Die Ekklesiologie ist im Christentum die theologische Reflexion über die Ekklesia (, , „die Zusammengerufene [Gemeinschaft]“), nach neutestamentlichem Sprachgebrauch die Gemeinschaft derer, die von Jesus Christus durch das Evangelium aus der Welt herausgerufen wurden, sich um ihn im Gottesdienst () versammeln und von ihm zum Glaubenszeugnis () und Dienst der Liebe ( „Dienst“, von „Diener“) gesandt werden. In vielen Konfessionen wird Ekklesia mit „Kirche“ übersetzt; Ekklesiologie ist als „Lehre von der Kirche“ ein Themenbereich (Traktat) der Dogmatik. Kirche im Spannungsfeld von soziologischer Gestalt und theologischer Verortung ist dagegen Thema der Kirchentheorie als Teil der Praktischen Theologie.

Ekklesia im Koine-Griechischen Im griechischen Sprachgebrauch zur Zeit des Neuen Testaments (Koine-Griechisch) konnte das Wort verschiedene Bedeutungen haben:Walter Bauer: Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. 6., völlig neu bearbeitete Auflage, hrsg. von Kurt Aland und Barbara Aland. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1988, Sp. 485.

Versammlung der politischen Gemeinde; Menschenansammlung; Versammlung der Israeliten, besonders zu religiösen Zwecken wie dem Hören der Tora (Septuaginta, Philo, Josephus, auch , ); Gemeinde, z. B. auch des Pythagoras; im Neuen Testament: a) christliche Gemeindeversammlung; b) Ortsgemeinde; c) Hausgemeinde; d) universale Kirche.

Der Begriff lehnt sich bei antiken jüdischen und christlichen Autoren an an. Er ist doppeldeutig, ohne dass sich die Bedeutungen ausschließen, und meint einerseits „die auserwählte Schar der von Gott eschatologisch Gesammelten insgesamt“ und andererseits „die an einem Ort gottesdienstlich vereinte Gemeindeversammlung“.Gunther Wenz: Kirche. Perspektiven reformatorischer Ekklesiologie in ökumenischer Absicht (= Studium Systematische Theologie. Band 3). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 3-525-56706-5, S. 49.

Die Ekklesia wird im Neuen Testament oft mit einer Genitivverbindung als „Ekklesia Gottes“ qualifiziert und damit von der profanen Ekklesia (Volksversammlung) unterschieden: „Sie versammelt sich nicht selbst, sie wird von Gott versammelt.“ (Horst-Georg Pöhlmann)Horst Georg Pöhlmann: Abriß der Dogmatik. Ein Repertorium. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh 1973, S. 233. Das ist besonders bei Paulus zu beobachten, der damit einem in der Umgangssprache üblichen Wort eine besondere religiös-christliche Färbung gab.Walter Bauer: Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. 6., völlig neu bearbeitete Auflage, hrsg. von Kurt Aland und Barbara Aland. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1988, Sp. 486.

Ekklesia im Neuen Testament Je nach konfessioneller Ausrichtung einer Bibelübersetzung wird Ekklesia mit GemeindeDie Lutherbibel hat eine auffällige Vorliebe für die Übersetzung mit Gemeinde. Für Joseph Ratzinger ist dies kein Zufall: „Kirche zieht sich auf Gemeinde zurück, das heißt, die Kirche als Successio, als Einheit verbindlicher Überlieferung in sakramental-strukturierter Form verliert für Luther ihren theologischen Gehalt.“ Zitiert nach: Gunther Wenz: Die große Gottesidee „Kirche“, S. 461., Kirche oder Versammlung übersetzt; Beispiele: BibelstelleEinheitsübersetzungLutherbibelZürcher BibelElberfelder Übersetzung (CSV Hückeswagen)Mt 16,18Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.[...] Du bist Petrus; und auf diesen Felsen werde ich meine Versammlung bauen, [...]Apg 8,1An jenem Tag brach eine schwere Verfolgung über die Kirche in Jerusalem herein.Es erhob sich aber an diesem Tag eine große Verfolgung über die Gemeinde in Jerusalem.An jenem Tag nun kam eine grosse Verfolgung über die Gemeinde in Jerusalem.Es entstand aber an jenem Tag eine große Verfolgung gegen die Versammlung, die in Jerusalem war;1 Kor 12,28So hat Gott in der Kirche die einen erstens als Apostel eingesetzt, zweitens als Propheten, drittens als Lehrer.Und Gott hat in der Gemeinde eingesetzt erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer.Und als solche hat euch Gott in der Gemeinde zum einen als Apostel eingesetzt, zum andern als Propheten, zum dritten als Lehrer.Und Gott hat einige in der Versammlung gesetzt: erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer,Kol 1,18(Christus:) Er ist das Haupt, der Leib aber ist die Kirche.Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde.Er ist das Haupt des Leibes, der Kirche.Und er ist das Haupt des Leibes, der Versammlung,

