Soziokulturelle Evolution (von „entwickeln“) bezeichnet zum einen die langfristige, schrittweise Entwicklung aller kulturellen und sozialen Äußerungen menschlicher Gesellschaften im Laufe der Menschheitsgeschichte. Zum anderen ist es ein Oberbegriff für die zugehörigen Theorien.

Die drei grundlegenden Mechanismen der biologischen Evolution – Variation, Selektion und ReproduktionGerhard Schurz: Evolution in Natur und Kultur. Eine Einführung in die verallgemeinerte Evolutionstheorie. Spektrum, Heidelberg 2011, doi:10.1007/978-3-8274-2666-6_1, ISBN 978-3-8274-2665-9, S. 131. –, die eine dauerhafte Anpassung und weitestgehende Besiedlung aller Umwelten durch Lebewesen ermöglichen, sind in abgewandelter Form auch in der soziokulturellen Evolution des Menschen zu finden. Nach dem herrschenden – jedoch nach wie vor umstrittenen – physikalistischen Paradigma, gingen aus der biologischen Evolution die emergenten (nicht aus den Vorbedingungen ableitbaren) mentalen Eigenschaften hervor, die vor allem in der Philosophie des Geistes untersucht werden.Philipp Sarasin, Marianne Sommer (Hrsg.): Evolution. Ein interdisziplinäres Handbuch. J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2010, ISBN 978-3-476-02274-5, S. 282–283, 293 (Physikalismus), 297 (Evolutionäre Psychologie). Zentral ist hier die Entstehung der menschlichen Sprache: die Möglichkeit, die Welt in Bezeichnungen und Begriffen abzubilden. Wie der genetische Code kann sie Informationen speichern und vervielfältigen: Auf diese Weise bleiben kulturelle Eigenschaften in den menschlichen Populationen über Generationen erhalten. Sie waren aber gleichsam auch erheblich wandelbarer, denn die Sprache ist als Informationsträger ungleich schneller als biochemische Prozesse. Im Gegensatz zu anderen Lebewesen lernen Menschen nicht primär über die individuelle Erfahrung ihrer Umwelt, sondern vor allem durch Austausch mit anderen Menschen. Dabei stehen nicht mehr nur reale Objekte, sondern Absichten, Meinungen, Beurteilungen, Wertungen und Deutungen im Vordergrund. Daher gehören die „Ergebnisse“ dieser evolutionären Entwicklung nicht mehr zur biologischen, sondern zur kulturellen Vielfalt der Symbole, Ideen, Theorien und Produkte.Philipp Sarasin, Marianne Sommer (Hrsg.): Evolution. Ein interdisziplinäres Handbuch. J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2010, ISBN 978-3-476-02274-5, S. 39–41. Nach den Erkenntnissen der evolutionären Psychologie führte dieser Unterschied dazu, dass sich das biologische Verhaltensrepertoire seit der Steinzeit kaum verändert hat, obwohl die heutige Lebensweise andere Anforderungen stellt.

Die Theorien zur soziokulturellen Evolution bieten zwar Entwicklungsmodelle zum Verständnis der Beziehung zwischen Technik, sozialer Struktur und den Werten einer Gesellschaft sowie deren Veränderungen im Laufe der Zeit, aber sie unterscheiden sich bei der Beschreibung spezieller Mechanismen der Variation und des sozialen und kulturellen Wandels.

Die meisten Ansätze im 19. Jahrhundert und einige im 20. Jahrhundert verfolgten das Ziel, ein Modell für die Evolution der Menschheit als Ganzes zu bieten, und argumentierten, dass verschiedene Gesellschaften sich auf unterschiedlichen Stufen der sozialen Entwicklung befinden. Viele jüngere Theorien konzentrieren sich auf die Veränderungen einzelner Gesellschaften und lehnen die Vorstellung einer zielgerichteten Änderung oder eines sozialen Fortschritts ab. Die meisten Archäologen und Ethnologen arbeiten im Rahmen solcher moderner Theorien bzw. disziplinärer Ansätze. Dazu gehören Neoevolutionismus, Soziobiologie, Modernisierungstheorien und Theorien der postindustriellen Gesellschaft.

Theorien-Überblick Fast alle Anthropologen und Soziologen gehen davon aus, dass Menschen natürliche soziale Tendenzen besitzen und dass besonders menschliches soziales Verhalten auch auf nicht-genetische Ursachen zurückzuführen ist; es wird zu großen Anteilen in einer sozialen Umgebung und durch soziale Interaktion gelernt. Gesellschaften existieren in komplexen sozialen (in Interaktion mit anderen Gesellschaften) und biotischen Umgebungen (in Interaktion mit natürlichen Ressourcen und Einschränkungen) und passen sich daran an. Deshalb ist es i. A. erforderlich, dass sich Gesellschaften verändern.

