hochkant=1.4|mini|Karte vorrömerzeitlicher Kulturen (um 500 v. Chr. bis 50 v. Chr.), die mit dem Urgermanischen in Verbindung gebracht werden: in Rot die frühe nordische Eisenzeit, rosa eingefärbt die Jastorf-Kultur.
Urgermanisch (auch Protogermanisch, Gemeingermanisch oder Späturgermanisch) nennt man die hypothetische Vorläufersprache aller germanischen Sprachen, gewissermaßen die Ursprache der germanischen Sprachfamilie, zu der neben anderen die heutigen Sprachen Deutsch, Englisch, Niederländisch und Schwedisch zählen. Es entwickelte sich möglicherweise im 2. Jahrtausend v. Chr., spätestens im 1. Jahrtausend grob rund um die westliche Ostsee, nach anderen Quellen etwas weiter südlich um den Harz herum.Wolfgang P. Schmid: Alteuropa und das Germanische. In: Heinrich Beck (Hrsg.): Germanenprobleme in heutiger Sicht. Berlin 1986, S. 155–167.Hermann Ament: Die Ethnogenese der Germanen aus der Sicht der Vor- und Frühgeschichte. in: Wolfram Bernhard und Anneliese Kandler-Pálsson (Hrsg.): Ethnogenese europäischer Völker. Stuttgart/ New York 1986, S. 247–256.Wolfram Euler und Konrad Badenheuer: Sprache und Herkunft der Germanen. Abriss des Protogermanischen vor der Ersten Lautverschiebung. Inspiration Un Limited, Hamburg/ London 2009, S. 35 f., 43–50.
hochkant=1.4|mini|Die Verbreitung der germanischen Sprachen und Dialekte:Herman Kinder, Werner Hilgemann: dtv-Atlas Weltgeschichte. Karten und chronologischer Abriss. Band 1: Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1995.
Sprecher und wichtigste Merkmale Die Sprecher dieser Sprachstufe werden unabhängig von ethnologischen und geografischen Belegen als Germanen bezeichnet. Über die Datierung des Urgermanischen lässt sich mangels Textzeugnissen nichts Genaues sagen. Die ihm vorangehende, nachindogermanische Sprachstufe, in der die erste Lautverschiebung (einschließlich der durch das Vernersche Gesetz bezeichneten Ausnahmen) und die Akzentverlagerung auf die Stammsilbe noch nicht vollzogen waren, wird als Prä- oder Vorgermanisch (engl. , frz. ) bezeichnet.
Zu den auffälligsten Merkmalen des Urgermanischen zählt im Bereich der Phonologie das aus der ersten Lautverschiebung hervorgegangene neue Verschlusslaut-Obstruenten-System. Im Bereich der Morphologie waren das auf Ablaut basierende System der starken Verben, die Einführung eines Zahnlautes zur Kennzeichnung der Vergangenheit (Dentalpräteritums) sowie die Einführung einer schwachen Adjektivflexion charakteristische Merkmale des Urgermanischen.
Datierung und Einordnung mini|hochkant=1.4|Die Verbreitung keltischer Sprachen und Völker im Lauf der Zeit:
Das Urgermanische wurde bis zur beginnenden Auflösung der germanischen Spracheinheit gegen Ende des 1. Jahrtausends v. Chr. gesprochen, war aber zu diesem Zeitpunkt angesichts der Ausdehnung seines Verbreitungsgebietes sicher bereits dialektal gegliedert. Ein Hinweis dafür findet sich in der Germania von Tacitus (Kap. 43,1). Außerdem hatte die germanische Sprache zu diesem Zeitpunkt schon eine lange Entwicklung durchlaufen, über deren Ablauf im Einzelnen wenig bekannt ist. Deshalb sind in der Regel nur Früher-Später-Bezüge (Relativchronologien) möglich, d. h. Aussagen über die Reihenfolge verschiedener phonetischer und morphologischer Veränderungen, nicht aber über deren Zeitraum.
