mini|Rimini Protokoll (vlnr. Stefan Kaegi, Helgard Haug, Daniel Wetzel) 2012 Rimini Protokoll ist ein Label, das eine deutsch-schweizerische Künstlergruppe für ihre Theater- und Audioproduktionen benutzt. Unter ihm werden Bühnenstücke, Interventionen, szenische Installationen und Hörspiele oft mit Menschen entwickelt, die keine professionelle Theatererfahrung haben, aber ihr Wissen und Können jenseits des Theaters einbringen. Viele ihrer Arbeiten zeichnen sich durch Interaktivität und einen spielerischen Umgang mit Technik aus. Typisch für ihre Arbeit ist auch, dass ihre Produktionen sich räumlich nicht auf die Theaterbühne beschränken, sondern den öffentliche Raum oder Orte mit spezifischen, dem Theater verwandten Sinnbezügen (Parlament, Gericht, Markt usw.), in die Inszenierung einbeziehen.

Geschichte Die Gruppe besteht aus Helgard Haug (* 1969), Stefan Kaegi (* 1972) und Daniel Wetzel (* 1969), die ihre Produktionen in unterschiedlichen Konstellationen – manchmal alle gemeinsam, manchmal allein oder zu zweit und manchmal erweitert in Kooperationen – erarbeiten.https://schauspielhaus.de/ensemble/rimini-protokoll Die drei Künstler studierten in den 1990er-Jahren am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen. Dies verbindet sie mit vielen anderen Vertretern des neuen Theaters.Thorsten Jantschek: In dieser Schule lernt man, mit der Wirklichkeit zu spielen René Pollesch, Tim Staffel, Rimini Protokoll, She She Pop: Die Heroen des neuen Theaters sind alle in Gießen ausgebildet worden. Ein Sammelband erklärt, wie es dazu kommen konnte. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Feuilleton, 26. Februar 2013

Das deutsch-schweizerische Team nutzt die Benennung Rimini Protokoll seit 2002 - und damit länger als der gleichnamige Vorschlag des Rimini-Protokolls des Geologen Colin J. Campbell zur Erdölrationierung von 2003. Sie verbinden mit dem Namen ein ästhetisches Programm: Das Protokoll wird verstanden als Mitschrift und als Regelwerk.Siegfried Barth: Das Gericht ist ein Theater, in: Hannoversche Neue Presse 30.01.2004 Sie beziehen sich dabei darauf, dass das Protokoll als Textform auch in anderen sozialen Zusammenhängen eine wichtige, dem Theater verwandte Funktion erfüllt, etwa für die Inszenierung der internationalen Beziehungen. So kann das Protokoll dem Drama als vorherrschende Textform des Theaters und des Hörspiels gegenübergestellt werden.Andreas Klaue: Suchbewegungen in verschiedene Richtungen. Gespräch mit Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel, in: Mimos 2015. Schweizer Theaterjahrbuch 77. Verlag Peter Lang, Bern 2015, ISBN 978-3-0343-2069-6, S. 31–43.

Markenzeichen ihrer Theater- und Radioprojekte ist die Arbeit mit sogenannten Experten aus der Wirklichkeit oder Spezialisten: Es sind Theater-Laien, die jedoch nicht als Laien, sondern als Darsteller ihrer selbst auftreten und von den Künstlern als Experten oder auch ready-made-Darsteller bezeichnet werden. Die Darsteller spielen keinen Dramen-Text, sondern sich selbst in Theateraufführungen, Radiostücken und Filmprojekten. Dabei wird der Text sowie der Verlauf auf der Basis ihrer jeweiligen Biografien und Berufe erarbeitet.vgl. Eva Behrendt: Spezialisten des eigenen Lebens, in: Miriam Dreysse, Florian Malzacher (Hrsg.): Experten des Alltags. Das Theater von Rimini Protokoll. Alexander Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-89581-181-4, S. 64–73

Seit 2000 entstanden – in Abgrenzung vom Laientheater oder Amateurtheater – eine Reihe von Inszenierungen, auch an großen Schauspielhäusern. Es bildete sich ein Gegenentwurf zum herkömmlichen Berufstheater an dessen angestammten Spielstätten heraus."Rimini ist das Heißeste, intelligent Überraschendste, das die internationale Theaterszene derzeit zu bieten hat. Und darum erhalten die Rimini-Köpfe Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel inzwischen Anrufe nicht nur von den großen deutschsprachigen Schauspielhäusern, sondern von Festivals, Firmen und Institutionen aus allen Kontinenten." – Peter von Becker: "Wunder, wirklich wahr", Der Tagesspiegel, 24. November 2006. Kultur.

