mini|hochkant=1.7|Iranische Sprachen Die iranischen Sprachen (gelegentlich auch iranoarische Sprachen genannt) bilden eine aus dem (rekonstruierten hypothetischen) Protoiranischen abgeleitete Unterfamilie des indoiranischen Zweigs der indogermanischen Sprachfamilie. Weltweit gab es 2008 circa 150–200 Millionen Menschen, die eine der etwa 50 iranischen Sprachen als Muttersprache sprechen, weitere 30–50 Millionen nutzen eine iranische Sprache als Zweit- oder Drittsprache.

Begriff „iranische Sprache“ mini|hochkant=1.7|Genetische Aufteilung der iranischen Sprachen „Iranische Sprachen“ ist ein 1840 von August Friedrich PottRüdiger Schmitt: Einleitung. In: Rüdiger Schmitt (Hrsg.): Compendium Linguarum Iranicarum. Reichert, Wiesbaden 1989, ISBN 3-88226-413-6, S. 1. geprägter BegriffCarlo G. Cereti: Die iranischen Sprachen. 2001, S. 31. der Sprachwissenschaft – in diesem Sinne verwenden ihn ab 1836 zuerst offenbar der Indologe Christian LassenChristian Lassen: Die Altpersischen Keil-Inschriften von Persepolis. Entzifferung des Alphabets und Erklärung des Inhalts. Weber, Bonn 1836, S. 182. und später der Orientalist und Iranist Friedrich Spiegel, der Eranisch als Bezeichnung bevorzugteFriedrich von Spiegel: Avesta. Engelmann, 1859, S. vii. – und bezeichnet eine Sprachgruppe, die mit den indoarischen Sprachen des indischen Subkontinents näher verwandt ist und zusammen mit diesen den indoiranischen oder arischen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie bildet. Dieser Begriff ist hergeleitet von dem seit alters tradierten Begriff neupersisch Īrān aus mittelpersisch Ērān. Er geht auf altpersisch ariya- (= avestisch airiia-) aus iranisch arya- („arisch“, „Arier“) zurück, was weniger einen politischen als primär einen ethnischen Inhalt hat und die Gesamtheit iranischer Sprachen und Völker und deren nicht durch politische Grenzlinien zu markierendes Verbreitungsgebiet bezeichnet. Die iranische Sprache wurde bereits in Inschriften altpersischer Zeit als aryaGherardo Gnoli: Iran: Vorgeschichte und Entwicklung einer Idee. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 16–21, hier: S. 17. bezeichnet.

Da das Adjektiv „iranisch“ heute primär mit dem gleichnamigen Staat „Iran“ in Verbindung gebracht wird, setzte sich Gilbert Lazard, ein Experte auf dem Gebiet der iranischen Sprachen, seit 1977 konsequentGilbert Lazard: Preface. In: Iosif M. Oranskij: Les langues iraniennes. Traduit par Joyce Blau. 1977. für die Verwendung der Bezeichnung „iranoarische Sprachen“ (französisch langues irano-aryennes) als analogisches Gegenstück zu „indoarisch“ ein.Gilbert Lazard: Actancy. Empirical approaches to language typology. Mouton de Gruyter, 1998, ISBN 3-11-015670-9. Dabei griff er den Begriff auf, der bereits im 19. Jahrhundert von Robert Needham Cust eingeführt wurdeRobert Needham Cust: A sketch of the modern languages of the East Indies. Trübner, London 1878. und auch von den Altorientalisten Max Müller und George Grierson verwendet wurde, sich aber laut Schmitt (1994) nicht durchsetzen konnte.Rüdiger Schmitt: Sprachzeugnisse alt- und mitteliranischer Sprachen in Afghanistan. In: Robert Bielmeier, Reinhard Stempel (Hrsg.): Indogermanica et Caucasica. Festschrift für Karl Horst Schmidt zum 65. Geburtstag. De Gruyter, 1994, S. 168–196. Der Linguist Ahmad Hasan Dani nutzt dennoch den Begriff ‚Iranoarisch‘ und erklärt, dass ‚Iranisch‘ als dessen Kurzform häufiger Verwendung findet.Ahmad Hasan Dani: History of northern areas of Pakistan. (Historical studies (Pakistan) series). National Institute of Historical and Cultural Research, 1989, S. 45: That is why we distinguish between the Aryan languages of Iran, or Irano-Aryan, and the Aryan languages of India, or Indo-Aryan. For the sake of brevity, Iranian is commonly used instead of Irano-Aryan … Diese Bezeichnung verdeutliche die historische Stellung der indoiranischen Sprachen strukturell besser als die gebräuchlichere Bezeichnung iranische Sprachfamilie.

