Das Sein und das NichtsSartre, Versuch einer phänomenologischen Ontologie (orig. L’être et le néant. Essai d’ontologie phénoménologique von 1943) ist das philosophische Hauptwerk von Jean-Paul Sartre, in dessen Zentrum die Frage nach der ontologischen Begründung der Freiheit steht.Waldenfels, S. 79.
Das Sein und das Nichts gehört zu den großen philosophischen Werken des 20. Jahrhunderts. Im Ausgang von Descartes steht es in der Tradition des französischen Rationalismus und ist zugleich inspiriert von der neueren und zeitgenössischen deutschen Philosophie (Hegel, Husserl, Heidegger).Oder „… die drei großen H“. Diese eingängige, triadische Formel als Leseschlüssel zum Werk stammt wohl von H.-G. Gadamer; vgl. ders.: Das Sein und das Nichts. In: Traugott König (Hrsg.): Sartre. Ein Kongreß. (rowohlts enzyklopädie), Reinbek bei Hamburg 1988, S. 38. Sie kann sich u. a. auf den Abschnitt IV. „Husserl, Hegel, Heidegger“ im Dritten Teil, Erstes Kapitel von Das Sein und das Nichts berufen. Zu Sartres Quellen vgl. a. die Studie von Alfred Betschart (PDF; 289 kB). Sartres Einordnung in die philosophische Tradition und seine von produktiven Missverständnissen begleitete Aneignung des Werks Heideggers beschreibt ausführlich Lévy Erster Teil, 4. Kapitel. Lévy verweist u. a. auf den Einfluss Nietzsches und Bergsons. Husserl und die Phänomenologie lernt Sartre vermittelt über Emmanuel Levinas’ Théorie de l’intuition dans la phenoménologie de Husserl kennen, der damit das phänomenologische Denken in Frankreich einführt (vgl. Lévy, S. 148).
Mit seiner berühmten phänomenologischen Analyse des Blicks zeigt es die Bedeutung der anderen für das eigene Selbst auf, bearbeitet die ontologische Unterscheidung von Für-Sich und An-Sich sowie das Oszillieren zwischen Kontingenz und Transzendenz, die eigentümlich im Kontrast zu den berühmten Aussagen wie „Verurteilung zur Freiheit“ und Bestimmung zur eigenen Verantwortung als existentielles Schicksal stehen.
Diese Analysen, durchgeführt anhand alltäglicher Phänomene wie Liebe, Scham, Hass, Angst, Selbstlüge oder Sexualität, waren Grund für die breite, aber oft kurzsichtige Rezeption dieses Werkes, das in weiten Kreisen der Annahme Vorschub leistete, der Existenzialismus habe ein grundsätzlich hedonistisches Leben zum Ziel oder sei eine Ausdrucksform von grundsätzlichem Pessimismus.
Sartre beschreibt den Menschen als ständig heimgesucht von dem Versuch, die „ens causa sui“ zu erreichen, ein Sein, das sein eigener Grund ist und das die Religionen Gott nennen. Dieser Leitgedanke des Werks führt Sartre schließlich zum Entwurf einer „existenziellen Psychoanalyse“, die sich als Gegenentwurf zur Freudschen Schule versteht.
