Kohärenztheorie nennt man in der Philosophie eine Theorie, die die Kohärenz (einen Zusammenhang) mit etwas anderem zum Wesen, zum Kriterium oder – in einem schwachen Sinn – zum Indiz einer Sache macht.

Der Begriff der Kohärenz (Zusammenhang) ist dabei oft vage. Zum Teil wird Kohärenz fälschlicherweise in der Bedeutung von Konsistenz (Widerspruchslosigkeit) verwendet.

In einem strengeren Sinn setzt Kohärenz nicht nur Konsistenz voraus, sondern fordert, dass zwischen den anderen Sätzen (Rechtfertigungen) Ableitungs-, Rechtfertigungs- und Erklärungsbeziehungen bestehen. In diesem strengeren Sinn gibt es unterschiedliche Grade der Kohärenz.

Kohärenztheorien der Wahrheit Kohärenztheorien der Wahrheit (im weiten Sinn) sehen in der Kohärenz einer Aussage mit anderen Aussagen die Wahrheit einer Aussage, das entscheidende (oder nur ein ergänzendes) Kriterium oder ein Indiz für die Wahrheit einer Aussage.

In der verbreitetsten, technischen Bedeutung ist die Kohärenztheorie der Wahrheit eine Wahrheitstheorie, die die Kohärenz zum Wahrheitskriterium erhebt.

Danach ist eine Aussage wahr, wenn sie Teil eines kohärenten Systems von Aussagen ist.Ähnlich zuvor Peter Baumann: Erkenntnistheorie. 2. Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2006, S. 175.

Sie wird in der Regel als Gegenposition zur Korrespondenztheorie, welche Wahrheit als „Übereinstimmung“ von Erkenntnis und Wirklichkeit definiert, angeführt. Bei der Korrespondenztheorie geht es um eine Kohärenz mit der Wirklichkeit, bei der Kohärenztheorie um eine Kohärenz mit anderen Aussagen.

Die Kohärenztheorie ist verwandt mit der Konsensustheorie der Wahrheit, von der sie adaptiert wurde.

Gegen die Kohärenztheorie wird eingewandt, dass es eine Kohärenz zu mehreren, sich einander widersprechenden Satzsystemen geben kann.

So ist die Aussage, die Erde drehe sich um die Sonne insofern wahr, als sie mit anderen Aussagen des kopernikanischen Weltbildes widerspruchsfrei zusammenhängt.

Kohärenz als Indiz für die Wahrheit einer Aussage ist unkontrovers.

Die Kohärenztheorie kam im 17. Jahrhundert im Rationalismus auf, wurde von Hegel und im (englischen) Idealismus sowie teil- und zeitweise vom logischen Empirismus vertreten. Kohärenztheorien gehen oft mit holistischen Thesen einher. Der Holismus von Quine führt zu einer gewissen Konvergenz mit der Korrespondenztheorie.Ernst Tugendhat, Ursula Wolf: Logisch-semantische Propädeutik. 1983, S. 240: „Die Wahrheit, um die es bei der Verifikation jeden Satzes geht, ist letztlich die des ganzen Systems. Die Übereinstimmungstheorie wäre jetzt durch die Kohärenztheorie nicht nur ergänzt, sondern so durchwachsen, dass man sie neu konzipieren müsste.“

Idealistische metaphysische Theorien lehren, dass es keinen ontologischen Typunterschied zwischen Meinungen und ihren Wahrmachern gibt, sondern nur mentale Entitäten. Idealisten müssen daher offenbar Korrespondenztheorien der Wahrheit ablehnen; denn Korrespondenz zwischen Meinung und Gegenstand benötigt eben Objekte auf der Gegenstandsseite, die selbst nicht wiederum meinungsartig sind. Daher liegt für idealistische Theoretiker nahe, sich einer Variante von Kohärenztheorien anzuschließen.

Die klassische Formulierung der Kohärenztheorie stammt von H. H. Joachim, zu den modernen Vertretern von Kohärenztheorien der Wahrheit zählt unter anderem Nicholas Rescher (siehe dazu ausführlich: Wahrheit).

Kohärenztheorien der Rechtfertigung (Kohärentismus) Nach der Kohärenztheorie der Rechtfertigung (auch: Kohärentismus) „besteht die Rechtfertigung einer einzelnen Überzeugung in der Mitgliedschaft in einem System von Überzeugungen, dessen einzelne Überzeugungen untereinander […] in vielfältigen Rechtfertigungsbeziehungen stehen“.Peter Baumann: Erkenntnistheorie. 2. Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2006, S. 213.

Wissen im Sinne einer gerechtfertigten Meinung gründet nicht nur auf einem Fundament nichtinferentiellen (empirischen) Wissens oder gerechtfertigten Meinens.