Eine ethno-linguistische Bedeutung des Begriffs ist an einigen Stellen deutlich belegt: Auf Königsinschriften bezeichnen sich Dareios I. (522–486 v. Chr.) und Xerxes I. (486–465 v. Chr.) nicht nur als „Perser“ und „Sohn eines Persers“, sondern auch als „Arier“ (altpersisch Ariya) und „arischen Ursprungs“ (Ariya čiça); die Sassanidenkönige des 3. Jahrhunderts (ab Schapur I.) ließen sich als „König der Könige von Ērān (Iran) und Anerān (Nicht-Iran)“ (mittelpersisch šāhān šāh Ērān u Anērān) betiteln.

Sehr wenige Wissenschaftler verwenden heutzutage die Schreibweise „eranisch“. Obgleich dies die lauthistorisch genauere Variante darstellt, hat sich im 20. Jahrhundert in der deutschen Sprache – auch in der Fachliteratur – „iranisch“ eindeutig durchgesetzt.

Die Sprachen und ihre geographische Verbreitung Folgende iranische Sprachen werden von mindestens einer Million Menschen gesprochen:

Persisch (im weiteren Sinne) 55–70 Mio., mit Zweitsprechern ca. 110 Mio. (Iran, Afghanistan, Tadschikistan, Usbekistan, Aserbaidschan,Gernot Windfuhr: The Iranian Languages. Routledge, 2009, S. 418. Irak, RusslandH. Pilkington: Islam in Post-Soviet Russia. Psychology Press, Nov 27, 2002, S. 27. (books.google.de): “Among other indigenous peoples of Iranian origin were the Tats, the Talishes and the Kurds.”Tatiana Mastyugina, Lev Perepelkin: An Ethnic History of Russia: Pre-Revolutionary Times to the Present. Greenwood Publishing Group, 1996, S. 80. (books.google.de): The Iranian Peoples (Ossetians, Tajiks, Tats, Mountain Judaists).) West-Persisch 35–40 Mio., mit Zweitsprechern mehr als 50 Mio. (Iran). Kleinere Gruppen im Irak, Bahrain, Aserbaidschan usw. Ost-Persisch 20–30 Mio. Dari 15 Mio. (Afghanistan) Tadschikisch 4,5 Mio. (Tadschikistan) Tati 130.000 (Aserbaidschan, Russland) Hazara 2,5 Mio. (Afghanistan 2,2 Mio., Iran 300.000) Aimaq 650.000 (Afghanistan) Judeo-Persisch 110.000 (Usbekistan: Buchara, Iran, Israel) Luri 3,5 Mio. (Iran; südwestlicher Dialektcluster dem Persischen nahestehend) Paschto 35 Mio. (22,5 Mio. in Pakistan, 12 Mio. in Afghanistan) Kurdische Sprachen Kurmandschi 14,6 Mio. (Türkei, Nordirak, Nordsyrien, Nordiran, Chorasan und ehemalige Sowjetunion) Sorani 4,5 Mio. (Irak, Iran) Südkurdisch 4 Mio. (Irak, Iran) Zaza-Gorani Zazaki (Kirmanjki, Kirdki, Dimli) 2–3 Mio. (Türkei) Gorani 500.000 (Irak, Iran) Schabaki 250.000 (Irak) Belutschisch 9 Mio. (7,5 Mio. in Pakistan, 1,4 Mio. Iran, 0,2 Mio. Afghanistan) Mazandaranisch 3 Mio. (Iran, Kaspische Küste) Gilaki 2,6 Mio. (Iran, Kaspische Küste) Taleschi 1 Mio. (Iran, Aserbaidschan, Dialektcluster) Semnani 60.000 (Iran) Tati (Iranisch-Azeri) 220.000 (Iran, Aserbaidschan)

Weitere nach der Zahl ihrer Sprecher bedeutende iranische Sprachen sind:

Ossetisch 600.000 (Nord-Kaukasus: Georgien, Russland-Ossetien) Wanetsi 100.000 (Pakistan, Afghanistan)

Quellen für die Sprecherzahlen: Ethnologue und der unten angegebene Weblink, weiterhin aktuelle Jahrbücher wie Fischer Weltalmanach und das Jahrbuch der Encyclopedia Britannica.

Klassifikation: Übersicht Die Klassifizierung der iranischen Sprachen geschieht primär nach linguistischen, sekundär auch nach geographischen Gesichtspunkten. Getrennt von den Wüsten Dascht-e Lut und Dascht-e Kawir kann man traditionell westliche und östliche iranische Sprachen, mit jeweils einer nördlichen und südlichen linguistischen Untergruppe unterscheiden. Eine Übersicht über die heute allgemein anerkannten Zweige des Iranischen gibt die folgende Stammbaumliste. Die vier Hauptgruppen – Nordwest, Südwest; Nordost, Südost – werden im nächsten Abschnitt detailliert dargestellt.

