mini|General Crerar beim Kartenstudium Die Schlacht an der Scheldemündung (, , ) war eine militärische Operation der kanadischen Streitkräfte während des Zweiten Weltkriegs. Sie fand im Nordwesten Belgiens und im Südwesten der Niederlande zwischen dem 2. Oktober und dem 8. November 1944 statt.

Vorgeschichte Truppen der Wehrmacht hatten in einer Art Blitzkrieg im Mai 1940 Belgien, die Niederlande und Luxemburg („Fall Gelb“) und im Juni Nordfrankreich („Fall Rot“) erobert. Am 22. Juni 1940 unterschrieb Frankreich einen kapitulationsähnlichen Waffenstillstand. Deutschland ließ von September 1942 bis Mitte 1944 den Atlantikwall bauen. Alleine auf dem relativ kleinen Gebiet von Walcheren wurden etwa 300 Bunkerbauwerke mit einer Wand- oder Deckenstärke von 2 Metern oder mehr gebaut; zudem hunderte von schwächer geschützten Bauwerken.Der Atlantikwall in Walcheren auf entdecke-walcheren.de

Nach dem schnellen Vorrücken der Westalliierten durch Nordfrankreich und dem fluchtartigen Rückzug der deutschen Truppen nach Belgien, den Niederlanden und Westdeutschland konnten die Briten mit der 2. Armee unter General Miles Dempsey in den ersten Septembertagen Brüssel einnehmen. Auf dem weiteren Vormarsch entlang der Nordseeküste stießen die Kanadier auf verlassene V1-Abschussrampen, die für den Einsatz der Raketen gegen London und Südengland genutzt worden waren.

Etliche belgische Dörfer waren von den Deutschen geräumt worden, in anderen kam es zu kurzen und heftigen Gefechten. Der Großteil Westbelgiens konnte schnell eingenommen werden. Die Deutschen zogen sich in vorher festgelegte Schlüsselstellungen zurück. Als die Kanadier den Gent-Kanal überquerten, kam es zu einem erbitterten Kampf um den Brückenkopf; er konnte nur unter größten Anstrengungen gehalten werden. Auch beim weiteren Vorrücken östlich um Antwerpen herum in dessen Nordgebiete trafen die westalliierten Truppen auf heftigen Widerstand. Die Nachschubprobleme wurden allmählich kritisch, da die Alliierten bedingt durch ihr sehr schnelles östliches Vorrücken die Versorgungswege weit überdehnt hatten und nur Häfen in der Normandie zur Verfügung standen. Auch der Red Ball Express, der vor allem Treibstoff und Munition zur Front brachte, konnte daran nicht allzu viel ändern. Es war daher unabdingbar, einen großen Hafen an der Kanalküste einzunehmen. Die kleineren Hafenstädte, die unterdessen in die Hände der Alliierten gefallen waren, erwiesen sich als zu klein oder waren nach den Kämpfen zu stark beschädigt, um als Anlieferungsort für die Nachschubeinheiten der Marine dienen zu können.

Der Hafen von Antwerpen wurde Anfang September von der britischen 2. Armee besetzt, als diese Antwerpen befreite. Der Hafen war noch relativ unbeschädigt. Der Hafen gilt als Tiefwasser-Seehafen, weil Seeschiffe ihn nutzen können, indem sie durch die Scheldemündung (ein Ästuar) flussaufwärts fahren. Der Hafen liegt etwa 80 Kilometer von der Küste entfernt und dadurch näher an den Grenzen Deutschlands als andere Häfen.

Die Westalliierten konnten den Hafen von Antwerpen erst nutzen, nachdem sie die starken deutschen Artilleriestellungen auf der Halbinsel Walcheren (die das rechte Ufer des Schelde-Ästuars bildet) ausgeschaltet hatten.

Am 6. September 1944 wurde die gesamte Halbinsel Walcheren zur „Festung Walcheren“ ausgerufen (siehe auch Fester Platz). Es gab die „freie Küste Walcheren“ (ein Nordbereich von Veere bis nördlich Westkapelle, einen Westbereich von Westkapelle bis Groot Valkenisse) und den „V.B. Vlissingen“ (V.B. = Verteidigungsbereich). Letzterer hatte drei Bereiche:infovlissingen.nl (mit weiteren Links) die Landfront (Bereich von Groot Valkenisse bis zum Fort Rammekens bei Ritthem);Bunker 700 sie war in Teilen durch einen wasserführenden Panzergraben geschützt. die Seefront (von Groot Valkenisse über Dishoek bis nach Vlissingen). der Hafenbereich von Vlissingen war besonders geschützt und wurde als „Kernwerk“ bezeichnet. Dort standen drei 150-mm-Kanonen.Kernwerk Vlissingen infovlissingen.nl Es gab drei Flugabwehrbatterien in der Umgebung von Vlissingen.

