Walter Adolf Franz Heinrich (* 11. Juli 1902 in Haida, Nordböhmen; † 25. Januar 1984 in Graz) war ein sudetendeutscher Nationalökonom, Soziologe und Politiker mit zunächst österreichisch-ungarischer bzw. tschechoslowakischer und schließlich österreichischer Staatsbürgerschaft. Er war einer der intellektuellen Führer der österreichischen Heimwehr und der politischen Bewegung der Sudetendeutschen. Als enger Vertrauter Othmar Spanns sah er sich und die von ihm vertretenen Thesen einer universalistischen bzw. ganzheitlichen Volkswirtschaftslehre in dessen direkter Nachfolge.
Leben und Werk Herkunft, Studium und akademische Karriere bis 1938 Heinrich wuchs als Sohn eines Bürgerschuldirektors im nordböhmischen Haida und nach dem Umzug der Familie 1912 in Böhmisch-Leipa auf, er war katholischer Konfession. Seine Heimatregion gehörte bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zu Österreich-Ungarn und nach dem Vertrag von Saint-Germain zur Tschechoslowakei. Die Familie nahm die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit an und gehörte zur deutschen Minderheit in der neugegründeten Republik. Walter Heinrich besuchte das humanistische Gymnasium in Böhmisch-Leipa und engagierte sich bereits früh in führender Position in der Sudetendeutschen Jungenschaft. Er legte 1921 die Matura mit Auszeichnung abReinhard Müller: Der Spannkreis – Biografien: Walter Becher, in: Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich, Universität Graz, Stand Juli 2015. und machte die Bekanntschaft Othmar Spanns, dessen Werk Vom Wesen des Volkstums – Was ist deutsch? ihn entscheidend prägte.
Von 1921 bis 1925 absolvierte Heinrich ein Studium der Staatswissenschaften an der Deutschen Universität Prag. Parallel studierte er auch an der Universität Wien, wo er 1925 zum Dr. rer. pol. promovierte. Thema seiner von Spann betreuten Dissertation war Führung und Führer in der Gesellschaft. Zur psychologischen und soziologischen Theorie der Führung. Im selben Jahr nahm er die österreichische Staatsbürgerschaft an. Zwischen 1926 und 1933 arbeitete er als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für politische Ökonomie und Gesellschaftslehre der Universität Wien bei Othmar Spann, zu dessen engsten Vertrauten (Spannkreis) er inzwischen gehörte. In Wien amtierte er mehrere Jahre lang als Gildenmeister der sudetendeutsch geprägten akademischen Gilde Freischar Wien.Helmut Kellerssohn: Im „Dienst an der nationalsozialistischen Revolution“. Die Deutsche Gildenschaft und ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus (2004). Internetfassung des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung, S. 23. Durch seine Gildenmitgliedschaft verfügte er schon seit seiner Jugendzeit über Kontakte zur ‚reichsdeutschen‘ rechtsextremen Szene.Tobias Weger: „Volkstumskampf“ ohne Ende? Sudetendeutsche Organisationen, 1945–1955. Lang, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-631-57104-0, S. 188.
Nach der Habilitation für Volkswirtschaftslehre 1928 wurde Heinrich Privatdozent an der Universität Wien und 1933 außerordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre an der Wiener Hochschule für Welthandel. Er heiratete 1935 Johanna Epp, mit der er zwei Kinder bekam. Anschließend verlegte er seinen Hauptwohnsitz ins Schloss Hadersfeld in St. Andrä-Wördern (Niederösterreich), behielt aber eine Zweitwohnung in Wien.
Theoretiker des Ständestaats und Ideologe des „sudetendeutschen Stammeskörpers“ Heinrich gründete 1925/26 gemeinsam mit Heinrich Rutha die „Älterengemeinschaft“ der Sudetendeutschen Jungenschaft, den sogenannten „Kameradschaftsbund“, dem sich auch Konrad Henlein anschloss. Diese informelle Vereinigung von kaum mehr als etwa 200 jungen sudetendeutschen Intellektuellen verschrieb sich unter Heinrichs Einfluss der Erneuerung des sudetendeutschen Volkslebens auf der Grundlage der Ganzheitslehre Spanns im Sinne eines ständisch gegliederten und autoritär geführten „sudetendeutschen Stammeskörpers“.
