Aneityum (auch: Anatom, Annattom oder Keamu) ist eine Insel, die geografisch zu den Neuen Hebriden im südwestlichen Pazifik gehört und politisch zur Provinz Tafea des Inselstaates Vanuatu.

Geografie Aneityum liegt rund 65 km südöstlich von Tanna und ist die südlichste bewohnte Insel der Vanuatu-Inselkette. Nach der Definition der International Hydrographic Organization bildet sie die östliche „Ecke“ des Korallenmeeres.International Hydrographic Organization (1953): Limits of Oceans and Seas, 3rd edition (PDF; 994 kB), S. 37. Abgerufen am 7. Februar 2010 Die Insel ist von ungefähr ovaler Form mit einer Nord-Süd-Ausdehnung von 12,3 km, einer Ost-West-Ausdehnung von 16,9 km und einer Fläche von 159,2 km².

Das Landschaftsbild ist gebirgig, mit stark eingeschnittenen Tälern, die von schmalen Graten begrenzt werden. Die Gipfel bilden eine Wasserscheide, die kleinen Flüsse Aname, Anetcho, Antina und Anaia fließen nach Norden ab, Imkalau, Uche, Lelcei und Ume nach Süden.Matthew Spriggs: Landscape, land use and political transformation in southern Melanesia. In: Patrik Kirch (Hrsg.): Island Societies. Cambridge University Press, London-New York-Melbourne 1986, ISBN 978-0-521-10543-9, S. 6 f.

Die von einem Saumriff umgebene Küste ist mit zahlreichen Buchten stark gegliedert. Nur an der Nordküste befinden sich schmale Sandstrände.

Dem Dorf Anelcauhat im Süden von Aneityum ist die nur 0,16 km² große Nebeninsel Inyeug vorgelagert, die ebenfalls von einem unter Naturschutz stehenden Korallenriff umschlossen ist. Normalerweise ist sie unbewohnt, aber wegen der langen, feinsandigen Strände werden dort Passagiere auch größerer Kreuzfahrtschiffe angelandet. Man hat dem Inselchen daher werbewirksam den Namen „Mystery Island“ verliehen.

Geologie Aneityum besteht aus zwei miteinander verschmolzenen Schichtvulkanen, dem Inrerow Atamwan (812 m) und dem Nanawarez (804 m). Die auf der Insel vorkommenden Gesteine sind daher vulkanischen Ursprunges: Basalt, Pico-Basalt, Andesit und Basaltandesit. An der Nordwestseite des Inrerow Atamwan und an der Südostseite des Nanawarez sind durch Erosionsprozesse tiefe Taleinschnitte entstanden.J. N. Carney, A. Macfarlane: Geology of Tanna, Aneityum, Futuna and Aniwa. New Hebrides Government, 1979D. I. J. Mallick: Development of the New Hebrides archipelago. Philosophical Transactions of the Royal Society of London, London 1975, S. 277–285 Die im späten Pleistozän und Holozän aktiven Vulkane sind mittlerweile erloschen. Ausbrüche in historischer Zeit sind nicht verzeichnet.

Klima Aneityum liegt in der tropischen Klimazone. Das Wetter wird in den kühleren Monaten Mai bis Oktober von den Passatwinden bestimmt, die viel Feuchtigkeit bringen, vereinzelt und stellenweise bis zu 2200 mm Regen im Monat. Die windabgewandte Nordseite ist eher trocken. Die Jahresdurchschnittstemperatur auf Aneityum beträgt 23,5 °C.Dieter Mueller-Dombois und F. Raymond Fosberg: Vegetation of the Tropical Pacific Islands. Springer, New York 1998, ISBN 0-387-98313-9, S. 94

Die Insel liegt im Hurrikan-Gürtel des Südpazifiks und ist in den Monaten November bis April nicht selten Starkwinden ausgesetzt. Bereits in historischer Zeit richteten sie in den Anbauflächen erhebliche Schäden an. Alleine in den Jahren zwischen 1840 und 1900 fegten 68 Zyklone über die Insel. Die Saison 1958 war besonders verheerend. Die Winde richteten große Verwüstungen in den Pflanzungen an, vernichteten Häuser und stürzten fruchttragende Bäume um. Die Brotfruchternte war um die Hälfte reduziert.Donald Denoon (Hrsg.): The Cambridge History of the Pacific Islanders. Cambridge University Press, Cambridge-New York-Melbourne 1997, S. 81 Auch der Zyklon Yali verursachte im März 1998 erhebliche Schäden.

