mini|Chutba zum Fest des Fastenbrechens in einer indonesischen Moschee Die Chutba (, ) ist im Islam eine liturgische Ansprache, die während Freitagsgottesdienstes, an den beiden islamischen Festen (Opferfest und Fest des Fastenbrechens) sowie bei verschiedenen anderen religiösen Anlässen gehalten wird. Der Begriff bezeichnete ursprünglich verschiedene Formen von Ansprachen zu politischen, religiösen, militärischen, sozialen, rechtlichen oder ethischen Themen. Im Laufe der Zeit hat das Wort jedoch eine Bedeutungsverengung erfahren, so dass damit meist eine Ansprache bei einem religiösen islamischen Anlass gemeint ist. Die bekannteste Form der Chutba ist die Freitagspredigt. Eines der auffälligsten Merkmale der frühislamischen Chutba ist der unablässige Gebrauch von kurzen parallel gebauten Sätzen und Phrasen in Sadschʿ-Stil. Qutbuddin: “Khuṭba: The Evolution of Early Arabic Oration”. 2008, S. 211. Der arabische Begriff für die Kunst der Ansprache ist Chitāba (ḫiṭāba), und die Person, die eine Ansprache hält, wird Chatīb genannt.
Frühe Geschichte Altes Arabien mini|Mohammed bei der Chutba, die er bei der Abschiedswallfahrt hielt, Darstellung in einer Bīrūnī-Handschrift Die Chutba existierte als Redeform schon im vorislamischen Arabien. Allerdings haben nur wenige Chutba-Proben aus vorislamischer Zeit überlebt. Die vorislamische Chutba diente dazu, Krieger zum Kampf zu mobilisieren, tribale Streitigkeiten zu schlichten oder bisweilen auch einer Zuhörerschaft die Nähe des Todes zu vergegenwärtigen. Eine der bekanntesten vorislamischen Chutba-Ansprachen wird dem christlichen Bischof von Nadschran, Quss ibn Sāʿida al-Iyādī (gest. ca. 600) zugeschrieben, die mit den Worten beginnt: „Wer auch immer lebt, stirbt. Wer auch immer stirbt, vergeht. Alles, was kommt, kommt.“al-Ǧāḥiẓ: al-Bayān wa-t-tabyīn. 1985, Bd. I, S. 308–09. Quss soll auch der erste gewesen sein, der sich bei der Chutba auf einen Stock stützte.Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: al-Iṣāba fī tamyīz aṣ-ṣaḥāba. Ed. ʿĀdil Aḥmad ʿAbd al-Mauǧūd. Dār al-Kutub al-ʿilmīya, Beirut, 1995. Bd. V, S. 413. Digitalisat
Auch viele der Chutbas Mohammeds waren Ansprachen von politischer Natur. Nach einer Tradition, die im Namen von Abū Saʿīd al-Chudrī überliefert wird, pflegte Mohammed an den Festtagen eine Chutba zu halten, die im Wesentlichen aus der Aufforderung bestand, an einer Mission oder Expedition teilzunehmen.Wensinck: „khuṭba“ in Enzyklopaedie des Islam. Bd. II, S. 1056a. Sehr bekannt ist die Ansprache, die Mohammed während seiner Abschiedswallfahrt in der Ebene ʿArafāt vom Rücken eines Kamels aus gehalten haben soll. Sie wird in der Prophetenvita Ibn Hischāms überliefert.Ibn Hišām: Kitāb Sīrat Rasūl Allāh Aus d. Hs. zu Berlin, Leipzig, Gotha u. Leyden hrsg. von Ferdinand Wüstenfeld. 2 Bde. Göttingen 1858–59. Bd. I, S. 968–70. Digitalisat Die Ansprache enthielt eine ganze Anzahl von Neuregelungen.Peter Matthews Wright: Critical Approaches to the Farewell Khutba in Ibn Ishaq's Life of the Prophet in Comparative Islamic Studies 6 (2010) 217–249. Für die imamitischen Schiiten ist außerdem diejenige Chutba sehr wichtig, die Mohammed nach übereinstimmender muslimischer Überlieferung nach der Abschiedswallfahrt bei dem Teich Ghadīr Chumm hielt, weil er darin nach schiitischer Vorstellung seinen Cousin ʿAlī ibn Abī Tālib als Nachfolger einsetzte.Anṣārī: „Ḫuṭba“. 1999, S. 171. Albrecht Noth vermutet, dass das, was an Chutbas aus frühislamischer Zeit überliefert ist, von vorne bis hinten erfunden ist.Qutbuddin: Khuṭba: The Evolution of Early Arabic Oration. 2008, S. 179.
