Die Geschichte der Psychologie (von altgriechisch ψυχή psȳchḗ für „Seele, Gemüt“, und λόγιος lógios für „Kunde, Wissenschaft“) als eine anerkannte und eigenständige empirische Wissenschaft ist ein Ergebnis der Aufklärung und beginnt im späten 19. Jahrhundert.

Das Nachdenken über die menschliche Seele ist allerdings deutlich älter, entsprechende Texte, insbesondere Texte der Aufklärung aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert waren einflussreich in der Entstehung der Disziplin. Von großer Bedeutung für ihren Erfolg war die Arbeit von Sigmund Freud und seinen Schülern Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die Anfänge der Psychologie Auch wenn die Psychologie als eigenständiges wissenschaftliches Forschungsgebiet erst seit Ende des 19. Jahrhunderts existiert, hat die Beschäftigung mit der Seele, dem Erleben und Verhalten des Menschen eine weit zurückreichende Geschichte. Es beschäftigten sich zahlreiche Philosophen und Theologen, Mediziner und Physiologen mit Themen, die der Psychologie mit Gründung und Definition als akademisches Forschungsgebiet nachträglich zugeschrieben werden können und ihre Etablierung als eigenständige Wissenschaft vorbereiteten.

Platon entwickelte die Basis für das Schichtenmodell der Seele, das später Grundlage für Sigmund Freuds Strukturmodell der Psyche wurde, und Aristoteles schrieb ca. 350 v. Chr. ein Lehrbuch Über die Seele (griechisch Περὶ Ψυχῆς, Peri Psychés; lateinisch De Anima). Avicenna erforschte um 1000 n. Chr. bereits psychische Erkrankungen und beschrieb die kognitiven Prozesse des Menschenverstandes, Vorstellungskraft, Denken, Glaube und Gedächtnis.Zur Psychologie vgl. Samuel Landauer: Beitrag zur Psychologie des Ibn Sinâ. Einleitung, Text und Übersetzung mit Commentar (Abschnitt I–III). Dissertation München 1872; und derselbe: Die Psychologie des Ibn Sînâ. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. Band 29, 1876, S. 335–418; Nachdruck in: Fuat Sezgin (Hrsg.): Studies on Ibn Sīnā (d. 1037) and his medical works. 4 Bände. Frankfurt am Main 1996 (= Publications of the Institute for the History of Arabic-Islamic Science. Hrsg. von Fuat Sezgin, Band 10–13: Islamic Medicine.) Band 1, S. 65–148. – Edition und Übersetzung der Schrift Avicennas. Auch Averroes befasste sich mit Psychologie.S. Gómez Nogales: La psicología de Averroes. Comentario al libro sobre el alma de Aristóteles. Madrid 1987. Thomas von Aquin setzte sich um 1250 mit dem Leib-Seele-Problem auseinander und auch Descartes beschäftigte sich um 1630 mit der Existenz der Seele (res cogitans). Ein wichtiger Vertreter der frühen, in der Renaissance formulierten psychologischen Konzepte (Differentielle Psychologie) war der spanische Arzt und Philosoph Juan Huarte de San Juan, der in seinem Werk Examen de ingenios para las sciencias (1575) einige Ideen der modernen Psychologie vorwegnahm.Helmut E. Lück: Geschichte der Psychologie: Strömungen, Schulen, Entwicklungen. Bd. 1 von Grundriss der Psychologie, W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2009, ISBN 3-17-020923-X, S. 138 Es wurde durch Lessing in einer späten Übersetzung Prüfung der Köpfe zu den Wissenschaften (1752) im deutschen Sprachraum bekannt.J. Moya Santoyo; L. Garcia Vega: Juan Huarte de San Juan: Padre de la psicologia. Revista de Historia de la Psicología 1990. Vol. 11, Núm. 1-2, S. 123–144