Flora Der Vanuatu-Archipel lässt sich in zwei Vegetationszonen einteilen, wobei die Grenze ungefähr beim 18. Breitengrad liegt. Während die nördlichen und mittleren Inseln der Gruppe eine reichhaltige und komplexe Flora aufweisen, sind die südlichen Inseln – zu denen auch Aneityum gehört – generell einfacher strukturiert und artenärmer.M. Schmidt: La flore et la végétation de la partie méridionale de l'archipel des Nouvelles-Hébrides. In: Philosophical Transactions of the Royal Society of London, Series B, Biological Sciences Vol. 272, No. 918, November 1975, S. 329–342 Die Pflanzengemeinschaften sind in den Küstenbereichen, im Tiefland, in den höheren Bereichen der Vulkane und in den vom Menschen gestörten Arealen unterschiedlich. Adam J. Copeland, ein Pastor der First Presbyterian Church, beschrieb Mitte des 19. Jahrhunderts die Landschaft von Aneityum in einem Brief wie folgt:The Reformed Presbyterian Magazine for 1864, Johnson, Hunter & Co, Edinburgh, S. 264 f.

Die Siedlungs- und Anbauflächen liegen auch heute noch im Küstenbereich und im unmittelbaren Küstenhinterland. Die Insulaner kultivieren Taro, Yams, Bananen, Süßkartoffeln, Zuckerrohr und fruchttragende Bäume (Brotfruchtbaum, Kokospalme). Marineleutnant Philip Doyne Vigors von der HMS Havannah, der Aneityum 1850 besuchte, hat im Süden der Insel kunstvoll angelegte und bewässerte Terrassen für den Taro-Anbau gesehen, die heute jedoch wegen der geringeren Einwohnerzahl kaum noch gebraucht werden. Für den Export wird ein wenig Kakao und Pfeffer angebaut. In aufgegebenen oder vom Menschen stark gestörten Bereichen hat sich eine Sekundärvegetation mit Hibiscus tilliaceus-Dickichten (Lindenblättriger Eibisch) angesiedelt.

Zur ursprünglichen Vegetation in den feuchten Bereichen des Inselinnern, die den Monsunregen ausgesetzt sind, gehört ein offener Wald aus Kauri-Bäumen (Agathis sp.) vermischt mit Calophyllum, die bis zu 20 – 30 m Höhe erreichen. Der Unterwuchs wird dominiert von Hernandia cordigera und verschiedenen Farnen. Kauri-Wälder gelten als besonders resistent gegen Starkwinde. Zu der ursprünglichen Flora in den trockeneren Arealen gehört Acacia spiorbis, der wahrscheinlich von der Ostküste Australiens eingewandert ist, sowie der Sandelholzbaum, der jedoch wildwachsend nur noch vereinzelt vorkommt. Die einst auf Aneityum häufigen Bäume wurden im 19. Jahrhundert stark dezimiert, da ihr Holz in Asien sehr begehrt war. Heute werden Sandelhölzer angepflanzt, insbesondere in den von Zyklonen entwaldeten Arealen.

In Höhen über 500 m wird die Bewaldung dominiert von Weinmannia und Metrosideros.Dieter Mueller-Dombois und F. Raymond Fosberg: Vegetation of the Tropical Pacific Islands. Springer, New York 1998, ISBN 0-387-98313-9, S. 93–105

Ausgedehnte Bereiche der Berghänge sind arid, insbesondere im Norden und Nordwesten der Insel. Das ist oft die Folge des rücksichtslosen Holzeinschlages im 19. Jahrhundert und der sich anschließenden Erosion.

Geschichte Wann und von wo die Initialbesiedlung auf Aneityum erfolgte, ist noch nicht abschließend geklärt. Pollenuntersuchungen aus einem Sumpf bei Anelcauhat ließen erkennen, dass Brandrodungen in einem größeren Umfang ab 1000 bis 800 v. Chr. stattgefunden haben. Dieser Befund legt nahe, dass Aneityum während der Lapita-Expansion besiedelt wurde.G. Hope und M. Spriggs: A preliminary pollen sequence from Aneityum Island, Southern Vanuatu. In: Bulletin of the Indo-Pacific Prehistory Association, Nr. 3, 1982, S. 88–94 Die Freilegung von spezifischer Lapita-Keramik bei Ausgrabungen im Jahr 2012 bestätigte diese Annahme. Die Keramikscherben ließen sich auf das Jahr 829 (± 9 Jahre) datieren. Die Erstbesiedlung durfte demnach früh im 1. Jahrtausend v. Chr. erfolgt sein, wahrscheinlich von den größeren Inseln Efate oder Tanna. Die Motive der zahlreich im Inselinnern zu findenden Petroglyphen – geometrische Darstellungen (meist konzentrische Kreise oder Punktlinien), anthropomorphe Bilder, Hand- und Fußabdrücke – sind sehr ähnlich denen von Efate und Tanna und einigen anderen Inseln der Hebriden. Allerdings gibt es auch signifikante linguistische und kulturelle Parallelen mit den rund 250 km südwestlich gelegenen Loyalitätsinseln.Stuart Bedford, Matthew Spriggs, Richard Shing: “By all means let us complete the exercise”. The 50-year search for Lapita on Aneityum, southern Vanuatu and implications for other “gaps” in the Lapita distribution. In: Archaeology in Oceania, Vol. 51, 216, S. 122–130Mary Elisabeth Shutler, Richard Shutler: A Preliminary Report of Archaeological Explorations in the Southern New Hebrides. In: Asian Perspectives Nr. 9, 1966, S. 157–166

