Prekariat ist die Bezeichnung der Soziologie für eine Gruppierung, die durch Unsicherheit im Hinblick auf die Art der Erwerbstätigkeit ihrer Mitglieder gekennzeichnet ist. Die Bewertung dieser Unsicherheit als prekär akzentuiert den Aspekt, dass Lebensverhältnisse schwierig sind, bedroht werden oder zum sozialen Abstieg führen können.Alessandro Pelizzari: Dynamiken der Prekarisierung. Atypische Erwerbsverhältnisse und milieuspezifische Unsicherheitsbewältigung. UVK-Verlag, Konstanz 2009, ISBN 978-3-86764-172-2, S. 49. Mit dem Begriff Prekariat werden Gruppierungen bezeichnet, die aufgrund ihrer Lebensumstände sozial abgestiegen sind bzw. von sozialem Abstieg und von Ausgrenzung bedroht sind, wobei diejenigen Eigenschaften und Tendenzen betont werden, welche die Gruppe als prekär darstellen.Robert Castel, Klaus Dörre: Einleitung. In: Dies. (Hrsg.): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Campus, Frankfurt am Main / New York 2009, ISBN 978-3-593-38732-1, S. 11–20. Eine einzelne Person des Prekariats wird als Prekarier bezeichnet.
Etymologie Prekariat ist ein neues Wort, welches eine Mischung aus dem Adjektiv prekär und dem Begriff Proletariat darstellt. Das Adjektiv prekär hat die Bedeutung unsicher, weil widerruflich. Der Begriff Proletariat wurde von Karl Marx geprägt. Er definierte mit diesem Begriff die Angehörigen der Arbeiterklasse. In die deutsche Sprache kam das Adjektiv prekär während der napoleonischen Zeit aus dem französischen Wort précaire, das vom lateinischen precarius (‚durch Bitten erlangt‘) und precari (‚flehentlich bitten‘) abstammt.Friedrich Kluge: Prekär. In: Etymologisches Wörterbuch der Deutschen Sprache. De Gruyter, Berlin / New York 1975.
Im römischen Recht war ein Prekarium die unentgeltliche Überlassung einer beweglichen oder unbeweglichen Sache auf jederzeitigen freien Widerruf durch den Eigentümer. Ein Vertragsverhältnis zwischen dem Eigentümer und dem Nutzer (Prekaristen) wurde durch die Überlassung nicht begründet. Der Prekarist konnte die Sache gebrauchen oder nutzen, doch musste er jederzeit mit einem Widerruf rechnen. Insofern war ein precarium eine Bittleihe, abgeleitet vom Wort preces in seiner Bedeutung als Bitte.Max Kaser, Rolf Knüttel: Römisches Privatrecht. Beck, München 2008, S. 109.
Geschichte Die Idee, eine sozial als niedrig eingestufte Gruppierung als Prekariat zu bezeichnen, ist an sich alt: Hierzu zählten zum Beispiel unehrliche Berufe, Lumpenproletariat, sozial Verachtete. Die Idee geht auf eine Konzeption von Amadeo Bordiga zurück, nach der sich das während der industriellen Revolution sowie in der Zeit der Industrialisierung entstehende Proletariat als Leute ohne Mittel definieren musste. Prekariat gilt heute als eine neue Konzeption der post-industriellen Gesellschaftswissenschaften. Der italienische Politologe Alex Foti hat hierzu die These aufgestellt: „Das Prekariat ist in der post-industriellen Gesellschaft, was das Proletariat in der Industriegesellschaft war.“ Laut Michael Sandel allerdings droht auch „prekäres Leben in der Mittelklasse“.Michael Sandel: Vom Ende des Gemeinwohls. Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratien zerreißt. S. Fischer, Frankfurt am Main 2020, ISBN 978-3-10-390000-2, S. 24.
