Aron Israel Brimann (Pseudonym: Dr. Justus), auch August Briemann, Aaron Briman(n), Justus-Brimann; (* 15. Juni 1859 in Dolina, Kreis Costinești, Provinz Botoșani in RumänienLaut Eintrag im Kirchenbuch der St. Nikolaikirche Berlin aus dem Jahr 1881, S. 151, lfd. Nr. 187; vgl. Hannelore Noack: Unbelehrbar? Paderborn 2001, S. 444.; † unbekanntDie evangelische Theologin Hannelore Noack (* 1928) hatte nach einer Anfrage beim damaligen Direktor des Centrum Neue Synagoge Berlin, Dr. Hermann Simon, von diesem mit Datum 24. Juni 1992 mitgeteilt bekommen, der mit „Aron Gerechter“ angegebene Verfasser des 1930 in Berlin (Selbstverlag) erschienenen Buchs mit dem (von Noack nicht erwähnten) Titel Hannah. Versuche zur Einführung in das jüdische Leben sei am 20. November 1870 (!) in Jarotschin geboren und am 7. März 1934 im Jüdischen Krankenhaus in Berlin verstorben. (Unbelehrbar? S. 450) Dennoch scheinen ihr die Möglichkeit, dass das Pseudonym „Justus“ die lateinische Entsprechung zum deutschen „Gerechter“ sein sollte, aber auch die von ihr vermeintlich erkannten Ähnlichkeiten zwischen Judenspiegel und Hannah, sowohl was „Anordnung und Sprache“, als auch was die „in kurzen Abschnitten dargebotenen Fakten“ (!) betrifft (Unbelehrbar? S. 448), hinreichend gewesen zu sein, um weiterhin an ihrer These von der Identität Brimans mit Gerechter festzuhalten und die Angaben Simons anzuzweifeln („angebliche Daten“).) war ein sowohl sprachlich (Hebräisch und Aramäisch) wie auch literarisch (rabbinisches Schrifttum) vorgebildeter Jude, der 1881 in Berlin evangelisch getauft wurde und wenige Jahre später zum Katholizismus übertrat. Briman wurde insbesondere als Autor eines das rabbinische Judentum massiv angreifenden Pamphlets, des sogenannten Judenspiegel, bekannt. 1885 wurde er in Wien wegen Urkundenfälschung zu Gefängnis und Landesverweisung verurteilt.
Brimans „Judenspiegel“ Unter dem Pseudonym „Dr. Justus“ veröffentlichte Briman 1883, zunächst als Hefte 3, 4 und 5 der katholischen „Bonifacius Broschüren“Vgl. Olaf Blaschke, Bonifacius Broschüren (1870-1910), in: Wolfgang Benz (Hg.), Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, Band 6: Publikationen, Berlin - Boston 2013, S. 76–77, hier S. 76: „Die Bonifacius Broschüren. Populäre Erörterungen über den Katholizismus und die Einsprüche seiner Gegner erschienen seit 1870 in Paderborn. Hinter der Wahl des Namensgebers stand ein Programm: Der Benediktinermönch Winfried Bonifacius (oder Bonifatius, ca. 673 - ca. 755) avancierte im 19. Jahrhundert von einem regionalen christlichen Tugendvorbild und nationalen Helden - Apostel der Deutschen - zu einer konfessionalisierten Symbolgestalt für den ultramontanen Katholizismus gegen Martin Luther und die Moderne. Wichtige Stationen der Bonifatiusrenaissance waren 1842 das Bonifaciusdenkmal in Fulda und die Schriftenreihe Bonifatius-Denkmal zur Glaubensverteidigung, die wuchtigen Bonifatiusfeiern in Mainz und Fulda 1855 zum 1100. Todestag, etliche Bonifatiuskirchen, der 1849 gegründete Bonifatiusverein mit seinem Bonifacius Blatt, schließlich 1869 die Bonifacius-Druckerei und der Bonifacius Buchverlag in Paderborn. Die in 41 Jahrgängen bis 1910 erschienenen Bonifacius-Broschüren dienten der apologetisch-polemischen Auseinandersetzung mit den Gegnern des Katholizismus. Jedes Heft widmete sich einem speziellen 'Gegner' bzw. Problem: den 'Segnungen der 'Reformation' ' (in distanzierenden Anführungsstrichen), der Freimaurerei, dem Sozialismus, Liberalismus, dem Unglauben, der Presse und dem Kulturkampf - aber auch den Juden. Die Monatshefte mit 10.000 Abonnenten kosteten wenige Groschen (Jahrespreis 1879: 1,20 Mark). Sechs Hefte stechen als besonders antisemitisch heraus…“, das Pamphlet Judenspiegel, oder 100 neuenthüllte, heutzutage noch geltende, den Verkehr der Juden mit den Christen betreffende Gesetze der Juden …, eine Zusammenstellung von häufig aus dem Zusammenhang gerissenen, sinnentstellend erweiterten oder sachlich verfremdeten Zitaten gesetzlicher Regelungen des Schulchan Aruch, mit denen Christen oder generell Nichtjuden angeblich diskriminiert werden. Schon in den frühen Druckausgaben des Schulchan