Spezielle Theorien der sozialen oder kulturellen Evolution dienen üblicherweise dazu, Unterschiede zwischen zeitgenössischen Gesellschaften zu erklären, indem sie argumentieren, dass sich verschiedene Gesellschaften auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden. Obwohl solche Theorien typischerweise Modelle zum Verständnis der Beziehung zwischen der technischen Entwicklung, der sozialen Struktur oder den Werten einer Gesellschaft bieten, unterscheiden sie sich bezüglich des Ausmaßes der Beschreibung spezifischer Mechanismen der Variation und der Veränderung.

Frühe soziokulturelle Evolutionstheorien wie die von Auguste Comte, Herbert Spencer und Lewis Henry Morgan entstanden einige Zeit vor oder zeitgleich mit, aber unabhängig von den Arbeiten Charles Darwins. Diese Evolutionismus-Theorien besagen, dass die Gesellschaften in einem „primitiven“ Zustand beginnen und mit der Zeit immer „zivilisierter“ bzw. „entwickelter“ werden. Diese Vorstellung einer „gerichteten“ Evolution erhebt oft die Kultur und Technik der westlichen Gesellschaft zum Maßstab und Ziel des Fortschritts. Einflüsse der klassischen britischen politischen Ökonomie auf einige dieser Theorien sind unverkennbar (so wie Adam Smiths Theorie der Arbeitsteilung und die Vermutung zunehmender Konkurrenz um immer knappere Nahrungsressourcen von Thomas Robert Malthus auch Darwin selbst beeinflusst haben). Für Spencer z. B. war der Gradmesser der Evolution die Transformation einzelner Elemente der Gesellschaft zu einer komplexen arbeitsteiligen Synthese.Depew, Weber 1997, S. 394.

Im Zeitalter des Imperialismus – insbesondere vom späten 19. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs – wurden diese Theorien wie auch die Rassentheorien oft zur Legitimation von Sozialdarwinismus und „wissenschaftlichem“ Rassismus genutzt; damit rechtfertigte man die Vorstellung, dass nur starke hochentwickelte Nationen überleben, während schwache und rückständige untergehen,Sönke Neitzel: Weltreich oder Untergang. Die Weltreichslehre im Zeitalter des Imperialismus. Paderborn 2000. somit also auch den Kolonialismus und die Sklaverei sowie in jüngerer Zeit die Eugenik.

Die meisten Ansätze des 19. und einige des 20. Jahrhunderts hatten zum Ziel, Modelle für die Evolution der Menschheit als Ganzes zu liefern. Die meisten Theorien des 20. Jahrhunderts wie die multilineare Evolution fokussieren sich jedoch auf Veränderungen in einzelnen Gesellschaften. Außerdem lehnen sie eine gezielte Veränderung ab (z. B. Orthogenese, Teleologie oder Fortschritt). Die meisten Archäologen arbeiten in diesem Rahmen. Andere moderne Theorien des sozialen Wandels sind der Neoevolutionismus, die Soziobiologie, die Modernisation und die postindustrielle Gesellschaft.

„Evolution“ der Modelle mini|hochkant=3.6|Stark vereinfachte schematische Darstellung der drei wesentlichen soziokulturellen Evolutionsmodelle

Die Vielfalt der soziokulturellen Evolutionsmodelle lässt sich anhand der postulierten Entwicklungslinien, der Rolle der Komplexität und der weltanschaulich geprägten Bewertung auf hauptsächlich drei Modelltypen reduzieren,Marvin Harris: Kulturanthropologie – Ein Lehrbuch. Aus dem Amerikanischen von Sylvia M. Schomburg-Scherff, Campus, Frankfurt/New York 1989, ISBN 3-593-33976-5, S. 436–451.Marshall Sahlins u. Elman Service: Evolution and Culture. Vorwort Leslie White. University of Michigan Press, Ann Arbor 1988, ISBN 0-472-08776-2.Walter Hirschberg (Begründer), Wolfgang Müller (Redaktion): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005, S. 114 (Evolutionismus), 270 (Neo-Evolutionismus), 226 (Kulturrelativismus).Luigi Cavalli-Sforza: Gene, Völker und Sprachen – Die biologischen Grundlagen unserer Zivilisation. Aus dem Italienischen von Günter Memmert (Originalausgabe 1996), dtv, München 2001, ISBN 3-423-33061-9, S. 188–210. wie es unter anderem die deutsche Religionswissenschaftlerin Ina Wunn für die Evolution der Religionen gemacht hat.Ina Wunn: Die Evolution der Religionen. Habilitationsschrift, Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften der Universität Hannover, 2004. pdf–Version. S. 7, 9–11, 299–304, (308 ff), (387 ff), 420, (424 ff), 438–439.