mini|hochkant|Der Begriff „Psychologie“ geht auf Johann Thomas Freigius zurück Die Wortschöpfung psychologia ist nicht vor dem 16. Jahrhundert belegt. Lange wurde die Erstverwendung dieses Begriffs irrtümlich Philipp Melanchthon zugeschrieben.F. H. Lapointe: Who originated the term psychology? In: J. Hist. behav. Sci. 8, 1972, S. 328–335. Gelegentlich wird Marko Marulić aus Split als Schöpfer dieses Ausdrucks genannt, doch von seinem Manuskript Psichiologia de ratione animae Humanae, das um 1520 abgefasst gewesen sein soll, ist außer dem Titel nichts überliefert, sodass von hier keine Traditionslinie nachgewiesen werden kann. Ältester Fundort in einer gedruckten Schrift sind vielmehr die Quaestiones εωθιναι και δειλιναι seu logicae et ethicae des Freiburger Professors Johann Thomas Freigius von 1574.Freigius, Quaestiones εωθιναι και δειλιναι seu logicae et ethicae, Basel 1574, Vorspann (online).Vgl. R. Luccio: Psychologia – the birth of a new scientific context. In: Review of Psychology. Band 20, 2013, S. 5–14; G. W. Ungerer, W. G. Bringmann, W. G.: Psichiologia, ψυχολογία, Psychology. In: Wolfgang G. Bringmann, Helmut E. Lück, Rudolf Miller, Charles E. Early (Hrsg.): A Pictoral History of Psychology. Quintessence Press, Chicago/Berlin 1997, S. 13–18; auch in: W. G. Ungerer: Forschungen zur Biographie Wilhelm Wundts und zur Regionalgeschichte. Gesammelte Schriften 1978–1997. Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 1997, S. 395–404. Ein Jahr später entfaltet Freigius in seinem Ciceronianus unter der Überschrift De psychologia et hominis fabrica ausführlich die Stoffwechselfunktionen, die Wahrnehmungsfunktionen sowie die Erkenntnisfunktionen der Seele, also die drei aristotelischen Seelenvermögen, deren Zusammenspiel er als Beweis für den göttlichen Ursprung des Menschen ansieht.Freigius, Ciceronianus, Basel 1575, S. 202–215 (online). Dies alles behandelt Freigius als Teil der Naturlehre (so auch in seinen Quaestiones physicae, 1579, deren 27. Buch die Psychologia behandeltFreigius, Quaestiones physicae, Basel 1579, S. 761–771 (online)).Vgl. R. Luccio: Psychologia – the birth of a new scientific context. In: Review of Psychology. Band 20, 2013, S. 5–14. Freigius zählte zu den Anhängern des Petrus Ramus, ebenso wie Rudolf Goclenius der Ältere, der den Begriff 1590 erstmals als Titel für einen Sammelband verwendete.

Im Zeitalter der Aufklärung nahm die Beschäftigung mit psychologischen Fragen, wenn auch oft nicht unter dieser Bezeichnung, zu. So leistete bereits in der frühen Aufklärung der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz wichtige Beiträge zur Entwicklung der Psychologie. Der französische materialistische Philosoph und Enzyklopädist Julien Offray de La Mettrie (1709–1751) veröffentlichte 1746 das Buch Der Mensch als Maschine (L’homme machine), und der deutsche Universalgelehrte Christian Wolff (1679–1754) die Werke Psychologia empirica und Psychologia rationalis – die Begriffe „Bewusstsein“ und „Aufmerksamkeit“ sowie die Popularisierung des Begriffs „Psychologie“ selbst gehen auf Wolff zurück. Die psychologia rationalis ist als apriorische (nicht-empirische) Disziplin ein Teilgebiet der Metaphysik (genauer: der metaphysica specialis), die Methode der psychologia empirica ist die Selbstbeobachtung. (Der Ausdruck „rational“ wurde bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts als Gegenbegriff zu „empirisch“ verwendet, nicht als Gegenbegriff zu „irrational“). Es entstand der Begriff der rationalen Psychologie, der dann (vor allem von Immanuel Kant (1724–1804) in der Kritik der reinen Vernunft) als „Wissenschaft der reinen Vernunft“ scharf zurückgewiesen wird. Für Kant war Psychologie immer empirisch; allerdings handelte es sich um eine „innere“ Empirie, um Introspektion mittels des „inneren Sinnes“.Vgl. den Artikel Rationale Psychologie in Rudolf Eislers Kant-Lexikon (1930), sowie den Artikel Empirische Psychologie im Wörterbuch der philosophischen Begriffe (1904) desselben Autors. Im Jahr 1783 bezeichnete sich Ferdinand Ueberwasser (1752–1812) an der Alten Universität in Münster erstmals als Professor für empirische Psychologie und Logik.K. A. Schwarz, R. Pfister: Scientific psychology in the 18th century: a historical rediscovery. In: Perspectives on Psychological Science. Nr. 11, S. 399–407. Eine erste „Geschichte der Psychologie“ von Friedrich August Carus (1770–1807) erschien posthum 1808.