Heinrich pflegte wie auch Hans Riehl, ein anderer Spann-Schüler, seit Ende der 1920er Jahre enge Verbindungen zur österreichischen Heimwehr, insbesondere zu Richard Steidle (Führer der Tiroler Heimwehr) und Walter Pfrimer (Führer des Selbstschutzverbandes Steiermark). 1929/30 fungierte er als Generalsekretär der „Bundesführung der Heimwehr“ und verfasste den „Korneuburger Eid“ vom 18. Mai 1930, der zum Sturz des demokratischen Parteienstaats aufrief. Im Oktober 1930 zog er sich aus der Heimwehrbewegung zurück.
Anschließend engagierte er sich verstärkt im tschechoslowakischen Sudetenland, wo sich der bereits 1926 von Walter Heinrich und Heinz Rutha (ebenfalls ein Schüler Spanns) gegründete Kameradschaftsbund im November 1930 vereinsrechtlich als Kameradschaftsbund für volks- und sozialpolitische Bildung konstituierte.
Zum 1. Mai 1933 trat Heinrich der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 2.827.850), die in Österreich verboten war. Später wurde er aus der Partei ausgestoßen.Bundesarchiv R 9361-VIII/9700593.Klaus Taschwer, Linda Erker, Andreas Huber: Der Deutsche Klub - Austro-Nazis in der Hofburg. Wien 2020. Im Mai 1933 hatten Spann und Heinrich eine Audienz bei Adolf Hitler, dem sie ihre Ständeidee vorstellten. Heinrich war 1933 auch eine der treibenden Kräfte der Gründung des von Fritz Thyssen finanzierten „Instituts für Ständewesen“ in Düsseldorf, das er bis 1934 leitete und wo er bis zur Zwangsauflösung des Instituts 1936 als Dozent lehrte.
Der Kameradschaftsbund wirkte 1933 federführend bei der Gründung der Sudetendeutschen Heimatfront (SHF), der späteren Sudetendeutschen Partei (SdP). Ernst von Salomon beschrieb als Augenzeuge die Gründungsversammlung in Leitmeritz im Oktober 1933:
Insofern Spanns Volkstumslehre „übervölkisch“ orientiert war, also „Volk“ und „Rasse“ dabei nicht den höchsten Wert und Zielpunkt darstellten, und der Kameradschaftsbund außerdem (zumindest bis 1937) den Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich ablehnte und stattdessen eine föderalistische Neuordnung der Tschechoslowakei und Mitteleuropas anstrebte, war sie mit dem Nationalsozialismus nicht vereinbar. Von nationalsozialistischer Seite wurde dem Kameradschaftsbund vorgeworfen, die Abspaltung der Sudetendeutschen vom deutschen Volk und dabei so etwas wie eine „Verschweizerung“ zu betreiben.Luh: Der Deutsche Turnverband in der ersten Tschechoslowakischen Republik, S. 235.
Nationalsozialistische Gleichschaltung und Verfolgung Bereits im Mai 1936 verfasste Himmlers Nachrichtendienst, der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, eine Denkschrift mit dem Titel „Der Spannkreis, Gefahren und Auswirkungen“, worin dem Spannkreis vorgeworfen wurde, „das Sudetendeutschtum im Sinne eines römischen Universalismus beeinflußt und dem nationalsozialistischen Deutschland entfremdet“ zu haben.Ralf Gebel: Heim ins Reich! Konrad Henlein und der Reichsgau Sudetenland (1938–1945). München 2000, S. 52. Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 fiel Heinrich wie auch Spann als ein exponierter Theoretiker des Ständestaats der nationalsozialistischen Gleichschaltung zum Opfer. Er wurde an der Hochschule für Welthandel entlassen und seine Venia Legendi widerrufen.
Heinrich wurde am 16. März 1938 festgenommen, zunächst nach Dresden eingeliefert und war dann vom 2. April 1938 bis 31. August 1938 sowie erneut vom 8. April 1939 bis 8. Januar 1940 als sogenannter Schutzhäftling im Konzentrationslager Dachau. Anfang 1940 wurde eine Säuberung der Sudetendeutschen Partei vorgenommen. Unter anderem Heinrichs Assistent Walter Brand wurde im Verlauf von Strafprozessen in Dresden und Böhmisch Leuba wegen homosexueller Vergehen verurteilt und in das Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht, während die SS-Zeitschrift Das Schwarze Korps Spann, Heinrich und dem Kameradschaftsbund vorwarf, die „Existenz eines eigenen ‚sudetendeutschen Stammes‘ proklamiert“ zu haben.Ralf Gebel: Heim ins Reich! Konrad Henlein und der Reichsgau Sudetenland (1938–1945). München 2000, S. 168f.