Iranisch: 60 Sprachen, davon 16 † (150 Mio. Sprecher) Westiranisch: 33 Sprachen, davon 5 † (115 Mio. Sprecher) Nordwest-Iranisch Medisch † Parthisch † Azari † Zazaki Gorani Talisch Tati Mazandaranisch Gilaki Semnani Kurdische Sprachen Belutschi Südwest-Iranisch Persisch Luri Larestani Baschkardi Kumzari Ostiranisch: 27 Sprachen, davon 11 † (35 Mio. Sprecher) Nordost-Iranisch Avestisch † Skythisch-Ossetisch Baktrisch † Sogdisch-Yagnobi Choresmisch † Südost-Iranisch Paschto Mundschi-Yidgha Sakisch-Wakhi Schugni-Roschani-Yazghulami Sanglechi-Zebaki Ormuri-Paratschi

Hinweis: Die früher als „Pamir-Sprachen“ bezeichneten Zweige Mundschi-Yidgha, Wakhi, Schughni-Yazghulami und Sanglichi-Zebaki, wozu auch das im äußersten Osten des Verbreitungsgebietes der iranischen Sprachen gesprochene SarikoliCarlo G. Cereti: Die iranischen Sprachen. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran (Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH, Bonn. Skira editore, Milano, Kunsthistorisches Museum Wien). Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 31–37, hier: S. 31. gezählt wurde, stellen keine genetische Einheit dar, sondern bilden gleichrangige Unterzweige des Südost-Iranischen. Das Ormuri-Paratschi gehört nach neueren Erkenntnissen zum Südost-Iranischen (siehe CIL), Ethnologue verwendet hier eine veraltete Klassifikation.

Iranische Sprachperioden Man teilt die iranischen Sprachen historisch in drei Perioden ein: Altiranisch nennt man die iranischen Sprachen, die aus der Zeit vor dem 3. Jahrhundert v. Chr. überliefert sind. Dazu gehören vor allem die mit reicher Textüberlieferung erhaltenen Sprachen Avestisch und Altpersisch (oder Achämenidisch), auch das nur schwach belegte Medische, sowie einige als Vorgängersprachen mitteliranischer Sprachen erschließbare altiranische Sprachen, zum Beispiel Skythisch.

Mitteliranisch heißen die iranischen Sprachen, die aus der Zeit vom 4. Jahrhundert v. Chr. bis zur Islamisierung Irans im 8. und 9. Jahrhundert überliefert wurden. Dazu gehören Parthisch, Mittelpersisch, Sogdisch, Choresmisch, Sakisch (Khotan-Sakisch und Tumschuqisch), Baktrisch und die schwach überlieferten Sprachen Sarmatisch, Jassisch und Altossetisch (Alanisch). Keine der mitteliranischen Sprachen ist direkt von einer altiranischen ableitbar. Neuiranisch nennt man alle späteren iranischen Sprachen, insbesondere also die, die heute noch gesprochen werden (rund 50 Sprachen mit etwa 190 Mio. Sprechern), wobei keine neuiranische Sprache direkt aus einer mitteliranischen Sprache stammt.

Klassifikation im Detail Die folgende genetische Klassifikation der iranischen Sprachen basiert auf dem Compendium Linguarum Iranicarum (CIL) und dem Werk Die iranischen Sprachen in Geschichte und Gegenwart von R. Schmitt (siehe Literatur). Sie weicht teilweise stark von der in Ethnologue angegebenen ab, insbesondere in der Frage des Unterschieds zwischen Dialekt und Sprache (Ethnologue klassifiziert viele Dialekte als separate Sprachen). Die Klassifikation enthält die wichtigsten Dialekte – basierend vor allem auf David Dalby, The Linguasphere Register – und die aktuellen Sprecherzahlen (Stand 2005, zahlreiche geprüfte und verglichene Quellen).

Die überlieferten alt- und mitteliranischen Sprachen sind im Schema ebenfalls (mit Vorbehalt) eingefügt. Dies soll keine Aussage über die direkte Abstammung der neuiranischen Sprachen derselben Untergruppe sein. Sie können auch von einer nicht-überlieferten alt- oder mitteliranischen Sprache abstammen.

Zur Darstellung: Genetische Einheiten werden in Fettdruck angegeben (auch wenn eine Einheit nur aus einer Sprache besteht), die Sprachen in Normalschrift, Dialekte kursiv. Bei Sprachen ohne Angabe der Sprecherzahl gibt es in der Literatur dazu keine verlässlichen Angaben; solche Sprachen haben in der Regel höchstens einige Tausend Sprecher. Zur besseren Gesamtübersicht der Klassifikation wird auf die obige Zusammenfassung der Hauptgruppen verwiesen.

Nordwest-Iranisch