mini|François Jullien François Jullien (* 2. Juni 1951 in Embrun, Hautes-Alpes) ist ein französischer Philosoph und Sinologe.

Leben François Jullien studierte als Absolvent der École Normale Supérieure de la rue d’Ulm von 1972 bis 1977 (Agrégation 1974), Chinesisch an den Universitäten von Peking und Schanghai (1975–1977). Von 1978 bis 1981 leitete er die Antenne française de sinologie in Hongkong. Von 1985 bis 1987 war Jullien ein Stipendiat im Japanisch-Französischen Haus in Tokio. 1978 wurde er im Fach Ostasiatische Studien promoviert, 1983 erfolgte seine Habilitation in Geisteswissenschaften.

Von 1988 bis 1990 war Jullien Präsident der Association Française des Études Chinoises (Französische Gesellschaft für Chinastudien) und von 1995 bis 1998 Präsident des Collège international de philosophie. Von 2001 bis 2011 war er „Membre senior de l’Institut Universitaire de France“. Von 2002 bis 2011 war er „Directeur du Centre Marcel Granet sowie Directeur d l’Institut de la pensée contemporaine“. Er war auch Direktor der „Agenda de la pensée contemporaine“ bei Éditions Hermann. Seit 2004 lehrt er als Professor an der Universität Paris VII klassische chinesische Philosophie und Ästhetik.

In weiteren Funktionen ist François Jullien auch Herausgeber der Sammlungen „Orientales“ und „Libelles“ („Schmähschriften“) beim Verlag Presses Universitaires de France (PUF) in Paris. Derzeit ist er Professor an der Universität Paris-Diderot (Paris VII) und Inhaber des Lehrstuhls für Alterität am Collège d’études mondiales de la Fondation de la maison des sciences de l’homme.

Rund um seine Arbeit wurden in Frankreich und anderen Ländern (Deutschland, Argentinien, China, Österreich, Vietnam) verschiedene Kolloquien abgehalten, die jüngsten an der Universität Paris-Diderot und an der Bibliothèque nationale de France (Dezember 2010, unter dem Titel „Störungen-Anmerkungen“), an der Universität Peking (Dezember 2013, unter dem Titel „Gipfelgespräch“) mit Cheng Chung-Ying; in Cerisy-la-Salle (September 2013, unter dem Titel „Denkmöglichkeiten, die philosophische Laufbahn von F. Jullien“); an der Academia Sinica in Taiwan (November 2013).

Forschungsfeld Allgemeine Philosophie und chinesisches Denken (das Denken des antiken China und der Neo-Konfuzianismus; literarische und ästhetische Konzepte des klassischen China); interkulturelle Probleme.

Aktuelle Forschungsarbeit Die zwischen dem chinesischen Denken und der europäischen Philosophie vor sich gehende Arbeit zielt darauf ab, zum eigenen Denken dadurch Distanz zu gewinnen, dass im Fernen Osten andere als vom europäischen Denken entwickelte Denkstränge erkundet werden, wobei in umgekehrter Richtung und von diesem Abstand ausgehend, die verdeckten „Vorentscheidungen“ der europäischen Vernunft wieder ans Tageslicht gebracht und deren „Parteilichkeit“, also ihr Ungedachtes, erneut zur Debatte gestellt werden können. Indem sie die chinesische „Heterotopie“ ins Spiel bringt, ermöglicht die Arbeit Julliens eine neue Sicht auf die europäische Tradition – deren Denken wird de- und re-kategorialisiert – und trägt somit dazu bei, das Feld des Denkbaren zu rekonfigurieren.

Position

Auf seiner Baustelle im „Zwischen“ von China und Europa hat François Jullien nicht aufgehört, statt sie zu vergleichen, ihre Gegenüberstellung zu organisieren, um zwischen ihnen ein gemeinsames Feld der Reflexion auszubreiten. Dazu gebracht, zwischen so verschiedenen Gebieten wie jenen der Moral, der Ästhetik, der Strategie, des Denkens von Geschichte und Natur umherzuwandern, zielt er letztendlich darauf ab, durch diese von außen vorgenommene „Destruktion“ die auf beiden Seiten vergrabenen parteilichen Vorentscheidungen aufzuspüren, um damit unser Ungedachtes zum Vorschein zu bringen. Das ist auch eine Art, die Kulturen statt unter dem Gesichtspunkt ihrer „Identität“ eher im Hinblick auf ihre mögliche „Fruchtbarkeit“ zu betrachten und damit die Philosophie von ihrem atavistischen Wiederholungszwang zu befreien.