Verschiedentlich wurde das Germanische mit anderen indogermanischen Sprachzweigen zu einer größeren Gruppe zusammengefasst. Vor Entdeckung des Tocharischen und des Hethitischen wurde zwischen Kentum- und Satemsprachen unterschieden, wobei das Germanische zusammen mit dem Griechischen, dem Italischen und dem Keltischen zur Gruppe der Kentum-Sprachen gehörte. Diese auf nur einem einzigen phonologischen Einzelmerkmal beruhende Einteilung ist seit langem überholt, wenn sie auch (v. a. in der englischen Literatur) immer wieder abgeschrieben wird. Damit verlor in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Annahme einer „alteuropäischen Sprache“Vgl. aber Euler/Badenheuer 2009, S. 36 ff. an Plausibilität und Einfluss.
Die germanischen Stämme breiteten sich bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. vermehrt aus ihrem ursprünglichen Sprachraum nach Süden und Westen Mitteleuropas aus. Hierbei verdrängten sie die Kelten und deren Sprache bis zu den Flüssen Rhein und zur Donau, die nun die Grenzströme zum keltischen Gallien und auch zum keltischen Rätien bildeten.
Erschließung Da vom Urgermanischen keine Textzeugnisse erhalten sind, spricht man von einer Rekonstruktsprache, also einer Sprache, die durch die Methode der historisch vergleichenden Sprachwissenschaft erschlossen wird. Die Rekonstruktion des Urgermanischen erfolgt einerseits anhand der frühestbezeugten altgermanischen Einzelsprachen Gotisch, Althochdeutsch, Altenglisch, Altsächsisch, Altnordisch, Altniederländisch, Altfriesisch und Altfränkisch, andererseits durch den Vergleich mit den übrigen Zweigen der indogermanischen Sprachfamilie. Das Urgermanische ist einer der Fortsetzer der indogermanischen Ursprache. Für die Rekonstruktion des Urgermanischen geht man nicht in erster Linie von den modernen germanischen Sprachen aus, sondern von den frühesten bezeugten Sprachstufen der germanischen Sprachfamilie, da diese der Ursprache noch viel näher gestanden haben müssen.
Grundlage der Erschließung des Urgermanischen bilden demnach die altgermanischen Korpussprachen. Da sich diese in Form, Menge und Zeitpunkt der Überlieferung stark unterscheiden, spielen nicht alle altgermanischen Sprachen eine gleich wichtige Rolle für die Rekonstruktion. An erster Stelle stützt man sich auf das Gotische, da man heute dank der Wulfilabibel gute Kenntnisse über die archaische Sprache der Westgoten im 4. Jahrhundert besitzt. Die übrigen nord- und westgermanischen Sprachen sind erst ab dem frühen Mittelalter handschriftlich belegt: Althochdeutsch und Altenglisch ab dem 7. Jahrhundert, Altsächsisch ab dem 9. Jahrhundert, Altniederfränkisch ungefähr ab dem 10. Jahrhundert, Altnordisch ab dem 12. Jahrhundert (in kurzen, urnordischen Runeninschriften allerdings bereits ab dem 2. Jahrhundert) und Altfriesisch ab dem 13. Jahrhundert. Kurze Runeninschriften des West- und Südgermanischen (Voralthochdeutsch, Altfränkisch) gehen auf das 5. und 6. Jahrhundert zurück.
Das Alter der Überlieferung sagt aber nicht alles über den Wert einer Sprache für die Rekonstruktion aus. So zeigt beispielsweise das Gotische im Gegensatz zu den späteren Sprachen (fast) keine Spuren des Vernerschen Gesetzes im Verbalbereich mehr und bietet somit in diesem Punkt keine Hilfe bei der Rekonstruktion der urgermanischen Verhältnisse, obwohl das Gotische viel früher bezeugt ist als beispielsweise Althochdeutsch oder Altenglisch, welche dennoch die Resultate des Vernerschen Gesetzes noch deutlich zeigen.
