mini|Theodor Kleinschmidt Johann Theodor Kleinschmidt (* 6. März 1834 in Wolfhagen; † 10. April 1881 auf der Insel Utuan (Duke-of-York-Gruppe) im Neubritannienarchipel, heute: Bismarck-Archipel) war Kaufmann, Reisender und Naturforscher.

Leben Kindheit, Jugend und Ausbildung Unmittelbar nach Geburt Theodor Kleinschmidts verzog die Familie nach Kassel, wo Kleinschmidt im folgenden die Realschule besuchte. Nach Abschluss erhielt er eine Stelle im Kontrollbüro der Main-Weserbahn, nahm parallel aber Zeichenstunden an der Akademie der Freien Künste. Trotz einer außergewöhnlichen Begabung ließ die Finanzlage der Familie eine künstlerische Laufbahn nicht zu. Zur Vorbereitung einer Seemannskarriere reiste Kleinschmidt 1856 nach Bremen und fuhr im folgenden Jahr auf der Bark Corolian nach New York. Als Leichtmatrose kam er erstmals nach Ostindien.… S. 665–667.

Kaufmännische Tätigkeit und Teilnahme am Sezessionskrieg Nachdem Kleinschmidt wegen zunehmender Kurzsichtigkeit seine nautische Ausbildung hatte abbrechen müssen, trat er in St. Louis (Missouri) in einen Kaufmannsbetrieb ein. Hier stieg er binnen kurzem vom Buchhalter zum Prokuristen und schließlich zum Geschäftsführer auf. 1861 erhielt er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Zur Teilnahme am Sezessionskrieg meldete Kleinschmidt sich am 17. September 1862 freiwillig beim 11. Infanterie-Regiment der Enrolled Missouri Militia (Einheit der Union). Im Juni/Juli 1863 und im September/Oktober 1864 nahm er aktiv am Kriegsgeschehen teil. Nach einer Reihe von Beförderungen wurde er zuletzt am 3. Oktober 1864 in den Rang des Majors und Brigaden-Quartiermeisters der 3. Brigade erhoben.Karteikarte 1 (PDF; 28 kB) und Karteikarte 2 (PDF; 33 kB) bei Missouri Digital Heritage: Soldiers’ Records: War of 1812–World War I. Siehe auch: Journal of the Senate of the State of Missouri … und Annual Report of the Adjutant General of Missouri. Nach einer kaufmännischen Tätigkeit in San Francisco siedelten Kleinschmidt und seine Frau um 1872 nach Melbourne über. Da sich hier geschäftliche Hoffnungen nicht erfüllten, nahm Kleinschmidt im Folgejahr eine Stelle auf den Viti-Inseln (Fidschi) an. Von der britischen Kolonialverwaltung erwarb er sowohl Land als auch einen Fuhrpark, wurde aber durch den „Baumwoll- und Viti-Krach“ (1875) finanziell geschädigt. Bis zum Angebot des Hamburger Museums Godeffroy, auf der Inselgruppe einen Sammelauftrag wahrzunehmen, verblieb Kleinschmidt beinahe mittellos.Herbert Tischner: Beiträge zur Ethnographie des alten Viti Levu … , S. 667, S. 5.

Frühe Forschungsreisen für das Museum Godeffroy mini|Der Tui Nadrau im feinsten Tapa-Kleid Ein Klassiker der polynesischen Kostümkunde. Bleistiftzeichnung von Theodor Kleinschmidt (Oktober 1877) Von Naikorokoro auf Ovalau unternahm Kleinschmidt im März 1876 eine erste Exkursion an die Ostküste Viti Levus. Im heutigen Distrikt Verata der Tailevu-Provinz landete er bei Naloto (Nalotte). Den Waindalithi-Fluss (Waindalidi) fuhr er rund 50 km aufwärts bis zum Verata-Dorf Bulu, das er zum Ausgangspunkt für kleinere Streifzüge nahm. Im Mai besuchte Kleinschmidt das nördlich gelegene Vanua Levu mit den heißen Quellen bei Savusavu. Im Juli folgte eine Überfahrt zur Insel Kadavu (Kandavu, südlich von Suva), wo Kleinschmidt am 28. den Mount Buke Levu (Mount Washington, 838 m. ü. M.) bestieg. Von der Nordküste durchquerte er im August die Kadavu-Passage und segelte zur Insel Vatulele, von deren Fauna er eine rote Krebsart beschrieb. Auf der Rückreise nach Naikorokoro machte Kleinschmidt einen Abstecher zur Insel Yanuda in der Lagune von Beqa (Mbenga). Abschließend durchfuhr er die Beqa Strait.