Christine Gerber argumentiert, dass die Übersetzung „Kirche“ für Ekklesia im Neuen Testament die Vorstellung einer Universalkirche enthält, die sowohl dem griechischen Begriff als auch den Antiken Autoren und Lesern fremd war.Christine Gerber: Die alte Braut und Christi Leib. Zum ekklesiologischen Entwurf des Epheserbriefs. In: New Testament Studies 59/2 (2013), S. 198. Sie plädiert dafür, den Begriff in großer Nähe zur griechischen Terminologie mit „Versammlung“ zu übersetzen.Christine Gerber: Die alte Braut und Christi Leib. Zum ekklesiologischen Entwurf des Epheserbriefs. In: New Testament Studies 59/2 (2013), S. 198–202. Als einzige Übersetzung des 21. Jahrhunderts übernimmt die Elberfelder Übersetzung des Verlages Christliche Schriftenverbreitung Hückeswagen diesen Vorschlag. Sie folgt damit der nicht revidierten Elberfelder Bibel aus dem 19. Jahrhundert.

In der Übersetzung der Amtsbezeichnungen spiegelt sich ebenso die konfessionelle Ausrichtung wider, wie folgendes Beispiel aus dem 1. Timotheusbrief zeigt. Dem Episkopalismus folgende christliche Religionsgemeinschaften verwenden hier die offiziellen Bezeichnungen der Hauptamtlichen im Bibeltext, während freikirchlich orientierte Übersetzungen (sowie die BasisBibel der Evangelischen Kirche in Deutschland) davon abweichen. Die verschiedenen Ansichten über Stellung und Aufgabenbereich des episkope (griech.) in der religiösen Hierarchie werden sichtbar, während das griechische diakonos fast immer als Fremdwort stehenbleibt: +BibelstelleLutherbibelBasisbibelNeue Genfer ÜbersetzungElberfelder (CSV)1 Tim 3,1Wenn jemand ein Bischofsamt erstrebt, begehrt er eine hohe Aufgabe.Wer Gemeindeleiter werden will, der strebt nach einer großen und schönen Aufgabe.Wenn sich jemand um ein leitendes Amt in der Gemeinde bemüht, strebt er nach einer großen und ehrenvollen Aufgabe.Wenn jemand nach einem Aufseherdienst trachtet, so begehrt er ein schönes Werk.1 Tim 3,8Desgleichen sollen die Diakone ehrbar sein, [...]Die Diakone sollen ebenfalls würdig sein.Auch die Diakone müssen ein glaubwürdiges Leben führen.Die Diener ebenso, [...]

Bilder von Kirche

Überblick Begriffe, die das Wesen der Ekklesia ausdrücken, sind der Leib Christi die Heiligen , das Haus Gottes (; ), das königliche Priestertum , das Volk Gottes , die Herde Gottes .Horst Georg Pöhlmann: Abriß der Dogmatik. Ein Repertorium. Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh 1973, S. 232., die Braut Christi (; ; ): die Kirche ist von Jesus Christus unterschieden, aber steht in personaler Beziehung zu ihm.Medard Kehl: Die Kirche. Eine katholische Ekklesiologie. 3. Auflage. Echter Verlag, Würzburg 1994, ISBN 3-429-01454-9, S. 89.

Die einzelnen Schriften und Schriftengruppen des Neuen Testaments zeigen dabei ein unterschiedliches Profil, das Jürgen Roloff so charakterisiert:Gunther Wenz: Kirche. Göttingen 2005, S. 49.