Wichtige Hinweise für das Urgermanische liefert zudem ein mehrheitlich auf skandinavischem Boden gefundenes Korpus von Runeninschriften. Etwa ab dem 2. Jahrhundert liegen solche Inschriften vor, die – je nach Lehrmeinung und Terminologie – sprachlich als urnordisch oder als nordwestgermanisch klassifiziert werden. Die Sprache dieser Inschriften steht der germanischen Ursprache, so wie man sie heute rekonstruiert, noch relativ nahe. Da viele Inschriften jedoch nicht eindeutig gedeutet sind oder nur aus einzelnen Wörtern oder Eigennamen bestehen, hält sich die daraus erwachsende Einsicht in Bezug auf das Urgermanische in Grenzen.
Weiteres Wissen über das Urgermanische stammt aus der frühen griechischen und lateinischen Überlieferung (Personennamen, Ethnonyme, Einzelwörter), wie bei Gaius Iulius Caesar und Tacitus. Auch frühe Lehnwörter können wichtige Aufschlüsse geben. Zum einen gibt es frühe germanische Lehnwörter in nicht indogermanischen Sprachen, so etwa im Finnischen und Estnischen kuningas ‚König‘, wohl von urgerm. *kuningaz. Andererseits lassen Lehnwörter, die beispielsweise aus dem Keltischen ins Germanische gekommen sind, gewisse Schlüsse zu.
Eine ebenfalls wichtige Methode für die Erschließung des Urgermanischen ist der sprachgeschichtliche Vergleich mit den übrigen indogermanischen Sprachzweigen und der aus diesen Zweigen erschlossenen indogermanischen Ursprache. Auf diese Weise können etwa Aussagen darüber gemacht werden, welche Eigenschaften das Urgermanische nach seiner Ausgliederung aus dem Urindogermanischen verloren haben muss. Zu weggefallenen Merkmalen kann eine Rekonstruktion, die ausschließlich auf den altgermanischen Einzelsprachen fußt, natürlich nichts erbringen.
Phonologie Phoneminventar + Oralvokale Vorne Hinten kurz lang überlang kurz lang überlang Geschlossen ⟨i⟩ ⟨ī⟩ ⟨u⟩ ⟨ū⟩ Halbgeschlossen ⟨e⟩ ⟨ē₂⟩ Halboffen ⟨ē₁⟩ ⟨ê⟩ ⟨ō⟩ ⟨ô⟩ Offen ⟨a⟩ ⟨ā⟩+ Nasalvokale Vorne Hinten kurz lang überlang kurz lang überlang Geschlossen ⟨į⟩ ⟨į̄⟩ ⟨ų⟩ ⟨ų̄⟩ Halbgeschlossen Halboffen ⟨ǭ⟩ ⟨ǫ̂⟩ Offen ⟨ą⟩ ⟨ą̄⟩
Im Urgermanischen gab es also kein kurzes /o/. Das lange [ɑː], z. B. in dagāną, war sehr selten.Über kurzes /i/ und /e/ siehe Cercignani 1979, S. 72–82. Spät-urgerm. ā(n) (entstanden durch Ersatzdehnung aus an + χ, z. B. urgerm. *þanχta- > spät-urgerm. þā(n)χta- > altengl. þōht ‚Gedanke‘) wird als /an/ analysiert, vgl. Elmer H. Antonsen, The Proto-Germanic syllabics (vowels). In: Frans van Coetsem, Herbert L. Kufner (Hrsg.): Toward a Grammar of Proto-Germanic. Niemeyer, Tübingen 1972, S. 117–140, bes. 126. Ob es nur einen oder mehrere lange /ē/-Laute gegeben hat, ist umstritten. Häufig werden zwei unterschiedliche Phoneme angesetzt, die zur Unterscheidung als /ē1/ und /ē2/ notiert werden. Nach neuerer Forschungsmeinung handelt es sich möglicherweise nur bei /ē1/ um einen urgermanischen Langvokal [ɛː~æː],Aber siehe Cercignani 1972, S. 104–110. bei /ē2/ hingegen um einen Diphthong [iɑ].Frederik Kortlandt: Germanic *ē1 and *ē2. In: North-Western European Language Evolution. Band 49, 2006, S. 51–54.Kroonen 2013, S. xxiii–xxiv. Die gewöhnlich postulierten Diphthonge waren [ɑi], [ɑu], [eu], [iu].Über [eu] und [iu] siehe Cercignani 1973, S. 106–112.