Am 12. September erhielt die 1. Kanadische Armee den Auftrag zur Eroberung des Scheldemündungsgebiets. Erste Attacken gegen die dortigen deutschen Stellungen am nächsten Tag hatten wenig Erfolg.

Unterdessen war die britische 2. Armee weiter östlich bis in die südlichen Niederlande vorgedrungen. Am 17. September wurde die Operation Market Garden gestartet, die mit einem Fehlschlag endete, da die Rheinbrücke in Arnheim nicht gehalten werden konnte. Hoffnungen auf ein schnelles Kriegsende rückten in weite Ferne.

Die Schlacht Die eigentliche Schlacht an der Scheldemündung begann am 2. Oktober. Unter dem Kommando von General Henry Duncan Graham Crerar rückte die 1. Kanadische Armee, bestehend aus der kanadischen 2. und der 3. Infanteriedivision, der kanadischen 4. Panzerdivision, dem britischen I. Korps und der polnischen 1. Panzerdivision, gegen die Deutschen vor. In kleineren Einheiten kämpften auch Amerikaner, Niederländer und Belgier mit. Insgesamt hatte die Armee etwa 450.000 Soldaten.

Die Schlacht fand auf überschwemmtem, schlammigem Gelände statt, und die gut positionierte und starke Verteidigung der Deutschen machte sie zermürbend und verlustreich für die Angreifer. Viele Historiker sehen in ihr die Schlacht des Zweiten Weltkriegs, die auf dem schwierigsten Gelände überhaupt stattfand. General Crerar war mittlerweile wegen einer schwerwiegenden Erkrankung nach Großbritannien ausgeflogen worden, und Lieutenant-General Guy Simonds hatte das Kommando übernommen.

Die Besonderheiten des Schlachtfeldes machten die Aufgabe der 1. Kanadischen Armee sehr schwierig. Nördlich der Scheldemündung liegt Nord-Beveland, darunter Süd-Beveland mit der dahinter liegenden Insel Walcheren, die von den Deutschen stark befestigt worden war. Am Südufer des Mündungsgebiets liegt flaches Flutgelände, das so genannte Polderland, unter dem Meeresspiegel und gut zu verteidigen.

Der Plan zur Sicherung der Mündung war in vier Phasen unterteilt: Einnahme des Gebiets nördlich von Antwerpen und Sicherung des Zugangs nach Nord-Beveland, Auflösung des Kessels bei Breskens hinter dem Leopoldkanal (Operation Switchback), Einnahme von Süd-Beveland (Operation Vitality) und Einnahme von Walcheren (Operation Infatuate).

Anfang Oktober rückte die kanadische 2. Infanteriedivision nördlich von Antwerpen vor. Gleichzeitig begann die kanadische 3. Infanteriedivision mit Unterstützung der kanadischen 4. Panzerdivision den Vorstoß über den Leopoldkanal. An beiden Frontabschnitten entwickelten sich heftige Kämpfe, da die gut befestigten deutschen Stellungen es den Alliierten erschwerten, schnelle Erfolge zu erzielen.

mini|Fahrzeuge der Royal Hamilton Light Infantry rollen durch Krabbendijke auf der Zufahrtsstraße nach Süd-Beveland

Im Norden von Antwerpen stießen die Kanadier auf deutsche Fallschirmjägereinheiten, die das östliche Ende von Süd-Beveland verteidigten. Unter schweren Verlusten gelang es den kanadischen Einheiten bis zum 16. Oktober, durch die gefluteten Gebiete nach Woensdrecht vorzudringen. Am selben Tag erklärte Feldmarschall Bernard Montgomery als Kommandeur der 1. Kanadischen und britischen 2. Armee die Säuberung der Scheldemündung zur Aufgabe mit erster Priorität.

Operation Switchback mini|Kessel von Breskens mini|Soldaten der Canadian 4th Armoured Division demonstrieren Flammenwerfer an einem Kanal, Maldegem bei Middelburg, Oktober 1944.

