Der Mann, der zu viel wusste (englisch The Man Who Knew Too Much) ist eine Sammlung von acht Kriminalgeschichten von Gilbert Keith Chesterton. Sie erschienen zunächst von 1920 bis 1922 in Zeitschriften, in Buchform erstmals 1922 im Londoner Verlag Cassell & Co. „In seinem Spürsinn und mit seiner Gabe, die geheimen Beweggründe des Täters zu erfassen, ist er dem unvergeßlichen Pater Brown verwandt. Wie dieser löst er seine Fälle auf höchst unkonventionelle Weise und hat seine eigene Art, mit seinem Wissen umzugehen.“Vorwort zu G.K. Chesterton: Der Mann, der zuviel wusste – Geschichten um einen Gentleman-Detektiv. Knaur-Taschenbücher.München, Zürich: Droemer-Knaur, 1975 In jeder Geschichte befasst sich der Hobby-Detektiv Horne Fisher mit einem anderen seltsamen Rätsel – dem Verschwinden einer unschätzbar wertvollen Münze, der Verfolgung eines irischen Freiheitskämpfers, einem exzentrischen reichen Mann, der während einer besessenen Angeltour stirbt, einem anderen, der während einer Schlittschuhfahrt zu Tode kommt, sowie einer Statue, die seinen eigenen Onkel zermalmt.

Hintergrund mini|Cassell's Magazine. Cover der Ausgabe von 1903

Chesterton schrieb die Erzählungen um Horne Fisher neben seinen humoristischen Father-Brown-Geschichten, zunächst als einzelne Kriminalerzählungen für verschiedene Zeitschriften. Sie erschienen zwischen April 1920 und Oktober 1922 im amerikanischen Harper’s Magazine und zeitversetzt in den britischen Zeitschriften Cassell’s Magazine of Fiction und Storyteller; letztere hatte seit 1910 Chestertons Geschichten um Father Brown im Programm. Chesterton rundete die zuvor einzeln erschienenen Erzählungen mit einer letzten Folge ab, um eine romanhafte Linie anzudeuten: „Ein Journalist gewinnt bei jedem Abenteuer neue Erkenntnisse, die in eine Zeitschrift münden werden“, schrieb Elmar Schenkel im Nachwort der Neuausgabe; „eine ähnliche Entwicklung durchläuft Horne Fisher, dessen wachsende Desillusion in den Tod führt.“ Als die Geschichten in Buchform 1922 erschienen, „wurden sie von der Kritik nur mäßig aufgenommen.“Elmar Schenkel: Nachwort zu: Der Mann, der zu viel wusste. Kriminalgeschichten. Manesse Verlag, Zürich 2011.

Die Erzählungen um Horne Fisher und Howard Marsh Das Gesicht in der Schießscheibe (The Face in the Target) Bei einer Wanderung nahe einem Landsitz, den er beabsichtigt bald aufzusuchen, lernt der aufstrebende Journalist und Sozialkritiker Howard Marsh den jungen Horne Fisher kennen. Sie beobachten während ihrer Unterhaltung einen Autounfall an einer abschüssigen Stelle in der Nähe und können nur noch den Tod des Insassen feststellen. Darauf begeben sie sich auf die Suche nach dem Ort, von dem aus der Fahrer des Wagens gekommen sein musste. Dabei entdecken sie eine Schießscheibe, auf der Einschüsse ein Gesicht bilden. Darauf geraten sie in eine Jagdgesellschaft um den berühmten Großwildjäger Lord Burke; zu der Gruppe gehört auch ein gewisser Jenkins, dessen Schießkünste allgemein als miserabel gelten. Mit einem plumpen Trick – er zieht die Konturen des Gesichts auf der Schießscheibe mit Phosphor nach – ist schließlich Fisher klar, dass nur Jenkins als Täter in Frage kommt, ein Mann, der seine mangelnden Fähigkeiten als Schütze nur vorgetäuscht hatte und den Mord begangen hatte.

Doch die Polizei kommt bei ihren Untersuchungen zum Schluss, dass der Fahrer des Wagens einen Unfalltod starb. „Aber Sie wissen, dass es nicht stimmt“, entgegnete sein Freund Marsh, und Horne antwortete: „Ich sagte Ihnen schon, dass ich zuviel weiß. [...] Ich weiß das – und vieles andere. Ich kenne das Umfeld, und weiß, wie die ganze Sache läuft.“