Die Chutba während der Umaiyaden-Zeit Im frühen Islam waren es die Kalifen selbst, „welche die liturgische Chutba verrichten“.Goldziher: "Der Chatîb bei den alten Arabern". 1892, S. 99. Während des Kalifats von Muʿāwiya I. (661–680) entzündeten sich Debatten über die Frage, ob die Chutba im Sitzen oder im Stehen zu halten sei. Nach einer Tradition, die im Sahīh Muslim überliefert ist, monierte der Prophetengefährte Kaʿb ibn ʿUdschra (gest. 671), dass Ibn Umm al-Hakam, Muʿāwiyas Gouverneur in Kufa, die Chutba in der Moschee im Sitzen hielt. Er hielt es für erwiesen an, dass Mohammed sie im Stehen gehalten hatte, und verwies zum Beweis auf das an Mohammed gerichtete Koranwort in Sure 62:11: „Wenn die Leute Handelsware oder (sonst irgend) eine Ablenkung (zu) sehen (bekommen), laufen sie hin und lassen dich stehen.“Zit. in Walī ad-Dīn at-Tabrīzī: Miškāt al-maṣābīḥ. Ed. Naṣīr ad-Dīn al-Albānī. S. 444. Digitalisat – Engl. Übers. N.A. Matthews. Calcutta 1809. S. 307. Digitalisat Der Traditionarier ʿAmr ibn Schuʿaib (gest. 736) aus at-Tā'if wird mit der Aussage zitiert, dass Muʿāwiya knapp ein Jahr die Chutba im Stehen gehalten habe, dann aber während der Auseinandersetzung mit ʿAlī ibn Abī Tālib dazu übergegangen sei, die Chutba teilweise auch im Sitzen zu halten.ʿAbd ar-Razzāq aṣ-Ṣanʿānī: Muṣannaf. Dār at-Taʾṣīl, Kairo, 2015. Bd. II, S. 133. Später meinte Ibn ʿAbd al-Barr, dass Muʿāwiya nach übereinstimmender Meinung die Chutba im Sitzen gehalten habe.Ibn ʿAbd al-Barr: al-Istiḏkār fī šarḥ maḏāhib ʿulamāʾ ʾl-amṣār. 1993, Bd. V, S. 129.
Von al-Walīd ibn ʿAbd al-Malik (reg. 705–715) wird überliefert, dass er bei seiner Wallfahrt im Jahre 710 in Medina eine zweiteilige Chutba hielt, wobei er bei der ersten Chutba saß und sich für die zweite Chutba hinstellte.Ibn Taġrībirdī: an-Nuǧūm az-zāhira fī mulūk Miṣr wa-l-Qāhira. Ed. T. G. J. Juynboll und B. F. Matthes. Brill, Leiden, 1855. Bd. I, S. 249. Digitalisat Einige Zeitgenossen betrachteten dies jedoch als eine unzulässige Neuerung. Als der medinische Gelehrte Saʿīd ibn al-Musaiyab sah, dass al-Walīd die Chutba im Sitzen abgehalten hatte, soll er gesagt haben: „Bei Gott, der Gottesgesandte hat die Chutba immer nur im Stehen abgehalten, und so auch die Kalifen nach ihm.“Sibṭ Ibn al-Ǧauzī: Mirʾāt az-zamān fī tawārīḫ al-aʿyān. Dār ar-Risāla al-ʿĀlamīya, Beirut, 2013. Bd. IX, S. 450. Digitalisat Ein gewisser Ishāq ibn Yahyā stellte deswegen Radschā' ibn Haiwa, den Asketen der Umaiyaden, der den Kalifen begleitete, zur Rede. Er verteidigte diesen Ritus damit, dass bereits der Kalif Muʿāwiya bei der Chutba so vorgegangen sei. Außerdem verwies er darauf, dass der Kalif ʿAbd al-Malik I., der diesen Brauch nicht aufgegeben habe, von Qabīsa ibn Dhu'aib (gest. 705) darauf angesprochen worden sei und sich damit verteidigt habe, dass bereits der Kalif ʿUthmān ibn ʿAffān die Chutba so gehalten habe. Ishāq schwor daraufhin, dass ʿUthmān die Chutba im Stehen gehalten habe. Radschā' antwortete, dass der Kalif ihnen dies überliefert habe, und sie sich daran gehalten hätten.