Auch auf der Südseite der Schelde fanden verbissene Kämpfe statt. Die Deutschen besaßen stark befestigte Artilleriestellungen hinter dem Leopoldkanal und der Dérivation de la Lys. Als Überquerungspunkt wählten die Kanadier das Verzweigungsdreieck beider Kanäle. Dort gab es einen schmalen Bereich trockenen Landes, etwa einige hundert Meter breit. Während am 6. Oktober die kanadische 3. Infanteriedivision versuchte, den Leopoldkanal zu überqueren, geriet sie in starkes deutsches Abwehrfeuer. Sie antwortete mit starkem Artilleriebeschuss und Universal Carriern mit Flammenwerfern, den so genannten Wasps. Zwei kleine Brückenköpfe konnten errichtet werden, doch als die Deutschen sich von der ersten Überraschung erholt hatten, reagierten sie mit einem heftigen Gegenangriff. Bis zum 9. Oktober war es ungewiss, ob die Brückenköpfe überhaupt gehalten werden konnten. Nach einer weiteren amphibischen Kanalüberquerung mit stärkeren Truppen gelang es den Kanadiern, beide zu vereinen und den Brückenkopf deutlich zu erweitern, um in Richtung Breskens vorzurücken. Als dann auch Panzer den Kanal überquerten, zogen sich die Verteidiger in ihre Betonbunker entlang der Küste zurück. Die Kanadier etablierten einen Versorgungsweg in den Kessel und begannen, die Städte Breskens, Fort Frederik Hendrik, Oostburg, Zuidzande und Cadzand zu belagern. Erst am 3. November wurden Knokke und Zeebrugge genommen; ab dann betrachteten die Kanadier die Südseite der Schelde als gesichert.

Operation Vitality mini|Kanadische Einheiten in Bergen op Zoom Unterdessen konzentrierte General Simonds seine Truppen im Raum nördlich von Süd-Beveland. Die 4. kanadische Panzerdivision stieß mittlerweile nördlich der Schelde nach Westen vor und griff auf Bergen op Zoom an (→ Operation Pheasant). Bis zum 24. Oktober gelang es, den Eingang nach Süd-Beveland zu sichern. Die 2. kanadische Infanteriedivision rückte kurz darauf von der Stadt Woendsdrecht auf Süd-Beveland vor. Die Halbinsel wurde von der bodenständigen 70. Infanterie-Division der Wehrmacht gehalten, die aus magenkranken Soldaten gebildet worden war. Die schnelle Einnahme der Insel wurde jedoch durch die stark verminte Straße verhindert. Zudem mussten die Kanadier den KreekrakdamDer Kreekrakdam wurde zwischen 1861 und 1867 für die Zeeland-Linie (Staatslijn F zwischen Vlissingen, Middelburg, Goes und Bergen op Zoom) gebaut und verband dadurch die Insel Süd-Beveland mit dem Festland von Brabant. überqueren, der Süd-Beveland mit dem Festland verband. Dabei scheiterte der Versuch, den Damm schnell mit einem Panzerangriff einzunehmen. Einer deutschen Panzerabwehrkanone gelang es, die Führungsfahrzeuge sofort zu zerstören.

Die körperlich beeinträchtigten deutschen Soldaten konnten den Kreekrakdam nicht lange halten, der recht schnell an die Kanadier fiel. Minenfelder, überfluteter Boden und andere Hindernisse erschwerten aber das weitere Vordringen. Bei nur wenig Widerstand erreichten die Kanadier die deutsche Hauptverteidigungslinie am Kanal von Süd-Beveland. Ein Frontalangriff am Kanal wäre wohl mit hohen Verlusten verbunden gewesen, daher wurde darauf verzichtet und ein Plan zur strategischen Umgehung mit Hilfe der schottischen 52. Lowland Division ausgearbeitet. Die Operation Infatuate sah eine amphibische Landung der schottischen 52. Lowland Division u. a. über die Westerschelde vor, um hinter die deutschen Verteidigungspositionen zu kommen.

Operation Infatuate Damit blieb Walcheren das letzte Hindernis, das den Hafen von Antwerpen von einer Nutzung durch die Alliierten trennte. Um die dortigen starken deutschen Befestigungsanlagen anzugreifen, mussten die Kanadier über die lange schmale Zugangsstraße über Süd-Beveland vorrücken. Das flache Land auf beiden Seiten der Straße war überflutet; dort konnten keine Fußtruppen vorrücken. Für den Einsatz von Sturmbooten war das Wasser zu flach.

mini|links|Bombardierung von Walcheren

Walcheren wurde aus drei Richtungen angegriffen: über die Zufahrtsstraße aus dem Osten, über die Schelde von Süden und von See aus von Westen. Um die Verteidigung zu schwächen und den Angriff zu unterstützen, bombardierte die Royal Air Force die Dämme der Insel, damit das Hinterland überflutet wurde und Amphibienfahrzeuge eingesetzt werden konnten.