Das Stammlager VI A (kurz: Stalag VI A) war ein Stammlager für Kriegsgefangene in Hemer, Westfalen. Es bestand von 1939 bis 1945 auf dem Gebiet, das anschließend von der Blücher-Kaserne in Anspruch genommen wurde. Es war eines der größten Kriegsgefangenenlager im Dritten Reich und galt als „Sterbelager“ vor allem für sowjetische Kriegsgefangene. Ein Großteil der Gefangenen, die Zwangsarbeit im Ruhrbergbau verrichteten, waren in Hemer registriert. Das Lager wurde im Herbst 1939 eingerichtet und am 13. April 1945 von der US-Armee befreit.

Nach Kriegsende nutzten die Alliierten das Gelände als Internierungslager Camp Roosevelt. Von 1946 bis 1955 war das Lager Standort der belgischen Besatzungsmacht, bis die Bundeswehr es 1956 bezog. Ein Denkmal und ein Geschichtsraum erinnern an das ehemalige Kriegsgefangenenlager. mini|Modell des Stammlagers VI A (Stand 1945); Mauerwerk rot, Holzbaracken braun, Zelte weiß

Geschichte Vorgeschichte und Einrichtung des Lagers Das Kriegsgefangenen-Mannschaftsstammlager Stalag VI A in Hemer war das erste seiner Art im Wehrkreis VI (Münster). Der Komplex am Jüberg war ursprünglich für eine Panzerkaserne vorgesehen. Da die Militärführung die Anzahl der Kriegsgefangenen unterschätzt hatte, mussten kurzfristig neue Unterbringungsorte gefunden werden. Im September 1939 wurde Hemer als Standort für das Stalag VI A ausgewählt. Für die ersten polnischen Kriegsgefangenen wurden wenig später als Übergangslösung große Zelte vom Nürnberger Reichsparteitag auf einem Sportplatz in der Nähe der Kasernengebäude aufgestellt, da sich die Gebäude noch im Rohbau befanden.

Die Gefangenen bezogen im Oktober und November 1939 die immer noch nicht fertig ausgestatteten Steingebäude und einige zusätzlich aufgestellte Baracken. Dreistöckige Pritschen wurden erst nach einigen weiteren Wochen angeschafft. Die sanitären Anlagen waren von Beginn an in schlechtem Zustand, so dass sich schnell Krankheiten ausbreiteten.

Die Verwaltung nahm im Herbst 1939 ihre Arbeit auf und legte für jeden Gefangenen eine Akte an. Die Gefangenen mussten eine nummerierte Erkennungsmarke tragen und waren in den ersten Monaten vor allem in der Land- und Forstwirtschaft eingesetzt.

Das Stalag VI A im Zweiten Weltkrieg mini|Im Stalag VI A registrierte Kriegsgefangene: Westgefangene (Rot; v. a. Franzosen und Belgier, aber auch Briten), Sowjets (Grün), sonstige Slawen (Blau; Polen und Jugoslawen), Italiener (Türkis) Im Stalag VI A waren bis Mitte 1942 30.000 Kriegsgefangene registriert. Bis zum Sommer 1943 stieg die Zahl auf 55.000, zwischen Dezember 1943 und Befreiung im April 1945 lag sie bei 100.000. Die polnischen Gefangenen waren in den ersten Monaten Ende 1939 in der Mehrheit, im Herbst 1940 lag ihre Zahl dann noch bei rund 2.600. Vergleichsweise hoch war zu diesem Zeitpunkt die Anzahl französischer Gefangener mit etwa 23.500. Briten wurden nach ihrer Gefangennahme schnell in andere Lager verlegt. Seit dem Juni 1941 waren auch Serben in Hemer untergebracht.

Im Oktober 1941 wurden die ersten sowjetischen Gefangenen registriert, deren Zahl sich bis zum Juni 1942 relativ konstant um 2.500 bewegte; bis zum Ende des Jahres stieg sie auf 47.000. Polen und Serben wurden gleichzeitig zum größten Teil an andere Lager übergeben. Stalag VI A entwickelte sich damit zum reinen Russenlager. Die meisten Sowjets wurden im Steinkohle-Bergbau im nahen Ruhrgebiet eingesetzt; das Lager wurde im November 1942 in ein „Sonder-Mannschaftsstammlager für den Ruhrbergbau“ umgewandelt. Zuvor waren die Gefangenen zum Arbeitseinsatz im südlichen Teil des Regierungsbezirks Arnsberg verteilt. Im Herbst 1944 gehörten fast 100.000 sowjetische Gefangene zum Zuständigkeitsbereich des Stalags VI A.