Nach einer Überlieferung, die ʿAbd ar-Razzāq as-Sanʿānī anführt, nannte der mekkanische Gelehrte ʿAtā' ibn Abī Rabāh (gest. ca. 732) auf die Frage, wer der erste war, der bei der Chutba ein Sitzen eingeführt habe, ebenfalls ʿUthmān. Er habe dies im hohen Alter so gehandhabt, wenn ihn ein Zittern ergriff. Bei diesen Gelegenheiten habe er sich kurz gesetzt. Auf die Frage, ob ʿUthmān im Sitzen die Chutba fortgesetzt habe, antwortete ʿAtā', dass er das nicht wisse.ʿAbd ar-Razzāq aṣ-Ṣanʿānī: al-Muṣannaf. 2015, Bd. III, S. 132. Von Chālid ibn al-ʿĀs, der unter ʿUmar ibn al-Chattāb Gouverneur von Mekka gewesen war, berichtete ʿAtā', dass er die Chutba an einem Stück stehend auf dem Boden gehalten habe, ohne sich irgendwann zu setzen. Erst als er erkrankt sei, habe er sich auf eine Treppe gesetzt.ʿAbd ar-Razzāq aṣ-Ṣanʿānī: Muṣannaf. 2015, Bd. II, S. 132f. Als ʿAtā' gefragt wurde, wie der mekkanische Kalif ʿAbdallāh ibn az-Zubair die Chutba gehalten hatte, antwortete er: „Er saß und hielt die Chutba im Sitzen. Dann stand er auf und setzte die Chutba fort. Meistens saß er aber dabei.“ Der Brauch, die Chutba an Freitagen und Festtagen im Sitzen abzuhalten, blieb bis zum Ende der Umaiyadenzeit bestehen.Kitāb al-ʿUyūn wa-l-ḥadāʾiq fī aḫbār al-ḥaqāʾiq. Ed. M. J. de Goeje in Fragmenta Historicorum Arabicorum Bd. I. Brill, Leiden, 1871. S. 187. Digitalisat
Zu den Chutba-Genres zur Zeit des frühen Kalifats gehört die Huldigungsansprache (ḫuṭbat al-baiʿa), eine Rede, die von dem neuen Kalifen nach dem Tod seines Vorgängers gehalten wurde oder einem Gouverneur, der dem neuen Kalifen den Treueid leistete. Chutba-Reden wurden gewöhnlich vorher schriftlich ausgearbeitet.Dähne: Reden der Araber. 2001, S. 21. Es galt als eine Tugend, die Chutba kurz zu halten. Nach einer Aussage, die al-Dschāhiz von al-Madā'inī (gest. 843) zitiert, soll der Prophetengefährte ʿAmmār ibn Yāsir, als er sich einmal in der Rede kurz hielt und von seinen Zuhörern aufgefordert wurde, mehr zu sagen, geantwortet haben: „Der Gottesgesandte hat uns befohlen, das Gebet lang zu halten, und die Ansprachen (ḫuṭab) kurz.“al-Ǧāḥiẓ: al-Bayān wa-t-tabyīn. 1985, Bd. I, S. 303.
Die Entwicklung der Chutba hin zu einem liturgischen Akt Nach Ignaz Goldziher vollzog sich erst in der abbasidischen Zeit „die innere Wandlung der Chutba zu einem Acte von specifisch liturgischem Charakter“.Goldziher: "Der Chatîb bei den alten Arabern". 1892, S. 101. Hārūn ar-Raschīd ließ die erste Chutba, die sein Sohn al-Ma'mūn zu halten hatte, für diesen durch andere konzipieren.Goldziher: "Der Chatîb bei den alten Arabern". 1892, S. 100.