Die Soziologen Robert Castel und Klaus Dörre erkennen in dem Phänomen einer Wiederkehr sozialer Unsicherheiten die Tatsache, dass die soziale Frage zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder aufgetaucht ist. 2018 kam eine Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung zu dem Ergebnis, dass etwa ein Achtel der deutschen Erwerbstätigen in Verhältnissen lebt, die als prekär bezeichnet werden können.Markus Promberger, Kerstin Jahn, Brigitte Schels, Jutta Allmendinger, Stefan Stuth: Existiert ein verfestigtes „Prekariat“? Prekäre Beschäftigung, ihre Gestalt und Bedeutung im Lebenslauf und die Konsequenzen für die Strukturierung sozialer Ungleichheit Working Paper Forschungsförderung Nr. 85, September 2018, S. 21. Zuvor hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in den westeuropäischen Volkswirtschaften ein hoher ökonomischer Wohlstand entwickeln können. Auf der Basis starker Wachstumsperioden nach dem Zweiten Weltkrieg entstand für die damals vorherrschenden Normalarbeitsverhältnisse ein System kollektiver Absicherungen: Hierzu zählen insbesondere Flächentarifverträge, Sozialgesetze, gesetzliche Rentenversicherungen und das Arbeitsrecht.Robert Castel: Die Wiederkehr sozialer Unsicherheit. In: Robert Castel, Klaus Dörre (Hrsg.): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Campus, Frankfurt am Main / New York 2009, S. 21–34, hier S. 23 f.
Definition Prekäre Lebenslagen sind nicht in jedem Fall mit Armut gleichzusetzen. Mit dem Begriff wird meist ein Zwischenzustand zwischen (unsicherem) Wohlstand und (drohender) Armut bezeichnet, der zumindest subjektiv so empfunden wird.
Prekariat Bereits 2004 sprach Mario Candeias nicht mehr nur von „Prekarisierung“, sondern vom Prekariat als „Klassenfraktion im Werden“. 2006 entwarf die Friedrich-Ebert-Stiftung ein Bild des Prekariats: Die Prekarier sind in diesem Forschungskontext die Repräsentanten einer neuen Unterschicht der Abgehängten und Aussichtslosen. Sie können mit den Beschleunigungen kapitalistischer Modernität nicht Schritt halten und sind wohlfahrts- und sozialpolitisch behandlungsbedürftige Modernisierungsverlierer. Der Zugang zu stabiler Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt ist ihnen auf Grund individueller oder auch nachfragebedingter (struktureller) Defizite verwehrt. Sie verfügen oft über keine ökonomisch verwertbaren Bildungsabschlüsse, ihre Sozialbeziehungen sind nicht gefestigt oder entsprechen nicht den Vorstellungen der sie beobachtenden, versorgenden und regulierenden Mittelklasse. Häufig sind Menschen mit augenscheinlich guter Berufsausbildung, darunter auch Akademiker, gezwungen, den Zugang zu guter Arbeit in prekären Beschäftigungsverhältnissen zu suchen, in denen sie verharren und ins Prekariat absteigen. Die Orientierung der Prekarier an Leistung, Fortkommen und Disziplin lässt aus der normativen Perspektive der Mehrheitsgesellschaft zu wünschen übrig. Spezifische Erwerbsbiographien und Mentalitäten der Abkoppelung vom gesellschaftlichen Ganzen sind die Folge. Der entscheidende Unterschied zwischen Prekariat und Proletariat ist freilich, dass den Prekariern politisch nichts zugetraut wird. Bei ihnen handelt es sich um eine anonymisierte, zersplitterte Masse, ein Exemplum der „negativen Individualisierung“, die „in Begriffen des Mangels – Mangel an Ansehen, Sicherheit, gesicherten Gütern und stabilen Beziehungen – durchdekliniert werden kann.“
Prekäre Arbeit mini|Ver.di-Senioren 1. Mai 2015 Hamburg
Nach einer Definition der Internationalen Arbeitsorganisation liegt eine prekäre Beschäftigung dann vor, wenn der Erwerbsstatus eine nur geringe Sicherheit des Arbeitsplatzes sowie wenig Einfluss auf die konkrete Ausgestaltung der Arbeitssituation gewährt, der arbeitsrechtliche Schutz lediglich partiell gegeben ist und die Chancen auf eine materielle Existenzsicherung durch die betreffende Arbeit eher schlecht sind.Quelle Gerry Rodgers aus 1989 bei Berthold Vogel: Das Prekariat – eine neue soziale Lage? In: Robert Castel, Klaus Dörre (Hrsg.): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Campus, Frankfurt am Main / New York 2009, ISBN 978-3-593-38732-1, S. 197–208, hier S. 198; siehe auch S. 412.
