mini|alt=Schwarzweiß-Porträtfoto (Viertelprofil) von Lindemann|Georg Lindemann (Fotomontage. Das Ritterkreuz wurde 1940 einem früheren Foto hinzugefügt)

Georg Lindemann (* 8. März 1884 in Osterburg (Altmark); † 25. September 1963 in Freudenstadt) war ein deutscher Heeresoffizier (seit Juli 1942 Generaloberst). Als Offizier diente Lindemann während des Ersten Weltkriegs im preußischen Heer und machte, nachdem er kurzzeitig in einem Freikorps gedient hatte, Karriere in Reichswehr und Wehrmacht. Während des Zweiten Weltkrieges (1939–1945) befehligte Lindemann zunächst die 36. Infanterie-Division und das L. Armeekorps, bevor er 1942 die 18. Armee übernahm. Nachdem er Anfang Mai 1944 zum Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nord aufgestiegen war, wurde er wegen seiner Weigerung, die Besatzung des „festen Platzes“ Polozk zu opfern, von Adolf Hitler Anfang Juli 1944 entlassen. Das Kriegsende erlebte Lindemann als „Wehrmachtbefehlshaber Dänemark“, wo er noch im Mai 1945 für die Fortsetzung des „Endkampfes“ plädierte. Er führte die deutschen Besatzungstruppen in britische Gefangenschaft auf deutschem Boden. Er selbst kam in alliierte und anschließend in dänische Haft, aus der er 1948 entlassen wurde.

Leben

Jugend und Erster Weltkrieg BeförderungenDermot Bradley (Hrsg.): Die Generale des Heeres 1921–1945. Band 7. Bissendorf 2004, S. 536 f. 26. Februar 1903 Fahnenjunker 18. Oktober 1903 Fähnrich 18. August 1904 Leutnant 18. August 1912 Oberleutnant 28. November 1914 Rittmeister 1. April 1926 Major 1. Februar 1931 Oberstleutnant 1. Juni 1933 Oberst 20. April 1936 Generalmajor 20. April 1938 Generalleutnant 1. November 1940 General der Kavallerie 5. Juli 1942 Generaloberst

Lindemann wurde am 8. März 1884 als Sohn des königlich-preußischen Landesgerichts- und Geheimen Justizrates Hermann Lindemann und dessen Ehefrau Elisbeth (geb. Placke) in Osterburg geboren. Er besuchte das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Hannover und machte dort sein Abitur.Johannes Hürter: Hitlers Heerführer – Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. München 2007, S. 644 f.

Nach dem Schulabschluss trat Lindemann am 26. Februar 1903 als Fahnenjunker in das Magdeburgische Dragoner-Regiment Nr. 6 in Mainz ein. Nachdem er dort bis in den Rang eines Oberleutnants aufgestiegen war, wurde er am 1. Oktober 1913 zum Jäger-Regiment zu Pferde Nr. 13 in Saarlouis versetzt. Ab dem 1. April 1914 war er zum Dienst in den Großen Generalstab in Berlin abkommandiert, obwohl er zuvor nicht, wie sonst üblich, die Kriegsakademie besucht hatte. Im Generalstab lernte er seinen späteren Vorgesetzten Georg von Küchler kennen, der gleichzeitig dorthin abkommandiert war.Johannes Hürter: Hitlers Heerführer – Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. München 2007, S. 58 Fußnote 144 und S. 156 Fußnote 132. Lindemann heiratete 1907 Annemarie von der Osten, mit der er die Kinder Ernst (1908), Rosemarie (1910) und Erika (1912) hatte.

Wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges konnte Lindemann seine Ausbildung im Generalstab nicht beenden. Bei der Mobilmachung seines Regimentes kehrte er zu diesem zurück und wurde an der Westfront als Eskadronschef eingesetzt. Nachdem er hier Ende November 1914 zum Rittmeister befördert worden war, wechselte er zum 6. Dezember in den Generalstab des Korps Posen. Anschließend folgten Verwendungen im Generalstab des Garde-Reserve-Korps (3. Februar 1915), des Armeeoberkommandos 12 (7. Juni 1915) an der Ostfront, des Armeeoberkommandos 11 (29. Oktober 1915) auf dem Balkan, des VII. Reserve-Korps (31. März 1916) und des Armeeoberkommandos 1 (19. Juli 1916) an der Westfront. Am 12. Januar 1917 wurde Lindemann Generalstabschef der 220. Infanterie-Division, bis er am 16. Mai 1918 als Offizier von der Armee zur Verfügung der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht von Bayern versetzt wurde. Im August 1918 wurde er leicht verwundet. Am 2. September 1918 übernahm Lindemann erneut den Posten eines Stabschefs, diesmal bei der 200. Infanterie-Division. Während des Ersten Weltkrieges hatte Lindemann also nur kurzzeitig im direkten Fronteinsatz gestanden, aber trotz unvollendeter Stabsausbildung Dienst in verschiedenen Stäben geleistet.

