mini|Wolfgang Benz auf der Leipziger Buchmesse, 2025 Wolfgang Benz (* 9. Juni 1941 in Ellwangen/Jagst) ist ein deutscher Historiker der Zeitgeschichte und international anerkannter Vertreter der Vorurteilsforschung, der Antisemitismusforschung und der Nationalsozialismus-Forschung. Er lehrte von 1990 bis 2011 an der Technischen Universität Berlin und leitete das zugehörige Zentrum für Antisemitismusforschung, dessen Jahrbuch er bis 2011 herausgab.

Werdegang und Forschungsbereiche Wolfgang Benz wurde als jüngstes von vier Kindern des Landarztes Ottmar Benz (1900–1976) und dessen Frau Franziska, geb. Feigen (1896–1967), in Ellwangen an der Jagst geboren und wuchs in Aalen (Württemberg) am Ostrand der Schwäbischen Alb auf.Wolfgang Benz: Zeitgeschichte als demokratischer Auftrag. In: Christof Dipper, Heinz Duchhardt: Generation im Aufbruch. Die Geschichtswissenschaft in Deutschland im Spiegel autobiographischer Porträts. Köln u. a. 2024, S. 335–349, hier S. 335. Nach dem Abitur am Schubart-Gymnasium in Aalen im März 1960 studierte Benz Philosophie, Geschichte, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft und Politische Wissenschaften an den Universitäten Frankfurt am Main, Kiel und München. Seit seinem fünften Münchner Semester arbeitete Benz zusätzlich als studentische Hilfskraft im Institut für Zeitgeschichte. Im Juli 1968 wurde er bei Karl Bosl in München mit der Arbeit Süddeutschland in der Weimarer Republik, einer Studie über die Genese der Weimarer Reichsverfassung im Spannungsfeld zwischen Föderalismus und Unitarismus, promoviert (Zweitgutachter war Walter Bußmann). Von 1969 bis 1990 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München.

1985 gründete Benz die Dachauer Hefte mit und gibt sie seitdem heraus. 1986 nahm er eine Gastprofessur an der University of New South Wales in Sydney wahr. Nach seiner Rückkehr war er Lehrbeauftragter an der Technischen Universität München, wo auch eine Honorarprofessur für ihn in Aussicht genommen wurde. Anfang 1990 übernahm Benz die Leitung des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, die er bis 2011 innehatte.Benz, Zeitgeschichte, S. 338f. 1992 erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis und den Preis Das politische Buch der Friedrich-Ebert-Stiftung. Seit 1992 gibt er die Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, seit 2001 das Handbuch der deutschen Geschichte mit heraus. Er arbeitet öfter mit der Bundeszentrale für politische Bildung zusammen. Seit 2003 veröffentlichte er auch zusammen mit seiner Frau, der Sozialwissenschaftlerin Ute Benz, mehrere Bücher. 2007 lehrte er als Gastprofessor am Sir Peter Ustinov Institut zur Erforschung und Bekämpfung von Vorurteilen an der Universität Wien.. Im S. Fischer Verlag gibt er die Taschenbuchreihe Europäische Geschichte heraus.Siehe Programm des Verlages mit lieferbaren Titeln der Reihe aus dem Jahr 2010 (PDF; 35 kB). Benz ist ebenfalls Herausgeber der Reihe Lebensbilder – jüdische Erinnerungen und Zeugnisse, die als Teil der Schwarzen Reihe seit 1991 im Fischer-Verlag erscheint.Siehe Seite des Fischer-Verlages über die Reihe „Lebensbilder“.Siehe den erfassten Bestand der Reihe in der Deutschen Nationalbibliothek (unter ).

Am 21. Oktober 2010 wurde Benz emeritiert, war jedoch noch bis März 2011 im Amt.Zentrum für Antisemitismusforschung, Abschiedsvorlesung Professor Benz, Grußworte. Seine Nachfolgerin wurde die Historikerin Stefanie Schüler-Springorum.Torsten Harmsen: Was wird aus der Antisemitismusforschung? Hamburgerin leitet künftig das Zentrum an der TU. In: Berliner Zeitung, 2. Oktober 2010. Zu seinen akademischen Schülern gehören u. a. Alice Brauner, Wolf Gruner, Johannes Heil, Günther Jikeli, Miriam Rürup, Britta Schellenberg, Yasemin Shooman und Harry Waibel.

Benz gehört zu den Unterzeichnern der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus, die für sich beansprucht, den Antisemitismusbegriff neu zu definieren. Dennoch hält Benz auch die ältere IHRA-Definition für einen wichtigen Meilenstein.

