mini|hochkant|Darstellung des heiligen Georg als mittelalterlicher Ritter. In seinen Händen eine Lanze mit Georgskreuz-Banner und der Drache (Schedelsche Weltchronik, 1493)

Georg (, Geó̱rgios, koptisch Ⲅⲉⲟⲣⲅⲓⲟⲥ Georgios; γῆ (gē) = Erde, Boden, Land, und ἔργον (érgon) = Werk, Arbeit; wörtlich also Erdarbeiter = Bauer) ist ein legendärer christlicher Heiliger, welcher der Überlieferung zufolge zu Beginn der Christenverfolgung unter Diokletian (284–305) ein Martyrium erlitt. In den orthodoxen Kirchen wird er als Groß- bzw. Erzmärtyrer verehrt.

Historisch zuverlässige Angaben zu seiner Person fehlen. Aufgrund der Ungewissheit, ob und inwieweit Georg eine historische Person oder aber lediglich eine Legendengestalt ist, wurde er in der römisch-katholischen Kirche 1969 aus dem römischen Generalkalender gestrichen. In Würdigung der tiefen Verwurzelung seiner Verehrung in der christlichen Frömmigkeit wurde er jedoch 1975 wieder eingefügt. Die Legende vom Drachentöter Georg, der das Land von einem tyrannischen Drachen befreit, wenn sich das Volk dafür taufen lässt, kam im 12. Jahrhundert auf und ist in der mittelalterlichen Textsammlung Legenda aurea überliefert.

Georg zählt zu den vierzehn Nothelfern. Er ist der Schutzpatron verschiedener Länder, Adelsfamilien, Städte und Ritterorden sowie der Pfadfinder. Der Vorname Georg (und seine sprachlichen Abwandlungen) gehört zu den beliebtesten Vornamen in Europa.

Sein Symbol in der Heraldik ist das Georgskreuz. Das rote Kreuz auf weißem Grund ist in vielen Wappen und Flaggen enthalten. Heiligenattribute, die neben dem Georgskreuz als Erkennungszeichen des Heiligen dienen, sind der Drache sowie seine Darstellung als Ritter mit Lanze auf einem Pferd; teils wird Georg auch mit dem Palmwedel des Martyriums dargestellt.

Überlieferung Die Quellenforschung an der Georgslegende deckt zwei Erzählkränze auf, wobei der Kampf mit dem Drachen später der Legende zugefügt wurde.

Martyrium mini|hochkant=0.7|Georg wird gerädert (Michiel Coxcie, 1580er Jahre) Eusebius berichtete in seiner Kirchengeschichte (Hist. eccl. 8,5), dass ein namentlich nicht genannter Angehöriger der Oberschicht während der Christenverfolgung unter Diokletian in Nikomedien das Martyrium erlitt. Dieser Anonymus wurde nachträglich mit Georg identifiziert.

Um den kleinasiatisch-syrischen Raum bildeten sich bald Legenden, die von unterschiedlichen Daten und Ereignissen berichten, jedoch als Kern der Aussage die Grausamkeit seines Martyriums und die Überwindung der Qual durch den Glauben enthalten. Georg setzte sich für unter Diokletian verfolgte Christen ein und wurde gefoltert, um ihn dazu zu bewegen, dem Christentum zu entsagen. Weitere Elemente betreffen in verschiedenen Quellen und späteren Zusätzen beispielsweise das christliche Armutsideal (Georg, dargestellt als edler Ritter, verschenkt sein Land an die Armen) und die Zerstörung von Götzenbildern heidnischer Tempel. In Volksgeschichten islamischer Völker wird von einem Nabi gesprochen, der Ähnlichkeiten zu genannter Person aufweist. Allerdings passt der zeitliche Umstand nicht zur Geschichte.