Überblick über das Werk Historische Situation und Bedeutung
Das Sein und das Nichts erscheint 1943 in Paris unter der deutschen Besatzung und erregt zunächst kaum Aufsehen. Sartre hatte 1942 mit der Arbeit begonnen, während er gleichzeitig an seinem ersten Theaterstück Die Fliegen arbeitet. Das Vorhaben: der Nachkriegszeit, die auf jeden Fall als befreites Frankreich und postfaschistische Welt erwartet wird, eine Ideologie liefern.Simone de Beauvoir resümiert die damalige Situation im Kreis der intellektuellen Résistance-Kämpfer, zu denen u. a. auch Camus gehörte: „Wir versprachen uns, für immer einen Bund zu schließen gegen die Systeme, die Ideen, die Menschen, die wir verurteilten. Die 'Stunde ihrer Niederlage würde kommen. Dann würde die Zukunft wieder offenstehen, und es wäre an uns, sie vielleicht politisch, bestimmt aber geistig zu formen. Wir wollten der Nachkriegszeit eine Ideologie liefern.“ de Beauvoir, S. 481 Diese soll eine Neuorientierung jenseits der Totalitarismen Faschismus und Stalinismus sowie überkommener bürgerlicher bzw. christlicher Weltanschauung bieten. Zugleich spiegelt das Werk die Wendung Sartres vom reinen Vorkriegsindividualismus, wie er etwa im Roman Der Ekel von 1938 Ausdruck findet, hin zu einer Sozialphilosophie, die allerdings weiterhin vom anarchistischen Freiheitsbegriff Sartres geprägt bleibt. Das Sein und das Nichts wird die philosophische Grundlegung dessen liefern, was in den Nachkriegsjahren zur Mode des Existentialismus werden wird.Sartre selbst hatte ein ambivalentes Verhältnis zu diesem Titel: Neben der Äußerung kritischer Distanzierung stehen popularphilosophische Vorträge wie „Der Existentialismus ist ein Humanismus“, die er in eben jener Zeit (Oktober 1945) in überfüllten Sälen im befreiten Paris hält und die er so betitelt auch verlegen lässt. Vgl. hierzu: Cohen-Solal, S. 387 ff. Der Existentialismus ist gekommen
Systematik: Ontologie und Phänomenologie 100px|mini|Edmund Husserl Ontologie und Phänomenologie sind die beiden beherrschenden Begriffe des Werkes.
Phänomenologie ist eine philosophische Strömung des 20. Jahrhunderts, die auf Edmund Husserl zurückgeht, der den philosophischen Tendenzen seiner Zeit, Historismus und Psychologismus, mit einem Ansatz entgegentreten wollte, der den Bestand der logischen Wahrheiten zum Ziel hatte. Die phänomenologische Methode bezog sich deshalb auf die Sachen selbst – wie Husserl sich ausdrückte –, auf das, was uns in unserer alltäglichen Wahrnehmung gegeben ist. Damit vermied Husserl, sich auf den Boden abgeleiteter Begriffe und Theorien zu stellen. Von diesem sogenannten Phänomen geht die Phänomenologie aus.
Ontologie ist die Lehre des Seins. Die Ontologie als Teil der Metaphysik führt einzelne Dinge, Begriffe, Sachen auf grundlegende Begriffe, Dinge, Sachen zurück. In letzter Instanz auf ein Sein, welches allem anderen zugrunde liegt.
Grundbegriffe Einige Begriffe in SN sind wesentlich für das Verständnis des gesamten Werkes. Dabei werden in der Einleitung einige Begriffe entwickelt, um auf ihrer Basis später die Phänomenanalysen durchzuführen. Diese Begriffe sind zwar philosophiegeschichtlich bekannt und ihre Entstehung wird vom Autor vorausgesetzt, jedoch erhalten sie eine leichte Veränderung durch die Diskussion. Insbesondere der Begriff Phänomen, der in Auseinandersetzung mit Husserl und Heidegger gewonnen wird, ist hier wichtig, das Begriffspaar Faktizität und Transzendenz, sowie das Begriffspaar An-sich und Für-sich.
Alle diese Begriffe erhalten in Das Sein und das Nichts eine spezifische Bedeutung. Diese Bedeutungen sind Ausdruck der spezifischen Fragestellung des Autors und werden deshalb in ihrer Bedeutung der Darstellung des Werkes vorangestellt.
Phänomen Anfang des 20. Jahrhunderts entstand die neue philosophische Richtung der Phänomenologie unter dem Einfluss von Edmund Husserl. Die bedeutendsten Vertreter dieser Strömung sind – neben Husserl – Heidegger, Max Scheler, Merleau-Ponty, Waldenfels und Sartre. Husserl sah die Situation der damaligen Philosophie als Hilfswissenschaft der Naturwissenschaften degradiert und war bemüht, die Philosophie als Wissenschaft zu rehabilitieren. Über die Auseinandersetzung mit dem Psychologismus und dem Szientismus gelangt Husserl zu dem, im Sinne Descartes gedachten, Neuanfang der Philosophie, welcher seitdem mit dem phänomenologischen Ausdruck, zu den Sachen selbst auf eine kurze Formel gebracht wird. Zentrum dieses Ausdrucks ist der Begriff des Phänomens, mit dem Husserl das reine Erscheinen einer Sache beschreibt. Husserl geht davon aus, dass leibhaftig gegebene Wahrnehmungen, also sehen, riechen, hören, fühlen, einen hohen Grad an Evidenz besitzen, repräsentative Akte, wie zum Beispiel vorstellen, phantasieren, erinnern usw. dagegen weniger evident sind. Damit sind theoretische Konstruktionen, wenngleich sie durchaus notwendig sind, nicht von der gleichen Bedeutung für das phänomenologische Vorgehen wie die leibhaftigen Wahrnehmungen. Ausgangspunkt der Phänomenologie bleibt damit das Phänomen des leibhaftig Gegebenen. Damit unterscheidet sich Husserl von der bisherigen Tradition der Philosophie und den oben genannten Vertretern der Wissenschaften. Die Phänomenologie sieht hinter dem Phänomen keine Wahrheit oder Substanz, von der aus das Phänomen gedacht wird, sondern bleibt fundamental auf das Phänomen bezogen.