2019 kritisierte Wolfgang Benz die Einrichtung einer Meldestelle für Antisemitismus als „denunziatorisch.“ Die Verfolgung antisemitischer Straftaten sei Aufgabe der Polizei. Leonard Kaminski, ein Gründungsmitglied der RIAS, welche die Meldestelle initiierte, widersprach dieser Kritik und bezeichnete das als „eklatante[n] Fall von Täter-Opfer-Umkehr“.Leonard Kaminski: Wenn aus Tätern Opfer werden. In: juedische-allgemeine.de 10. Februar 2019

Wichtige Arbeiten Einige von Benz’ Veröffentlichungen gelten als Standardwerke der Geschichtsforschung zur Zeit des Nationalsozialismus und zu den Abläufen des Holocaust, darunter die Enzyklopädie des Nationalsozialismus (1997, mit Hermann Graml und Hermann Weiß) und das mehrbändige Handbuch des Antisemitismus.Martin Munke: . In: Portal für Politikwissenschaft, 27. Februar 2014. Auch Benz’ Buch Was ist Antisemitismus? (2004) wurde als Standardwerk bezeichnet,Michel Dormal: Terror und Politik. Eine politische Analyse des Islamismus aus Sicht einer kritischen Theorie von Antisemitismus und totaler Herrschaft (= Politische Theorie, Bd. 10), LIT Verlag, Münster 2009, S. 24. ebenso die mit Barbara Distel herausgegebene neunbändige Reihe Der Ort des Terrors (2005), die als umfassendste Darstellung des NS-Lagersystems gilt und erstmals die verfügbaren Forschungsergebnisse im engeren Sinne der Aufarbeitung zusammenführte.Carina Baganz: Der Ort des Terrors. In: H-Net Reviews, Oktober 2010.

Benz gehört dem wissenschaftlichen Beirat des von Farid Hafez herausgegebenen Jahrbuchs für Islamophobieforschung an.https://web.archive.org/web/20100613051327/http://jahrbuch-islamophobie.de:80/team/

Vergleich von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit Im Dezember 2008 leitete Benz eine eintägige Konferenz am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung zum Thema „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“.Wissenschaft als Ärgernis. Zentrum für Antisemitismusforschung, Newsletter Nr. 37, Januar 2009 (Tagungsbericht). Gegenüber Kritik am Tagungskonzept betonte er, als Vorurteilsforscher zum Antisemitismus müsse man lernen, „ob nicht mit demselben Mechanismus auch gegenüber anderen Minderheiten […] Unheil gestiftet werden kann“. Der Hass gegen das Judentum und den Islam ähnele sich vor allem in Verschwörungsfantasien und Behauptungen von religiösen Geboten: So wie man Juden Aussagen des Talmud vorhalte, halte man Muslimen Aussagen des Koran vor. Beide Religionen würden beschuldigt, bösartig und inhuman zu sein und unmoralisches Verhalten gegenüber Andersgläubigen zu verlangen. Die Vorwürfe, Juden betrachteten sich als auserwählt und müssten feindselig gegen Nichtjuden sein, gebe es auch gegen Muslime.Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.): Islamfeindlichkeit: Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen. Springer VS, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-92385-7, S. 9 f.

Vor der Tagung wurde eine gefährliche Gleichsetzung von Antisemitismus mit Islamfeindlichkeit befürchtet.Benjamin Weinthal: Dangerous equation. In: Haaretz, 26. Dezember 2008 (kostenpflichtig). Der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel kritisierte, schon durch den Vergleich werde der Holocaust trivialisiert, die Gefährdung Israels durch das iranische Atomprogramm und der Judenhass von Islamisten verharmlost. Diese Kritik wies Benz in Medien als „völlig lachhaft“ zurück. Bei der Tagung blieb eine Diskussion mit Küntzel aus.Philipp Gessler: Tagung der Berliner Antisemitismusforscher. Judenhasser versus Islamfeinde. In: taz.de, 10. Dezember 2008. Gemäß dem Historiker Norbert Frei könne Wolfgang Benz in keiner Weise in die Nähe einer Verharmlosung des Holocaust gerückt werden. „Er ist der Experte für die Geschichte der Judenfeindschaft im 19. und vor allem im 20. Jahrhundert und ich finde, wenn jemand wie Wolfgang Benz Parallelen in der Argumentation etwa auch zeitgenössisch gegenüber dem Islam sieht, dann kann man das nicht einfach ignorieren, sondern muss da genauer hinhören, was er sagt.“ Zudem seien Vorurteilsstrukturen für das Zentrum für Antisemitismusforschung seit langem Gegenstand von Forschungen. Von einer sozialpsychologischen Perspektive aus gesehen, seien solche Strukturen „gegen Minderheiten oft mit einem gewissen Ertrag vergleichbar“.