Aufzeichnungen Kleinschmidts über seine botanischen Sammlungen und ethnographischen Beobachtungen während der Exkursion erschienen im Journal des Museum Godeffroy.Erneuete Exploration der Viti -Inseln, in: Journal des Museum Godeffroy, Band 5, Heft 12, 1876, S. 162–174 Digitalisat und Theodor Kleinschmidt’s Reisen auf den Viti-Inseln, nach den brieflichen Mittheilungen bearbeitet. In: Journal des Museum Godeffroy, Band 5, Heft 14, 1879, S. 249–283, Tafeln 11 bis 16, Digitalisat. Einer nachfolgenden Reise (1877/78) verdanken sich Kleinschmidts ethnographische Notizen über die Bergbewohner Viti Levus.

Übersiedelung in den Neubritannienarchipel mini|hochkant=2.7|Theodor Kleinschmidt, Aufenthalte im Pazifik 1873–1881, zeitgenössische BenennungenNach knapp siebenjährigem Aufenthalt auf Fidschi verzog das Ehepaar Kleinschmidt nach Samoa. In den Wochen zuvor konzentrierte Kleinschmidt seine Sammeltätigkeit noch auf die Fidschi-Insel Koro, wo er und seine Frau als Nachbarn des Missionslehrers Abroso (s. u.) gelebt hatten. Nach Ankunft in Apia mit dem Schoner Daphne am 19. Januar 1879Shipping Intelligence, Port of Apia. In: Samoa Times, 25. Januar 1879, S., (Mr. and Mrs. Klinesmith(!), Digitalisat) setzte Kleinschmidt zu einer Exkursion zu den Navigatorinseln an. Bald darauf erhielt er von der Samoa-Hauptniederlassung von Godeffroy & Sohn die Anweisung, auf die Duke-of-York-Inseln zu wechseln. In Fortsetzung der Tätigkeit des verstorbenen Naturforschers Franz HübnerJakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, … Münster 2012. Band 1, S. 299. sollte Kleinschmidt nun für das Museum Godeffroy den Neubritannienarchipel, die Salomonen und die Neuen Hebriden bereisen und auch zu diesen Inselgebieten naturwissenschaftliche und ethnographische Sammlungen anlegen. Auf der Überfahrt besuchte Kleinschmidt am 11. und 13. März 1879 das Sikaiana-Atoll (Salomoninseln) und verfasste darüber einen ersten Bericht.Herbert Tischner: Beiträge zur Ethnographie des alten Viti Levu … , S. 669.

In der Duke-of-York-Gruppe erwarb Kleinschmidt im Juni/Juli 1879 (?) auf der Insel Kabakon ein Grundstück, auf dem er für seine Arbeit einen Stützpunkt errichtete. Nach dem gewaltsamen Tod des Godeffroy’schen Stationsvorstehers Georg Christoph Levison sah er die Lage aber als zu gespannt an, um mit Forschungsfahrten zu beginnen.Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, … Münster 2012. Band 1, S. 488.

Im September reisten Kleinschmidt und seine Frau vorübergehend nach Australien. Männern der Insel Utuan, die den Grundbesitz auf Kabakon veräußert hatten, erlaubte Kleinschmidt zuvor, während seiner Abwesenheit auf einer Pflanzung zu ernten und so sein Eigentum für ihn zu „wahren“.Bericht Frau Kleinschmidts, Fiji Times, 27. August 1881. Zur Absicherung der Ansprüche gab Kleinschmidt auch an den Missionslehrer Abroso, der mittlerweile bei der Wesleyanischen Mission auf den Duke-of-York-Inseln angestellt war, den Auftrag, nach seiner „Insel zu sehen“. Laut Jakob Anderhandt führte diese „doppelte Absprache“ bei Abroso und den Männern von Utuan zu Konflikten, die nach Kleinschmidts Wiederankunft die Voraussetzung für seine wachsenden Spannungen mit den Einheimischen bildeten und langfristig den Anlass für seinen Tod.Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, … Münster 2012. Band 1, S. 531 f.

Rückkehr auf die Duke-of-York-Inseln Zum Ende seines Aufenthalts in Australien traf das Ehepaar Kleinschmidt im queensländischen Cooktown auf den Südseekaufmann Eduard Hernsheim, der ihnen auf dem Dampfer Pacific eine Passage nach Hunterhafen (Duke-of-York-Insel) bot. Hier ging das Paar Ende Dezember 1879 von Bord.Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, … Münster 2012. Band 1, S. 303.

