Stanford University (englisch); abgerufen am 9. Dezember 2012. und dessen Ehefrau Evelyn Edith (geb. Sharpin, 1857–1946).Nicholas Jenkins: , genealogische Informationen auf der Homepage der Stanford University (englisch); abgerufen am 9. Dezember 2012. Apsley Cherry-Garrard war ihr ältestes Kind und einziger Sohn neben fünf Töchtern. Die ursprünglich aus Frankreich stammende Familie Cherry gehörte zur wohlhabenden viktorianischen Mittelschicht. Cherry-Garrards Vater hatte als Offizier der britischen Armee im Indischen Aufstand von 1857 sowie in der südafrikanischen Kapkolonie im Grenzkrieg von 1877 und im Zulukrieg von 1879 gedient.Adam Jones-Lloyd: Apsley Cherry-Garrard, Kurzbiographie auf hertsmemories.org.uk vom 6. Oktober 2011 (englisch); abgerufen am 10. Dezember 2012.
Seine Jugend verlebte Apsley Cherry-Garrard auf dem Familienlandsitz Denford Park, Informationen zum Anwesen auf der Homepage des Hungerford Virtual Museum (englisch); abgerufen am 22. Januar 2013. in Kintbury, Berkshire und ab 1892 auf dem Anwesen Lamer Park in Wheathampstead, Hertfordshire. Letzteres hatte seit der Mitte des 16. Jahrhunderts der väterlichen Familienlinie der Garrards gehört und war durch Erbschaft in den Besitz von Cherry-Garrards Vater übergegangen. Hierdurch waren seinem Vater auch Wappen und Name der Garrards zugefallen.
Im Alter von sieben Jahren schickten ihn seine Eltern zur Grange Preparatory School in Folkestone in der Grafschaft Kent. Später besuchte er das Winchester College und graduierte in klassischer Philologie und neuer Geschichte als Bachelor of Arts (B.A.) am Christ Church College in Oxford.Janna McGuigan: (PDF; 89 kB), Kurzbiographie aus dem Jahr 2002 auf nzaht.org (englisch); abgerufen am 6. Dezember 2012. Cherry-Garrard, der zeitlebens an einer starken Kurzsichtigkeit litt, galt während seiner Schulzeit als schüchterner Einzelgänger, der von seinen sportlich ambitionierten Mitschülern gemieden wurde.Wheeler: Cherry: A Life of Apsley Cherry-Garrard. 2003, S. 30–31. In seiner Studienzeit entwickelte er sich zu einem ausgezeichneten Ruderer und 1908 gewann er in einer Auswahlmannschaft seiner Universität im Ruderachter den renommierten Grand Challenge Cup in Henley-on-Thames.
Terra-Nova-Expedition
mini|Cherry-Garrard vor seiner Schreibmaschine in der Expeditionshütte am Kap Evans, Ross-Insel, Antarktis Cherry-Garrard hatte seinen Vater für dessen abenteuerlichen Lebensstil in jungen Jahren bewundert und war fest entschlossen, ihm darin nachzueifern. Im Jahr 1907 brach er aus diesem Grund zu einer Weltreise an Bord von Frachtschiffen auf. Während er sich im australischen Brisbane aufhielt, erfuhr er, dass Robert Falcon Scott seine zweite Antarktis-Expedition plante, um als Erster den geographischen Südpol zu erreichen. Als sich Scotts Vertrauter Edward Wilson im Herbst 1908 auf dem schottischen Landsitz eines Cousins von Cherry-Garrard aufhielt, nutzte er die Gelegenheit, sich über Wilson für die Teilnahme an der Forschungsreise zu bewerben.Cherry-Garrard: The Worst Journey in the World. Band I. 1922, S. xlvii (). Nachdem Scott ihn trotz Wilsons Fürsprache zunächst abgelehnt hatte, erklärte sich Cherry-Garrard bereit, der Expedition auch ohne Gegenleistung £ 1000 (heute rund £ )Berechnung mit Hilfe von Vorlage:Inflation zur Verfügung zu stellen. Scott war derart beeindruckt von dieser Geste, dass er ihn schließlich offiziell als Assistenz-Zoologen, de facto als Wilsons Gehilfen rekrutierte. Cherry-Garrard und Lawrence Oates, der für die Betreuung der mitgeführten Mandschurischen Ponys verantwortlich war, waren die einzigen Expeditionsmitglieder, die für ihre Teilnahme Geld zahlten. Er gehörte trotz SeekrankheitHuxley: Scott’s last Expedition. Band I. 1914, S. 611 (). zu dem Teil der Mannschaft, der die gesamte Reisestrecke von Cardiff bis zum Kap Evans auf der Ross-Insel zwischen dem 15. Juni 1910 und dem 4. Januar 1911 mit dem Forschungsschiff Terra Nova zurücklegte.Cherry-Garrard: The Worst Journey in the World. Band I. 1922, S. 1–86 ().