Diese Vorgehensweise hat selbstverständlich zu Verstörungen sowohl in der Philosophie als auch in der Orientalistik geführt. Dem gegenüber hat François Jullien gezeigt, dass man das „Gemeinsame“ nicht so sehr durch das „Ähnliche“ [semblable], das fruchtlos bleibt, hervorbringt, als vielmehr dadurch, dass man die „Abstände“ [les écarts] arbeiten lässt, die, indem sie eine Distanz ermöglichen, ein „Zwischen“ auftauchen lassen und es in Spannung versetzen.

Inzwischen hat François Jullien aus diesem Denken des „Zwischen“ und der Forderung nach einem „In-Spannung-Versetzen“ eine Philosophie des „Lebens“ [vivre] entwickelt, die ein Abgehen vom Seins-Denken ermöglicht. In den letzten Jahren hat er insbesondere den Gedanken des „Aufschwungs“ [essor] sowohl im Bereich des „Intimen“ als auch der Landschaft entwickelt, der sich dem „flachen Stillstand“ [étale] des Lebens entgegenstellt.

Eine Zusammenfassung dieser Arbeit findet sich in seiner Arbeit „De l’Être au vivre, lexique euro-chinois de la pensée“, Gallimard, 2015.

Seinen Ort in der Philosophie bestimmt Jullien so:

Auf diese Weise möchte Jullien die Philosophie neu in Schwung bringen.

Schattenseiten. Vom Bösen oder Negativen In seinem politischen Buch Schattenseiten. Vom Bösen oder Negativen (2005) untersucht Jullien die Transformation des Begriffs des ›Negativen‹ wie des ›Bösen‹ und konfrontiert, wie in allen seinen Werken, ihre westliche Entwicklung mit dem chinesischen Denken. In neuartiger Weise ermöglicht dieser Ansatz einen Blick auf die ›produktiven‹ Kräfte des Negativen in Zeiten weltweiter Homogenisierung.

Weisheit In dem Buch Der Weise hängt an keiner Idee beschäftigt sich Jullien mit der Weisheit, die von der Philosophie

Der Autor beabsichtigt, eine Möglichkeit des Denkens aufzuzeigen, die von der klassischen Philosophie verschieden ist. Der große Unterschied besteht darin, dass die Weisheit auf die Wahrheit verzichtet und sich vor allen Ideen hütet,

Um sich von der klassischen westlichen Philosophie abzusetzen, beschäftigt sich Jullien mit den Schriften der Schule des Konfuzius.

Rezeption Marcel Gauchet sagt über die Arbeit von François Jullien:

Anlässlich der Überreichung des Grand prix de philosophie de Académie française für sein Gesamtwerk (2011) sagte Angelo Rinaldi u. a.:

François Jullien ist einer der am meisten übersetzten Denker der Gegenwart (in etwa 25 Sprachen); mehr als zwanzig seiner Essays sind auf Deutsch, Italienisch und Spanisch erschienen, ein Dutzend auf Englisch, Chinesisch, Vietnamesisch und Portugiesisch. Für die deutsche Rezeption ist das Buch Dialog über die Moral, ein Vergleich des chinesischen Philosophen Menzius mit der Philosophie der Aufklärung wichtig.

Kritik Die Arbeit von François Jullien ist von verschiedenen Seiten kritisiert worden, insbesondere von einigen Sinologen, darunter in erster Linie von Jean François Billeter. Dieser publizierte vor allem zwei Texte gegen François Jullien und seine Methode: Comment lire Wang Fuzhi? – dieser Artikel wendet sich gegen das Buch Procès ou création (1989) Contre François Jullien (2006) dieses Buch kritisiert das gesamte Werk von Jullien.

Contre François Jullien wirft Jullien vor, jenes China gesehen zu haben, das er habe sehen wollen, und die chinesische Andersartigkeit zu übertreiben. Dieses Thema sei eine ideologische Konstruktion der kaiserlichen chinesischen Macht, die die Mandarine, die gelehrten Vertreter der Zentralmacht, den jesuitischen Missionaren vermittelt hätten. Von da an habe dieser ‚Mythos‘ die Sinologie und das allgemeine Bild, das sich der Westen von China macht, über Leibniz, Voltaire, Marcel Granet, Victor Segalen etc. kontaminiert. Jullien perpetuiere, indem er diesen Mythos fortschreibe, diese Tradition, welche die wahren politischen Quellen des ‚chinesischen Denkens‘ verdunkle.