Während des Krieges erhielt er am 9. September 1914 das Eiserne Kreuz der II. und am 28. Juli 1915 das der I. Klasse. Am 20. Mai 1917 wurde ihm zudem das Ritterkreuz des Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern verliehen.

Revolutionszeit hochkant=1.5|mini|alt=Schwarzweiß-Foto einer Autokarawane|Freikorps in Bayern 1919

Das Jahr 1919 bedeutete für Lindemann einen schweren Einschnitt. Er resümierte in einem späteren Aufsatz: „Mit dem Sturz aller bis dahin für unumstößlich gehaltenen Begriffe der Staatsform, der nationalen Ehre und Würde, von Pflicht und Recht, von Anstand und Sitte zerbrach für den Offizier ein Weltbild.“Georg Lindemann: Die staatserhaltende Kraft des deutschen Soldatentums. In: Militärwissenschaftliche Rundschau. Nr. 1, 1936, S. 299. In der Überzeugung „das Reich, zunächst einmal als Reich in irgendeiner Form, vor dem Abgrund zu retten“Georg Lindemann: Die staatserhaltende Kraft des deutschen Soldatentums. In: Militärwissenschaftliche Rundschau. Nr. 1, 1936, S. 300. beteiligte er sich in diesem Jahr an der Niederschlagung kommunistischer Aufstände in München, Halle, dem Ruhrgebiet und Hamburg.Johannes Hürter: Hitlers Heerführer – Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. München 2007, S. 89.

Bald nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes von Compiègne (11. November 1918) und dem Ausbruch der Novemberrevolution gelangte Lindemann am 10. Januar 1919 als Offizier der Armee z. b. V. zum Oberbefehlshaber Ost. Gleichzeitig gehörte er zum Generalstab des XXII. Reservekorps, das zum Grenzschutz Ost gehörte. Doch nur wenige Wochen darauf versetzte man ihn zurück in seinen Stammtruppenteil, das Jäger-Regiment zu Pferde Nr. 13, welches inzwischen in Colmar lag. Dies diente jedoch nur der Demobilisierung der Einheit, die kurz darauf aufgelöst werden sollte. Lindemann gelangte deshalb schon am 10. März 1919 als Eskadronschef zum Grenadier-Regiment zu Pferde Nr. 3. Fast gleichzeitig erfolgte am 23. März 1919 seine Kommandierung zur Garde-Kavallerie-Schützen-Division und damit auch zum Generalstab der Freiwilligen-Division von Lettow-Vorbeck. Mit diesem Verband nahm Lindemann Anfang Mai 1919 an der Niederschlagung der Münchner Räterepublik teil und marschierte mit ihm wegen der „Sülze-Unruhen“ am 1. Juli 1919 in Hamburg ein. Hier verließ Lindemann die Freikorps-Verbände. Im August 1919 wurde er als Generalstabsoffizier zum Garnisonsältesten in Hamburg, Altona und Wandsbek kommandiert. Gleichzeitig gehörte er ab dem 1. Oktober auch dem Wehrkreiskommando II an. Am 30. November 1919 erhielt er eine weitere Kommandierung, diesmal als Lehrer an der Infanterie-Schule in München.

Karriere in Reichswehr und Wehrmacht hochkant=1.5|mini|alt=Schwarzweiß-Foto eines Reiterregiments|Eine Eskadron der Reichswehr im Jahre 1927

Lindemann wurde 1921 in die Reichswehr übernommen und zunächst auf seinem Posten als Lehrer belassen. Am 15. September 1922 übernahm er als Truppenoffizier die 2. Eskadron im Reiter-Regiment 7 in Breslau, bevor er am 1. März 1925 in den Stab der 2. Kavallerie-Division (ebenfalls in Breslau) wechselte. Hier erhielt er am 1. April 1926 die Beförderung zum Major. Dies war seit fast zwölf Jahren die erste Beförderung Lindemanns. Zwei Jahre später wurde er Lehrgangsleiter an der Kavallerieschule in Hannover. Nachdem Lindemann am 1. Februar 1931 zum Oberstleutnant aufgestiegen war, übernahm er am 1. Oktober des Jahres den Befehl über das Reiter-Regiment 13. In dieser Funktion wurde er am 1. Juni 1933 Oberst und am 1. Oktober 1934 Kommandeur der Kriegsschule Hannover. Am 20. April 1936 erhielt Lindemann die Beförderung zum Generalmajor und am 6. Oktober die Ernennung zum Kommandeur der 36. Infanterie-Division, welche gerade in Kaiserslautern neu aufgestellt wurde. Dem folgte am 1. April 1938 die Beförderung zum Generalleutnant.

