Die Dunkle Europäische Honigbiene (Apis mellifera mellifera), auch Dunkle Biene oder Braunelle genannt, ist eine natürlich entstandene Unterart der Westlichen Honigbiene (Apis mellifera). Sie ist die einzige auf der Alpennordseite ursprünglich einheimische Honigbiene und der Urtyp aller Honigbienen.Friedrich Ruttner: Naturgeschichte der Honigbienen. Franckh-Kosmos-Verlag. 1992. S. 39

Als Wildtier lebten Dunkle Bienen, seit etwa 10.000 Jahren, als einzige endemische Honigbiene, in zahlreichen europäischen Waldgebieten von Frankreich bis Sibirien. Ihre Verdrängung durch Zuchtformen sowie ihre Bekämpfung, um Kreuzungen zu verhindern, haben dazu geführt, dass die Dunkle Biene seit dem Zweiten Weltkrieg in weiten Teilen Europas so gut wie ausgestorben ist.Die Dunkle Biene. Rückkehr der vergessenen heimischen Honigbiene Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, aufgerufen am 9. Oktober 2022

Ursprüngliche geografische Verbreitung Untersuchungen aus dem Jahr 2013 zeigen, dass die Ur-Honigbiene (Apis) schon vor 25 Millionen Jahren in Europa lebte. Während der verschiedenen Phasen des Eiszeitalters wanderten Völker dieser europäischen Ur-Honigbiene zwischen Nord- und Südeuropa hin und her.Ulrich Kotthoff, Torsten Wappler, Michael S. Engel: Greater past disparity and diversity hints at ancient migrations of European honey bee lineages into Africa and Asia. In: Journal of Biogeography. 20. Juni 2013. doi:10.1111/jbi.12151. Während der letzten Eiszeit, die vor rund 11.700 Jahren endete, waren die Alpenländer Schweiz und Österreich vollständig mit Eis bedeckt. Die Ur-Biene zog sich wieder nach Südeuropa zurück. Rund um das Mittelmeer, wo der Meeresspiegel wegen der Eiszeit bis 90 Meter tiefer lag und zwischenzeitlich neues Land entstand, fand sie dichte Küstenwälder und andere klimatisch begünstigte Gebiete vor.

Entwicklung der M-Gruppe Die unterschiedlichen Zonen auf der Iberischen Halbinsel, in Südfrankreich, Italien und auf dem Balkan boten ideale Voraussetzungen für die Bildung isolierter Populationen, aus denen sich zwei Gruppen der Westlichen Honigbiene (Apis mellifera) entwickeln konnten: In Italien und auf dem Balkan die C-Gruppe, unter anderem mit der Carnica- und Ligustica-Biene. In Südfrankreich war es die M-Gruppe der Dunklen Bienen aus Nord- und Westeuropa sowie Nordafrika.

Aus der M-Gruppe entwickelten sich auf dem europäischen Kontinent zwei Unterarten: Dunkle Europäische Biene (Apis mellifera mellifera) nördlich der Alpen, Nord- und Osteuropa Iberische Biene (Apis mellifera iberica) in Spanien und Portugal

sowie in Nordafrika: Saharabiene (Apis mellifera sahariensis) Tellbiene (Apis mellifera intermissa) Rifbiene (Apis mellifera major)

Ausbreitung Ab dem Ende der Eiszeit vor 11.700 Jahren erwärmte sich das Klima auf dem europäischen Kontinent wieder. Auf der Iberischen Halbinsel hatte sich die Unterart der Iberischen Biene etabliert (die wie die Dunkle Biene zur M-Gruppe gehört), in Italien die Ligustica-Biene und auf dem Balkan bis nach Wien die Carnica-Biene (beide aus der C-Gruppe). Die neu entstandene Unterart der Dunklen Biene musste den 1200 Kilometer langen und bis 250 Kilometer breiten Alpenbogen überwinden, um ihr künftiges Territorium auf der Alpennordseite zu erreichen. Von der französischen Mittelmeerküste aus verbreitete sich die Dunkle Biene vor 9000 Jahren in einer Zangenbewegung rund um die Ostflanke respektive die Westflanke der Alpen nach Deutschland vor – und von dort in einer Nord-Südbewegung in die Alpentäler von Österreich und der Schweiz. Die Dunkle Biene folgte dabei einer «Pionierpflanze», der Hasel. Diese hat eine Ausbreitungsgeschwindigkeit von 1,5 Kilometern pro Jahr. Mit der sich ständig nach Norden verschiebenden «Haselnuss-Linie» schaffte die Dunkle Biene die 2600 Kilometer lange Strecke vom 42. Breitengrad (bei Perpignan) um den Alpenbogen herum bis zum 60. Breitengrad (bei Stockholm) in 1700 Jahren.

Europäische Auswanderer nahmen die Dunkle Biene in sämtliche gemäßigten Zonen der anderen Kontinente mit. Um 1850 erreichte die Dunkle Biene ihre weltweit größte Verbreitung.Friedrich Ruttner: Naturgeschichte der Honigbienen. Franckh-Kosmos-Verlag, Stuttgart 1992, ISBN 978-3-440-09125-8, S. 48.

Merkmale mini|Der breite, schwarze Hinterleib mit den schmalen Filzbinden und dem stumpfen Ende ist typisch für die Dunkle Biene (Apis mellifera mellifera).

Die Dunkle Biene unterscheidet sich morphologisch deutlich von der Carnica und Ligustica, den beiden weltweit am häufigsten gehaltenen Honigbienen. Zur Bestimmung hilft die Beschreibung des Bienenforschers Friedrich Ruttner aufgrund von Exponaten und Daten aus dem Zeitraum vom 19. Jahrhundert bis in die heutige Zeit:

Die Dunkle Biene lässt sich von den anderen Unterarten der Westlichen Honigbiene anhand ihres schwarzen Chitinpanzers und der dunkelbraunen Behaarung des Brustsegments unterscheiden. Lokale Populationen in der Schweiz und in Österreich, die eine schwarze Haarfarbe und pigmentierte Flügel aufweisen, werden auch Apis mellifera mellifera Nigra genannt (von lat. nigra = die Schwarze). Verein Schweizerischer Mellifera Bienenfreunde, aufgerufen am 9. Oktober 2022

mini|Sterzelnde Dunkle Bienen (Apis mellifera mellifera) vor dem Flugloch. Deutlich zu erkennen sind der breite, schwarze Hinterleib mit den schmalen Filzbinden und dem stumpfen Ende.

Die Dunkle Westliche Honigbiene hat sowohl den längsten, breitesten Körper als auch den kürzesten Saugrüssel unter den Honigbienen. Weitere Unterschiede zur Honigbiene sind der vergleichsweise dicke, schwarze Hinterleib mit seinem stumpfen Ende, die schmalen Filzbinden zwischen den Rückenplatten des Hinterleibes und das lange Überhaar (0,40 bis 0,50 mm) auf der fünften Rückenplatte.

mini|Flügelstruktur und Kubitalindex der Dunklen Biene Bei der internen Flügelstruktur weist die Dunkle Biene hinsichtlich der Aderung weitere Unterschiede zur Westlichen Honigbiene auf. Der Kubitalindex ihrer Vorderflügel ist kleiner als bei der Italienische Biene oder der Kärntner Biene. Weitere Unterscheidungsmerkmale im Flügelgeäder der Dunklen Biene sind ein Hantelindex unter 9,32 und eine Diskoidalverschiebung im negativen Bereich.Friedrich Ruttner: Naturgeschichte der Honigbienen. Franckh-Kosmos-Verlag. 1992. S. 62–63

Eigenschaften Die Eigenschaften eines Bienenvolkes hängen weniger von der Unterart ab als vom lokalen Klima und Trachtangebot sowie von der jahrzehntelangen Selektion und der Betriebsweise der Imker. Angeblich von der Unterart abhängige Unterschiede halten wissenschaftlichen Überprüfungen nicht stand.Europäische Bienenrassen in der Übersicht. In: Deutsches Bienenjournal 2/2006, S. 12–13

Zwischen dem 46. Breitengrad (in den Schweizer Alpentälern) und dem 60. Breitengrad (bei Stockholm) ist das vom Atlantik geprägte Klima oft rau, mit einem wechselhaften Frühling und immer öfter verregneten Sommermonaten. Die Dunkle Biene reagiert darauf und passt Volksentwicklung, Bruttätigkeit und Futterverbrauch dem lokalen Klima und Trachtangebot an. Friedrich Ruttner fasst die Eigenschaften der Mellifera zusammen: «Die Dunkle Biene zeigt eine extreme Vorsicht als Überlebensstrategie in einer harten Umwelt.»Friedrich Ruttner: Naturgeschichte der Honigbienen. Franckh-Kosmos-Verlag. 1992. S. 55

Bruttätigkeit So beginnt die Bruttätigkeit der Mellifera im Frühling nicht «explosionsartig», sondern dosiert und angepasst an das lokale Klima und Trachtangebot. Auch den Höhepunkt ihrer Bruttätigkeit «steuert» die Mellifera dosiert an: Zur Sonnenwende ist das Brutnest der Dunklen Biene immer noch kompakt, was das Überleben des Volkes sichert und zu langlebigen Bienen führt. Andere Unterarten setzen den Honig sofort in Brut um, die dann mangels Futter verhungern kann.

