miniatur|Biwak in einer Felswand im Yosemite-Nationalpark Bigwall-Klettern ist eine Bezeichnung aus dem Klettersport und beschreibt die Durchsteigung einer Felswand, die als „Bigwall“ bezeichnet wird. Ein Bigwall (engl. , „große Wand“) ist eine Felswand, deren Durchsteigung aufgrund ihrer Höhe (mehrere hundert Meter) und ihrer Kletterschwierigkeit mehrere Tage in Anspruch nehmen kann. Der Begriff Bigwall tauchte erstmals in den 1950er und 1960er Jahren in den USA auf und bezog sich auf Felswände im Yosemite-Tal, insbesondere auf die des Half Dome und des El Capitan. Diese Wände wurden damals dank der Entwicklung neuer technischer Hilfsmittels erstmals durchstiegen. Die Fortschritte der Klettertechnik der 1980er Jahre haben es Spitzenkletterern ermöglicht, einen Bigwall in weniger als einem Tag zu durchsteigen, bzw. ehemals technisch begangene Bigwalls frei zu klettern.

Bigwalls werden in der Regel von Zweier-Seilschaften durchgeführt. Es unterscheidet sich vom klassischen Begehungsstil dadurch, dass in der Regel der Nachsteiger, um Zeit und Energie zu sparen, mit Hilfe von Steigklemmen an einem Fixseil zum nächsten Stand aufsteigt. Im deutschen Sprachgebrauch „jümart“ der Nachsteiger (engl. jumaring), abgeleitet vom Namen der Steigklemme der Schweizer Firma Jümar. In Bigwalls sind neben normalen Kletter-Passagen, die meist mit mobilen Sicherungsmitteln abgesichert werden müssen, längere Abschnitte mit künstlichen Hilfsmitteln zu klettern, die eine umfangreiche Spezial-Ausrüstung erfordern. Proviant, Wasser und Biwakmaterial werden nicht auf dem Rücken in Rucksäcken transportiert, sondern in sogenannten Haulbags verstaut und nachgezogen.

Charakter von Bigwall-Routen mini|Typische Risskletterei am El Capitan mit mobilen Sicherungsmitteln El Capitan im Yosemite-Nationalpark ist wohl der berühmteste Bigwall der Welt. Abgesehen von Speed-Begehungen und langwierigen Frei-Kletter-Versuchen benötigen die meisten Seilschaften zwei bis fünf Tage, um den Ausstieg zu erreichen. Bigwalls befinden sich außerhalb des Yosemite-Nationalparks häufig in abgelegenen Gebieten wie Grönland, Baffin Island oder Patagonien. Bigwall-Routen sind lang und meist sehr exponiert. Kletterer und Kletterinnen bleiben während des gesamten Aufstiegs in der Felswand, wobei es oft nur wenige Möglichkeiten gibt, sich auf Felsbändern oder Vorsprüngen hinzusetzen. Fluchtmöglichkeiten aus der Wand sind nach langen Quergängen oder oberhalb großer Dächer oft schwierig. Bigwall-Klettern gilt daher als ernsthafteres Unterfangen als das Klettern von Mehrseillängenrouten.

Um in der Wand zu biwakieren, wenn es keine geeigneten Felsvorsprünge oder Bänder gibt, wurden Portaledges entwickelt. Diese sind eine Weiterentwicklung der anfangs eingesetzten Hängematten. Es besteht aus einem mit Stoff bespannten starren Untergestell. Die nicht am Körper getragene Ausrüstung wird in einem großen Sack verstaut, dem sogenannten Haulbag, der bis zu 100 kg wiegen kann. Der Haulbag wird nachgezogen, was mit einem erheblichen Kraftaufwand verbunden ist, vor allem in geneigteren Passagen, wo zum Gewicht des Haulbags auch noch die Reibung am Fels hinzukommt.

Klettern im Bigwall-Stil Bigwall-Klettern geht durch schwieriges technisches Klettern und die Notwendigkeit, Material für mehrere Tage mitzunehmen, über die Anforderungen normaler Mehrseillängen-Routen hinaus. Es verlangt spezielle Ausrüstung und Techniken. Der grundlegende Ablauf des Kletterns ist wie folgt:

Der Vorsteiger klettert vom letzten Standplatz aus eine Seillänge frei und/oder mit technischen Hilfsmitteln, wobei er zu dem normalen Kletterseil ein zweites Seil (das Haul-Seil) hinter sich herzieht. Am Stand angekommen, sichert sich der Vorsteiger mit dem Kletterseil an den Standsicherungen und fixiert dort auch das Kletterseil, nachdem er es straffgezogen hat. Dann zieht der Vorsteiger das Haul-Seil straff und richtet für dieses ein Seilzugsystem mit Rücklaufsperre ein. Anschließend löst der Nachsteiger den Haulbag vom unteren Stand, so dass dieser frei am Haul-Seil hängt. Während der Nachsteiger am Kletterseil zum oberen Stand jümart und dabei die Ausrüstung mitnimmt (er/sie „cleant “die Seillänge), zieht der Vorsteiger den Haulbag zu sich hoch. Ist der Haulbag oben angekommen, wird er an der Standsicherung fixiert. Wenn der Zweite den Stand erreicht hat, fixiert auch er sich an den Standsicherungen. Dann ordnet das Team die Seile und bereitet die Ausrüstung für die nächste Seillänge vor.

Dieser Vorgang wiederholt sich, bis der Biwakplatz für die Nacht erreicht ist. Die Führung wird meist nur an guten Standplätzen gewechselt, um das Seil- und Materialhandling zu vereinfachen.

Das Vorankommen im Bigwall kann durch die Anwendung der sogenannten Raupentechnik signifikant beschleunigt werden. Dabei klettert der Vorsteiger solo, aber mit Selbstsicherung (Rope Solo) weiter, nachdem er Haul-Seil und Kletterseil des Nachsteigers am oberen Stand fixiert hat. Während der Vorsteiger weiterklettert, cleant der Nachsteiger die letzte Seillänge und zieht dann den Haulbag nach.

Abgrenzung Bigwall-Klettern zu Klettern in hohen Wänden Eine allgemeingültige Definition für „Bigwall-Klettern“ gibt es nicht. Im deutschsprachigen Raum werden Bigwalls nach dem Routencharakter und dem Begehungsstil definiert. Die englische Bezeichnung „big wall“ für „hohe Wand“ greift hier zu kurz. Als „big wall“ werden im angelsächsischen Raum die Große Zinne genannt, die Marmolata-Südwand und die Westwand des Petit Dru. Auch die Ha-He-Verschneidung an der Dreizinkenspitze wird als „big wall“ bezeichnet. Routen in hohen Felswände würden im Deutschen nur, weil sie hoch sind, nicht als Bigwall bezeichnet werden.

Ausrüstung für Bigwall-Klettern mini|Blick auf den unter dem Stand hängenden Haulbag (The Shield, El Capitan) Bigwalls erfordern durch Routencharakter und Begehungsstil einen erheblich höheren Materialbedarf im Vergleich zu langen Mehrseillängen-Routen. Neben normaler Kletterausrüstung wie Klettergurt, Helm, Kletterseil, Ausrüstung zum Standbau und angepasster Kleidung kommen folgende Ausrüstungsgegenstände in Bigwalls zum Einsatz:

viele Karabiner und Expresssets, Hammer und Hakenmaterial von kleinen Mikrohaken wie Camhooks über Copperheads bis zu großen Profilhaken, mobile Sicherungsmittel wie asymmetrische Klemmkeile und vor allem Cams aller Art, Cliffhanger verschiedener Größe, Steigklemmen (Jümar) für den Nachstieg, Haulbag, Haul-Seil, eine lange Reepschnur, um den Haulbag kontrolliert in die Haul-Position zu manövrieren, Seilrollen, Rücklaufbremse, um den Haulbag hochzuziehen, und u. U. Material, um einen Flaschenzug zu bauen, Biwakmaterial wie Portaledge, Isomatte, Schlafsack, Kocher mit Topf und Feuerzeug, Wasser und Proviant.

Wichtige Gebiete für das Bigwall-Klettern Für die Entwicklung des Bigwall-Kletterns wichtige Gebiete sind:

El Capitan und Half Dome im Yosemite Nationalpark, USA. Dies ist der berühmteste Bigwall-Treffpunkt der Welt. Trango-Towers im Karakorum in Pakistan. Bekannt sind der „Nameless Tower“ für seine Schönheit und die Ostwand bzw. der Ostpfeiler des Great-Trango-Tower als die längsten Bigwall-Klettereien der Welt. Mount Asgard und Thor Peak in Baffin Island, Kanada. In den frühen 1970er Jahren wies der britische Bigwall-Kletterer Doug Scott auf die riesigen Klettermöglichkeiten auf Baffin Island hin, und Charlie Porter gelang dort der erste Grade-VII Bigwall. Torres del Paine im chilenischen Patagonien. Für Bigwall-Klettern von britischen und italienischen Bergsteigern in den frühen 1960er Jahren entdeckt. Cerro Torre und Fitz Roy in Patagonien, Argentinien. Der Cerro Torre ist eines der bekanntesten Ziele für Bigwall-Klettern. Ulvetanna in Neuschwabenland, Queen Maud Land in der Ostantarktika, Norwegen. Gilt als die „letzte Grenze“ im Bigwall-Klettern.