Nasalvokale werden oft ungenau als Kombination aus Vokal und Nasalkonsonant notiert.
Bilabial Dental Alveolar Palatal Velar Labiovelar Plosiv p ⟨p⟩ b ⟨b⟩ t ⟨t⟩ d ⟨d⟩ k ⟨k⟩ g ⟨g⟩ kʷ ⟨kʷ⟩ ɡʷ ⟨gʷ⟩ Nasal m ⟨m⟩ n ⟨n⟩ ŋ ⟨n⟩ ŋʷ ⟨n⟩ Frikativ ɸ ⟨f⟩ β ⟨ƀ⟩ θ ⟨þ⟩ ð ⟨đ⟩ s ⟨s⟩ z ⟨z⟩ x ⟨h⟩ ɣ ⟨ǥ⟩ xʷ ⟨hʷ⟩ ɣʷ ⟨ǥʷ⟩ Approximant l ⟨l⟩ j ⟨j⟩ w ⟨w⟩ Vibrant r ⟨r⟩
Die Schreibweisen sind in der Forschung nicht immer einheitlich. So wird bei den Labiovelaren oft ⟨kw⟩ oder ⟨gw⟩ statt ⟨kʷ⟩ oder ⟨gʷ⟩ geschrieben. Auch wird beispielsweise ⟨χ⟩ oder ⟨x⟩ anstelle von ⟨h⟩ geschrieben. Die stimmhaften Frikativlaute standen vermutlich in allophonischem Verhältnis mit den plosiven Entsprechungen b, d, g, gʷ, weshalb die Notation mit diesen Buchstaben ohne Querstrichakzent ebenfalls zulässig ist.
Die alveolaren Frikative /s/ und /z/ waren vermutlich zurückgezogene (retrahierte) apikale Sibilanten [s̠̺] und [z̠̺]. Diese Theorie wird unter anderem gestützt durch Entlehnungen (ur)germanischer Wörter in andere Sprachen wie das Urfinnische, den nordwestgermanischen Rhotazismus von /z/, die spätere Auftrennung der Sibilanten in eine alveolare und eine postalveolare Variante in den meisten germanischen Sprachen und die heutige Aussprache der Sibilanten in germanischen Sprachen ohne eine solche Auftrennung (teilweise Dänisch, Isländisch, niederländisches Niederländisch).
Lautliche Entwicklungen zum Urgermanischen Zwischen dem Urindogermanischen und dem Urgermanischen stehen einige teils einschneidende lautliche Veränderungen. Ein Teil dieser Veränderungen ist zumindest relativ datierbar; die folgende Zusammenstellung gibt eine näherungsweise zeitliche Abfolge wieder:
Vorgermanische Lautwandel Zusammenfall der Palatale mit den Velaren durch Entpalatalisierung: [kʲ] > [k] — *ḱm̥tóm > *km̥tóm > *hundą ‚hundert‘ [gʲ] > [g] — *u̯érǵom > *wérgom > *werką ‚Werk‘ [gʲʰ] > [gʰ] — *ǵʰóstis > *gʰóstis > *gastiz ‚Gast‘Anaptyxe des Sprossvokals [u] vor silbischen Sonoranten: