mini|Clemens Meyer 2024 Clemens Meyer (* 20. August 1977 in Halle (Saale)) ist ein deutscher Schriftsteller.

Leben Meyer wuchs in Anger-Crottendorf, einem Arbeiterviertel im Leipziger Osten, auf.Matthias Schmidt: Aus Anger-Crottendorf in die Welt. Angekommen in der "Scheiß-Literatur" – Clemens Meyer wird 40 In: MDR Kultur, 17. August 2017. Er ist Enkelsohn der Künstler Otto und Gertraud Möhwald.Clemens Meyer: „Der graue Verfall hat mich immer angeregt“, in: Der Freitag, 30. Januar 2013 Sein Vater ist Krankenpfleger und war während der DDR-Zeit in der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands aktiv. Seine Mutter ist Heilerziehungspflegerin, arbeitete während der DDR-Zeit in einem kirchlichen Kindergarten, beteiligte sich an den Montagsdemonstrationen 1989 und favorisierte mit anderen DDR-Bürgerrechtlerinnen den „dritten Weg“ einer reformierten DDR durch die Wende und friedliche Revolution in der DDR. Mit seiner Mutter und seiner Schwester besuchte auch Clemens Meyer 1989/1990 die Montagsdemonstrationen und Umweltgottesdienste in Leipzig.

Meyer stieß durch die umfangreiche Bibliothek seines Vaters auf die Belletristik.die tageszeitung vom 21. Juni 2006: Interview mit Clemens Meyer Während der Schulzeit betätigte er sich in der Arbeitsgemeinschaft Junge Rezitatoren und im Posaunenchor seiner Kirchengemeinde, wo er die zweite Trompete spielte.

Ab 1990/91 erlebte Meyer seine Jugend in der Nachwendezeit als „Tanz auf den Trümmern“, die er in seinem Roman Als wir träumten – der autobiografische Bezüge enthält – mit Kleinkriminalität, Alkohol, Drogen, Gewalt, Gefängnisaufenthalten in Zeithain, Tätowierungen und selbstorganisierten Technopartys beschreibt. Nach dem Abitur 1996 jobbte Meyer unter anderem als Bauarbeiter.

Von 1998 bis 2003 studierte Meyer am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, unterbrochen von einem Aufenthalt in der Jugendarrestanstalt Zeithain. Sein Studium finanzierte er als Wachmann, Möbelpacker, Gabelstaplerfahrer, Bauhelfer und mit Stipendien. In den Seminaren stellte er nur wenige seiner Texte zur Debatte, sondern lernte mehr durch Diskussionen über die Texte anderer.Artikel von Clemens Meyer in der FAZ

Die Erfahrungen aus dem Bezug von Sozialhilfe, Arbeitslosengeld II sowie die teilweise materielle Armut bis hin zur Stromsperre während der ersten Jahre als Schriftsteller sind auch Grundlage seiner Werke. Nachdem Meyer seinen ersten Roman Als wir träumten fertiggestellt hatte und die Suche nach einem Verlag vorerst erfolglos verlaufen war, wandte er sich an den Schriftsteller Sten Nadolny, der ihm zu seinem Debüt verhalf. Nadolnys Literaturagentin, die in dieser Zeit auch für Meyer arbeitete, überredete ihn, eine Frauenrolle aus dem Buch zu streichen, und verkaufte das Manuskript an den S. Fischer Verlag.

Neben seiner Arbeit als Schriftsteller war Meyer 2014 als Gastdozent am Leipziger Literaturinstitut tätig. Im Sommersemester 2015 hielt Clemens Meyer unter dem Titel Der Untergang der Äkschn GmbH Poetikvorlesungen an der Frankfurter Universität. Beim Literaturfest München 2014 kuratierte Meyer das alljährliche Forum:Autoren unter dem Titel In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod, zu dem er u. a. Jonathan Meese, Jürgen Ploog, Thomas Kuczynski, Ulrich Peltzer, Thomas Rosenlöcher sowie die Schauspieler Holger Stockhaus und Aurel Manthei einlud, mit denen er an sieben Tagen Veranstaltungen wie Danton oder Tod im Dschungelcamp und DSDSW – Deutschland sucht den Superwagen inszenierte. Die Veranstaltung (Lesung und Diskussion) wurde als stark experimentell wahrgenommen.Clemens Meyer: Ostdeutsche Invasion. In: Die Zeit 49/2014, Serie Ostkurve, 27. November 2014Katrin Hillgruber: Literatur, mein Kokain. Clemens Meyer beim Literaturfest München. In: Tagesspiegel, 24. November 2014 Im Sommersemester 2026 übernahm Meyer die Heidelberger Poetikdozentur, welches vom Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg sowie dem Kulturamt der Stadt Heidelberg veranstaltet wird. Die Poetikdozentur umfasste drei öffentliche Vorlesungen mit dem übergreifenden Titel Zwischen Tradition und Moderne: Wozu Literatur?

Clemens Meyer lebt in Leipzig im östlichen Stadtteil Anger-Crottendorf.Gerrit Bartels: "Ich sehe mich als Individualisten", in: TAZ, 21. Juni 2006 Er ist geschieden. Er ist Fan und Förderer des Galopprennsports, ihm gehörten mehrere Rennpferde.Gerrit Bartels: Prostituierte faszinieren mich. Clemens Meyer im Interview, in: Tagesspiegel, 7. Oktober 2013

Literarisches Werk Prosa Im Jahr 2006 veröffentlichte Clemens Meyer seinen Debütroman Als wir träumten. Dieser beschreibt das Leben männlicher Jugendlicher im Leipziger Arbeiterviertel Reudnitz in den 1990er-Jahren und ist autobiografisch gefärbt. So hat der Technoclub Eastside tatsächlich in Leipzig-Reudnitz existiert und Meyer hat dort eine signifikante Rolle gespielt.Kolja Mensing: Trainspotting in Leipzig-Ost. In: Deutschlandradio Kultur, 23. Februar 2006 Der Roman wurde als der „lang ersehnte Wenderoman“ von der Presse gelobt, wurde als „literarische Sensation“ wahrgenommen und war 2006 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Meyers zweite Veröffentlichung aus dem Jahr 2008 – Die Nacht, die Lichter – ist eine Sammlung von Kurzgeschichten.Florian Gathmann und Jenny Hoch: Schriftsteller Clemens Meyer. "Unterschicht - was soll denn das sein?", in: Spiegel, 26. Februar 2008 Im März 2010 erschien Meyers drittes Buch Gewalten. Ein Tagebuch. In: Tagewerk 2008, 3. März 2010, Website der Rinke-StiftungRichard Kämmerlings: Overdose jagt die Goldene Peitsche. In FAZ, 17. März 2010

Am 22. August 2013 kam Meyers Roman Im Stein heraus. Dieser beschäftigt sich mit Sexarbeit, Zwangsprostitution und deren kapitalistisch-wirtschaftlicher Organisierung in einer Leipzig ähnelnden Großstadt der neuen Bundesländer der 1990er-Jahre. Inspiriert wurde er durch Zeitungsartikel – „Influenzen“, wie er Inspirationen bezeichnet. Meyer recherchierte 15 Jahre lang zum Thema und arbeitete konkret etwa acht Jahre an dem Buch. Er zog für die Arbeit an dem Roman u. a. zahlreiche Studien, Biografien, Statistiken, Interviews, Materialien, Bücher wie z. B. Das Kapital von Karl Marx, das Lexikon der Prostitution, Bücher von Machiavelli sowie das Spiel Rotlicht-Tycoon heran. Parallelen des Romans zur Leipziger Realität der 1990er-Jahre finden sich in der Affäre SachsensumpfJan Pfaff: In der großen Stadt. In: Freitag, 5. Oktober 2013Jürgen Verdofsky: Clemens Meyers „Im Stein“: Sachsensumpf. In: Badische Zeitung, 7. September 2013. Besonders augenfällig werden diese im Kapitel Der Kolumbusfalter, in dem Zwangsprostitution von Minderjährigen über die Beschreibung von Donald-Duck-Comics thematisiert wird. Die dargestellte Geschichte ähnelt stark der von Mandy Kopp, in den 1990er-Jahren als 16-Jährige zur Prostitution im Leipziger Kinderbordell Jasmin gezwungen.Andreas Platthaus: Auf der Buchmesse 2013 - Clemens Meyer im Gespräch. In: FAZ, 12. Oktober 2013

Für den Roman Im Stein wurde Meyer 2013 von der feministischen Zeitschrift Emma, die Prostitution ablehnt, zum „Pascha des Monats“ erklärt. Im Gegensatz zur Emma differenziert Meyer in seinem Roman – wie es auch sexpositive Feministinnen und feministische Sexarbeiterinnen tun – klar zwischen Zwangsprostitution und Sexarbeit. Viel Empathie und Raum in seinem Roman bringt Meyer für Zuhälter sowie für Freier (respektvolle und respektlose) auf. Wertgeschätzt wurde am Roman Im Stein, dass Meyer keinen Männerfantasien aufsitze und die Arbeit der Sexarbeiterinnen nicht romantisiere.Gerrit Bartels: Das kälteste Gewerbe der Welt. In: Tagesspiegel, 23. August 2013 Meyer wollte aber, wie er auf seiner Verlagsseite darlegt, immer auch das Mythologische als Teil des Romans. So wird aus der Figur Arnold Kraushaar ein Mister Orpheus. Surrealistische Traumsequenzen gehören ebenso zur Ästhetik wie scheinbar realistische Interviews mit den Personen des Romans. Der Roman stand auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis und wurde mit dem renommierten Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. Die englischsprachige Übersetzung von Katy Derbyshire gelangte 2017 auf die Longlist des britischen Man Booker International Prize.

Sein umfangreicher Roman Die Projektoren, an dem er mehr als sieben Jahre gearbeitet hatte, stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2024. Als der Preis an Martina Hefters Werk Hey guten Morgen, wie geht es dir? ging, machte Meyer seinem Unmut nach der Preisverleihung beim Verlassen des Gebäudes Luft, nannte die Entscheidung für Hefter „eine Schande für die Literatur“, auf dem Frankfurter Römerberg bezeichnete er die Jury als „Wichser“, eine Wortwahl, die er einige Tage später im Spiegel bestätigte. Im selben Interview mit dem Spiegel begründete er sein Verhalten mit seinen Verbindlichkeiten nach der Ehescheidung sowie mit noch zu zahlenden Steuern, die er hätte begleichen können, wenn er den Literaturpreis bekommen hätte.

Meyers Werke sind in zahlreiche Sprachen übersetzt, unter anderem ins Kroatische, Englische, Französische, Italienische und Schwedische.

Theatertexte und Adaptationen von Texten für das Theater Die Theaterfassung von Als wir träumten wurde am 13. April 2008 am Leipziger Schauspiel in der Bearbeitung von Armin Petras und Carmen Wolfram, in der Regie von Armin Petras, uraufgeführt. Die Rollen der männlichen Protagonisten waren im Stück ausschließlich mit weiblichen Schauspielerinnen besetzt, um „den Machismo der Vorlage von vornherein zu untergraben“.Ralph Gambihler: Wilde Zonenkinder. Als wir träumten – Armin Petras setzt auf den genius loci und dramatisiert Clemens Meyer. In: Nachtkritik, 13. April 2008

Die Theaterfassung zu den Erzählungen aus Meyers Die Nacht, die Lichter kam im März 2010 am Leipziger Centraltheater in der Regie von Sascha Hawemann zur Uraufführung.Matthias Schmidt: Rhapsodie der Antihelden. Die Nacht, die Lichter – Clemens Meyers Roman landet bei Sascha Hawemanns UA späte Treffer. In: Nachtkritik, 25. März 2010

Den Theatertext Sirk the East – Der Traum von Hollywood schrieb Meyer ein Jahr später – wieder zusammen mit Hawemann. Das Stück wurde am 20. Mai 2011 am Leipziger Centraltheater uraufgeführt.Ralph Gambihler: Die Gier nach Öil. Sirk the East – Der Traum von Hollywood (UA) – Clemens Meyer und Sascha Hawemann kreuzen Hollywood mit dem Leipziger Osten. In: Nachtkritik, 20. Mai 2011

Stallgespräche, Clemens Meyers improvisatorisches Talkformat mit Gästen im Leipziger Centraltheater, fand am 2. März 2012 mit der ersten Ausgabe Die Sendung mit der Maus oder In the Heart of Darkness statt. Weitere Veranstaltungen, u. a. mit den Titeln Alles Glück dieser Erde liegt im Fleisch der Pferde, Rambo kocht – Open Air, Liebe – 1. Porno, 2. Trauer, 3. Glück, Das Ende oder Best of Sterben, Der Mensch ist nur Mensch, wo er spielt, Thema Boxen und Leidenschaft Briefmarke, fanden bis zum Intendantenwechsel im Juni 2013 statt.Moritz Arand: Lach- und Sachgeschichten im Zeichen der Maus. In: Leipzig Almanch, 12. März 2012Moritz Arand: „Es war ein Experiment, das es in Leipzig noch nicht gegeben hat.“ In: Leipzig Almanch, 6. September 2013

Am 25. April 2013 wurde die Theateradaption von Gewalten am Leipziger Centraltheater in der Regie von Sascha Hawemann uraufgeführt.Mathias Schulze: Ich bin noch da, ihr Schweine! Gewalten – In Leipzig ironisiert und bekränzt Sascha Haweman den anwesenden Autor Clemens Meyer. In: Nachtkritik, 25. April 2013Tobias Prüwer: Der alte Hund und sein Herr. Mit Clemens Meyer in der Eckkneipe: »Gewalten« im Centraltheater. In: Kreuzer, 27. April 2013 Im April 2015 wurde Im Stein unter der Regie von Sebastian Hartmann, an dessen Centraltheater Meyer regelmäßig arbeitete, am Schauspiel Stuttgart uraufgeführt. Mit dem Projekt Wallstone Part IV war Meyer im Juni 2015 bei den Schillertagen in Mannheim zu Gast.http://www.schillertage.de/stueck_details.php?SID=2222