mini|Eine Chabur-Assyrerin in Tell Tamer am Fluss Chabur spinnt Wolle (1939) mini|Eine assyrische Familie in Mavana beim Buttern Assyrer sind eine überwiegend Syrisch-Aramäisch sprechende ethnisch-religiöse Minderheit im Nahen Osten. Sie zählen somit zu den semitischsprachigen Bevölkerungsgruppen der Region und gehören hauptsächlich dem syrischen Christentum an.Shlemon Yonan, Annelore Hermes, Gernot Wiessner: Assyrer – Christliche Minderheit im Nahen Osten. Gesellschaft für bedrohte Völker, 22. April 2005. Daher werden sie in der Selbst- und Fremdbezeichnung oft als Syrer oder, nach ihrer Sprache, als Aramäer bezeichnet. Ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete liegen in Nordmesopotamien, was heute dem nördlichen Irak, dem nordöstlichen Syrien, der südöstlichen Türkei sowie dem nordwestlichen Iran entspricht. Durch Auswanderung und Flucht lebt ein beachtlicher Teil des assyrischen Volkes in der westlichen Diaspora. Entsprechend der traditionellen Selbstbezeichnung als „syrische Christen“ (aramäisch: Suryoye, Suryaye) werden sie auf Arabisch Suriani und auf Türkisch Süryaniler genannt; daneben bestehen unmittelbar von „Assyrien“ und „Assur“ abgeleitete Fremdbezeichnungen: Aschuri'in als alternativer Begriff im Arabischen und Aschuri auf Persisch.

Ethnie und Religion der Assyrer – Entwicklungen und terminologische Abgrenzung mini|Das Syrisch-Orthodoxe Mutter-Gottes-Kloster in Hah im Tur-Abdin. Errichtet wurde das Gotteshaus in der Spätantike Die Assyrer sind ein Volk Mesopotamiens, das als eines der ersten Völker im Orient das Christentum annahm, kulturell und sprachlich jedoch zuvor mit den im 1. Jahrtausend v. Chr. von Westen eingewanderten aramäischen Bevölkerungsgruppen verschmolzen und zur Verwendung der aramäischen Sprache übergegangen war. Diese wurde im Zuge der Christianisierung der Region auch Kirchensprache in den entstehenden Ostkirchen (Ecclesiae Orientales). Nach 636 n. Chr. geriet Mesopotamien unter muslimisch-arabische Herrschaft und wurde binnen eines Jahrhunderts fast vollständig arabisiert. Auch ein großer Teil der Gemeinden, die sich zum Christentum oder Judentum bekennen, nahm das Arabische als Umgangs- und Kultursprache an. Den Assyrern verschiedener christlicher Konfessionen gelang es jedoch, bis ins 20./21. Jahrhundert hinein das Syrische als Umgangssprache zu bewahren. Dabei handelte es sich einerseits um das westliche Surayt und andererseits um das östliche Sureth. Dies gelang insbesondere abseits der Zentren der arabischen Wirtschaft und Kultur. Durch den jahrhundertelangen Sprachkontakt zwischen dem Akkadischen und dem Neuassyrischen Reich übernahm das Aramäische zahlreiche Lexeme aus dem Akkadischen. Dieses akkadische Substrat hat sich bis in das moderne Surayt (Turoyo) erhalten. Zu den im Surayt erhaltenen akkadischen Lehnwörtern gehören vor allem Begriffe des Alltagslebens und der Agrarkultur, darunter Kano (dt. „Ofen/Kamin“, von akkadisch kanūnu) oder Maskëne (dt. „armer Mensch“, von akkadisch maškēnu).

In Antike und Mittelalter spaltete sich das Syrische Christentum in mehrere Kirchen, die in der lateinischen Tradition „Ecclesiae Orientales“ (Ostkirchen) genannt werden. Die nestorianische Assyrische Kirche des Ostens, die, zurzeit unter Katholikos-Patriarch Mar Dinkha IV., als weltweit einzige Kirche katholischen Typs (neben protestantischen Gruppen) die Bezeichnung „assyrisch“ in ihren Namen aufgenommen hat (in der Metropolie von Indien jedoch gewöhnlich nicht benutzt), wird zum sogenannten ostsyrischen Ritus gezählt. In einem weiteren Sinn werden als Assyrer alle Christen „syrischer“ Tradition bezeichnet, d. h. einschließlich der assyrischen Altkalendarier (= Alte Kirche des Ostens, zurzeit geführt von Katholikos-Patriarch Mar Gewargis III. Younan), der mit Rom unierten Chaldäisch-Katholischen, der Syrisch-Orthodoxen und der Syrisch-Katholischen sowie der protestantisch oder russisch-orthodox missionierten assyrischer Christen, nicht aber die ursprünglich ebenfalls nestorianischen, seit dem 16./17. Jahrhundert aber zum größeren Teil syrisch-orthodoxen, nach westsyrischem Ritus lebenden indischen Thomaschristen. „Syrisch“ dient hier als Hinweis auf eine bestimmte Glaubenstradition sowie als Bezeichnung einer bestimmten Form des Aramäischen, das sich in mehreren dieser Kirchen als Kirchensprache erhalten hat.

