Jugendforschung befasst sich – allgemein gesprochen – mit den Bedingungen, unter denen Heranwachsende diese Lebensphase durchlaufen, welche Faktoren zu einer gelungenen Entwicklung beitragen und welchen Einfluss die junge Generation auf die Gesellschaft als Ganzes ausübt. Jugendforschung ist ein interdisziplinäres Feld, an dem maßgeblich die Erziehungswissenschaft, die Soziologie und die Psychologie beteiligt sind. Sie ist als Forschung im eigentlichen Sinne vergleichsweise jung und stellt dennoch in der Geistes- und Sozialwissenschaft neben der Kindheitsforschung einen der großen Themenschwerpunkte dar. In der Datenbank Sozialwissenschaftlicher Literatur sind mehr als 5.000 Publikationen zum Schlagwort Jugend verzeichnet, die seit 1970 im deutschsprachigen Raum verfasst wurden. Dies legt nahe, dass von 'der' Jugendforschung kaum die Rede sein kann. Vielmehr handelt es sich um eine vielteilige Wissenschaft, die sich für die Identitätsentwicklung ebenso interessiert wie für Drogenkonsum, politische Einstellungen, Familienbeziehungen oder Bildungsverhalten. Jugendforschung im deutschsprachigen Raum war trotz dieser Diversifikation immer an bestimmte Wissenschaftler gebunden, die maßgebliche Trends gesetzt haben.

Jugend als Gegenstand von Forschung Jugendforschung befasst sich, wie der Begriff kennzeichnet, mit Jugend als Lebensphase. Hinter dieser vermeintlichen Eindeutigkeit einer alltäglichen Auffassung, was Jugend sei, verbirgt sich eine enorme Vielfalt, was wissenschaftlich unter Jugend zu verstehen sei. Denn die Abgrenzung, wann jemand kein Kind mehr und noch kein Erwachsener ist, fällt der Jugendforschung schwer. Dies liegt nicht nur in den unterschiedlichen Disziplinen begründet oder der Vielzahl an empirischen Untersuchungen, die sehr unterschiedliche Altersspannen umfassen, sondern auch darin, dass sich die Jugendphase selbst historisch gewandelt, insbesondere verlängert hat. Bei der Bestimmung, was Jugend eigentlich sei, lassen sich im Kern drei Herangehensweisen unterscheiden: Gruppierung nach Altersstufen, sozio-psycho-biologische Gruppierung und subjektive Einschätzung.

Jugend als Altersbereich Bei der Herangehensweise zur Bestimmung von Jugend wird versucht, anhand von Altersgrenzen zu bestimmen, was Jugend ist. Das Ende der Jugend wird dann häufig mit dem Erreichen der Mündigkeit im Alter von 18 Jahren angegeben. Ab diesem Zeitpunkt gelten Heranwachsende in fast allen Bereichen als voll rechtsfähige Personen. Lediglich das Jugendstrafrecht räumt hier eine Altersgrenze ab 21 Jahren ein, ab der Personen volle Strafmündigkeit erlangen. Wahlrecht, Geschäftsfähigkeit, Kfz-Führerschein und ähnliches werden Heranwachsenden jedoch mit 18 Jahren eingeräumt und sind somit vom rechtlichen Standpunkt aus Erwachsenen gleichgestellt.

Diese juristische Bestimmung des Endes von Jugend lässt offen, wann die Kindheit endet und die Jugendphase beginnt. Allenfalls die Altersgrenze von 14 Jahren, ab der Heranwachsende begrenzt strafmündig sind, ließe sich als Untergrenze heranziehen. Die Jugendforschung hat sich von diesen Altersangaben zumeist verabschiedet und es hat sich eine Unterteilung in die Lebensphasen der frühen (12–14 Jahre), mittleren (14–18 Jahre), der späten (18–21 Jahre) und der Post-Adoleszenz (19–25 Jahre) etabliert, die insgesamt die Lebensphase Jugend ausmachen. Die meisten empirischen Studien zur Jugendphase untersuchen genau diesen Altersbereich von 12 bis 25 Jahren, wobei einige Studien die Altersgrenze bis hinauf zum 29. Lebensjahr erweitert haben. Neben dieser Alterseinteilung findet sich jedoch eine Vielzahl anderer Grenzziehungen in der Literatur.

