mini|Motorenfabrik Oberursel, Hauptgebäude (2013) mini|Werbung für Oberurseler Motor-Lokomotiven aus dem Jahr 1911 Die Motorenfabrik Oberursel (abgekürzt MO) ist heute ein Produktionswerk für komplexe Triebwerksbauteile der Rolls-Royce Deutschland Ltd & Co KG in Oberursel. Die MO wurde 1892 als „W. Seck & Co“ gegründet, war von 1898 bis 1930 eine Aktiengesellschaft, hatte danach verschiedene Eigentümer; von der MO und den Nachfolgeeigentümern wurden Kolbenmotoren und Gasturbinen zum Antrieb von Land-, See-, Schienen- und Luftfahrzeugen hergestellt, bis in die 1920er Jahre auch Feldbahnlokomotiven.

Vorgeschichte Die Geschichte der Motorenfabrik Oberursel geht auf Wilhelm Seck zurück, der im März 1882, gemeinsam mit seiner Ehefrau Adelgunde, in Oberursel im Taunus das Anwesen der früheren Wiemersmühle mit dem Urselbach als Betriebskraft kaufte und hier eine Zweigniederlassung seiner Bockenheimer Mühlenbauanstalt Gebrüder Seck & Co. aufbaute. In seiner mit umfangreichen Baumaßnahmen geschaffenen Fabrik stellte Seck vor allem Walzenstühle her, die damals die jahrhundertelang üblichen Mahlgänge in den Getreidemühlen ablösten. Diese Fertigung benötigte, anders als die überwiegend mit angelernten Kräften auskommenden Oberurseler Textilfabriken, gelernte Facharbeiter. Diese brachte Wilhelm Seck zum Teil aus Bockenheim mit, er griff aber auch auf Oberurseler Handwerker zurück. Schon zwei Monate nach Erwerb des Anwesens stellte er die ersten Schlosserlehrlinge ein. Sein Betrieb war die erste in industriellen Produktions- und Organisationsformen arbeitende Maschinenbaufabrik in Oberursel und begründete außerdem die Ausbildung einer Facharbeiterschaft in der Stadt. Diese Aufwertung der Industrie führte mit den verbesserten Verkehrs- und Nachrichtenverbindungen auch dazu, dass sich eine die Fabriken tragende, technische und kaufmännische Führungsschicht bildete, die sich in der aufstrebenden Stadt Oberursel ansiedelte und deren Attraktivität anwachsen ließ. Als Wilhelm Seck 1886 seine Firma nach Darmstadt verlegte, fiel das Oberurseler Werk zunächst in einen Dornröschenschlaf, bis im Jahr 1890 Willy Seck, der älteste Sohn der Secks, hier auftauchte.

1892 – Die Gründung der Motorenfabrik Oberursel Nach seinem Maschinenbau-Studium setzte Willy Seck in der Oberurseler Maschinenfabrik seines Vaters die Entwicklung eines einzylindrigen Stationärmotors fort, den er, wegen seiner stabilen und gedrungenen Bauweise, GNOM taufte. Dieser mit Solaröl (ein aus Braunkohle gewonnener Kraftstoff), Gas oder Petroleum arbeitende Motor wurde Ende des Jahres 1891 der Öffentlichkeit präsentiert. Für dessen Bau und die weitere Entwicklung gründete Wilhelm Seck die Motorenfabrik Oberursel unter dem Firmennamen „W. Seck & Co“. Das Königliche Amtsgericht in Homburg legte den Gesellschaftsbeginn und damit das Gründungsdatum auf den 15. Januar 1892 fest. Der vor allem in der Landwirtschaft und beim Kleingewerbe auf großes Interesse stoßende Motor fand guten Absatz und räumte auf den seinerzeit wichtigen Ausstellungen viele Preise und Medaillen ab. Nach dem Tod des Firmengründers Wilhelm Seck wurde das Unternehmen im Januar 1896 in eine GmbH umgewandelt. Zu dem Zeitpunkt hatte man bereits eintausend Gnom-Motoren produziert, ebenso die ersten „Lokomobile“, und der Franzose Louis Seguin hatte schon die Lizenz für den Bau und Vertrieb des Motors in Frankreich erworben. In diese Zeit fiel auch die Entwicklung von Schiffswinden, die auf den damals ihre Blütezeit erlebenden Großseglern der Hamburger Reederei F. Laeisz wie z. B. ab 1897 auf den Vollschiffen Parchim und Palmyra bis zu Priwall und Padua 1926 SEESCHIFFAHRT – DIE VIERMASTBARK »PANGANI« Aus dem Leben eines Tiefwasserseglers Walter A. Kozian: Deutsches Schifffahrtsarchiv 19, 1996, S. 15, 17 u. 18. Oberurseler Motoren in alle Welt brachten.