Von den britischen Inseln bis in den Ural sowie von den Alpen bis nach Skandinavien hat die Dunkle Biene die gleichen genetischen Eigenschaften. Weil sich aber das lokale Klima und Trachtangebot quer durch Europa unterscheiden, bildeten sich lokale Ökotypen. In Südwestfrankreich etwa blüht im Departement Les Landes die Heide als wichtigste Trachtpflanze erst von Juli bis Ende August. Der dortige lokale Ökotyp beginnt deshalb seine Bruttätigkeit frühestens Ende April. In der Region um Paris dagegen blühen die ersten Obstbäume schon im März, und die Tracht endet Anfang Juli mit der Edelkastanie. Bei dieser typisch mitteleuropäischen Frühtracht beginnt der lokale Ökotyp seine Bruttätigkeit schon im Februar.

Das kompakte Brutnest der Mellifera ist umgeben von einem breiten Pollenkranz und darüber einem schweren Honigkranz. Im Gegensatz zu den anderen Unterarten speichern die Dunklen Bienen den Pollen sogar unter dem Brutnest. Eine solche Nähe von Brut und Vorräten ist typisch für den «Hüngler-Typ» unter den Honigbienen, also für Völker, die bei Futtermangel ihre Bruttätigkeit einschränken, damit sie keinen Hunger leiden müssen.Martina Siller: Bestandesaufnahme der Dunklen Biene (Apis mellifera mellifera) in Österreich. Institut für Nutztierwissenschaften (NUWI), BOKU-Universität für Bodenkultur in Wien 2010.

Honigleistung Vergleichende Untersuchungen aus den 1960er-Jahren zeigen, dass bei normaler Massentracht die durchschnittliche Honigleistung von Mellifera-Völkern 20 Prozent kleiner war als jene von Carnica-Völkern. Bei kritischen Trachtbedingungen war die durchschnittliche Honigleistung der Mellifera jedoch größer als jene der Carnica.Reto Soland: In: mellifera.ch-Magazin. August 2012, S. 14 (PDF; 4,31 MB). Der Grund für diese Diskrepanz liegt darin, dass die Carnica-Königinnen schon in den 1960er-Jahren aus Zuchtbeständen mit drohnensicheren Belegstellen kamen, die Mellifera aber erst seit den 1990er-Jahren unter kontrollierten Bedingungen gezüchtet wird. Bei kritischen Trachtbedingungen ist die Dunkle Biene hingegen anderen Unterarten überlegen, weil sie auf das wechselhafte atlantische Klima der Alpennordseite reagieren kann. Mit dieser Eigenschaft bringt die Dunkle Biene langfristig und über alle Völker verschiedener Bienenstände einer Region gesehen den gleichen Honigertrag wie andere Unterarten.Jürg Vollmer: In: mellifera.ch. 10. Oktober 2016.

Pollen-Sammeltrieb mini|Apis mellifera mellifera beim Besuch einer Blüte

Ein leistungsstarkes Mellifera-Volk sammelt in der Haupt-Tracht jährlich bis zu 30 kg Pollen. Der eiweißreiche Blütenstaub wird in einem breiten Pollenkranz als Futter für die Larven direkt um das kompakte Brutnest gelagert und mit Nektar sowie Enzymen haltbar gemacht. So hat die Dunkle Biene auch bei andauernden Schlechtwetterlagen einen großen Pollenvorrat. Beim starken Pollen-Sammeltrieb der Dunklen Biene kann der Imker während der Haupt-Tracht bis 30 Prozent der Pollen entnehmen. Getrocknete Blütenpollen oder tiefgekühlte Frischpollen werden als Nahrungsergänzungsmittel mit therapeutischer Wirkung angeboten.Wie wird Blütenpollen geerntet. Schweizerische Pollenimkervereinigung, abgerufen am 9. Oktober 2016

Ein Nebeneffekt des starken Pollen-Sammeltriebes ist der pollenreiche, sehr aromatische Honig der Dunklen Biene mit einem besonders ausgewogenen Geschmack.

Propolis-Sammeltrieb Die Dunkle Biene sammelt sehr viel Propolis und verkittet damit auch kleinste Ritzen im Innern der Bienenbeute. Bis zu 250 Gramm Propolis pro Volk und Jahr sind keine Seltenheit, das sind bis zu drei Mal mehr als die anderen Unterarten.Bruder Adam: Züchtung der Honigbiene. Imkerei-Technik-Verlag, Oppenau 1978, S. 54 Der Imker erntet die Propolis mit einem speziellen, feinmaschigen Kunststoffgitter, dessen störende Zwischenräume die Honigbienen eifrig verkitten. Der so gewonnene Rohstoff wird in 70- bis 75-prozentigem Alkohol aufgelöst und gefiltert. Propolis-Tinkturen oder -Öle werden wegen ihrer antibiotischen, antiviralen und antimykotischen Wirkung gegen Infekte sowie Erkrankungen im Mundbereich und in den Atemwegen eingesetzt. Als Arzneimittel ist Propolis zulassungspflichtig und darf nicht ohne Zulassung vertrieben werden.

Schwarmneigung