Drachentöter hochkant=0.7|mini|Georg im Kampf mit dem Drachen (August Macke, 1912) Erstmals wurde der heilige Georg zur Zeit der Kreuzzüge im 12. Jahrhundert mit dem Begriff des Drachentöters in Verbindung gebracht, besonders durch die Legenda aurea des Jacobus de Voragine. Die Drachenlegende des Georg von Kappadokien ähnelt verschiedenen Rittermärchen. Georg rettet die jungfräuliche Königstochter vor einer Bestie, dem Drachen, indem er ihn schwer verletzt, wonach ihn die Jungfrau auf Geheiß zahm in die Stadt führt. Dort bringt Georg den König und das Volk dazu, sich taufen zu lassen, und erschlägt anschließend den Drachen. Die Jungfrau ist ein Opfer, das der Drache von der Bevölkerung fordert. Nach dem Erschlagen des Drachen ist das Land vom Bösen befreit. In verschiedenen Versionen der Legende wird von einer unterschiedlich großen Zahl von Menschen berichtet, die sich taufen lassen. Der Theologe Hubertus Halbfas weist darauf hin, dass Georg die Königstochter nicht heiratete, da die Taufe das inhaltliche Ziel der Legende ist. Der Drachenkampf symbolisiere den mutigen Kampf gegen das Böse. Die Sankt-Georgs-Bucht in Beirut hat nach dieser Legende ihren Namen erhalten, da der Kampf angeblich hier stattgefunden haben soll. (englisch)

Spätantike und frühmittelalterliche Reiseberichte über Palästina (6.–7. Jahrhundert)

Schon bald nach dem Tod des Heiligen bildete sich an dessen Grab in Diospolis, dem früheren Lydda und heutigen Lod (bei Tel Aviv), das Zentrum der orientalischen Georgsverehrung an der Kirche St. Georg. Der aus Nordafrika stammende Archidiakon Theodosius berichtete um 518/530 in seinem Reisebericht von Diospolis als Ort des Martyriums des heiligen Georg. Ein anonymer Pilger aus dem norditalienischen Piacenza erwähnt um 570 dasselbe. Erst die von dem irischen Abt Adamnanus († 704) vom Inselkloster Iona verfasste Pilgergeschichte des gallischen Bischofs Arculf, der um 680 Palästina bereiste, schildert ausführlicher einige orientalische Georgslegenden.

Das althochdeutsche Georgslied (9.–11. Jahrhundert) In einer Handschrift des ersten namentlich bekannten althochdeutschen Dichters Otfrid von Weißenburg (* um 800, † nach 870) trug an der Wende zum oder am Beginn des 11. Jahrhunderts ein unbekannter Schreiber die althochdeutsche Dichtung des Georgsliedes ein. Die Verse berichten von der Bekehrung, der Verurteilung, dem Martyrium und den Wundern des Heiligen. Der Text ist nur als Fragment überliefert.

Legenden des Spätmittelalters (13.–15. Jahrhundert) mini|hochkant=0.7|Georg als Ritter mit Märtyrerpalme (Carlo Crivelli, 1473) Der umfangreichen Georgsverehrung im späten Mittelalter entsprachen die damals verbreiteten Georgslegenden, die sich bei den Gläubigen großer Beliebtheit erfreuten. Variationen und Bearbeitungen des Lebens und Leidens des Erzmärtyrers begleiteten die ganze mittelalterliche Geschichte. Bis ins 12. Jahrhundert war so der Drachenkampf und die Errettung der Prinzessin in die Georgslegende mit einbezogen worden, und die um 1263/67 verfasste Legenda aurea des Jacobus de Voragine (etwa 1230–1298), eine umfangreiche Sammlung von Heiligenviten, berichtet ausführlich über den Heiligen. Eine Georgslegende in Versform ist die Reinbots von Durne (um 1240), die sich am „Willehalm“ und „Parzival“ Wolframs von Eschenbach († um/nach 1220) anlehnt. Die Georgslegende Reinbots wurde dann im späten Mittelalter in die Prosafassung „Buch vom heiligen Georg“ umgeformt.

Weitere Legenden mini|hochkant=0.7|Georg der Drachentöter, Ikone von Emmanuel Tzanes, Kreta 17. Jahrhundert Neben den beiden Hauptlegendensträngen, die im Mittelalter die Lebensgeschichte Georgs bildeten, gibt es weitere. So beispielsweise eine Legende, die berichtet, wie ein Drache mit Hilfe der Reliquie eines Fingers des heiligen Georg bezwungen wurde.