Es entwickelte sich eine streng stratifizierte Gesellschaftsordnung, ähnlich der auf der Nachbarinsel Tanna. Um 1830 war Aneityum in sieben Häuptlingstümer (nelcau) gegliedert. Ihnen stand ein Oberhäuptling (natimarid) vor, dem jeweils eine Anzahl von Distrikthäuptlingen (natimi alupas) unterstand. Die Häuptlingswürde wurde patrilinear vererbt. Deren Legitimation fußte weniger auf physischer Gewalt, sondern eher auf zeremonieller Beeinflussung der Naturphänomene, zum Beispiel auf der Kontrolle über das Wetter, reichlichen Ernten oder erfolgreicher Fischerei. Zu ihren, für die Ausübung der Herrschaft notwendigen Privilegien gehörten der Genuss von Kava und ritueller Kannibalismus. Vielehe war ebenfalls ein Privileg der Elite.

Die frühen Missionare berichten von häufigen Kriegen der Stämme untereinander. Der Missionar John Geddie schreibt: „Krieg war die Regel, Frieden die Ausnahme“. Nicht selten schlossen sich mehrere Stämme zusammen und bildeten Allianzen, um über eine größere Zahl von Kriegern zu verfügen. Die Taktik plötzlicher Überfälle aus dem Hinterhalt (Hit and Run) war üblich. Deshalb und wegen der primitiven Waffen (Speer und Keule) scheint die Zahl der Opfer überschaubar gewesen zu sein.George Patterson: Missionary life among the cannibals: being the life of the Rev. John Geddie, D.D., first missionary to the New Hebrides with a history of the Nova Scotia Presbyterian mission on that group. James Campbell & Son, Toronto 1882 Andererseits wurden – auch stämmeübergreifend – große Feste veranstaltet, bei denen Mengen von Nahrungsmitteln präsentiert und verzehrt wurden. Je aufwändiger das Fest, desto höher war das Prestige des Häuptlings.Norma McArthur: Population and Prehistory: The Late Phase on Aneityum. The Australian National University (Diss.), 1974

Die den natimi alupas unterstehenden Bezirke umfassten meist das Wassereinzugsgebiet eines von den Bergen zur Küste weisenden Tales, in dem sich die Haushalte zwischen den Gärten und Feldern verteilten. Die Grenzen wurden in der Regel von den Höhenzügen markiert.

Frauen waren in der Gesellschaft weitgehend rechtlos, ihr Leben war eine tägliche Plackerei. Sie leisteten die meiste Feldarbeit, sammelten Meeresfrüchte, bereiteten die Nahrung zu und versorgten die Kinder. Femizid war gebräuchlich, beim Tod des Ehemannes wurde die Witwe stranguliert.

James Cook hat Aneityum 1774 während seiner zweiten Südseereise (1772–1775) für Europa entdeckt. Nach zwei Wochen Aufenthalt auf Tanna, wo die Mannschaft Wasser und Feuerholz aufnahm und die Ruderpinne der HMS Resolution reparierte, segelte Cook „südwärts von Tanna um einen näheren Blick auf Annattom zu werfen.“ Er gibt in seinem Logbuch nicht präzise an, wann er Aneityum gesichtet hat, aber es enthält eine kurze Beschreibung: „Sie scheint nur eine kleine Insel von guter Höhe und hügeliger Oberfläche zu sein“. Am 30. Juli 1774 landete Cook auf Erromango, Aneityum hat er nicht betreten.J. C. Beaglehole: The journals of Captain James Cook on his voyages of discovery. The voyage of the Resolution and Adventure 1772–1775. Cambridge University Press 1961, S. 508–509Andrew Sharp: The Discovery of the Pacific Islands. Oxford University Press, 1960, S. 133