Seit 2005 bearbeitet die Gruppe auch dramatische Stoffe, wie bei der dokumentarischen Inszenierung von Schillers Wallenstein. Hier treten Menschen auf, deren Leben Parallelen zu Personen und Motiven der dramatischen Vorlage aufweisen.Tobias Becker, Wolfgang Höbel: "Mitmachshow für Laien. Rimini Protokoll inszenierten den Klassiker 'Wallenstein' ohne Schauspieler, dafür mit Politikern und Soldaten." in: Der Spiegel Nr. 53, 28. Dezember 2009, S. 135. In dem 2007 aufgeführten Werk Uraufführung: Der Besuch der alten Dame nach Friedrich Dürrenmatt – einem Exkurs über das Erinnern – spielen Menschen mehr als fünfzig Jahre später im Schauspielhaus Zürich, dem Ort der damaligen Uraufführung. Die jetzigen Darsteller erinnern sich an das Stück, an den Welterfolg Dürrenmatts und spielen dabei über weite Strecken das Theaterstück –, dabei waren sie fünfzig Jahre zuvor Zuschauer, Bühnentechniker, Kinderstatisten oder sonstige Zaungäste gewesen.

Neben diesen speziellen, dokumentarischen Spielarten des Sprechtheaters (siehe dokumentarisches Theater) realisieren Rimini Protokoll ortsspezifische Projekte, bei denen das Theater weniger an seinen angestammten Orten erzeugt als andernorts vorgefunden wird: Beispielsweise verschwimmen die Grenzen zwischen Theater und öffentlichem Raum in dem Projekt 50 Aktenkilometer, Berlin 2011, in dem Stasiakten beim Spaziergang durch Berlin-Mitte mit Hilfe von „Audio-Bubbles“ per Handy abgerufen werden konnten.Daniela Hahn: Performing Public Spaces, Staging Collective Memory: 50 Kilometres of Files by Rimini Protokoll TDR / The Drama Review (2014) 58 (3 (223)): 27–38. https://doi.org/10.1162/DRAM_a_00371 Einbezogen werden oft auch Orte, die speziellen, para-theatralen Regeln unterliegen wie Strafgericht (Ortstermin, Berlin 2004), Wochenmarkt (Markt der Märkte, Bonn 2004) oder Stadtverwaltung (Cameriga, Riga 2005).Renate Klett: Alle machen mit. Die meisten wissen’s nicht. Sind wir umringt von Raubkopien? Das Theaterkollektiv Rimini Protokoll zeigt die Welt als große Verschwörung. In: Die Zeit, 1. März 2003, abgerufen am 3. Juli 2016

International bekannt wurde Rimini Protokoll mit der „Raubkopie“ einer gesamten Sitzung des Deutschen Bundestags. Bonner Wähler erklärten sich zu dem Experiment bereit: Sie übernahmen einen Tag lang verteilte Rollen analog zur Plenarsitzung des Originals und sprachen in der Manier von Simultanübersetzern, was im kurz zuvor nach Berlin umgezogenen Bundestag gesprochen wurde (Deutschland 2, Bonn 27. Juni 2002). Dazu mussten sie auf eine Probebühne des Bonner Theaters in den Stadtteil Beuel ausweichen, weil Bundestagspräsident Wolfgang Thierse die Nutzung des ehemaligen Parlamentsgebäudes untersagte, obgleich das Festival Theater der Welt den Raum regulär angemietet hatte und entgegen den Befürchtungen von offizieller Seite dem Wortlaut der Original-Reden keine eigene Meinung hinzugefügt werden sollte.Milo Rau: Rimini Protokoll und die Rekonstruktion der Wirklichkeit. Wir alle sind Spezialisten. Neue Zürcher Zeitung, 17. Februar 2004, abgerufen am 3. Juli 2016.

Rimini Protokoll erarbeitet auch Hörspiele, die zumeist auf Basis ihrer Theaterprojekte entstehen, jedoch häufig kommentierend oder persiflierend auf diese Bezug nehmen. Wie bei den meisten der Theaterprojekte von Rimini Protokoll stehen die Stimmen und Aussagen 'echter Menschen' statt professioneller Sprecher im Vordergrund, im Gegensatz zu anderen ihrer Projekte kultivieren die Hörstücke aber den – wenn auch durch Schnitt und Musik verfremdeten und beschleunigten – direkten, dokumentierten Dialog.Nachweise zu den meisten Hörspielen im Verzeichnis zu Rimini Protokoll auf der Webseite der Gruppe