mini|links|Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose …
Das Erscheinen ist absolut in dem Sinne, dass es auf kein anderes Sein verweist, wie dies zum Beispiel in der Transzendentalphilosophie Kants notwendig gedacht werden muss. Sie sieht in dem Phänomen der Naturwissenschaften, wie zum Beispiel Licht, nicht die reduktionistisch gedachte Wahrheit der Photonen, sondern betrachtet diese Erklärungen vielmehr als eine das Phänomen auf einfachere Erklärungen reduzierende, reduktionistisch im Sprachgebrauch der Phänomenologie theoretische Konstruktion. Den Gewinn dieses Vorgehens stellt die Phänomenologie nicht in Abrede, nur verweigert sie den Schluss, in diesen Erklärungen mehr zu sehen als eine Reduktion.
Das nebenstehende Bild einer Rose soll diese Überlegung verdeutlichen. Ist die Wahrheit der Rose die botanische Betrachtung der systematischen Ordnung? Oder sind es die physiologische und Betrachtung der Abläufe im Inneren der Rose? Sind es die chemischen Überlegungen zum Aufbau der Blattstruktur, der Farbstoffe oder sind es die evolutionären Aspekte? Oder sind es die Betrachtungen des Blumenliebhabers, des Rosenzüchters, des Besitzers einer Rose oder des Betrachters, der an einer Rose vorbei geht? Der Phänomenologe würde keinem hier aufgelisteten Phänomen den Vorrang geben.
Präreflexives cogito Bewusstsein ist nach Edmund Husserl immer Bewusstsein von etwas. Diese Bestimmung hat dieser von Franz Brentano übernommen. Dies bedeutet, dass Bewusstsein nicht leer ist, sondern konstitutiv einen Inhalt benötigt, was bedeutet, dass es kein leeres Bewusstsein geben kann. Reflexion ist das Selbstbetrachten des Bewusstseins. So kann ich mich als Lesenden selbst betrachten, ich kann aber auch nur lesen und bei diesem Lesen ohne ein besonderes Bewusstsein von diesem Lesen sein. Sartre geht in seiner Einleitung davon aus, dass wir nur Reflexion, das heißt, Bewusstsein von unserem Bewusstsein haben können, wenn es eine Struktur gibt, die er als präreflexives cogito bezeichnet, als nicht setzendes Bewusstsein.
In seiner Argumentation geht Sartre wie folgt vor: Sartre geht davon aus, dass das reflexive Bewusstsein das betrachtete Bewusstsein von etwas ist. So bin ich zum Beispiel stolz, schäme mich etc. Das Bewusstsein von etwas bewertet selbst nicht, es ist gänzlich nach außen gerichtet (SN 19). Nach Sartre fehlt dem Bewusstsein von etwas die Distanz, die das setzende Bewusstsein besitzt. Allerdings ist für dieses reflexive Bewusstsein das nicht reflexive Bewusstsein konstitutiv. Am Beispiel des Zählens, welches Sartre selbst wählt, soll dies verdeutlicht werden.
Wenn ich zähle, so kann ich einfach nur zählen, ohne mir darüber bewusst zu sein, dass ich zähle. Werde ich aber gefragt, was ich da mache, so werde ich antworten: „Zählen!“. Sartre geht nun davon aus, dass ich also schon bevor ich mir dieses reflexiv zum Bewusstsein bringe, schon ein Bewusstsein von der Sache haben muss, welches er als präreflexives cogito bezeichnet. Ein unbewusstes Bewusstsein hält Sartre für logisch widersinnig.
Das Für-sich-sein und An-sich-sein