Seit Herbst 1943 waren auch Italiener in Hemer registriert, Ende 1944 kamen einige Rumänen dazu. Während des Zweiten Weltkriegs wurden mehr als 200.000 Gefangene durch das Lager geschleust. Vor allem seit November 1943 war die Kapazität der Gebäude bei weitem überschritten. Etwa 10.000 Gefangene waren zu diesem Zeitpunkt im Stalag-Komplex untergebracht. In den letzten Wochen vor der Befreiung des Lagers lag die Zahl bei 23.000 Insassen.Hans-Hermann Stopsack: Die Belegung des Lagers nach Nationalitäten und Zeiten. In: Hans-Hermann Stopsack, Eberhard Thomas (Hrsg.): Stalag VI A Hemer. Kriegsgefangenenlager 1939–1945. Eine Dokumentation. Hemer 1995, S. 62–67.

Die Übergabe des Stammlagers Nach der Schließung des Ruhrkessels am 1. April 1945 wurde das Lager von führenden SS- und Gestapo-Offizieren verstärkt als Rückzugsort genutzt. Bereits am 10. März war die Funkstelle des SS-Oberabschnitts West dorthin verlegt worden. Unter anderen setzte sich Karl Gutenberger, General der Waffen-SS, nach Hemer ab. Wegen des dortigen Lazaretts wurden keine Luftangriffe der Alliierten befürchtet. In der heutigen Wulfertschule richtete die Gestapo aus Hörde Anfang April ihre neue Leitstelle ein. Am 11. April tötete sie acht Fremdarbeiter in Hemer, nachdem sie bereits in Dortmund, Hagen, Iserlohn und Lüdenscheid insgesamt rund 300 Menschen umgebracht hatten.

Wenige Stunden später geriet Hemer unter US-amerikanisches Artilleriefeuer; daraufhin flohen Gestapo- und SS-Männer in Zivilkleidung und tauchten mit gefälschten Pässen unter. Nach der Sprengung des Ruhrkessels konzentrierten sich die deutschen Truppen aus dem östlichen Bereich im Iserlohner und Hemeraner Raum. Generalleutnant Fritz Bayerlein bereitete eine friedliche Übergabe des Lagers vor und befahl seinen Truppen, die unter Munitionsmangel litten und demoralisiert waren, auf weitere Kampfhandlungen zu verzichten.

Die Verhandlungen zur Übergabe des Lagers führte Hauptmann Edmund Weller. Eine amerikanische Kampfgruppe der 7th Armored Division erreichte am 13. April 1945 nach einem überraschenden Vorstoß den Deilinghofener Flugplatz in der Nähe des Stalags VI A.POW Camps der U. S. 7th Armored Division Association (englisch) Weller fuhr, vermutlich nach Rücksprache mit dem Lagerkommandanten Wussow, zu den Amerikanern, um ihnen die Situation zu schildern. Er äußerte die Befürchtung der Lagerleitung, die Kontrolle über die Gefangenen zu verlieren. Mit zwei amerikanischen Offizieren fuhr Hauptmann Weller ins Stalag und übergab es den Amerikanern. Gleichzeitig hatte Hauptmann Albert Ernst eine friedliche Übergabe der Stadt Hemer erreicht.Karl-Heinz Lüling, Hans-Hermann Stopsack: Die Übergabe des Lagers und das Ende des Krieges in Hemer. In: Hans-Hermann Stopsack, Eberhard Thomas (Hrsg.): Stalag VI A Hemer. Kriegsgefangenenlager 1939–1945. Eine Dokumentation. Hemer 1995, S. 146–155.

Die amerikanischen Soldaten fanden 22.000 Gefangene vor, vorwiegend Russen, davon waren 9.000 lazarettreif krank. In den Kellern wurden 200 Leichen gefunden, die in der Hektik der letzten Kriegstage nicht mehr beerdigt worden waren. Vor der Befreiung waren etwa 100 Gefangene pro Tag an Epidemien und Unterernährung gestorben. Insgesamt kamen im Stalag Hemer mindestens 23.470 Kriegsgefangene um.Heiner Wember: Umerziehung im Lager. Internierung und Bestrafung von Nationalsozialisten in der britischen Besatzungszone Deutschlands (= Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte Nordrhein-Westfalens; Bd. 30). Essen 1991, ISBN 3-88474-152-7, S. 73f.

Die Tage nach der Befreiung Nach der Übergabe sahen es die US-Truppen als ihre Aufgabe an, die Inhaftierten zu versorgen, Plünderungen und Übergriffe zu verhindern und eine geordnete Rückführung vorzubereiten. Einigen gelang trotz der Bewachung die Flucht durch ein Loch im Zaun, das durch den Beschuss entstanden war. Mit Gewalt und der Zusage von Verpflegung gelang es, die meisten zurückzuholen. Im Lager kam es zu Plünderungen in der Küche. Dabei wurden große Mengen verschimmelter Brote gefunden, was die Unruhe weiter verstärkte. Die Amerikaner kümmerten sich schnell um die medizinische Versorgung der Lagerinsassen in neu errichteten Zelten.