Eine in Jena ansässige Forschungsgruppe hat 2008 eine ähnlich lautende Definition prekärer Beschäftigung vorgelegt: Danach kann ein Erwerbsverhältnis als prekär bezeichnet werden, wenn die dort Beschäftigten im Einkommensniveau, in der kollektiven Absicherung und in der betrieblichen Integration unterhalb des gegenwärtig und mehrheitlich anerkannten Standards liegen. Diese Lage geht einher mit einem Verlust an Sinnhaftigkeit, sozialer Anerkennung und Planungssicherheit. Bezogen wird demnach eine solche Definition auf normale Standards wie zum Beispiel die Standards eines Normalarbeitsverhältnisses. Diese Definition verwischt jedoch den Unterschied zur Armut.
Der Schweizer Gewerkschafter Alessandro Pelizzari, der den jeweiligen individuellen Umgang mit der Unsicherheit prekär Beschäftigter untersucht hat, legt ebenfalls vier Merkmale für prekäre Arbeitssituationen fest:Gerry Rodgers, 1989. In: Alessandro Pelizzari: Dynamiken der Prekarisierung. Atypische Erwerbsverhältnisse und milieuspezifische Unsicherheitsbewältigung. UVK-Verlag, Konstanz 2009, ISBN 978-3-86764-172-2, S. 38. Geringe Arbeitsplatzsicherheit, die nur mit einem kurzfristigen Zeithorizont verbunden ist; mangelnder Einfluss auf die Arbeitssituation und ausbleibende betriebliche Integration; fehlender Schutz durch sozial- und arbeitsrechtliche Normen; schwierige Existenzsicherung infolge eines niedrigen Einkommensniveaus.
Diese vier Merkmale gelten generell für die große Zahl der Arbeitnehmerüberlassungen, die deswegen zum Prekariat gerechnet werden und deren Anzahl tendenziell steigend ist.
Das Statistische Bundesamt unterscheidet atypische und prekäre Beschäftigung. Unter atypischer Beschäftigung werden beim Statistischen Bundesamt alle abhängigen Beschäftigungsverhältnisse verstanden, die eines oder mehrere der folgenden Merkmale aufweisen: Befristung, geringfügige Beschäftigung, Teilzeitbeschäftigung mit 20 oder weniger Stunden Zeitarbeitsverhältnis.
Prekäre Beschäftigung kann mit atypischer Beschäftigung einhergehen, ist mit dieser aber nicht gleichzusetzen. Beschäftigungsverhältnisse werden beim Statistischen Bundesamt als prekär bezeichnet, wenn sie nicht geeignet sind, auf Dauer den Lebensunterhalt einer Person sicherzustellen oder deren soziale Sicherung zu gewährleisten. Bei der Einstufung einer Erwerbstätigkeit als prekär sind auch persönliche Lebensumstände des Erwerbstätigen, wie der bisherige Verlauf des Arbeitslebens und der Haushaltskontext, zu beachten. Nicht jede Erwerbstätigkeit, die nicht im Rahmen eines Normalarbeitsverhältnisses stattfindet, birgt also die Gefahr in sich, dass der auf diese Weise Erwerbstätige dauerhaft ins Prekariat abzusteigen droht, bzw. ist Ausdruck dafür, dass das bereits geschehen ist.
Der britische Wirtschaftswissenschaftler Guy Standing sieht im Prekariat eine neu entstehende soziale Klasse.Guy Standing: Prekariat: Die neue explosive Klasse. Unrast, Münster 2015, ISBN 978-3-89771-579-0.Guy Standing: Eine Charta des Prekariats: Von der ausgeschlossenen zur gestaltenden Klasse. Unrast, Münster 2016, ISBN 978-3-89771-213-3. Als Antwort darauf vertritt Standing die Auffassung, dass alle Bürger ein Recht auf sozial vererbten Reichtum haben sollen in Form eines Existenzgelds.Guy Standing: Basic Income: And How We Can Make It Happen. Penguin, New York 2017, ISBN 978-0-14-198548-0.
Gefühlte Prekarisierung mini|hochkant|Carl Friedrich Lessing: Der Räuber und sein Kind, 1832, Philadelphia Museum of Art – spätromantische Reflexion einer Vater-Kind-Beziehung unter prekären Lebensumständen