Das auf einem Wandmalereien-Zyklus in der Kirche in Pawnisi in Georgien dargestellte Wunder am jungen Paphlagonier (aus dem ausgehenden 12. Jh.) wird auch auf vielen Ikonen gezeigt. Das Sujet hat historischen Hintergrund: 917/918 wurde die byzantinische Armee vom bulgarischen Zaren Simeon I. bei Anchialos und Katasirti geschlagen. Die Legende erzählt, dass ein junger Paphlagonier in Gefangenschaft geriet und einem bulgarischen Adligen in der bulgarischen Hauptstadt Preslaw dienen musste. Eines Tages, als er ein Gefäß mit warmem Wasser ins Obergeschoss brachte, erschien ein Reiter und brachte ihn augenblicklich zu seinem Elternhaus in Paphlagonien zurück, als seine Eltern, die ihn für tot gehalten hatten, gerade die Trauerfeier für ihn begingen.

Wichtig für die Ausbreitung des Georgkultes in christlichen Ländern ist die Einnahme Jerusalems durch das Kreuzritterheer. Hierbei erschien Georg der Legende zufolge als weißer Ritter und half bei der Einnahme der Stadt.

Reliquien Dem heiligen Georg zugeschriebene Reliquien werden an verschiedenen Orten verehrt, etwa in Toulouse, wo er begraben sein soll. Das Haupt soll zunächst in Ferrara aufbewahrt worden sein und wird seit dem 8. Jahrhundert in Rom verehrt. Die Schädeldecke wird seit Ende des 9. Jahrhunderts in der St.-Georg-Kirche in Oberzell auf der Insel Reichenau aufbewahrt und verehrt. Weitere Reliquien gibt es in der Kirche San Giorgio in Portofino. Armreliquien und kleinere Reliquien, darunter seine Fahne, gibt es ebenfalls mehrere.

Verehrung Die Verehrung des heiligen Georg breitete sich im Vorderen Orient, Äthiopien und Ägypten aus. Im merowingischen Frankenreich ist die Georgsverehrung schon im 6. Jahrhundert bezeugt, die größte Popularität wurde Georg jedoch im Hochmittelalter zuteil. Im Zeitalter der Kreuzzüge und des Rittertums verbreitete sich der Kult um den orientalischen Märtyrer zusehends. Georg wurde zum Schlachtenhelfer bei der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer (15. Juli 1099), wurde als Miles christianus, als „Soldat Christi“ zur Identifikationsfigur der Ritter und Krieger, zum Heiligen von Ritterorden wie dem gegen Ende des 12. Jahrhunderts entstandenen Deutschen Orden oder den Templern. In den letzten Jahrhunderten des Mittelalters war Georg der Patron von Städten, Burgen, Herrscherhäusern; er wurde zu den 14 Nothelfern gezählt. Die im Zeichen des heiligen Georg geschlossenen Schwureinungen (Austrags- bzw. Fehdegenossenschaften) des spätmittelalterlichen Ritteradels (zum Beispiel: Gesellschaften mit St. Jörgenschild) gehören ebenso hierher wie die Verehrung Georgs im städtischen Bürgertum.

Deutscher Sprachraum (ab 896) mini|Georgskirche in Reichenau-Oberzell Georgskirche auf Reichenau

In den ersten Jahrhunderten des Mittelalters waren Verehrung und Reliquien Georgs auch nach Italien und ins merowingische Frankenreich gelangt. Der Mainzer Erzbischof und Reichenauer Abt Hatto I. (891–913) erhielt 896 in Rom von Papst Formosus (891–896) Reliquien, die seitdem in der Georgskirche auf der Insel Reichenau verehrt wurden. Der durch den Mainzer Erzbischof eingeführte Kult um den heiligen Georg lässt sich auf der Insel Reichenau auch in den folgenden Jahrhunderten des hohen Mittelalters gut verfolgen.

Ob das althochdeutsche Georgslied an den Bodensee gehört, ist umstritten. Um die Mitte des 11. Jahrhunderts verfasste der bekannte Historiograf Hermann von Reichenau (1013–1054) eine Historia sancti Georgii („Geschichte des heiligen Georgs“), eine lateinische Dichtung, die verloren gegangen ist. Aus einer Reichenauer Handschrift des 12. Jahrhunderts stammen schließlich mehrere mit Neumen, der mittelalterlichen Notenschrift, versehene lateinische Zeilen, ein Loblied auf den Märtyrerheiligen.

Erzbischof Anno II. von Köln (11. Jahrhundert) mini|hochkant=0.7|St. Georg im Nordfenster des Kölner Doms