Als das Lager ab dem 15. April nicht mehr so streng bewacht wurde, strömten viele Gefangene in die Stadt und es kam vermehrt zu Plünderungen. Wenige Tage später holten gefangene Offiziere gemeinsam mit der US-Militärpolizei die Ausgebrochenen wieder zurück; danach wurde die Bewachung wieder verschärft. Bis Juli kam es dennoch vereinzelt zu Plünderungen in Hemer, vor allem durch italienische Gefangene. Einige versuchten, Angehörige der sowjetischen Lagerpolizei zu lynchen.

Die US-Truppen verbesserten die hygienischen Zustände und verteilten die Gefangenen auf mehr Räumlichkeiten. Das Tbc-Lager wurde kontrolliert niedergebrannt. Kranke Gefangene wurden in das Standortlazarett (heutige Lungenklinik Hemer), die heutige Paracelsus-Klinik Hemer sowie in Baracken im heutigen Friedenspark verlegt.

Ende April begann die Rückführung der ersten Gefangenen aus dem Westen in ihre Heimatländer.Hans-Hermann Stopsack: Die Gefangenen des Stalag VI A nach der Befreiung. In: Hans-Hermann Stopsack, Eberhard Thomas (Hrsg.): Stalag VI A Hemer. Kriegsgefangenenlager 1939–1945. Eine Dokumentation. Hemer 1995, S. 156–163. Bei den sowjetischen Internierten gestaltete sich die Rückführung schwieriger; so waren noch im Juni 7.000 von ihnen in Hemer untergebracht. Das ehemalige Stammlager war inzwischen in Camp Roosevelt umbenannt worden. Im August verließen schließlich die meisten der sogenannten Displaced Persons das Lager.Hans-Hermann Stopsack: Das Schicksal der Displaced Persons. In: Hans-Hermann Stopsack, Eberhard Thomas (Hrsg.): Stalag VI A Hemer. Kriegsgefangenenlager 1939–1945. Eine Dokumentation. Hemer 1995, S. 164–172.

Die Nachkriegszeit Ein halbes Jahr nach der Befreiung errichteten die britischen Truppen auf dem ehemaligen Stalag-Gelände ein Internierungslager. Das Hemeraner Camp Roosevelt war das siebte sogenannte Civil Internment Camp (CIC) in der britischen Besatzungszone. Im Juni 1945 hatten die US-Amerikaner mit dem Abzug ihrer Truppen aus dem Hemeraner Raum begonnen, die britische Armee übernahm im August die Aufsicht über das Lager. Nach Reparaturen an den Gebäuden und Einrichtungen wurde im November das Internierungslager in Betrieb genommen.

Datum Internierte Dezember 1945 2448 Januar 1946 2115 Februar 1946 2469 Datum Internierte März 1946 3330 April 1946 3176 Mai 1946 2793 Datum Internierte Juni 1946 3627 Juli 1946 3548 August 1946 3366

Eine besondere Einrichtung war das Sonderlager für Kriegsverbrecher, in dem im August 1946 650 Internierte untergebracht waren. Es gehörte zu den kleineren Internierungslagern im britischen Bereich mit einem hohen Anteil ranghoher Kriegsverbrecher. Ein Grund dafür war die Beschaffenheit des Lagers, unter anderem mit einer Zentralheizung und gut ausgestatteten Sanitäreinrichtungen.Hans-Hermann Stopsack: Hemer 1944–1949. Erinnerungen, Zeitzeugenberichte und Dokumente aus einer Zeit des Umbruchs. Hemer 2004, S. 116–125.Eberhard Thomas: Die Nutzung des ehemaligen Lagergeländes nach dem Zweiten Weltkrieg. In: Hans-Hermann Stopsack, Eberhard Thomas (Hrsg.): Stalag VI A Hemer. Kriegsgefangenenlager 1939–1945. Eine Dokumentation. S. 173–177. Die Internierten und ihre Bewacher organisierten kulturelle und religiöse Veranstaltungen. Im September 1946 wurde das Camp Roosevelt aufgelöst und die Internierten in das Lager Eselheide verlegt, das während des Krieges als Stammlager VI K (326) genutzt worden war.

mini|Blücher-Kaserne, 2006 Danach übernahmen im Herbst 1946 belgische Truppen das Lagergelände und nannten es Casernes Ardennes. Dort waren zwei Jägerbataillone stationiert; die Familienangehörigen wurden in 72 beschlagnahmten Wohnhäusern untergebracht. Am 22. und 28. November 1955 zogen die Belgier wieder ab, so dass die Gebäude wieder ihren Eigentümern zur Verfügung standen.