Al-Dschāhiz äußert in seinem Werk al-Bayān wa-t-tabyīn, dass die Redner (ḫuṭabāʾ) der Altvorderen die Chutba, die nicht mit einer Hamdala beginnt und mit einer Lobpreisung (tamǧīd) eröffnet wird, „unvollkommen“ (batrāʾ) genannt hätten. Des Weiteren hätten sie die Chutba, die nicht mit dem Koran geschmückt und mit dem Gebet für den Propheten verziert wird, als „missgestaltet“ (šauhāʾ) bezeichnet. Die Leute der Beredsamkeit (ahl al-bayān) der nachfolgenden Generationen täten dies noch immer. An der gleichen Stelle zitiert er einen Scheich mit der Aussage: „Wäre in der Chutba dieses Jünglings etwas aus dem Koran, dann wäre er der beste Redner der Araber.“al-Ǧāḥiẓ: al-Bayān wa-t-tabyīn. 1985, Bd. II, S. 6. Andere hielten die Rezitation der Schahāda für einen wesentlichen Teil der Chutba. Ein Hadith in dem Musnad von Ahmad ibn Hanbal, der auf Abū Huraira zurückgeführt wird, lautet: „Jede Chutba, in der keine Schahāda erfolgt, ist wie eine verstümmelte Hand (ka-l-yad al-ǧaḏmāʾ)“.Aḥmad ibn Ḥanbal: Musnad. Ed. Aḥmad Muḥammad Šākir. Dār al-Ḥadīṯ, Kairo, 1995. Bd. VIII, S. 337, Nr. 8499. Digitalisat
Chutba-Sammlungen Ab dem 9. Jahrhundert stellten muslimische Gelehrte verschiedene Sammlungen historischer Ansprachen aus vorislamischer und frühislamischer Zeit zusammen, die Modellcharakter hatten: Al-Dschāhiz (gest. 869) überliefert in seinem Buch al-Bayān wa-tabyīn 110 Chutba-Ansprachen aus frühislamischer Zeit an, darunter auch die Ansprache, die Mohammed, während seiner Abschiedswallfahrt gehalten haben soll. Ibn Qutaiba (gest. 889) hat in seinem Werk ʿUyūn al-aḫbār 48 politische Ansprachen zusammengetragen.Ibn Qutaiba: ʿUyūn al-aḫbār. 2. Aufl. Dār al-kutub, Kairo, 1996. Bd. II, S. 231–260. Digitalisat Der andalusische Gelehrte Ibn ʿAbd Rabbih (gest. 940) führt im 13. Kapitel seiner Adab-Enzyklopädie al-ʿIqd al-farīd insgesamt 135 Chutba-Reden politischen InhaltsDähne: Reden der Araber. 2001, S. 24. aus der Zeit von Mohammed bis zum abbasidischen Kalifen al-Ma'mūn auf.Ibn ʿAbd Rabbih: al-ʿIqd al-Farīd. Ed. Mufīd Muḥammad Qumaiḥa. Maktabat al-Maʿārif, Riad, 1983. Bd. IV, S. 145–237. Digitalisat Es gibt 42 Parallelen zu der Sammlung von al-Dschāhiz.Walter Werkmeister: Quellenuntersuchungen zum Kitāb al-ʿIqd al-farīd des Andalusiers Ibn ʿAbdrabbih (246/860 - 328/940): ein Beitrag zur arabischen Literaturgeschichte. Schwarz, Berlin, 1983. S. 82. Digitalisat asch-Scharīf ar-Radī (gest. 1014) hat in seiner Sammlung Nahdsch al-Balāgha die Ansprachen von ʿAlī ibn Abī Tālib gesammelt, die als ein Höhepunkt arabischer Redekunst gelten. Ibn an-Nadīm führt in seinem Fihrist noch weitere Chutba-Sammlungen an.Dähne: Reden der Araber. 2001, S. 24.