Die Identifikation von Jugend durch Altersangaben ist dabei, wie die einzelnen Werte zeigen, nicht gänzlich unabhängig von strukturellen und/oder biologischen Faktoren. So ist die Untergrenze von 12 Jahren in etwa der gleiche Zeitraum, in dem die Pubertät heutiger Jugendlicher in Industrienationen einsetzt. Der Übergang von der späten zur Post-Adoleszenz mit 18 Jahren deckt sich mit dem Umstand juristischer Veränderungen. Insofern stellen Altersangaben auch immer ein Korrelat sozialer oder psychologischer Faktoren von Entwicklung dar.

Sozio-psycho-biologische Gruppierung Beim zweiten Zugang stehen stärker jugendpsychologische, soziale und biologische Veränderungen im Vordergrund. Hierbei hat sich das Konzept der Entwicklungsaufgaben von Robert J. Havighurst (Developmental Tasks and Education, 1948) als wichtiges Konzept erwiesen. Es besagt im Kern, dass Heranwachsende einen spezifizierbaren Katalog von Entwicklungsaufgaben bewältigt haben müssen, um in die nachfolgende Lebensphase überzutreten. So sind Jugendliche erst erwachsen, wenn sie sich sozio-emotional von den Eltern gelöst, einen eigenen Hausstand gegründet und berufliche Tätigkeit aufgenommen haben, reife Beziehung zu Peers und ein ausgewogenes Selbstbild sowie ein gefestigtes Wertesystem besitzen.

Dieser Ansatz wurde inzwischen von Klaus Hurrelmann aufgenommen und in den theoretischen Rahmen der interdisziplinären Sozialisationstheorie überführt. Nach diesem Ansatz ist die Bewältigung der vier Entwicklungsaufgaben 1. Bilden, 2. Binden, 3. Wirtschaften und 4. Partizipieren die Voraussetzung dafür, die Balance zwischen Individualisation und Integration herzustellen und eine Ich-Identität zu entwickeln. Der Erwachsenenstatus ist idealtypisch dann erreicht, wenn entsprechend 1. die Berufsrolle als ökonomisch selbstständig Handelnder, 2. die Partner- und Familienrolle als verantwortlicher Familiengründer, 3. die Rolle als Wirtschaftsbürger einschließlich der Nutzung der Medien und 4. die Rolle als politischer Bürger mit eigener Wertorientierung erreicht ist. Ist der Übergang in diese vier Teilrollen des Erwachsenenstatus vollzogen, dann ist der Austritt aus dem Jugendalter erfolgt.

Gegen diesen Ansatz wird eingewandt, dass sich diese Statusübergänge in den Erwachsenenstatus (Beruf, Familiengründung etc.) zunehmend zeitlich entzerrt haben und somit nicht annähernd gleichzeitig auftreten. Wäre dann ein 17-jähriger Auszubildender mit eigener Wohnung und Partnerin bereits erwachsen, ein 27-jähriger Studierender, der noch bei den Eltern wohnt und Bafög bezieht, noch ein Jugendlicher?

Der Beginn der Jugendphase wird in diesem Ansatz mit dem Einsetzen der Reifung der Geschlechtsorgane (vulgo: Pubertät) festgesetzt, was jedoch streng genommen zur Folge hat, dass für Mädchen die Jugendphase früher beginnt als für Jungen. Allgemein wird jedoch diese Untergrenze festgesetzt und auf 12 Jahren normiert, weil dann sowohl Mädchen als auch Jungen im Prozess der sexuellen Reifung befindlich sind.