In den folgenden Tagen erfuhr Kleinschmidt von Auseinandersetzungen, die sich während seiner Abwesenheit zwischen Abroso, dessen Frau Karolani und Männern von Utuan ereignet hatten. Abroso und seine Frau hatten bei Fahrten nach Kabakon vor der Insel Fischernetze aufgespannt; die Utuan-Leute warfen ihnen vor, „zu stehlen“.Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, … Münster 2012. Band 1, S. 490. Umgekehrt hatte die Erntemannschaft der Utuan-Leute neben Kleinschmidts Pflanzung ein Hüttendorf errichtet, um die tägliche Bootsfahrt zu sparen. Für Abroso wurde dadurch die Erlaubnis Kleinschmidts, die Pflanzung zur Ernte zu nutzen, überdehnt. Mitte Dezember waren er und Karolani in die Siedlung einmarschiert und hatten – angeblich zur Verteidigung von Kleinschmidts Besitz – mehrere Hütten niedergebrannt. Von Rev. Benjamin Danks als Abrosos Vorgesetztem war die Aktion verurteilt worden. Kleinschmidt hingegen nahm nach Wiederankunft den früheren Nachbarn in Schutz: Die Brandschatzung auf Kabakon, argumentierte er, wäre „völlig zu Recht“ geschehen, denn „[h]ätte [Abroso es] nicht getan, hätten [die Utuan-Leute] womöglich bald ein ganzes Dorf auf der Insel gebaut, um einen neuen Anspruch auf sie zu begründen!“Kleinschmidt an Danks, 5. Januar 1880, in: Benjamin Danks: Diary written in New Britain, 1878–1882, in: Methodist Church Papers Nr. 616, Mitchell Library, Sydney. Dem folgte ein Federkrieg zwischen Danks und Kleinschmidt sowie der faktische Ausschluss Abrosos aus der Mission (Suspendierung vom Dienst).

Wachsende Spannungen mit Einheimischen und Neusiedlern Im Gegenzug zur Ernteerlaubnis hatten die Utuan-Männer Kleinschmidt zugesagt, ihm nach der Rückkehr mit Rudermannschaften für Exkursionen auszuhelfen. Infolge der neuen Spannungen wurde das Versprechen nur zögernd eingelöst. Mit der ausweichenden Erklärung, Kleinschmidt habe ja seinerzeit „nur den Grund und Boden und nicht den Busch, Wald etc. etc. darauf gekauft“, machten die Utuan-Leute laut Anderhandt „unschlagbar diplomatisch“ klar, dass der Naturforscher zunächst einen Teil seiner wohlerworbenen Ansprüche auf Kabakon wieder aufgeben müsste, um „guten Willen zu zeigen und zu demonstrieren, dass er es damals, vor seiner Abreise, mit seiner Zusage an die Männer von Utuan, von seiner Pflanzung ernten zu dürfen, doch ernst gemeint hatte.“Jakob Anderhandt: Eduard Hernsheim, … Münster 2012. Band 1, S. 532. Aus Mangel an Feinsinn und Einfühlungsvermögen wäre Kleinschmidt auf solche Einigungsvorschläge aber nicht eingegangen.

Nach einem vergeblichen Versuch im Mai des Jahres, auf der Nachbarinsel Kerawara eine Bootsmannschaft anzuheuern, brannte Kleinschmidt deren bestes Haus nieder.Heinz Heinz Schütte: In: Pacific Studies. Vol. 14, No. 3 (1991), S. 69–96, hier: S. 74. (Auch Kerawara-Leute hatten von der Pflanzung auf Kabakon geerntet, und einige Insulaner hatten auf mehreren Eilanden der Gruppe einen Wohnsitz.) Mit fünf quasi gekidnappten Männern, die ihm nach der Brandlegung widerstrebend folgten, fuhr Kleinschmidt im Juni des Jahres die südliche Blanchebucht ab (Gazelle-Halbinsel).

Im Folgemonat zwangen ihn finanzielle Schwierigkeiten, bei der im Archipel ansässigen Handelsfirma Hernsheim & Co einen Kredit aufzunehmen und sich bei Thomas Farrell, dem Geschäftsleiter der Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft auf Mioko, als Agent für Landkäufe zu verdingen.Schulle an Hernsheim, in Eduard Hernsheim: Tagebücher (1880–1886, Original, unveröff., Staatsarchiv Hamburg, Familienarchiv Hernsheim), 30. Juli 1880. In dieser Tätigkeit erwarb Kleinschmidt bis zur Jahresmitte 1880 mehrfach Strecken, auf die andere Europäer bereits Besitztitel hielten. Laut mündlichem Bericht an Eduard Hernsheim sorgte er damit sowohl bei Einheimischen als auch europäischen Neusiedlern für „Scherereien“.Hoyer an Hernsheim, in Eduard Hernsheim: Tagebücher (1880–1886, Original, unveröff., Staatsarchiv Hamburg, Familienarchiv Hernsheim), 21. Mai 1880.