Insgesamt lässt sich eine Oszillation in der Geschichte der Paradigmen sozialer Evolution feststellen: Auf Konjunkturen des Konzepts linearer Entwicklung folgt eine korrigierende Antikonjunktur, in der die Linearität als Beobachtungsschema der Entwicklung in den Hintergrund tritt und Relativismus und Partikularismus in den Vordergrund rückt. Im Anschluss an Arbeiten des Sozialevolutionsforschers Stephen SandersonStephen K. Sanderson: Evolutionism and Its Critics. In: Journal of World-Systems Research. Jahrgang 3, 1997, S. 94–114. fasste der Soziologe Davor Löffler die Auf- und Abschwünge des linearen Evolutionismus bis zum gegenwärtigen Stand der Forschung zusammen: Unilinearer Evolutionismus (ca. 1840–1880); Historismus, Kulturrelativismus, historischer Partikularismus (1880–1940); Neoevolutionismus (USA) und Ideeller Evolutionismus (BRD) (1940–1990); Quantitativ-Darwinistische Kulturevolutionsforschung und postmoderner Relativismus (1980–2020); Neosynthetische Kulturevolutionsforschung (ab 2010er Jahre).Davor Löffler: Generative Realitäten I. Die Technologische Zivilisation als neue Achsenzeit und Zivilisationsstufe. Eine Anthropologie des 21. Jahrhunderts. Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2019, S. 62–141. Der Wandel der Paradigmen in der Sozialevolutionsforschung ist eng verbunden mit technologischen, sozialen und weltanschaulichen Umbrüchen.

Unilinearer Evolutionismus

(Klassisch) evolutionistische Theorien gehen von einer vorherbestimmten Entwicklung zu immer höher entwickelten, unveränderlichen und komplexeren Stadien aus.

Daraus folgt, dass in vielen Modellen die ältesten Stadien mit rezenten Phänomenen gleichgesetzt werden: Das gilt etwa für die sogenannten „Naturreligionen“ oder die ursprüngliche Weise der Selbsterhaltung der Menschheit, das Jagen und Sammeln. Es wird angenommen, dass sich diese Kulturstufen nach der Abspaltung der nächsthöheren Stufe nicht weiterentwickelt haben, so dass man aus den heutigen Pendants exakt die jeweiligen „Urformen“ rekonstruieren kann. Die höhere Komplexität der jeweils jüngeren Stufen wird als Verbesserung betrachtet, so dass die älteren Stufen als primitiver und unterentwickelt angesehen werden. Evolutionistische Denkansätze dieser Art spiegeln deutlich das damals noch stark vom Christentum geprägte Weltbild wider, das den Menschen als Krone der Schöpfung sah und die heute existierenden Arten (und Kulturphänomene) als unveränderlich.Robert Spaemann, Reinhard Löw, Peter Koslowski (Hrsg.): Evolutionismus und Christentum (= Civitas Resultate, Civitas, Acta humaniora. Band 9). VCH, 1986, ISBN 978-3-527-17573-4, S. ??.

Multilinearer Neoevolutionismus

Die Mehrzahl der neoevolutionistischen Modelle setzt eine zielgerichtete Entwicklung zu höher entwickelten, komplexeren, jedoch nicht vorherbestimmten Stadien voraus.

Auch bei diesen Theorien gilt in aller Regel die Annahme einer Höherentwicklung von primitiveren zu moderneren Formen, die sich in der allgemeinen Zunahme der Komplexität widerspiegelt. Im Gegensatz zu den älteren evolutionistischen Modellen findet jedoch eine mehrlinige Entwicklung statt, die deutlich differenziert ist. Häufig wird angenommen, dass sich eine „Urkultur“ rekonstruieren lasse. Ina Wunn beklagt, dass die wertende Gliederung von unterentwickelten zu hochentwickelten Kulturformen trotz gegenteiliger Erkenntnisse von einer großen Zahl der Wissenschaftler immer noch unreflektiert vorausgesetzt werde.

Kulturrelativistische Evolutionsmodelle