Die Stücke „Deadline“ (2004), „Wallenstein“ (2006), „Situation Rooms“ (2013), „Chinchilla Arschloch, waswas“ (2020) und „All right. Good night.“ (2022) wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Darüber hinaus erhielten Helgard Haug und Daniel Wetzel für "Karl Marx, Das Kapital, Band 1" den Mülheimer Dramatikerpreis, Rimini Protokoll wurde mit dem Deutschen Theaterpreis Faust, den Grand Prix Theater des Schweizer Bundesamts für Kultur, den Europäischen Theaterpreis, den Silbernen Löwen der Theaterbiennale Venedig sowie den Deutschen Hörspielpreis und den Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet. Zudem gewann 2005 „Mnemopark“ den Jurypreis des Festivals Politik im freien Theater. 2010 erhielten Rimini Protokoll den „Routes Award for Cultural Diversity“ der Europäischen Kulturstiftung und „Nachlass“ gewann 2018 auf dem Bitef Festival Belgrad den Grand Prize der Jury, sowie den „Premio Ubu“ für das beste ausländische Gastspiel in Italien. "All right. Good night." wurde von der Kritikerumfrage von Theater Heute zur "Inszenierung des Jahres 2022" erklärt.

Werke Werkverzeichnis auf der Webseite der Gruppe

Hörstücke Verzeichnis der Hörspiele von Rimini Protokoll auf der Webseite der Gruppe

Film Wahl Kampf Wallenstein (Haug / Wetzel, Deutschland 2008, Länge 57’12’’, Bildformat 16:9; Produktion: Gebrüder Beetz Filmproduktion im Auftrag von 3sat; Englische Version: „Election Campain Wallenstein“)Daten zum Film auf der , abgerufen am 3. Juli 2016. Wallenstein. Eine dokumentarische Inszenierung von Helgard Haug und Daniel Wetzel (Rimini Protokoll), Mitschnitt in Originallänge, Deutschland 2007, 132 Min. (Ursendung: ZDF/Theaterkanal Oktober 2007). Safety Cards 2.0 (Wetzel, 2020, Länge: 12'42", Bildformat 16:9; Produktion: Onassis Foundation, Griechenland 2020, veröffentlicht am 1. Juni 2020 im Rahmen von ENTER.)

Installation 2008: Der Bundestagstrainer. (Haug / Wetzel, im Rahmen von „Fressen oder Fliegen“, Hebbel am Ufer, HAU ZWEI) 2010: Drei Fliegen mit einer Klappe. Eine Ausstellung (Haug / Kaegi / Wetzel, Heidelberger Kunstverein, Eröffnung 10. September 2010) 2015: Kapitel eines Buches (Haug / Kaegi / Wetzel, PRAXES Center for Contemporary Art, Berlin, Eröffnung 31. Januar 2015) 2017: City As Stage (Haug / Kaegi / Wetzel), Museum of Contemporary Art, Santa Barbara, Jan-April 2017 2017: win > < win (Haug / Kaegi / Wetzel, Barcelona, CCCB 24. Oktober 2017 – 29. April 2018) 2021: Who else if not You? (Wetzel, 21_21 DESIGN SIGHT Gallery 1 & 2, Tokyo, 2. Juli 2021) 2022: Urban Nature, Kunsthalle Mannheim 2022: Outside the Bubble (Haug / Wetzel, Salon des Wissens in der permanenten Basisausstellung des Forum Wissen)

Auszeichnungen 2002: Preis des Festivals Impulse für Shooting Bourbaki 2005: Jury-Preis des Festivals Politik im Freien Theater für Mnemopark 2005: Nestroy-Theaterpreis-Nominierung Spezialpreis für Schwarzenbergplatz 2007: Mülheimer Dramatikerpreis und Publikumspreis des Mülheimer Festivals Stücke 07 für Karl Marx: Das Kapital, Erster Band (Haug / Wetzel) 2007: Der Faust-Theaterpreis (Spezialpreis) 2007: Hörspiel des Monats Oktober: Peymannbeschimpfung 2008: kulturnews-Award 2008 Bestes Theaterstück (Rang 3) für „Breaking News“ 2008: Europäischer Theaterpreis Premio Europa (Kategorie Neue Realitäten im Theater) 2008: Hörspielpreis der Kriegsblinden für Karl Marx: Das Kapital, Erster Band (nominiert war ebenfalls Peymannbeschimpfung) 2011: Silberner Löwe der 41. Theaterbiennale Venedig an Rimini Protokoll 2012: Erste Saarbrücker Poetik-Dozentur für Dramatik 2013 Children’s Choice Award der Ruhrtriennale in folgenden Kategorien: „Das Beste vom Besten“ und „Die spannendste Aufführung, die so spannend war, dass ich keinen Moment verpassen wollte/Most intense show that was so intense that I didn't want to miss a second“ für Situation Rooms. 2014: 17. Japan Medienpreis 2014, Excellence-Award für Situation Rooms 2014: Hörspiel des Monats März für Qualitätskontrolle (Haug / Wetzel, Produktion: WDR) 2014: Publikumspreis Mülheimer Dramatikerpreis/Stücke 2014 für Qualitätskontrolle (Haug / Wetzel)