Das Selbstkonzept fasst das Selbstbild und Idealbild zusammen. Das Selbstbild, wie man sich selbst wahrnimmt, misst sich am Idealbild, also daran, wie jemand gerne sein möchte. Zum Selbstkonzept gehört das Wissen über eigene persönliche Eigenschaften, Fähigkeiten, Vorlieben, Gefühle und Verhalten.William James (1890, repr. 1981): The principles of psychology. Vol. 2. Cambridge: Harvard UP.
Das Selbstkonzept bildet sich auch unter dem Einfluss von Interaktionsprozessen und durch Verinnerlichung der Urteile anderer, ist jedoch relativ stabil.
In der aktuellen pädagogisch-psychologischen Forschung sind seit den 1970er Jahren Herbert W. Marsh und Richard J. Shavelson wichtige Vertreter der Selbstkonzept-Forschung. Sie haben wesentlich an der Erforschung schulischer Selbstkonzepte gearbeitet, worunter man Personenmerkmale versteht, die Lernen und schulisches Wahlverhalten beeinflussen.O. Köller, U. Trautwein u. a.: Zum Zusammenspiel von schulischer Leistung, Selbstkonzept und Interesse in der gymnasialen Oberstufe. In: Zeitschrift für Pädagogische Psychologie. 20, 2006, S. 27–39.
Entstehung und sozialer Einfluss Bei der Entstehung des Selbstkonzepts interagieren genetische (dispositionale) und umweltbedingte soziale Faktoren miteinander. Zu den vererbten Faktoren gehören Temperament, gewisse Persönlichkeitsdispositionen usw. (der jeweilige Anteil des genetischen Einflusses ist in der Forschung umstritten).
Zu den sozialen Faktoren, die bestimmend für das Selbstkonzept sind, gehören u. a. folgende: Soziale Identität: Die soziale Identität besteht, indem man sich bestimmten sozialen Gruppen zugehörig fühlt, beispielsweise der Gruppe ‚Deutsche‘, ‚Studenten‘, ‚Vegetarier‘ usw. Insbesondere wenn die Gruppe eine Minderheit darstellt, sind sich Personen ihrer sozialen Identität stärker bewusst. Soziale Rolle: Die Rollen, die Menschen im täglichen Leben mehr oder weniger freiwillig übernehmen, bestimmen auch ihr Selbstbild. An bestimmte Rollen sind bestimmte soziale Anforderungen geknüpft, nach denen man sich meistens unbewusst verhält und sich so der Rolle anpasst. Z. B. verhalten sich Lehrer gegenüber ihren Schülern anders als gegenüber dem Ehepartner. Oder wenn Personen Kinder bekommen und nun die Elternrolle übernehmen, ändern sich oft ihre Verhaltensweisen hin zu einer stärkeren „Vorbildfunktion“. Ein berühmtes Experiment, das die Übernahme rollenspezifischen Verhaltens auch entgegen der ursprünglichen Einstellung zeigte, ist das Stanford-Prison-Experiment von Philip Zimbardo. Versuchspersonen sollten zwei Wochen in einem improvisierten „Gefängnis“ (im Institutskeller) verbringen und waren zufällig entweder der Wärter- oder der Gefangenenrolle zugewiesen worden. Obwohl die Personen vor dem Experiment meinten, sie würden nur in geringem Ausmaß auf diese Rollenverteilung Rücksicht nehmen und niemals Gewalt oder andere harte Maßnahmen einsetzen, identifizierten sich beide Gruppen dermaßen stark mit ihren Rollen, dass die Situation eskalierte und das Experiment abgebrochen wurde. Sozialer Vergleich: Nach der Theorie des sozialen Vergleichs von Leon Festinger beurteilt man seine eigenen Fähigkeiten und Eigenschaften, falls keine objektiven Maßstäbe vorhanden sind, durch den Vergleich mit anderen. So fand man z. B. heraus, dass Schüler, in deren Klasse nur wenig gute Mitschüler waren, ihre Leistung als besser einschätzten als Schüler mit vielen guten anderen in ihrer Klasse. Der soziale Vergleich wirkt auf das akademische Selbstkonzept (siehe hierzu auch: Big-Fish-Little-Pond-Effekt.) Erfolge und Misserfolge: Die Konsequenzen des Verhaltens von Personen und ihre Äußerungen beeinflussen ebenfalls die Bildung ihres Selbstbildes. Erfährt man viele Misserfolge, schätzt man die eigenen Fähigkeiten eher als gering und weniger wertvoll ein. Kultur: Kollektivistische Kulturen (v. a. im asiatischen Bereich) legen mehr Wert auf Gruppenzugehörigkeit, auf die Meinung und die Ansichten anderer und das Wohl der Gemeinschaft. Hier entsteht ein eher interdependentes Selbstkonzept. Dieses schließt andere Personen und Gruppen in das eigene Selbstkonzept mit ein. Sagt sich z. B. eine Gruppe, der sich eine Person zugehörig fühlt, von dieser los, so geht auch ein wichtiger Bestandteil des Selbstkonzeptes der Person verloren. Individualistische Kulturen legen mehr Wert auf Leistung und Persönlichkeitsmerkmale des Einzelnen. Hier entsteht ein eher independentes Selbstkonzept. Dieses umfasst kaum andere Personen und gründet sich mehr auf eigenen Persönlichkeitseigenschaften, Einstellungen und Fertigkeiten.Hazel R. Markus, Shinobu Kitayama: Culture and the Self: Implications for Cognition, Emotion, and Motivation. April 1991. Psychological Review 98(2): 224-253. doi:10.1037/0033-295X.98.2.224 Interkulturelle Unterschiede dieser Art werden zum Beispiel durch den Twenty Statements Test nahegelegt. Allerdings wird an solchen Gegenüberstellungen zunehmend kritisiert, dass sie zu Stereotypisierungen der Eigen- und der Fremdkultur neigen und häufig auf zu oberflächlichem Wissen über andere Kulturen basieren können.
Unterschied zwischen Identität und Selbstkonzept Erstens bedeutet Identität die „völlige Übereinstimmung mit dem, was sie ist oder als was sie bezeichnet wird“.Janich, N., Thim-Mabrey, C. (2003): Sprachidentität – Identität durch Sprache. Tübingen: Narr, S. 1. Der Begriff des Selbstkonzeptes unterscheidet davon, indem es von der Realität abweichen kann. Zweitens lässt sich der Begriff der Identität definieren als „unmittelbare Wahrnehmung der eigenen Gleichheit und Kontinuität in der Zeit (…) und die damit verbundene Wahrnehmung, dass auch andere diese Gleichheit und Kontinuität erkennen“.Erikson, E. H. (1959): Identity and the life cycle. New York: International UP, S. 18. Hier wird Identität sozial situiert: Im Vordergrund stehen sowohl eigene als auch fremde Wahrnehmungen des jeweiligen Subjektes. Da aber Selbst- und Fremdwahrnehmungen ebenfalls ein konstitutiver Bestandteil des Selbstbildes sind, gibt es keine strikte Trennung beider Konzepte, sondern einen ineinander übergehende Überlappung von Selbstkonzept und Identität.
Wesentliche Funktionen des Selbstkonzeptes Selbstschema, possible selves und das Selbstkonzept sind wesentliche Funktionen. Das Selbstschema beeinflusst und organisiert die Verarbeitung selbstbezogener Informationen, es dient als Grundlage für Entscheidungen, Beurteilungen und Folgerungen in Bezug auf die eigene Person. Possible selves dienen dazu, Vorstellungen und Ziele für die Zukunft zu entwickeln und Motivation zu generieren.Clinkinbeard, S. (2007). Social feedback perceptions, self-efficacy, and possible selves among adolescent offenders in secured juvenile facilities. Diss. in Social Psychology at the University of Nevada, Reno. Das Selbstkonzept strukturiert die Wahrnehmung und Interpretation selbstbezogener Informationen.Rammsayer, T., Weber, H. (2010): Differentielle Psychologie – Persönlichkeitstheorien. Göttingen: Hogrefe, S. 132. Ein angemessen ausgeprägtes Selbstkonzept ermöglicht einer Person einen kontextualisierten Bewertungs- und Interpretationsrahmen für die gegenwärtige Wahrnehmung ihres Selbst.
Seymour Epsteinhttps://www.researchgate.net/profile/Seymour-Epstein zufolge überträgt das Selbstkonzept Erfahrungen, die eine Person in sozialen Interaktionen gesammelt hat, in vorhersagbare Sequenzen von möglichen Verhaltensweisen und Reaktionen. Als weitere Funktion gibt er an, das Selbstkonzept versuche eigene Bedürfnisse im Sinne einer wohltuenden Balance von Behagen und Unbehagen zu erfüllen. Gleichzeitig wird angestrebt, Missbilligungen durch andere und beklemmende Gefühle der Ängstlichkeit zu vermeiden. Wenn das Selbstkonzept bedroht wird bzw. es nicht schafft, eine oder mehrere dieser grundlegenden Funktionen umzusetzen, führt dies zu Stress, der so ansteigen kann, dass die Selbsttheorie in sich zusammenfällt. Die Person erlebt diesen Zustand schließlich als gänzliche Desorganisation. Wenn die Selbsttheorie hingegen funktioniert, wird die positive Bewertung der eigenen Person aufrechterhalten sowie die eigene Identität stabil gehalten.Epstein, Seymour (1973). The self-concept revisited. Or a theory of a theory. In: American Psychologist (1973), Band 28, S. 407–410.
Konzept nach William James William James differenziert in der ersten grundlegenden Arbeit über das Selbst zwischen (engl.) Me bzw. empirischem Selbst und I, welches auch pure Ego genannt wird. (a) Das Me stellt als „objektives“ Selbst den Gegenstand der Selbstdefinition dar; es ist die mit den Sinnen empfundene gegenwärtige körperliche Existenz, welche ebenfalls von anderen beobachtet werden kann.James, W. (1890, repr. 1981). The principles of psychology. Vol. 2. Cambridge: Harvard UP, S. 291. Das Selbstkonzept stellt dabei den dispositionalen, also zeitlich überdauernden Teil des Me dar. (b) Als urteilende und wertende Instanz, die nur dem Individuum verfügbar ist, nimmt das I hingegen die Selbstdefinition vor. James definiert es als das, „was in jedem Augenblick Bewusstsein ist“James, W. (1901): Prinzipien der Psychologie. Bd. 2., Harvard UP, S. 195.; also der subjektive und flüchtige Gedanke, der Selbstgefühle speichert, beurteilt und erinnert.James, W. (1890, repr. 1981). The principles of psychology. Vol. 2. Cambridge, S. 331. Da das I für die Existenz des reflexiven Bewusstseins als solches steht, kann nur das Me legitimer Gegenstand der empirischen Wissenschaft sein.Rammsayer, T., Weber, H. (2010). Differentielle Psychologie – Persönlichkeitstheorien. Göttingen: Hogrefe .Weber, C. (1989). Selbstkonzept, Identität und Integration. Eine empirische Untersuchung türkischer, griechischer und deutscher Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin: Verlag für Wissenschaft und Bildung, S. 128. I ist the knower – der wissende, handelnde, aktive Teil des Selbst. Me ist the known – das Gewusste, das Fundament der Persönlichkeit.
George Herbert Mead hat das Konzept in Anlehnung an William James ausgebaut. Mead überträgt James’ Kategorisierung des Selbst in I und Me auf das Verhältnis zwischen dem Individuum und der Gesellschaft: (a) Das Individuum erschließt sich zunächst durch Rollenübernahme die Perspektive anderer und letztlich der gesamten Gemeinschaft. Darüber entwickelt es ein Me bzw. eine Selbstwahrnehmung, die primär von gesellschaftlichen Verhaltensnormen geprägt ist. (b) Der konzeptuelle Unterschied des I liegt darin, dass es eine aktiv-schaffende Antwort des Individuums verkörpert: Es reagiert zwar ebenso auf eine durch Normen und Erwartungen konstituierte Situation, kann diese aber von sich aus verändern.Schweitzer, F. (1985). Identität und Erziehung. Was kann der Identitätsbegriff für die Pädagogik leisten? Weinheim: Beltz, S. 29.
Überträgt man dies beispielsweise auf Lehrer mit Migrationshintergrund, so ist eine Komponente ihres Selbst von den Verhaltensnormen und Erwartungen geleitet, welche die Gesellschaft an sie als Mitmenschen mit Zuwanderungsgeschichte ggf. stellt. Sie können jedoch durch die zweite Komponente ihres Selbst, dem I, Kompetenzen zur Neuschöpfung zeigen und sozialen Wandel herbeiführen. Es ist bspw. denkbar, dass Schüler aufgrund mangelnder Vorbilder und der Fremdzuschreibung negativer beruflicher Chancen durch ihr gesellschaftliches Umfeld annehmen, in Deutschland nicht Lehrer werden zu können. Ihr I sorgt trotz derartiger Konventionen für die Perspektive und den Mut, dass sie einen Weg dahin finden werden.
Selbstkonzept bei Carl Rogers und Abraham Maslow