Im 19. Jahrhundert nahmen Philosophen und Schriftsteller wie Arthur Schopenhauer (1788–1860), Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821–1881) und Friedrich Nietzsche (1844–1900) viele wichtige Erkenntnisse der modernen Psychologie vorweg.

Die Entwicklung der Psychologie zu einer empirischen Wissenschaft im 19. Jahrhundert mini|hochkant|Moritz Lazarus gilt als Begründer der Völkerpsychologie Wilhelm von Humboldt gilt als wichtiger Wegbereiter der Völkerpsychologie im 18. und 19. Jahrhundert. Als deren Begründer ist der Philosoph Moritz Lazarus zu sehen, der 1859 eine Honorarprofessur und 1862 eine ordentliche Professur für Psychologie und Völkerpsychologie an der Universität Bern erhielt. Gemeinsam mit dem Philosophen und Linguisten Heymann Steinthal gab er von 1860 bis 1890 die Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, in der sich die zentralen programmatischen Schriften der Völkerpsychologie finden, heraus. 1859–1866 hielt Carlo Cattaneo unter Berufung auf empirisch-experimentelle Methoden sozialpsychologische Vorträge unter dem Titel Psicologia delle menti associate. Wilhelm Wundt veröffentlichte von 1900 bis 1920 ein zehnbändiges Monumentalwerk zur Völkerpsychologie, in dem er zentrale Gedanken von Steinthal und Lazarus aufgreift. Der Arzt und Soziologe Gustave Le Bon, der 1895 das Buch Psychologie der Massen veröffentlichte, und Scipio Sighele, der 1891 das Werk Psychologie des Auflaufs und der Massenverbrechen herausbrachte, begründeten die Massenpsychologie, aus der zusammen mit der Völkerpsychologie, die heutige Sozialpsychologie und Soziologie entstand.

Auch Gabriel Tarde übte wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung dieser Fachbereiche aus. Die späteren Arbeiten Margaret Meads und Ruth Benedicts auf diesem Gebiet wurden Grundsteine für Ethnologie und die spätere Ethnopsychoanalyse.

mini|hochkant|Johann Friedrich Herbart schrieb 1816 ein erstes Lehrbuch zur Psychologie Im 19. Jahrhundert wurde die Psychologie, geprägt durch den Materialismus, eingeleitet durch Werke von Johann Friedrich Herbart, der im Jahre 1816 ein Lehrbuch zur Psychologie veröffentlichte, und Charles Bell, der die Neurophysiologie erforschte, im Wesentlichen durch Mediziner, Physiologen und Physiker vorangebracht. So beschäftigten sich die Physiologen Johannes Peter Müller und Ernst Heinrich Weber mit der Wahrnehmung der Sinnesorgane. Auch Hermann von Helmholtz und Gustav Theodor Fechner veröffentlichten Arbeiten, die sich mit der Sinnesphysiologie befassen. Der Mediziner Franz Joseph Gall entwickelte die sogenannte Phrenologie. Weiter zu nennen sind Emil Du Bois-Reymond, Ernst Brücke und Carl Ludwig. Diese Arbeiten stellen die ersten Ansätze empirischer Forschung nach wissenschaftlichen Kriterien in diesem Bereich dar. Friedrich August Rauch veröffentlichte 1853 ein Lehrbuch der Psychologie und auch Herbert Spencer leistete wichtige Beiträge. Paul Broca forschte erfolgreich in der Neurophysiologie. Charles Darwin begründete 1872 die vergleichende Verhaltensforschung und betonte dabei die Parallelen zwischen Mensch und Tier.

In der Neuzeit beschäftigten sich dann ohnehin alle traditionellen Fakultäten mit psychologischen Themen, also nicht nur die philosophische (die sich natürlich mit Philosophie, aber auch Mathematik und Logik und den Naturwissenschaften befasste, und die zudem die Propädeutik für alle Fakultäten übernahm), sondern auch die medizinische, die theologische und die juristische Fakultät. Insbesondere die letztere hatte sich dieser Themen gerade auch in Bezug auf eine frühe „verhaltenswissenschaftliche“ Dimension angenommen. In der medizinischen Fakultät beschäftigte man sich auch seit dem 17. Jahrhundert mit einem Themenkomplex psychologischer Phänomene, die man thematisch eingrenzen und vielleicht als frühe Form von deskriptiver Patho-Psychologie bezeichnen könnte.

Die Psychologie wird eigenständiges universitäres Forschungsgebiet