In der Summe werden syrische Christen oft auch als „Aramäer“, „Assyro-Chaldäer“ und „Chaldo-Assyrer“ genannt. Im weitesten Sinn werden als Assyrer jene Christen bezeichnet, deren traditionelle Gottesdienstsprache das Syrische ist, ohne Rücksicht auf ihre konfessionelle, staatliche oder sonstige Zugehörigkeit – und zum Teil gegen den erklärten Willen einzelner Gruppen und Kirchenleitungen. So bezeichnet gemäß dem früheren Patriarchen der Chaldäisch-katholischen Kirche, Raphael I. Bidawid, „chaldäisch“ spezifisch die mit Rom unierte Konfession, während „assyrisch“ eine von der Konfession unabhängige ethnische Kategorie sei. Demgegenüber wird teilweise vorgeschlagen, mit „assyrisch“ nur die Kirche nestorianischer Konfession zu bezeichnen und „ostsyrisch“ oder „assyro-chaldäisch“ als übergeordnete Kategorie zu verwenden.

Die Bezeichnung „Assyrer“ wurde nach der Arabisierung des Orients und der Durchsetzung des Islams allein noch mit den Angehörigen christlicher Konfessionen verbunden; die Muslime Mesopotamiens übernahmen sie als Selbstbezeichnung nie, ebenso wenig die Juden der Region.

Die Bezeichnung von Ostchristen als Assyrer ist spätestens seit dem Jahr 1612 schriftlich belegt. In der Chronik der karmelitischen Mission in Persien nennt Papst Paul V. in einem Brief vom 3. November 1612 an den persischen Schah Abbas I. (1571–1629) die syrisch-orthodoxen Jakobiten Assyrer:H. Chick: A Chronicle of the Carmelites in Persia. London 1939, S. 100. „Besonders jene, welche Assyrer oder Jakobiten genannt werden und in Isfahan leben, werden gezwungen sein, ihre eigenen Kinder zu verkaufen, um die von Ihnen auferlegte Steuerlast bewältigen zu können, wenn Sie sich ihrer nicht erbarmen.“

Am 16. Dezember 2022 kam es erstmals zu einem Treffen von fünf Kirchenoberhäuptern des syrischen Christentums. Auf Einladung des syrisch-orthodoxen Patriarchen Mor Ignatius Ephräm II. Karim trafen sich in Atchaneh im Libanon diese Patriarchen: Mar Awa III von der Assyrischen Kirche des Ostens, Mor Ignatius Joseph III. Younan von der Syrisch-katholischen Kirche, Mor Bechara Boutros al-Rahi von der Syrisch-Maronitischen Kirche sowie, via Videokonferenz, Mar Louis Raphaël I Sako von der Chaldäisch-katholischen Kirche. In einer gemeinsamen Erklärung, die sie danach veröffentlichten, betonen sie, „dass wir ein Volk mit einem gemeinsamen [syrischen] Erbe sind […] trotz der Vielzahl unserer Kirchen und der Vielfalt unserer apostolischen Traditionen“.

In dem hier beschriebenen Sinn ist die Bezeichnung einer Person oder Personengruppe als „assyrisch“ also gleichbedeutend mit deren Zugehörigkeit zu einer der Ostkirchen – assyrisch, syrisch und aramäisch meinen dasselbe. Die in Konkurrenz stehenden Selbstbezeichnungen werden oft konfessionell und mitunter auch politisch gefärbt verwendet; sie sind das Ergebnis der jahrhundertealten Konkurrenz der Kirchen untereinander. Neben in jüngerer Zeit häufiger werdenden kirchlich-religiösen Initiativen zur Herstellung einer gemeinsamen Identität stehen zahlreiche politisch-säkulare Bemühungen mit ähnlichem Ziel, insbesondere in der Diaspora, d. h. in den Ländern, in die ein großer Teil der christlichen Bevölkerung des Orients vor allem im 20. Jahrhundert vor Kriegen und Verfolgung geflohen ist. Die Benennung von Christen als Assyrer kann mit allgemein- oder kulturpolitischen Zielen einhergehen und mit unterschiedlichen Hypothesen über die ethnische Herkunft dieser Personengruppe – wie etwa der direkten Herleitung dieser Christen von den vorislamischen Assyrern zur Abgrenzung von der im Nahen Osten dominierenden muslimisch-arabischen Kultur.