Meinungen seien, lehren Kohärentisten, nur gerechtfertigt durch Relationen mit anderen Meinungen. Neben fundamentalistischen Epistemologien (einige Meinungen seien unabhängig von Relationen zu anderen Meinungen selbst gerechtfertigt) werden von Kohärentisten reliabilistische Theorien abgelehnt (einige Meinungen seien dadurch gerechtfertigt, Produkt verlässlicher Meinungsbildungsprozesse zu sein).

Taxonomie der Kohärenztheorien der Rechtfertigung Kohärenztheorien der Rechtfertigung wurden mit unterschiedlichen Kriterien in Klassen eingeteilt.

Positive und negative Kohärenztheorien Zahlreiche Kohärenztheoretiker unterscheiden positive und negative Kohärenztheorien.John L. Pollock, Joseph Cruz: Contemporary Theories of Knowledge. 2. Auflage. Rowman & Littlefield, Lanham u. a. 1999, S. 70 f.Keith Lehrer: Coherentism. In: J. Dancy, E. Sosa (Hrsg.): A Companion To Epistemology. Blackwell, Oxford / Malden, Ma. 1999, S. 67–70.Uwe Wiedemann: Theorie der epistemischen Rechtfertigung. Univ. Leipzig, Leipzig 2004, S. 33 f. Gilbert Harman bezeichnet eine negative Kohärenztheorie auch als general foundations theory.Gilbert Harman: General Foundation versus Rational Insight (Entwurf, 8. September 1999).Gilbert Harman: Skepticism and Foundations (Entwurf, 27. Januar 2001).

Negative Kohärenztheorien nennt man Kohärenztheorien, die alle Überzeugungen solange für zunächst einmal (prima facie) gerechtfertigt halten, bis etwas gegen sie spricht. Harman bezeichnet dies als Prinzip der positiven UnterminierungGilbert Harman: Positive Versus Negative Undermining in Belief Revision. In: Nous, 18 (1984), S. 46. und Erik J. Olsson als negative Konsolidierung.Erik J. Olsson: Making Beliefs Coherent. The Subtraction and Addition Strategies. In: Journal of Logic, Language, and Information, 7 (1998), S. 144.

Eng verwandt mit negativen Kohärenztheorien ist das sog. Konservativismusprinzip, demzufolge ein Subjekt gerechtfertigt ist, seine Überzeugungen zu behalten, solange es keine Gründe hat, die dagegen sprechen.

Ein Problem für negative Kohärenztheorien ist, dass negativen Kohärenztheorien zufolge auch astrologische und religiöse Überzeugungen zunächst einmal gerechtfertigt sind. Harman bezeichnet diesen Einwand als antireligiösen Einwand.

Ein weiterer Einwand ist der Paranoia-Einwand, demzufolge jemand mit Paranoia zu seinen Überzeugungen einer negativen Kohärenztheorie zufolge gerechtfertigt ist.

Positive Kohärenztheorien nennt man Kohärenztheorien, die davon ausgehen, dass keine Überzeugung gerechtfertigt ist, solange nichts für sie spricht. Eine Überzeugung ist gerechtfertigt, wenn sie Defekte eines Überzeugungssystems reduziert bzw. die Kohärenz eines Überzeugungssystems erhöht. Olsson spricht von positiver Konsolidierung.

Arbiträre und kommunikative Kohärenztheorien Die Unterscheidung von negativen und positiven Kohärenztheorien ist nicht vollständig. Man kann auch mit einer zufälligen Bewertung als gerechtfertigt und nichtgerechtfertigt beginnen und diese Einschätzung immer dann korrigieren, wenn etwas für oder gegen eine Überzeugung spricht. Diese Position wird als arbiträre Kohärenztheorie bezeichnet.Uwe Wiedemann: Theorie der epistemischen Rechtfertigung. Univ. Leipzig, Leipzig 2004, S. 34.

Als zunächst gerechtfertigt können auch die Überzeugungen gelten, die die Eltern oder ein wissenschaftlicher Lehrer, ein Lehrbuch usw. vertreten, um dann ebenfalls zu korrigieren, wenn etwas für oder gegen eine Überzeugung spricht. Derartige Kohärenztheorien werden als kommunikative Kohärenztheorien bezeichnet.

Computersimulationen haben ergeben, dass negative, positive, arbiträre und kommunikative Kohärenztheorien auf lange Sicht zu denselben Überzeugungssystemen führen.Uwe Wiedemann: Theorie der epistemischen Rechtfertigung. Univ. Leipzig, Leipzig 2004.

Kohärenztheorien mit Einbettungsgrad In manchen Kohärenztheorien ist die relationale Kohärenz, also die Eigenschaft, wie gut eine Überzeugung zu einem Überzeugungssystem passt, eine graduelle Eigenschaft. Man spricht in diesem Fall von Kohärenztheorien mit Einbettungsgrad.Susan Haack: Evidence and Inquiry: Towards Reconstruction in Epistemology. Blackwell, Oxford / Cambridge, Ma. 1993, S. 18.