Während anfangs insbesondere wissenschaftliche Expeditionsteilnehmer auf Cherry-Garrard wegen seiner fehlenden Qualifikationen spöttisch reagierten, schrieb Scott, er sei Huxley: Scott’s last Expedition. Band I. 1914, S. 183 (. ). und .Huxley: Scott’s last Expedition. Band I. 1914, S. 263 (. ). Im Basislager war Cherry-Garrard unter anderem maßgeblich mit der Anfertigung eines Expeditionsjournals betraut, nachdem ihn Scott bereits vor Beginn der Forschungsreise angewiesen hatte, die Handhabung einer Schreibmaschine zu erlernen.Wheeler: Cherry: A Life of Apsley Cherry-Garrard. 2003, S. 61. Als Herausgeber der South Polar TimesSouth Polar Times, Abbildung und Information zum Expeditionsmagazin auf der Homepage der Ten Pound Island Book Company (englisch); abgerufen am 22. Januar 2013. stand Cherry-Garrard in direkter Nachfolge zu Ernest Shackleton und Louis Bernacchi, die diese Aufgabe nacheinander während Scotts Discovery-Expedition (1901–1904) übernommen hatten. Mit Lawrence Oates, Henry Bowers, Edward Atkinson und Cecil Meares bezog er ein gemeinsames Quartier in der Expeditionshütte.Huxley: Scott’s last Expedition. Band I. 1914, S. 124 (). Zu diesen Männern sowie zu Edward Wilson entwickelte er freundschaftliche Beziehungen.
Errichtung der Versorgungsdepots mini|Cherry-Garrard (Dritter von rechts) als Mitglied der ersten Depot-Gruppe im Januar 1911 Am 24. Januar 1911 begann die Mannschaft, wie Cherry-Garrard es beschrieb, Cherry-Garrard: The Worst Journey in the World. Band I. 1922, S. 104 (. ). mit dem Anlegen von Depots für den geplanten Marsch zum geographischen Südpol. Er gehörte zu einer von Scott geleiteten 13-köpfigen Gruppe, die an diesem Tag mit acht Ponys und 29 Schlittenhunden zu einem Marsch zum Transport von Vorräten und Ausrüstungsgegenständen zum alten Quartier von Scotts Discovery-Expedition auf der Hut-Point-Halbinsel aufbrach.Huxley: Scott’s last Expedition. Band I. 1914, S. 139–143 (). Es war der erste einer ganzen Reihe von Märschen, an deren Ende Cherry-Garrard mit umgerechnet 4923 km die längste Wegstrecke aller Expeditionsteilnehmer zurückgelegt hatte.Wheeler: Cherry: A Life of Apsley Cherry-Garrard. 2003, S. 448: 3059 Meilen. Das Ziel der Versorgungsmärsche lautete, neben weiteren Vorratslagern das südlichste Depot auf einer geographischen Breite von 80° S auf dem Ross-Schelfeis zu errichten.
Das Vorhaben misslang wegen schlechten Wetters und eines weichen Untergrunds, in den die Ponys, insbesondere wenn sie keine Schneeschuhe trugen, bis zum Bauch einsanken. Am 17. Februar schließlich ließ Scott das sogenannte One Ton Depot bei 79° 29′ S anlegen, etwa 56 km nördlich der angepeilten Position und rund 240 km südlich der Hut-Point-Halbinsel.Cherry-Garrard: The Worst Journey in the World. Band I. 1922, S. 116 (). Einige der Männer, unter ihnen Cherry-Garrard, litten zu diesem Zeitpunkt bereits an Erfrierungen im Gesicht.Huxley: Scott’s last Expedition. Band I. 1914, S. 173 (). Bei der Rückkehr zum Basislager in getrennten Teams bis Ende Februar 1911 gingen sechs der acht Ponys durch Kälte und Erschöpfung zugrunde.Cherry-Garrard: The Worst Journey in the World. Band I. 1922, S. 127 und 136–154 (). Allein drei von vier Pferden starben beim gemeinsamen Versuch Cherry-Garrards, Bowers’ und Tom Creans, die Tiere über eine aufbrechende Eisfläche zwischen der Hut-Point-Halbinsel und Kap Evans zurückzuführen.
Am 16. März 1911 unternahm Cherry-Garrard mit sieben Begleitern unter der Führung des stellvertretenden Expeditionsleiters Edward Evans einen letzten Depotmarsch auf das Ross-Schelfeis vor Beginn des antarktischen Winters.Cherry-Garrard: The Worst Journey in the World. Band I. 1922, S. 166 (). Die Gruppe geriet in einen Schneesturm, durch den sie in einem Gelände mit zahlreichen Gletscherspalten zwischenzeitlich die Orientierung verlor und nur mit Mühe zum sogenannten Corner Camp östlich von White Island gelangte. Der Rückweg verlief dagegen reibungslos, so dass die Mannschaft wohlbehalten am 23. März am Hut Point eintraf.Huxley: Scott’s last Expedition. Band I. 1914, S. 211 ().
Wintermarsch zum Kap Crozier mini|Henry Bowers, Edward Wilson und Apsley Cherry-Garrard (v. l. n. r.) beim Aufbruch zum Wintermarsch zum Kap Crozier am 27. Juni 1911 Am 27. Juni 1911 brach Cherry-Garrard gemeinsam mit Henry Bowers und Edward Wilson mitten im antarktischen Winter, in den die Brutsaison der Kaiserpinguine fällt, auf zu einem Marsch zu einer Kolonie dieser Vögel am Kap Crozier, um dort angebrütete Pinguineier einzusammeln. Die in den Eiern enthaltenen Embryonen sollten als Untersuchungsmaterial dienen, um die von Ernst Haeckel aufgestellte, inzwischen jedoch weitgehend widerlegte Rekapitulationstheorie nachzuvollziehen, nach der die Embryogenese eine verkürzte Wiederholung der Phylogenese eines Organismus darstellt. Der Kaiserpinguin galt damals als besonders primitiver Vogel, dessen embryonale Entwicklung einen Hinweis auf den Missing Link in der Evolution von Vögeln und Reptilien geben sollte.Cherry-Garrard: The Worst Journey in the World. Band I. 1922, S. 234 ().