Subjektive Einschätzung Eine Möglichkeit, den Problemen der beiden vorherigen Eingrenzungen von Jugend zu begegnen, wird in der subjektiven Selbstzuschreibung Heranwachsender gesehen. Pointiert: Jugendlicher ist, wer sich selbst als Jugendlicher sieht. Diese subjektive Deutung der eigenen Lebensphasenzugehörigkeit wird als persönliche Bilanzierung dessen verstanden, was bereits an Entwicklungsaufgaben erfolgreich bewältigt wurde und was nicht. Der Vorteil dieses Ansatzes ist, dass hierdurch stärker die subjektiven Prozesse jugendlicher Entwicklung in den Blick genommen werden können. Auch zeigt sich, dass die Selbsteinschätzung im Zusammenhang mit der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben und dem Vollzug von Statuspassagen (Beruf, Familiengründung etc.) steht. Deutlicher Nachteil ist, dass diese Selbsteinschätzung der eigenen Lebensphase eine deutliche Eingrenzung der Lebensphase Jugend nicht ermöglicht und bei empirischen Studien theoretisch auch 40-Jährige befragt werden müssten, die sich noch für jugendlich halten.

Jugendtypen Eine übergeordnete Variante der Abgrenzung von Jugendlichen stellt der Zugang durch Jugendtypen dar. Hierbei werden Jugendliche gemäß relevanten Merkmalen wie Jugendkultur, Freizeitorientierungen oder Werten als spezifische Subgruppen von Jugendlichen bezeichnet. Der Zugang zu Eingrenzungen von Jugendlichen durch Jugendtypen kann sich dabei der drei zuvor genannten Kriterien bedienen und stellt somit eine übergeordnete Methode dar.

Zusammenfassung Als Querschnitt aus allen drei Methoden, den Gegenstand der Jugendforschung zu bestimmen, kann gezogen werden, dass Jugend durch das Ende der Kindheit und den Beginn des Erwachsenenalters markiert wird, sich diese (triviale) Eingrenzung an der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben festmachen lässt und die subjektive Einschätzung, jugendlich zu sein, nicht unabhängig von dieser Bewältigung von Entwicklungsaufgaben ist. Das betrachtete Altersspektrum reicht in der Regel von 12 bis 25 Jahren, wobei bei den unterschiedlichen Studien genau zu beachten ist, welcher Altersbereich untersucht wird. Denn: zwischen 12 und 16 Jahren ereignen sich andere entwicklungsrelevante Prozesse (bspw. Hinwendung zu Peer-Gruppen) als im Alter von 18 bis 25 Jahren (bspw. Aufbau intimer Partnerschaften).

Geschichte der Jugendforschung Eine Jugendforschung, die sich systematisch und mit dem Ziel der Beschreibung und Erklärung jugendlicher Verhaltensweisen und Einstellungen befasst, ist eher jüngeren Datums. Zwar gab es bereits in der griechischen und römischen Antike Abhandlungen darüber, wie die Jugend zu erziehen sei (wobei der Jugendbegriff etwas im Vergleich zu heute anderes umfasste) und wie flegelhaft die heranwachsende Generation doch sei (so etwa Sokrates). Auch in den nachfolgenden Jahrhunderten wurden Fragen der richtigen Erziehung (gerade im religiösen Bereich) häufig behandelt. Allerdings waren die auf diese Fragen gegebenen Antworten weniger empirisch, sondern stärker normativ begründet. Auch die Anfänge der neuzeitlichen Betrachtung von Jugend waren weniger „Forschung“ im engeren Sinne als hermeneutisch-philosophische Betrachtungen der Lebensphase Jugend. Hierzu zählt der Émile von Rousseau ebenso wie die Theorie der Erziehung von Schleiermacher und die Humboldt’sche Bildungstheorie. Trotz aller Differenzen ist dieser Phase gemein, dass Fragen der richtigen Erziehung, die Hinwendung zum Zögling als Subjekt mit Wünschen und Bedürfnissen und die Vorstellung von Erziehung zur Selbsttätigkeit entwickelt wurden. Drei Merkmale dieser philosophisch geprägten Betrachtung von Kindheit und Jugend sind bis heute Bestandteil der Jugendforschung – wenngleich aus dem damaligen Erziehungsbegriff mittlerweile ein breiter gefasster Sozialisationsbegriff geworden und in der Jugendforschung vorherrschend ist.

Sozialisation ist die Interaktion von älterer und jüngerer Generation Das Ziel von Sozialisation ist die Befähigung der jüngeren Generation zur Selbsttätigkeit Sozialisation vollzieht sich im Spannungsfeld von Traditionen (der älteren Generation) und Modernisierung (durch die jüngere Generation)

Jugendforschung ab 1900