In diesen Jahren betätigte sich Lindemann auch als Militärschriftsteller; er verfasste mehrere Aufsätze. Im Jahr 1936 erschien der Aufsatz Die staatserhaltende Kraft des deutschen Soldatentums im ersten Jahrgang der Militärwissenschaftlichen Rundschau. Darin sah er im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) und der preußischen Niederlage von 1806/07 Beispiele dafür, dass allein der Durchhaltewille und das Ethos der Offiziere in Krisenzeiten einen Staat vor dem Zerfall retten können, wie dies auch von 1918 bis 1923 geschehen sei. Mit Zitaten aus Adolf Hitlers Mein Kampf sprach er in Bezug auf die Ereignisse der Novemberrevolution mehrfach von dem „drohenden Gespenst des Bolschewismus […] mit seinen unabsehbaren Folgen für unsere Kultur.“Georg Lindemann: Die staatserhaltende Kraft des deutschen Soldatentums. In: Militärwissenschaftliche Rundschau, 1936, Nr. 1, S. 291 und 300.

In einem weiteren Aufsatz profilierte sich Lindemann als Verfechter des Bewegungskrieges. Allerdings wollte er dabei den motorisierten Truppen keine entscheidende Wirkung zugestehen. Er argumentierte, dass motorisierte Truppen in einem neuzeitlichen Krieg immer auf die motorisierten Truppen des Gegners stoßen würden und sie deshalb keine Neuerung in die operative Kriegführung bringen könnten. Auch Panzerwagen wären nach der Entwicklung von Panzerabwehrwaffen kaum mehr in der Lage, eigenständig eine gegnerische Stellung zu durchbrechen. Er plädierte deshalb dafür, die Panzer zur Unterstützung der Infanterie und nur taktisch einzusetzen, nicht aber operativ in größeren Verbänden.Georg Lindemann: Feuer und Bewegung im Landkrieg der Gegenwart. In: Militärwissenschaftliche Rundschau, 1937, 2, S. 362–377. Diese Einstellung stieß auf die entschiedene Ablehnung von Generalmajor Heinz Guderian, dem Kommandeur der 2. Panzer-Division und „Schöpfer der deutschen Panzerwaffe“. Guderian antwortete noch im selben Jahr mit einem eigenen Text auf Lindemanns Aufsatz.Heinz Guderian: Der Panzerangriff in Bewegung und Feuer. In: Zeitschrift des Reichsverbandes Deutscher Offiziere, 1937, 16.

Zweiter Weltkrieg hochkant=1.5|mini|alt=Schwarzweiß-Foto von Lindemann im Schützengraben|General Lindemann bei einem Frontbesuch (März 1942)

Divisionskommandeur und Kommandierender General eines Armeekorps Bei Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde auch die 36. Infanterie-Division mobilisiert. Sie wurde der 1. Armee (Generaloberst Erwin von Witzleben) unterstellt und während des Sitzkrieges, in welchem mit den gegenüberliegenden französischen Truppen nur wenige Berührungen stattfanden, an die Westgrenze in den Raum Mörsbach verlegt. Bei Beginn des Westfeldzuges am 10. Mai 1940 unterstand Lindemanns Division dem VII. Armeekorps (General der Infanterie Eugen von Schobert), das seinerseits dem Armeeoberkommando 16 des Generaloberst Ernst Busch angegliedert war. Schobert wie Busch waren beide im gleichen Dienstalter, möglicherweise sogar jünger als Lindemann und standen trotzdem bereits höher im Rang. Der Historiker Johannes Hürter urteilte: „Georg von Lindemann war […] nach wie vor nur Divisionskommandeur und hinkte gleichaltrigen Kameraden wie Busch oder Reichenau beträchtlich hinterher.“Johannes Hürter: Hitlers Heerführer – Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42. München 2007, S. 171. Ab dem 14. Juni 1940 beteiligte sich die 36. Infanterie-Division am Durchbruch der Heeresgruppe C durch die französische Maginot-Linie. Für seine umsichtige Führung erhielt Lindemann am 5. August 1940 das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen.