Rheinlande ist ein Ausdruck des 19. Jahrhunderts für nicht einheitlich verstandene bzw. nicht scharf umrissene Territorien am Rhein. Dabei handelt es sich nicht um ein Synonym für das Rheinland, obwohl das Wort zunächst in gehobener literarischer Sprachvariante so klingen mag und auch reduziert auf dieses Kernland verwendet wird. Bis Ende des 18. Jahrhunderts war der Ausdruck „Rheinland“ für die Region im Bereich des Rheines nicht geläufig, und dies gilt auch für die „Rheinlande“.Joseph Hansen, in: Rheinland und Rheinländer, 1925, Koblenz, S. 9. Onlinefassung, Rheinland und Rheinländer Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wird die Bezeichnung Rheinlande, sieht man von Historikern ab, allgemein kaum noch benutzt. Der Duden gibt unter dem Eintrag Rheinland als Bedeutung die „nichtamtliche Bezeichnung für die ehemalige preußische Rheinprovinz“ an und führt unter dem Wort Rheinlande die historischen „Siedlungsgebiete der Franken beiderseits des Rheins“ an.Duden Band I, Bibliographisches Institut Mannheim, Wien, Zürich, Dudenverlag, 24. Auflage, März 2006, S. 853 und vorherige Auflagen
Rheinlande ist damit ein Ausdruck für einen Territorialbereich, der ab Anfang des 19. Jahrhunderts nach Auffassung von Historikern in erster Linie auf die ehemaligen Herrschaftsgebiete im Bereich des Mittel- und Niederrheines zutrifft. Diese Rheinlande wurden überwiegend zur preußischen Rheinprovinz zusammengefasst und betreffen historische Herrschaftsgebiete, die zwischen 1822 und 1945 beiderseits des Rheins zwischen Kleve und Bingen lagen.Wilhelm Janssen, in: Rheinland - Begriff und Sache, Böhlau Verlag, Köln, S. 33. Onlinefassung Rheinlande ist damit ein alternativ in preußischer Zeit geprägter siedlungs- und kulturhistorischer Begriff, der, politisch motiviert, auf einen viel älteren Zeitraum zurückgreifen muss, um die Zusammengehörigkeit der Rheinregionen auf der Grundlage einer „Gefühls- und Volksgemeinschaft“ zu belegen.
Siedlungsgebiete der Franken mini|Das Reich der Karolinger unter Karl dem Großen Auszugehen ist bei dieser Definition von den ursprünglichen fränkischen Siedlungskernen am Niederrhein (Salfranken) und Mittelrhein (Rheinfranken = Francia rhinensis oder ripuarische Franken genannt). Seit dem 3. nachchristlichen Jahrhundert waren die Franken erstmals in der Geschichte nachweisbar. Eine scharfe Grenzziehung ihrer Siedlungsgebiete ist in dieser frühen Zeit nicht möglich. Nördlich und westlich des Gebietes um Kleve waren die Friesen ansässig, östlich des Rheins saßen die Sachsen, Chatten und Thüringer, südlich von Mainz befand sich der Siedlungsraum der Alemannen und westlich des Mittelrheins hielten sich die langsam zerfallenden spätantiken Rückzugsstrukturen der gallo-römischen Kultur.
Von den Salfranken unter Chlodwig I. ging die Einigung der fränkischen Stämme unter Beseitigung des rheinfränkischen Königtums mit vormaligem Zentrum in Köln, die Expansion nach Westen und Eroberung Galliens sowie die Begründung des Merowinger-Reiches aus. In dieser Zeit verlagerte sich der Schwerpunkt des fränkischen Reiches nach Westen, und die ehemaligen Kerngebiete am Rhein wurden zur Randzone. Westlich vom Mittelrhein setzte sich bis zu einer Linie, die in etwa auch heute noch die Sprachgrenze zwischen der deutschen und der französischen Sprache konstituiert, die fränkische Sprache durch; westlich davon wurden die Franken romanisiert, und diese romanisierten Gebiete werden nicht zu den Rheinlanden gezählt.
mini|hochkant=1.5|Die Gebietsaufteilung im Vertrag von Meerssen 870 Ein weiteres Stammgebiet der Franken lag östlich des Mittelrheins entlang und nördlich der Main-Linie, nach Unterwerfung der Thüringer und Chatten bis zur Werra und Fulda sowie in die Rhön hinein (d. h. weite Teile des heutigen Hessens umfassend), das schon im 6. Jahrhundert angeschlossen war und unter Pippin dem Mittleren nach Südosten in das heutige Franken hin expandierte. Dieses weit nach Osten reichende Gebiet sowie Mainfranken südlich des Mains zählt nicht zu den Rheinlanden. Nördlich bis etwa zu einer Höhe von Bonn stießen im 6. Jahrhundert die Sachsen so weit nach Westen vor, dass rechtsrheinisch zur Merowingerzeit am Niederrhein nur ein schmaler fränkischer Streifen verblieb, der als ungesichertes Terrain galt, so dass die Anbindung der rechtsrheinischen Niederrhein-Gebiete an den fränkischen Reichsverband nur locker war.
Unter den Karolingern lag der gesamte Rhein von der Quelle bis zur Mündung innerhalb des Fränkischen Reiches. Die Alemannen und Friesen hatten sich zur Zeit Karls des Großen freiwillig dem fränkischen Reich subordiniert, während die Sachsen mit Gewalt unterworfen worden waren. Da Karl der Große als seine Hauptresidenz Aachen wählte, verlagerte sich der Mittelpunkt des Reiches wieder in die Gebiete am Rhein. Zusätzlich wurde die schon zu in der Merowingerzeit begonnene Christianisierung mittels Klostergründungen, ausgehend von den Erzbistümern Köln, Mainz und Trier verstärkt. Hierdurch wurde die Verbreitung des Christentums in dem Gebiet zwischen Maas, Mosel und Rhein vollendet. Weiterhin wurde dieser Bereich auch zu einem der kulturellen Zentren des Frankenreiches, das wieder in den ursprünglichen Siedlungsgebieten in Bereichen des Rheins lag.
Bei der Aufteilung des Karolingerreiches nach dem Tode von „Karl dem Großen“ wurde das weitgehend ab Ende des 3. und 4. Jahrhunderts von Franken besiedelte Kerngebiet (Austrasien) im Teilungsvertrag von Verdun (843) überwiegend dem Mittelreich von Lothar I. zugeordnet. Im Vertrag von Meersen (870) wurden aber der nordöstliche Bereich von diesem „Mittelreich“ wieder vom Ostfrankenreich übernommen und damit das alte Siedlungsgebiet der Franken unter dem Deutschen König Ludwig weitgehend erneut vereinigt.
Im Hochmittelalter gehörten die fränkischen Siedlungsgebiete im Bereich des Rheins fast vollständig zu den drei Erzbistümer Köln, Mainz und Trier. Mit den Suffraganbistümer Lüttich und Utrecht war zu diesem Zeitpunkt Köln überwiegend für die fränkischen Gebiete nördlich des Moselgebietes zuständig, die aktuell östlich der Maas als Rheinland bezeichnet werden. Das Erzbistum Trier, Bestandteil des Herzogtums Lothringen zu dieser Zeit, umfasste das Moselgebiet und alle weiteren südlichen Suffraganbistümer in diesem Herzogtum, während zum Erzbistum Mainz unter anderem die südlichen Gebiete am heutigen Oberrhein mit den Suffraganbistümern Straßburg, Speyer und Worms gehörten.Neben den angeführten waren sowohl Köln wie auch Mainz für weitere Bistümer (Köln: Münster und Bereiche in Westfalen; Mainz: Paderborn, Bamberg, Hildesheim, Halberstadt und Brandenburg) sowie weitere lehnsabhängige Grafschaften und Herrschaften, die deutlich östlicher des Rheines lagen, zuständig.
Schwerpunkt des Herrschaftsgebietes für das Erzbistum Köln waren große linksrheinische von Franken besiedelte Bereiche, während rechtsrheinisch nördlich der Mainmündung in den Rhein nur ein relativ schmaler Streifen zum historisch fränkischen Siedlungsgebiet zählte. Durch die territoriale starke Zersplitterung, die besonders nach dem Hochmittelalter mit der dann deutlich geringeren weltlichen Machtbasis für die Deutschen Kaiser und den Erzbischöfen (später die Fürstbischöfe) begann, war dann über die Jahrhunderte hinweg keine historisch gewachsenen politische Einheit dieser Länder am Rhein vorhanden. Erschwerend kam hinzu, dass bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts sich lokale Herrscher in diesem Gebiet häufig mit Frankreich zeitweise verbündeten, um für ihr Herrscherhaus territoriale Vorteile zu erlangen.
Namensherkunft
Das im Sprachgebrauch des 21. Jahrhunderts antiquiert und literarisch anmutende Wort „Lande“ als Plural von „Land“ ist zugleich ein historisierendes. Es wurde ursprünglich auf das Haus Burgund im frühen 15. Jahrhundert angewandt. Dort sind die Niederen Lande (d. h. Flandern, Brabant, Holland und Luxemburg) von den Oberen Landen (d. h. dem burgundischen Kernland um das Herzogtum und die Freigrafschaft Burgund) unterschieden.
Der preußische Sprachgebrauch kennt die Bezeichnung „Lande“ in anderen geographischen Zusammenhängen, wie die Hohenzollernsche Lande und die „Lande zwischen Rhein und Maas“. Letztere betreffen die vier von den französischen Revolutionsarmeen nach 1794 in den Koalitionskriegen eingerichteten „Départements Réunis“ (d. h. das Saar-Departement, das Donnersberg-Departement, das Rur-Departement und das Rhein- und Mosel-Departement), die vor dem Wiener Kongress bis zum Zusammenbruch des Kaiserreiches unter Napoleon entstanden waren.
Eine Übertragung des „Lande“-Begriffs auf die nördlich der Pfalz liegenden Rheingebiete ist erst ab Beginn des 19. Jahrhunderts nachweisbar. Nach dem Wiener Kongress wurden die linksrheinischen Gebiete nördlich des Elsass mit Rheinhessen an das Großherzogtum Hessen, die Pfalz an das Königreich Bayern und alle übrigen Rheingebiete an Preußen angegliedert. In der Proklamation An die Einwohner der mit der preußischen Monarchie vereinigten Rheinländer hatte sich Preußen 1815 mit Blick auf eine gegen Frankreich künftig zu sichernde Westgrenze am Rhein zur Schutzmacht des in Entstehung begriffenen Deutschen Bundes erklärt. Von diesen nun preußischen Gebieten gehörten vor Beginn des 19. Jahrhunderts nur das ehemalige Herzogtum Kleve, die Grafschaft Moers und Teile Obergelderns zu Preußen. Neuerwerbungen waren das frühere Herzogtum Jülich-Berg und die früheren Erzstifte Köln und Trier. Alle diese preußischen „Westlande“, die am oder im Bereich des Rheines lagen, wurden 1822 zur Rheinprovinz zusammengefasst. Synonyme für dieses Territorium, das bis 1945 auch noch innerhalb des geeinigten Deutschen Reiches bestand, sind Rheinland, Rheinpreußen oder auch Preußische Rheinlande.
Die Zusammenlegung von seit dem Mittelalter bestehenden Einzelterritorien über die Vorstufen Provinz Großherzogtum Niederrhein und Provinz Jülich-Kleve-Berg 1822 zu der Rheinprovinz gestaltete sich deshalb zunächst als ein artifizieller Schritt. Von den Preußen wurden bis etwa 1830 die preußischen Gebiete am Rhein noch als „Rheinprovinzen“ bezeichnet und waren damit die Lande am Rhein. Beispielsweise wurde 1828 zum Provinziallandtag „der Rheinprovinzen“ eingeladen. Erst nach 1830 wurden sprachlich aus den bisherigen Provinzen der Rheinlande die „einheitliche“ Rheinprovinz.Wilhelm Janssen, in: Rheinland - Begriff und Sache, Böhlau Verlag, Köln, S. 31 bis 42. Onlinefassung
Im Laufe des darauffolgenden Jahrhunderts bis zur Weimarer Republik wurden die Rheinlande als Kulturraum mit gemeinsamen Wurzeln, motiviert durch die Abgrenzungsbestrebungen gegen Frankreich, das den Rhein als „natürliche Ostgrenze“ für sich beanspruchte, einerseits und gegen Preußen andererseits, aus verschiedenen Perspektiven durch Literaten, Philosophen und Historiker entdeckt und geschaffen. Je nach politischer Lage wurde im Kaiserreich sowie in der Weimarer Republik der Begriff mal weiter und mal enger ausgelegt. Im Zuge der Rheinromantik verwischen sich häufig Mythen und Fakten, so dass noch heute das Rheinische als kulturelle Identität nur sehr schwer zu fassen und abzugrenzen ist.
Als Kriterien für den Zusammenhalt der „Rheinlande“ als dem „fränkischen Ausschnitt aus dem Stromgebiet des Rheins“ (Martin Spahn) stellen verschiedene Historiker der Weimarer Republik das Festhalten am Katholizismus, eine liberale Geisteshaltung und Distanz zum Preußentum, den Fluss als Verkehrsstraße sowie den damit gebildeten zusammen gehörenden Wirtschaftsraum ab.
Verwendung der Bezeichnung Rheinlande