Sprache mini|Das Vaterunser in aramäischer Sprache Die Sprache der Assyrer ist in linguistischer Hinsicht als Neu-Ostaramäisch einzuordnen und gehört somit zur Familie der semitischen Sprachen. Die Assyrer sprechen je nach ihrer geografischen Herkunft eine der beiden neu-ostaramäische Sprachformen: das west-syrische Surayt (auch bekannt als Turoyo) oder das ost-syrische Suret (auch bekannt als Swadaya). Gemäß Geoffrey KhanLundgren Svante: Die Assyrer von Ninive bis Gütersloh. Lit Verlag, Berlin, ISBN 978-3-643-13256-7. sowie anderen Linguisten finden sich in beiden Formen viele Spuren des Akkadischen.

Die eigensprachlichen Bezeichnungen der Assyrer lauten „Suryoye“ oder „Suroye“. Über die symbiotische Verbindung zwischen den Begriffen „Assyrer“ und „Suryoye/Suroye“ besteht heute ein wissenschaftlicher Konsens.Robert Rollinger: Hrsg.: Journal of Near Eastern Studies. Nr. 64 (4), Oktober 2006, S. 283–287. Nach dem Orientalisten und Semitisten Shabo Talay sprechen heute noch ca. 250.000 Assyrer das westsyrische Surayt. Die Plattform Ethnologue beziffert die Sprecher des ostsyrischen Suret weltweit auf ca. 830.000. Bei beiden Angaben handelt es sich um Schätzungen.

+Ost-AramäischNeu-OstaramäischWest-SyrischOst-SyrischSurayt (Turoyo)Suret (Swadaya)

Geschichte

Völkermord und Verfolgung im 20. Jahrhundert

mini|Schlagzeile in der Washington Times vom 26. März 1915 über den Völkermord an den Assyrern Im Schatten des Ersten Weltkriegs vollzog sich 1915 der Völkermord an den Armeniern, doch betrafen Verfolgung und Ermordungen nicht allein diese Bevölkerungsgruppe, sondern auch andere christliche Gruppen, nämlich die syrischen Christen bzw. Assyrer. Organisiert, verübt und ausgeführt wurde der Genozid im Osmanischen Reich unter der Herrschaft der Jungtürken und wäre ohne die breite Unterstützung einiger kurdischer Lokalfürsten und deren Familien und Gefolgsleuten nicht umsetzbar gewesen. Die Angaben über die Anzahl der getöteten Assyrer unterschiedlichster Konfession, die der systematischen Verfolgung und Tötung in Mesopotamien zum Opfer fielen, schwanken zwischen 100.000 und 250.000.Martin Tamcke: Der Genozid an den Assyrern/Nestorianern. In: Tessa Hofmann (Hrsg.): Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Christen im Osmanischen Reich. 1912–1922. Lit, Münster 2004, ISBN 3-8258-7823-6, S. 103–118, hier: S. 110 f. (PDF).Hannibal Travis: The Assyrian Genozid. A Talo of Oblivion and Denial. In: Rene Lemarchand (Hrsg.): Forgotten Genocides. Oblivion, Denial, and Memory. University of Pennsylvania Press, Philadelphia 2011, ISBN 978-0-8122-0438-4, S. 123–136, hier: S. 127. Dieses Verbrechen wurden inzwischen in verschiedenen Ländern durch parlamentarische Beschlüsse als Völkermord eingestuft. Die Parlamente folgender Staaten haben die Assyrer explizit als Opfer des Genozids von 1915 erwähnt: Schweden, Niederlande, Armenien, Österreich, Deutschland, Frankreich sowie die Vereinigten Staaten von Amerika.

Nachdem Shimun XXI., der Katholikos-Patriarch der Assyrischen Kirche des Ostens, im Ersten Weltkrieg ein Kriegsbündnis mit Russland geschlossen hatte, um die politische Unabhängigkeit der Assyrer vom zerfallenden Osmanischen Reich zu erreichen, musste er mit Teilen der christlichen Bevölkerung aus dem Gebiet von Hakkari in Südostanatolien zunächst in das Gebiet um Urmia (im Nordwesten des heutigen Iran) fliehen und, nach dem Rückzug der russischen Truppen von dort und dem Fall von Urmia, mit den Überlebenden 1918 in den Irak. In den Kämpfen und Flüchtlingstrecks verloren Tausende ihr Leben (siehe Kapitel: Gegenwart). Die eine gemäßigtere Politik verfolgende Chaldäisch-katholische Kirche unter Abraham Shimonaya wurde von den Ereignissen zwar in Mitleidenschaft gezogen, konnte sich in ihren traditionellen Siedlungsgebieten jedoch halten.

mini|Die Schlagzeile vom 18. August 1933 in der Tageszeitung The Lethbridge Herald handelt vom Simele-Massaker an den Assyrern