Der Prinz, der sich unsichtbar machen konnte (The Vanishing Prince) mini|Der Hocq Tower in Jersey, ähnlich dem von Chesterton beschriebenen Rundturm Auf der Suche nach dem irischen Freiheitskämpfer Michael O’Neill kommt es, dass Horne Fischer sich mit mehreren Polizisten und einem Kriminalbeamten namens Hooker Wilson auf die Suche nach dem flüchtigen Rebellen macht. Sie umstellen einen alten Turm und verteilen sich so, dass Michael O’Neill eine Flucht unmöglich gemacht wird. Beim Eindringen kommt schließlich ein Polizist bei einer Explosion zu Tode, ein weiterer wird beim Sturz von der Leiter tödlich verletzt. Bei der Suche nach dem Übeltäter stellt man fest, dass der Gesuchte im Turm unauffindbar ist. Tatsächlich hat Wilson die Morde verübt. Dann versucht er, dem Rebellen die Schuld für die beiden Morde zu geben, um sicherzustellen, dass dieser erhängt wird. Horne kann jedoch nachweisen, dass Hooker Wilson bei seinem Eindringen die Explosion ausgelöst hatte. Der Rebell, ansonsten ein Gentleman, ist inzwischen eingetroffen; er ist wütend und schießt auf Wilson, aber verwundet ihn nur. Fisher ist jedoch gezwungen, Michael zu verhaften.

Chesterton lässt seinen Helden resümieren: Wilson kam wieder auf die Beine, und wir konnten ihn überreden, in den Ruhestand zu gehen. Allerdings mussten wir diesen schändlichen Mörder eine Pension zubilligen, die üppiger war als alles, was je ein Held im Kampf für England bekommen hat. Ich konnte Michael vor dem Schlimmsten bewahren, aber wir mussten diesen völlig Unschuldigen wegen eines Verbrechens ins Zuchthaus schicken, von dem wir wussten, dass er es nicht begangen hatte; erst später konnten wir ihn unter der Hand zur Flucht verhelfen.

Die Seele eines Schülers (The Soul of the Schoolboy) Der Schüler Summers Minor unternimmt mit seinem Onkel, Hochwürden Thomas Twyford, eine Tour durch London, um Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Der Onkel schlug ihm vor, den Aufbewahrungsort einer wertvollen Reliquie aufzusuchen, dem St. Paul's Penny. Dabei begegnen sie einem weiteren Besucher, einem geheimnisvollen Magier. Am Eingang müssen die Besucher aus Sicherheitsgründen ihre Taschen leeren; der Junge gibt einen Bindfaden und einen Hufeisen-Magneten ab, den Inhalt seiner Hosentasche. Die Aufsicht über die Schatzkammer hat ein Oberst Morris; Kustos und oberster Führer ein Mr. Symon. Als der Junge im Ausstellungsraum, in dem der St. Paul's Penny in einer nach oben offenen Vitrine liegt, versehentlich an einem herunter hängenden Stück Draht zieht, wird es plötzlich dunkel in dem Raum. Bald darauf entfernt sich der Junge durch einen Lüftungsschacht. Als es wieder hell wird, erscheint Morris mit zwei neuen Besuchern; es sind Horne Fisher und Howard Marsh. Nachdem zunächst der Magier in den Verdacht gerät, die Münze entwendet zu haben, kann Horne nachweisen; dass Aufseher Morris den St. Paul's Penny gestohlen hat, nachdem der Bindfaden und der Spielzeug-Magnet die „Schülerseele“ in ihm geweckt habe. Er nahm bei der Aufsicht die Besitztümer des Neffen an sich, um den Penny zu entwenden.

Der bodenlose Brunnen (The Bottomless Well) Im Mittleren Osten ist Horne Fisher gerade zu Besuch in einen englischen Club, als es zum Tode des General Hastings kommt. Der Verdacht der Behörden konzentriert auf den Nebenbuhler Boyle, der ein Verhältnis mit Hastings’ jungen Gattin hat. Horne Fisher kann nachweisen, dass Hastings, beim Versuch, Boyle mit Gift im Kaffee zu beseitigen, versehentlich die auf drehbaren Bücherregalen stehenden Tassen vertauschte und selbst zu Tode kam, in dem Moment, als er Boyle in den „bodenlosen Brunnen“ stoßen wollte. Um die Interessen des Empires zu wahren, wird der Fall von den Kolonialbehörden vertuscht.