Der umtriebige Willy Seck wollte auch einen „Motorwagen“ entwickeln, dies verwehrten ihm allerdings seine Mitgesellschafter, und so verließ Willy Seck die Motorenfabrik und Oberursel im Frühjahr 1898. Er setzte seine Ingenieurslaufbahn mit der Entwicklung verschiedener, meist nur kurzlebiger Automobiltypen fort und wandte sich dann neuen Aufgaben, insbesondere der Motorzündung und der Gemischbildung, zu. 1955 verstarb er in bescheidenen Verhältnissen in Berlin-Wilmersdorf. Willy Secks Ausstieg als Anteilseigner aus der Motorenfabrik war einer der Anstöße zur Wandlung der Firma in eine Aktiengesellschaft. Im Jahr 1900 nahm die Motorenfabrik den Bau von Motorlokomotiven auf, die sich bald einen bedeutenden Namen bei den Tunnelbauprojekten in den Alpen machen konnten. Auch als Gruben-, Rangier-, Werk- und Feldbahnlokomotiven fanden sie breite Verwendung. Allein im Ersten Weltkrieg wurden etwa 700 Heeresfeldbahnlokomotiven produziert. Mit insgesamt etwa 2.000 bis 1922 gebauten Exemplaren stieg die Motorenfabrik zum zweitgrößten Hersteller in Deutschland nach der Gasmotorenfabrik Deutz auf. Anfangs waren viele dieser Lokomotiven mit Spiritusmotoren ausgestattet, bei deren Einführung die Motorenfabrik Oberursel ab 1899 eine Vorreiterrolle in Deutschland eingenommen hatte. Die Verwendung von Spiritus als Kraftstoff wurde seinerzeit stark vom Staat gefördert, der damit den Branntweinkonsum eindämmen wollte.

1912 – Eine neue Fabrik entsteht mini|330x330px|1918 – Die das Stadtbild prägende Fassade der Motorenfabrik Oberursel Mit dem wachsenden Geschäft waren die Baulichkeiten der auf das Jahr 1882 zurückgehenden Fabrik immer wieder erweitert worden. 1911 waren diese Möglichkeiten ausgeschöpft und unterhalb des bisherigen Werks wurde der Grundstein für einen neuen Fabrikkomplex gelegt. Der 1912 in Betrieb genommenen „Dieselmotorenhalle“ folgte 1913 der daran angebaute Trakt der Flugmotorenhalle. Bis 1918 entstanden weitere Hallentrakte und das eindrucksvolle neue Verwaltungsgebäude. Dieses Gebäudeensemble, das bis heute das Bild der Motorenfabrik prägt, wurde 1980 zum Kulturdenkmal erklärt. Architekten des Gebäudeensemble waren Julius Zinser (Karlsruhe) und Philipp Hufnagel (Offenbach).Bauakten der Motorenfabrik im Stadtarchiv Oberursel.

Die Flugmotoren im Ersten Weltkrieg – Aufstieg und Fall der Motorenfabrik

Im April 1913 erwarb die Oberurseler Motorenfabrik die Lizenz zum Nachbau und zur Vermarktung der erfolgreichen französischen Gnome-Umlaufmotoren von der Société des Moteurs Gnome der Gebrüder Seguin in Frankreich. Bei einem der Brüder handelt es sich um jenen Louis Seguin, der den Aufschwung seiner 1895 gegründeten Firma dem Bau der von Seck lizenzierten Gnom-Stationärmotoren zu verdanken hatte. Bald danach brach der Erste Weltkrieg aus, und die rasante Entwicklung der Militärfliegerei führte zu einem tiefgreifenden Wandel in der Motorenfabrik Oberursel. Bis Ende 1918 produzierte das Werk etwa 3.000 „Oberurseler Umlaufmotoren“, wobei es sich um eine Weiterentwicklung des französischen Gnome handelte. Der damals in Deutschland tätige Flugzeughersteller Anthony Fokker erwarb 1916 ein Sechstel der Gesellschaftsanteile der Motorenfabrik Oberursel AG, mit deren Umlaufmotoren ein Großteil seiner Jagdflugzeuge ausgestattet waren.