Die Kohärenztheorien von Harold H. Joachim und Francis Herbert Bradley sind, wenn man sie als Kohärenztheorien der Rechtfertigung liest, Kohärenztheorien mit Einbettungsgrad. Neuere Kohärenztheorien mit Einbettungsgrad sind die von Laurence Bonjour, Paul Thagard, Wang, Daniel Schoch und Wiedemann. Dieser entspricht in Constraint-Satisfaction-Theorien (Thagard, Wang, Schoch, Wiedemann) dem Grad, den Überlegungen haben, wenn die Netze ihr Gleichgewicht gefunden haben.Uwe Wiedemann: Theorie der epistemischen Rechtfertigung. Univ. Leipzig, Leipzig 2004, S. 35.

Gewichtete und ungewichtete Kohärenztheorien In den meisten Kohärenztheorien der Rechtfertigung wird die Kohärenz einer Überzeugungsmenge durch Inferenzen (z. B. Erklärungen) bestimmt. Werden diese Inferenzen in ihrer Stärke unterschieden spricht man von gewichteten Kohärenztheorien, sonst von ungewichteten Kohärenztheorien. Beispiele für gewichtete Kohärenztheorien sind die von Thagard, Bartelborth, Wang, Schoch und Wiedemann.

Kompromisslose und moderate Kohärenztheorien Als kompromisslose Kohärenztheorien bezeichnet man Kohärenztheorien, die sowohl ungewichtet sind als auch keinen Einbettungsgrad haben. Haben Kohärenztheorien mindestens eine dieser beiden Eigenschaften nicht, spricht man von moderaten Kohärenztheorien.

Eigenschaften kohärenter Überzeugungssysteme Es gibt verschiedene Bedingungen, die von kohärenten Überzeugungssystemen verlangt werden. Diskutiert werden u. a.:Laurence BonJour: The Structure of Empirical Knowledge. Harvard University Press, Cambridge, Mass. / London 1985, S. 95–101.Thomas Bartelborth: Begründungsstrategien. Ein Weg durch die analytische Erkenntnistheorie. Akademie Verlag, Berlin 1996, S. 193.Uwe Wiedemann: Theorie der epistemischen Rechtfertigung. Univ. Leipzig, Leipzig 2004, S. 61.

Bedingung des Vernetzungsgrades: Ein Überzeugungssystem ist umso kohärenter, je mehr inferentielle Beziehungen (logische und Erklärungsbeziehungen) die Überzeugungen vernetzen. Bedingung der Erklärungsstärke: Ein Überzeugungssystem ist umso kohärenter, je besser die Erklärungen sind, die die Überzeugungen vernetzen. Inkonsistenzbedingung: Ein Überzeugungssystem ist umso kohärenter, je weniger Widersprüche (logische oder probabilistische Inkonsistenzen) auftreten. Subsystembedingung: Eine Überzeugungssystem ist umso kohärenter, je weniger Teilsysteme es enthält, die untereinander relativ wenig vernetzt sind. Anomalienbedingung: Ein Überzeugungssystem ist umso kohärenter, je weniger Erklärungsanomalien auftreten Konkurrenzbedingung: Ein Überzeugungssystem ist umso kohärenter, je weniger konkurrierende Erklärungen auftreten. Stabilitätsbedingung: Ein Überzeugungssystem ist umso kohärenter, je stabiler das Überzeugungssystem in der Vergangenheit war.

Kohärenz und Konsistenz Häufig, insbesondere von Kritikern der Kohärenztheorie, werden Kohärenz und Konsistenz (Widerspruchsfreiheit) identifiziert, d. h., von den genannten Bedingungen wird nur die Konsistenzbedingung verlangt.

Bereits Joachim und A. C. Ewing haben aber darauf hingewiesen, dass Kohärenz und Konsistenz nicht verwechselt werden dürfen.Harold H. Joachim: The Nature of Truth. Clarendon, Oxford 1906, S. 73f.A. C. Ewing: Idealism. A critical survey. London/New York 1934 (Reprint: 1974), S. 228f.

Viele Kohärenztheoretiker, die den Unterschied gesehen haben, betrachten Konsistenz als notwendige Bedingung für Kohärenz, d. h. jedes kohärente Überzeugungssystem ist nach dieser Auffassung konsistent, aber nicht jedes konsistente Überzeugungssystem auch automatisch kohärent. Neben Joachim und Ewing vertraten z. B. StoutG. F. Stout: Immediacy, Mediacy and Coherence. In: Mind, N. S., 17 (1908), S. 30f. und Rescher diese Position.