Das Loch in der Mauer (The Hole in the Wall) Horne Fisher ist zu Besuch auf dem Landsitz Prior’s Park von Lord Bulmer. Eingeladen sind auch ein Anwalt und Hobby-Antiquar aus London namens James Haddow sowie Leonard Crane, ein Geschäftsmann und Architekt. Crane möchte Lord Bulmers Schwester heiraten und sucht bei diesem Treffen die Aussprache mit dem Adligen, der diese morganatische Verbindung ablehnt. Als Fischer nachts die Geräusche eines Kampfes vernimmt und die Suche nach Lord Bulmer ergebnislos verläuft, fällt der Verdacht, ihn ermordet zu haben, zunächst auf Crane, zumal der sich am Vortag mit Lord Bulmer einen Schwertkampf in historischen Gewändern geleistet hatte. Doch Fisher sichtete derweil historische Quellen und konnte ermitteln, dass Prior’s Park früher tatsächlich ein Kloster war, das ein Vorfahr des Lords in der Tudorzeit den Geistlichen entrissen hatte. Jener Ahn hatte den letzten Abt, der sich noch zur Wehr gesetzt hatte, ermordet und in einem tiefen Brunnen vor dem Klostergebäude versenkt. Um die historischen Bezüge zu tilgen, hatte man diesen Brunnen mit einem künstlichen Teich verborgen und einen ominösen Mister Prior erfunden, dem das Anwesen gehört haben soll. Haddow hatte dieses Geheimnis gelüftet und als späte Rache an dem arroganten Adligen in der Nacht vor seiner Abreise das Eis über dieser Stelle im Teich angesägt, in der dann Lord Bulmer am nächsten Tag bei seinem Eislauf fiel.

Der Tick des Anglers (The Fad of the Fisherman) Horne Fisher und Howard Marsh reisen unabhängig voneinander zu einem Landsitz, auf dem der Premierminister weilt. Fisher kennt ihn seit seiner Kindheit; Marsh ist inzwischen angesehener Journalist. Auf seiner Anreise mit einem Ruderboot beobachtet Marsh das ominöse Verschwinden eines Mannes, der von einem entgegenkommenden Boot aus sich auf eine Brücke hochzieht. mini|G.K. Chesterton 1915 Indessen war Horne Marsh auf dem Landsitz angekommen. Im Garten trifft er auf den Neffen und Privatsekretär des Hausherrn, James Bullen, genannt Bunker. Anschließend begegnet er dem Herzog von Westmoreland und dem Kronanwalt Sir John Harker. Der Hausherr selbst, der zwielichtige Zeitungsmagnat Sir Isaac Hook, sitzt derweil am Flussufer und angelt. Am Abend begegnet Fisher beim Dinner Premier Lord Merivale, der am nächsten Morgen abreist, um eine wichtige Rede zur aktuellen außenpolitischen Krise zu halten.

Am Nachmittag trifft nun Howard Marsh ein. Dieser bringt eine Zeitung mit, in der Teile der Rede abgedruckt sind, was die Runde in Aufruhr versetzt; man überlegt, ob Sir Isaac gestört werden soll, um ihn darüber in Kenntnis zu setzen. Der exzentrische Herzog kehrt von einem Versuch mit dem Adligen zu reden ratlos zurück. Darauf stellen die Anwesenden den Tod Sir Isaac Hooks durch Erdrosseln fest. Während Kronanwalt Harker forsch die Vorermittlungen an sich reißt, bricht der Neffe zusammen, aus Furcht, der Hauptverdächtige zu sein. Unterdessen findet Harker, während er ihm unliebsame Papiere vernichtet, einen an Hook gerichteten Drohbrief, in dem von einem Hugo ihm mit dem Tode gedroht wurde. In der Beschreibung jenes Mannes, einem ehemaligen Bediensteten des Hausherrn, erkennt Marsh jenen Unbekannten auf dem Boot wieder.

Fisher erkennt schon bald, dass der flüchtige Hugo den Mord nicht begangen haben kann, denn er schlussfolgert, dass Hook schon am Vorabend ermordet worden sein muss. Alle, die den Hausherrn angeblich lebend gesehen hatten, schwiegen, aus der Angst heraus, selbst in Verdacht zu geraten. Für Fisher kommt nur ein Täter in Frage, der am Morgen abgereiste Premier. Doch dessen politische Mission, bei der ein Krieg verhindert werde, sei ungleich bedeutsamer als der Tod eines "Quälgeistes".

Der Narr der Familie (The Temple of Silence) Für Howard Marsh erscheint es so, dass er zwar Fishers in den höchsten Kreisen weit verzweigte Verwandtschaft zu kennen glaubt, nicht jedoch dessen eigene Familie. Schließlich erfährt er, dass sein Freund einen Bruder hat, den wohlhabenden und einflussreichen Sir Henry Harland Fisher, und noch einen weiteren Bruder, den in Indien lebenden Ashton Fisher. Als er bei einem Besuch bei Sir Henry Howard Marsh erlebt, wie Horne Fisher herablassend von seinem Bruder behandelt wird, erklärt ihm Horne, er sei eben „der Narr der Familie“. In der Politik sei er ein Versager gewesen, meint Fisher und erzählt darauf seinem Freund, wie es dazu gekommen war.