Neben den oben genannten Gebieten werden noch an vielen anderen hohen Felswänden Bigwalls geklettert. Sie waren jedoch für die Entwicklung des Bigwall-Kletterns nicht so bedeutend; dazu gehören die Trollwand (Norwegen), Cerro Autana (Venezuela), Naranjo de Bulnes (Spanien), das Tsaratanana-Massiv (Madagaskar), Potrero Chico (Mexiko), Ketil (Grönland) sowie Notch Peak und The Streaked Wall (Utah, USA).

Gebiete in den Alpen mit bekannten, nicht zu schweren Bigwalls befinden sich z. B. in den Klettergebieten von Arco, des Val di Mello oder des Tessin. Aber auch in den Urner Alpen und im Klettergebiet Verdonschlucht wurden interessante Bigwalls erschlossen. Kurze Technorouten finden sich z. B. im Maltatal.

Geschichte des Bigwall-Kletterns mini|Half Dome mit dem Routenverlauf der Regular NW-Face Als Beginn des modernen Bigwall-Klettern wird häufig die Erstbegehung der Regular Route in der Half-Dome-Nordwestwand im Jahr 1957 durch Royal Robbins, Jerry Gallwas und Mike Sherrick gesehen. Bei seinem ersten Begehungsversuch im Jahr 1955 gab Robbins nach etwa 150 m auf, nicht wegen der Kletterschwierigkeiten „sondern vielmehr, weil uns die vertikale Weite einschüchterte“. Kletterpassagen wie die Robbins-Traverse, Zig-Zag-Risse und das Thank Gods Ledge sind legendär geworden, ebenso wie der Biwakplatz Big Sandy, ein schmales Band, das 550 m über dem Einstieg liegt.

1958 gelangen Warren Harding, Wayne Merry, George Whitmore und Rich Calderwood die Erstbegehung der Nose am El Capitan. Nach insgesamt 47 Klettertagen, 600 Haken und 125 Bohrhaken sowie unter Verwendung von Fixseilen erreichten sie schließlich den Ausstieg. Bei ihrem finalen Durchstieg waren sie 11 Tage ununterbrochen in der Wand. Die Besteigung fand zwar weltweite Anerkennung, war aber wegen des übermäßigen Einsatzes von Hilfsmitteln umstritten. John Long konstatierte: „Niemand hatte daran gedacht, am Al Cap zu klettern, bevor Harding und Co. begannen, die unteren Seillängen der Nose einzurichten. In den zehn Jahren nach ihrer Erstbegehung wurde diese Route zur besten und bekanntesten Kletterroute der Welt“. mini|Biwak auf der Hollow Flake bei der Erstbegehung der Salathé Mit der Erstbegehung der Routen Salathé (1961) und Northamerican Wall (1964) am El Capitan prägte Robbins nachhaltig die Ethik der Erschließung von Bigwall-Routen. Er propagierte, den Einsatz von Hilfsmitteln auf ein Minimum zu beschränken und natürliche Schwachstellen einer Wand auszunutzen. Es ist charakteristisch für Royal Robbins, dass das Kletter-Team, das neben Robbins aus Tom Frost und Chuck Pratt bestand, bei der Erstbegehung der Salathé in 300 m Höhe beschloss, ihre Hilfsseile, die sie für einen Rückzug hätten nutzen können, zum Wandfuss hinabzuwerfen. Jetzt gab es nur noch den Weg nach oben, ohne Hoffnung auf Bergrettung im Falle von Problemen. „Kein neuer Bigwall von der Länge und Schwierigkeit der Salathé am El Cap wurde jemals in einem Zug ohne Fixseile bewältigt“, schrieben Steve Roper und Allen Steck im Jahr 1996. Diese Aussage ist nicht ganz richtig. Robbins erklärte in einem Interview, dass sie in 2½ Tagen bis zum Heart-Ledge kletterten und dann an sechs Fixseilen zum Boden zurückkehrten. Einige Tage später stiegen sie an diesen Fixseilen wieder zum Heart-Ledge auf, von wo aus sie die Begehung fortsetzten, nachdem sie drei der Fixseile die Wand hinabgeworfen hatten.