Am bekanntesten wurde der Oberurseler Neunzylinder-Motor UR-II im Fokker Dreidecker Dr I. Mit diesem Dreidecker errang Manfred Freiherr von Richthofen, der erfolgreichste deutsche Jagdflieger im Ersten Weltkrieg, 19 seiner insgesamt 80 Luftsiege, bis er am 21. April 1918 an der Somme abgeschossen wurde. Zusätzlich zu den etwa 3.000 neu gebauten Motoren wurde eine wohl kaum geringere Anzahl im Werk überholt. Annähernd 5.000 Soldaten besuchten die im Werk eingerichtete Motorenschule, wo sie in einem jeweils vierwöchigen Lehrgang in den Betrieb und die Instandsetzung der Oberurseler Flugmotoren eingewiesen wurden.

In den schwierigen Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg gelang es der Motorenfabrik Oberursel nicht, an die früheren Verkaufserfolge ihrer Motoren und Maschinen für den zivilen Einsatz anzuknüpfen. Den Niedergang konnte auch ein kleiner Einbaumotor für Fahrräder, der „Oberurseler Gnom“, nicht aufhalten. Aus ihm entstanden danach die Motoren der legendären Motorradmarke HOREX in der Nachbarstadt Bad Homburg. Wegen ihrer wirtschaftlichen Probleme ging die Motorenfabrik Oberursel Ende 1921 notgedrungen eine Interessengemeinschaft mit der älteren und wesentlich größeren Motorenfabrik Deutz in Köln-Deutz ein.

1922 bis 1945 – Die fast vergessenen Motoren In dem mittlerweile von der Motorenfabrik Deutz beherrschten Unternehmen wurden fortan fast ausschließlich Motoren aus dem Deutzer Programm produziert – wenige Bautypen, dafür in großen Stückzahlen. Ausnahme blieb der LKW-Motor Modell 35, aus dem die erfolgreiche Familie der Deutzer Aggregate- und Fahrzeugmotoren hervorgehen sollte. Die Mitte der 1920er Jahre eingeführte Fließfertigung machte Oberursel bald zum ertragsstärksten Werk in der neuen Unternehmensgruppe. Im Jahr 1930 erlosch die bisher formal noch bestehende Motorenfabrik Oberursel AG, sie ging als „Werk Oberursel“ vollständig in der 1930 aus der Fusion der Gasmotorenfabrik mit dem ebenso in Köln ansässigen Lokomotivbauer Maschinenbauanstalt Humboldt entstandenen Humboldt-Deutzmotoren AG auf. Zwei Jahre später gingen, nachdem hier in einem Jahrzehnt annähernd 20.000 Motoren hergestellt worden waren, sowohl im Werk als auch in der Stadt Oberursel buchstäblich die Lichter aus. Das Werk wurde aufgrund der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise geschlossen. Der Verlust der Gewerbesteuereinnahmen führte unter anderem zum Abschalten der Straßenbeleuchtung in Oberursel und zur Schließung des städtischen Lyzeums in der Oberhöchstädter Straße, in das ein Jahr später die Stadtverwaltung einzog. Sämtliche Fertigungseinrichtungen der Motorenfabrik aber nur wenige der Beschäftigten wurden nach Köln transferiert.

Erst im Mai 1934 konnte der Betrieb in Oberursel wieder aufgenommen werden, und das Werk, das ab 1938 nach einer Fusion der Muttergesellschaft mit den Duisburger Klöckner-Werken zur nunmehrigen Klöckner-Humboldt-Deutz AG (KHD) gehörte, produzierte bis Ende 1944 etwa 60.000 Aggregate- und Fahrzeugmotoren, deren technischer Ursprung in Oberursel lag. Mit den kleineren dieser Motoren wurden die eigenen Schlepper der Firma Deutz – wie der legendäre „11er Deutz“ oder der „Bauernschlepper“ – sowie entsprechende Typen etlicher anderer Hersteller ausgerüstet, welche die Mechanisierung der deutschen Landwirtschaft in den 1930er Jahren vorantrieben.

Zu den fast in Vergessenheit geratenen Motoren zählen auch die DZ 710-Flugmotoren, die ab 1941 in Oberursel entwickelt wurden. Für dieses Entwicklungsprogramm wurde das Werk ab 1941 grundlegend modernisiert und beispielsweise um das Turmprüfstandgebäude erweitert. Anfang Oktober 1943 erfolgte der Erstlauf des etwa 2.700 PS leistenden Sechzehnzylinder-Flugmotors. Die beiden einzigen gefertigten Exemplare wurden von den US-Amerikanern nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA abtransportiert, wo sich ihre Spur verliert.

1945 bis 1958 – Schwieriger Wiederbeginn