Nach seiner Haftentlassung wechselte er in die Privatwirtschaft und arbeitete von 1941 bis 1945 als leitender Vorstandssekretär und Prokurist des Wiener Industriekonzerns Stölzle Glasindustrie A.G. und der „Glashüttenwerke vorm. J. Schreibers Hessen A.G.“ in Wien.
Nachkriegskarriere Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Heinrich wieder Privatdozent bzw. Dozent für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien und an der Hochschule für Welthandel. 1948 erhielt er eine außerordentliche Professur und wurde 1949 zum ordentlichen Professor berufen. Er begründete 1951 das Institut für Gewerbeforschung, dem er ebenso vorstand wie dem Institut für Integrationsfragen und Wirtschaftspolitik an der Hochschule für Welthandel. Von 1953 bis 1955 und erneut 1964/65 war Heinrich Rektor der Hochschule für Welthandel. 1972 wurde er emeritiert.
In der Zweiten Republik gehörte Heinrich der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) sowie der ÖVP Kameradschaft der politisch Verfolgten und Bekenner für Österreich an.Universitätsprofessor Dr.Dr.hc. Walter Adolf Franz Heinrich, in gedenkort.at (Modern Society – Verein zur Förderung der politischen Bildung und Forschung im urbanen Raum). Außerdem war er von 1951 bis zu seiner Deckung 1968 Mitglied der Freimaurerloge Zukunft.
Heinrich gehörte zu den Mitbegründern der Österreichischen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft und der Gesellschaft für Ganzheitsforschung. Seit 1962 war er Korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse).
Vorrang- und Leistungslehre Heinrich profilierte sich als Gegner der Mathematisierung der theoretischen Volkswirtschaftslehre (Makroökonomie). Er erweiterte den ganzheitlichen Ansatz Spanns um die sogenannte „Vorrang- und Leistungslehre“. Die von ihm genannten 10 Hauptleistungen stehen demnach nicht gleichrangig nebeneinander in Relation zum übergeordneten Ganzen; sie sind nach ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung, und abgewandelt auch betriebswirtschaftlich, jeweils eindeutig rangmäßig zu klassifizieren. Organisierende und Ausbildungsleistungen rangieren vor Verkehr und nachgeordnet vor Produktion, Schadensverhütung vor Versicherung.
Schriften Führung und Führer in der Gesellschaft. Zur psychologischen und soziologischen Theorie der Führung. Staatswiss. Diss., Universität Wien 1925 (Maschinschrift). Grundlagen einer universalistischen Krisenlehre. Mit 3 Abbildungen im Text. G. Fischer, Jena 1928 (= Deutsche Beiträge zur Wirtschafts- und Gesellschaftslehre. Herausgegeben von Othmar Spann und Georg von Below. 5.), XII, 364 S. Die Staats- und Wirtschaftsverfassung des Faschismus. (Dieses Heft ist ein Sonderabdruck aus: Nationalwirtschaft. Blätter für organischen Wirtschaftsaufbau (Hefte 3 bis 6, Jahrgang 1929). Schriftleitung: [Wilhelm] Longert.) Verlag für Nationalwirtschaft und Werksgemeinschaft, Berlin 1929, 84 S. Der Faschismus. Staat und Wirtschaft im neuen Italien. 2. neubearbeitete Auflage mit dem italienischen und deutschen Text der Carta del Lavoro. Bruckmann, München 1932, VIII, 196 S. Neuauflage. als Reinald Dassel: Gegen Parteienstaat, für Ständestaat. 1. bis 5. Tausend. Verlag des Steirischen Heimatschutzverbandes, Wien-Graz-Klagenfurt 1929, 42 S. Grundsätzliche Gedanken über Staat und Wirtschaft. Ein programmatischer Vortrag über die geistigen Grundlagen der Heimatwehrbewegung im Auftrage der Bundesführung der österreichischen Selbstschutzverbände gehalten. (Für den Inhalt verantwortl[ich]: Richard Steidle, Innsbruck, Walter Pfrimer, Judenburg.) Bundesführung der österreichischen Selbstschutzverbände, Innsbruck-Judenburg , 47 S. Zentralistischer oder organischer Staat? Anstalt für sudetendeutsche Heimatforschung der Deutschen Wissenschaftlichen Gesellschaft in Reichenberg. [Verlag der literarischen Adalbert-Stifter-Gesellschaft in Eger 1930], 16 S. Separatabdruck aus: Sudetendeutsches Jahrbuch, (Eger), 5/1929. Staat und Wirtschaft. Ein programmatischer Vortrag. Erneuerungs-Verlag, Berlin-Wien 1931 (= Bücherei des Ständestaates. Herausgegeben von W[ilhelm] Longert. 4.), 52 S.