In Beantwortung der Kritik publizierte François Jullien Chemin faisant, connaître la Chine, relancer la philosophie (Seuil, 2007). Dort argumentiert er, dass Jean-François Billeter zwar in Anführungszeichen, jedoch ohne Referenz, frei erfundene Formulierungen zitiere und auf diese Weise versuche, ein seiner Fantasie entsprungenes Bild des Werkes von François Jullien zu entwerfen, dem er dann seine eigene Position entgegenstelle. Vor allem dürfe man nicht „Exteriorität“ mit „Alterität“ verwechseln: Die „Exteriorität“ Chinas, von der François Jullien ausginge, sei sowohl in der Sprache als auch in der Geschichte festzustellen; die „Alterität“ dagegen sei eine zu konstruierende und finde sich auch als „interne Heterotopie“ auf beiden Seiten, der europäischen und der chinesischen. Weit davon entfernt, China als eine Welt für sich zu isolieren, knüpfe die Arbeit von François Jullien einen Problemfaden zwischen China und Europa, der es erlaube, Ungedachtes zu erfassen, womit sie dazu beitrage, Voraussetzungsbedingungen für eine neue „Reflexivität“ zwischen den Kulturen zu schaffen.

Was insbesondere die gegen die chinesische Ideologie vorzunehmende Kritik betrifft, so ruft François Jullien in Erinnerung, dass er diese in zahlreichen Teilen seiner Arbeit vorgenommen habe, so in „Über die Wirksamkeit“ Kap. 2; „Umweg und Zugang. Strategien des Sinns in China und Griechenland“ Kap. 1 und 6; „Der Weise hängt an keiner Idee“, auf den letzten Seiten usw. Er habe somit nichts mit jenen zu tun, die sich den Gefallen machten, das Bild eines China, das ganz „anders“ ist, zu entwerfen, um ihre Sehnsucht nach dem Fremden und Exotischen zu befriedigen. Ebenso aber distanziert er sich von jenen, die, wie Billeter, glauben, sie könnten einen „gemeinsamen Fonds“ feststellen, wodurch sie aber die Vorteile einer Diversität menschlichen Denkens, die seine eigentliche Ressource darstellt, nicht zu fassen bekämen. Man müsse nämlich den leichtfertigen Universalismus genauso ablehnen wie den bequemen Relativismus. Und so versteht François Jullien den eigentlichen «Dia-log» der Kulturen zugleich als ein «Dia» des Abstands, das die Fruchtbarkeit unterschiedlicher Denkweisen zutage fördere, und als einen „Logos“, der es diesen Denkweisen erlaubt, untereinander in einer gemeinsamen Intelligenz zu kommunizieren.

Auch einige andere Philosophen und Sinologen nahmen zu Billeters Kritik Stellung, und zwar in Oser construire, Pour François Jullien (Beiträge von François Gaillard, Philippe d’Iribarne, Jean Allouch, Patrick Hochart, Philippe Jousset, Jean-Marie Schaeffer, Lin Chi-Ming, Wolfgang Kubin, Ramona Naddaff, Du Xiaozhen, Léon Vandermeersch, Bruno Latour, Paul Ricœur und Alain Badiou), Éditions Les Empêcheurs de penser en rond, 2007.

Mitgliedschaft Seit 2001: Institut Universitaire de France

Auszeichnungen 1995: Prix Rousseau der Stadt Genf 1996: Prix de l’Académie française 2009: Prix de la Maison des gens de lettres 2010: Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken 2011: Grand prix de philosophie de l’Académie française für sein Gesamtwerk

Gastprofessuren 1993: Universität von Montreal 1996: Chaire Perelman an der Freien Universität Brüssel 1996: Universität Peking 2011: Institut Polytechnique Zürich 2013: Jiaoyu daxue, Taipei

Veröffentlichungen Über die Wirksamkeit. Merve, Berlin 1999, ISBN 978-3-88396-156-9. Über das Fade – eine Eloge. Zu Denken und Ästhetik in China. Merve, Berlin 1999, ISBN 978-3-88396-151-4. Umweg und Zugang. Strategien des Sinns in China und Griechenland. Passagen, Wien 2000, (Originaltitel: Le détour et l’accès. Stratégies du sens en Chine, en Grèce. Grasset, Paris 1995. Übersetzt von Markus Sedlaczek), ISBN 978-3-85165-407-3. Der Weise hängt an keiner Idee. Fink, München 2001. Übersetzt von Markus Sedlacek, ISBN 978-3-7705-3561-3. Der Umweg über China. Merve, Berlin 2001, ISBN 978-3-88396-177-4. Vom Wesen des Nackten. Diaphanes, Berlin / Zürich 2003 Sequenzia, München 2003, ISBN 978-3-935300-42-1. Dialog über die Moral. Merve, Berlin 2003, ISBN 978-3-88396-184-2. Über die »Zeit«. Diaphanes, Zürich / Berlin 2004, ISBN 978-3-935300-43-8.