Außerhalb Deutschlands wurde das Verhältnis zwischen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit seit 1988 wissenschaftlich diskutiert, verstärkt durch die Folgen der Terroranschläge am 11. September 2001. In Deutschland sehen Juliane Wetzel, Salomon Korn, Sabine Schiffer, Constantin Wagner und Micha Brumlik wie Benz strukturelle und konkrete Analogien zwischen dem Judenhass des 20. Jahrhunderts und heutigem Islamhass. Historische und qualitative Unterschiede betonen dagegen Matti Bunzl,Matti Bunzl: Between Anti-Semitism and Islamophobia: Some Thoughts on the New Europe. In: American Ethnologist. Band 32, Nr. 4. 2005, S. 499–508. (jstor.org) Monika Schwarz-Friesel, Evyatar Friesel und andere. Julius H. Schoeps und Matthias Küntzel betonen vor allem, dass es im Islamhass keine zum Antisemitismus analoge Verschwörungstheorie vom Weltjudentum gebe.Thorsten Gerald Schneiders: Konkurrenz der Leidtragenden. Bundeszentrale für politische Bildung, 17. März 2014.

Benz vertiefte den Vergleich in seinem 2010 veröffentlichten Werk Die Feinde aus dem Morgenland. Wie die Angst vor den Muslimen unsere Demokratie gefährdet. Gemeinsam sei antisemitischen wie islamophoben Vorurteilen „die Einteilung in Gut und Böse sowie das Phänomen der Ausgrenzung“. Ein grundlegender Unterschied sei, dass es „heute nicht mehr um die Emanzipation der Juden, sondern um die Integration der Muslime“ gehe.Deutscher Bundestag: „Feindbild der Juden durch Muslime ersetzt“. Textarchiv Dokumente, 17. Mai 2013. Benz betonte später, er habe nie Islamfeindlichkeit und Antisemitismus gleichgesetzt, sondern „die Methoden der Ausgrenzung verglichen“. So wie es eine Methode „irgendwelcher ‚Experten‘“ gewesen sei, Judenfeindschaft zunächst mit Inhalten des Talmud und später aus rassistischer Sicht durch „jüdische“ Gene zu begründen, die Juden „zum Bösen geführt“ hätten, gebe es heute Experten, die ähnlich argumentierten: „Was früher Talmud-Hetze war, ist jetzt Koran-Hetze. Man stigmatisiert eine Minderheit als gefährlich, weil es ihr angeblich die Religion befiehlt.“Was Früher Talmud-Hetze war, ist heute Koran-Hetze. In: Der Standard, 2. Oktober 2014. So beurteilte Benz auch die Aussagen von Thilo Sarrazin zur genetischen Disposition von Juden und anderen Gruppen als rassistisch.Historiker Benz über Sarrazin: „Das ist Rassismus“. In: Thüringer Allgemeine, 31. August 2010. Auch den Verschwörungstheoretiker Udo Ulfkotte kritisierte Benz scharf. Ulfkotte beschwöre eine „muslimische Weltrevolution“ und einen „geheimen Plan zur Unterwanderung nichtmuslimischer Staaten“. Dies entspringe nur seiner Fantasie, genüge den Fremdenfeinden aber als Versicherung, so wie die Protokolle der Weisen von Zion Antisemiten genügten.Wolfgang Benz: Islamfeindlichkeit und Antisemitismus ähneln einander. Bundeszentrale für politische Bildung, 17. März 2014.

Mitgliedschaften Benz ist Mitglied in den Beiräten der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden EuropasStiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Kuratorium und Beirat. des Jahrbuchs für Islamophobieforschung im Editorial Board des Leo Baeck Institute Yearbook des Dokumentationszentrums Prora des PEN-Zentrums Deutschland.

Schriften (Auswahl)

Monographien Süddeutschland in der Weimarer Republik. Ein Beitrag zur deutschen Innenpolitik 1918–1923 (= Beiträge zu einer historischen Strukturanalyse Bayerns im Industriezeitalter. Band 4). Duncker & Humblot, Berlin 1970, (Zugl.: München, Univ., Diss., 1968). Potsdam 1945. Besatzungsherrschaft und Neuaufbau im Vier-Zonen-Deutschland. dtv, München 1986; 4. Auflage 2005, ISBN 3-423-34230-7. Herrschaft und Gesellschaft im nationalsozialistischen Staat. Studien zur Struktur- und Mentalitätsgeschichte. Fischer, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-596-24435-8.