Matthäusevangelium: Jüngergemeinde in der Nachfolge Jesu;Jürgen Roloff: Die Kirche im Neuen Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1996, S. 144 ff. Johannesoffenbarung: Zeugin der endzeitlichen Königsherrschaft Gottes;Jürgen Roloff: Die Kirche im Neuen Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1996, S. 169 ff. Lukasevangelium und Apostelgeschichte: Volk Gottes auf seinem Weg durch die Geschichte;Jürgen Roloff: Die Kirche im Neuen Testament. S. 190 ff. Paulus: Tempel, in dem der Geist Gottes wohnt ;Jürgen Roloff: Die Kirche im Neuen Testament. S. 110 f. Paulusschule (Kolosser- und Epheserbrief): apostolische Kirche als Heilsbereich;Jürgen Roloff: Die Kirche im Neuen Testament. S. 222 ff. Pastoralbriefe: Gottes geordnetes Hauswesen;Jürgen Roloff: Die Kirche im Neuen Testament. S. 250 ff. Erster Petrusbrief: erwählte Gemeinschaft von Außenseitern ;Jürgen Roloff: Die Kirche im Neuen Testament. S. 268 ff. Hebräerbrief: Gottesvolk unterwegs zum himmlischen Ruheort ;Bernhard Oestreich: Volk Gottes im Hebräerbrief. In: Spes Christiana 21 (2010), S. 25–42 (PDF).Jürgen Roloff: Die Kirche im Neuen Testament. S. 278 ff. Johanneische Schriften: Gemeinschaft der Freunde Jesu.Jürgen Roloff: Die Kirche im Neuen Testament. S. 307 ff.

Leib Christi Eine zentrale Vorstellung im Neuen Testament ist die von der Ekklesia als dem Leib Christi, in den man durch Taufe und Eucharistie inkorporiert wird. Sie findet sich in den paulinischen Briefen sowie, mit anderer Akzentsetzung, in den Briefen der Paulusschule (Kolosser- und Epheserbrief):

Die Leib-Christi-Vorstellung im Römerbrief und dem 1. Korintherbrief wurzelt in der Teilhabe am von Jesus gestifteten Herrenmahl . Diese eucharistische Tischgemeinschaft konstituiert „die funktionale Einheit des Organismus“, in dem ein „von Christus her gestaltetes Miteinander“, ähnlich wie durch die Taufe, die Unterschiede zwischen den Gliedern überwindet . Der vom Herrenmahl ausgehende Impuls bleibt auch nach dem Gottesdienst, beim alltäglichen Miteinander der Christen, bestimmend. Durch die Taufe tritt der Mensch in den Lebenszusammenhang mit Christus ein, der in der Zugehörigkeit zur Gemeinde geschichtlich sichtbar wird: „Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen.“ Jürgen Roloff: Die Kirche im Neuen Testament. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1996, S. 100–110, bes. S. 100f., 106, 109, 110, Zitat S. 101.

Die von Schülern des Paulus verfassten „deuteropaulinischen“ Briefe, der Kolosserbrief und der Epheserbrief, sehen die Leib-Christi-Metapher in einem kosmisch-mythologischen Verständnis. Jesus Christus ist das „Haupt“, die Ekklesia ist der Leib, der vom Haupt her auferbaut und stabilisiert wird und in dem der eschatologische Friede bereits erfahrbar ist .

Haus Gottes Die Pastoralbriefe wählen als Leitmetapher für die Gemeinde als Institution den oíkos „Haus, Wohnsitz“. Das Hauswesen spielte in der städtischen Kultur des östlichen Mittelmeerraumes, wo sich das Christentum ausbreitete, eine zentrale Rolle; das „ganze Haus“ war Wohnsitz der Familie, aber auch Produktionsstätte, Geschäftsraum und Begegnungsstätte von Verwandten, Geschäftspartnern und Arbeitskräften unter Leitung des pater familias. Das Modell des spätantiken Familienbetriebs wird auf die Ortsgemeinden des sich entwickelnden, sesshaft gewordenen Urchristentums übertragen und gibt ihnen Verlässlichkeit und Stabilität, nachdem die Christen auf der Synode von Jabne aus der Synagoge ausgeschlossen worden waren.Ralf Miggelbrink: Einführung in die Lehre von der Kirche. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2003, ISBN 3-534-16321-4, S. 14f.

Ämter Das Urchristentum kannte zwei Typen von Gemeindeverfassung; beide hatten eine kollegiale Struktur:Norbert Brox: Kirchengeschichte des Altertums. 6. Auflage. Patmos, Düsseldorf 1998, S. 93.

Leitung durch Älteste (Presbyter) nach jüdischem Vorbild; Leitung durch Episkopen (Aufseher, „Bischöfe“) in den paulinischen Missionsgebieten.

Es gibt also im Neuen Testament noch keine Ämterstufung. Die Apostel sind das „historisch einmalige, unwiederholbare ‚Fundament‘ der Kirche (; )“; einmalig deshalb, weil sie Augen- und Ohrenzeugen von Jesus Christus waren .

Ekklesiologische Grundlegungen in der Alten Kirche Wesensattribute in den Glaubensbekenntnissen