Aruch wurde häufig, durch christliche Zensur bedingt, zur Bezeichnung von Nichtjuden das Akronym „Akum“ (עכ"ום) - für Ovdej Kochawim U'Mazalot (עובדי כוכבים ומזלות), „Diener der Sterne und Tierkreiszeichen“ (Götzendiener) - verwendet. Antisemitisch bzw. antijudaistisch eingestellte Übersetzer ins Deutsche und Herausgeber der betreffenden Texte wie Briman und Fritsch sahen sich vor diesem Hintergrund berechtigt, das Akronym - ohne es mit den Originalversionen abzugleichen und teilweise sinnwidrig - mit „Christ(en)“ oder „Nichtjude(n)“ wiederzugeben bzw. zu erklären.In sämtlichen der von der Bonifacius-Druckerei vorgenommenen Ausgaben des Judenspiegel wird das Akronym mit „Akum (Christ[en])“ wiedergegeben, in den zwischen 1919 und 1934 erschienenen Auflagen der vom Deutschen Schutz- und Trutzbund unter dem Titel Die Sittenlehre des Juden herausgegebenen, auf 52 der 100 "Gesetze" des Judenspiegel beschränkten Auswahlbroschüre mit „Akum (Nichtjude[n])“, von Pranaitis, Deckert und anfänglich auch von Fritsch jedoch nur als „Akum“ (ohne erläuternden Zusatz in Klammern), ab der 30. Auflage (1931) von Fritschs Handbuch der Judenfrage dann nur noch als „Nichtjude[n]“.
Noch im selben Jahr (1883) erschien das Pamphlet als Broschüre in der Paderborner Bonifacius-Druckerei.Paderborn war damals eine Hochburg der antijudaistischen Publizistik (weitere Autoren waren Bischof Konrad Martin und Joseph Rebbert); Broschüren der Bonifacius-Druckerei hatten Titel wie Christenschutz – nicht Judenhatz, Der Mauscheljude (u. dgl.). Vgl. auch Eine ehemals antisemitische Stadt in: Der Stürmer. 10. Jg., Nr. 14 (April) 1932, S. 1. Als eine Tageszeitung in Münster Auszüge aus der Broschüre abdruckte, kam es zum Prozess gegen den verantwortlichen Redakteur Johannes Hoffmann. Dieser endete mit einem Freispruch, „da - so die Urteilsbegründung - der Redakteur von dem Wahrheitsgehalt des Judenspiegels habe ausgehen dürfen“.M. Naarmann, Die Paderborner Juden 1802-1945, Paderborn 1988, S. 187, mit Verweis auf Allgemeine Zeitung des Judentums, Nr. 51 vom 18. Dezember 1883. Der damals als Privatdozent für semitische Sprachen an der katholischen Akademie in Münster lehrende Dr. Jakob Ecker hatte in dem Prozess als Gutachter fungiert. Sein 1884 von der Bonifacius-Druckerei unter dem Titel Der ‚Judenspiegel‘ im Lichte der Wahrheit veröffentlichtes Gutachten, an dem auch Briman wesentlich beteiligt gewesen sein soll, soll Ecker seine anschließende Professur am Priesterseminar in Trier verschafft haben.
Nach der bereits in Eckers Gutachten geäußerten Kritik an der von Briman getroffenen Auswahl und der nicht immer authentischen Wiedergabe der „Gesetze“Ecker kam in seinem Gutachten zu folgendem Ergebnis (S. 72f): „Dr. Justus ist ein gründlicher Kenner des talmudischen Judentums, aber diese seine Arbeit trägt hie und da den Stempel der Flüchtigkeit. (…) Dadurch dass Justus verschiedene Texte mit einander verwebte und zuweilen die Begründung selbst zufügte, sind die Gesetze nicht unrichtig geworden; aber weil sie nicht wörtlich übersetzt sind, müssen sämtliche Anführungszeichen am Anfange und am Schlusse der Gesetze weggestrichen werden. Im Ausdruck finden wir manche Unkorrektheiten und Übertreibungen: dass sie indes nicht beabsichtigt sind, beweisen manche Lücken in den Texten, welche zu Gunsten der Juden sind. Aus unserer gründlichen Prüfung haben wir die Überzeugung gewonnen, dass die Ungenauigkeiten im 'Judenspiegel' keineswegs aus böswilliger Absicht, als vielmehr aus Mangel an ruhiger Überlegung entstanden sind. Ganz besonders aber ist hervorzuheben, dass die wirklichen Fehler des Büchleins sich nur auf Nebensächliches beziehen, und dass die schlimmsten Sätze im Judenspiegel richtig aus dem rabbinischen Original übersetzt sind. Wenn auch einige Gesetze unschuldiger Natur sind und nicht die Schärfe haben, welche Justus in denselben zu finden glaubt, so müssen wir, um uns nicht an dem Verfasser des 'Judenspiegels' zu versündigen, hier ausdrücklich bemerken, dass er noch zahlreiche andere 'Gesetze' hätte anführen können, deren Erwähnung den Juden viel unangenehmer gewesen wäre, als manche der im 'Judenspiegel' enthaltenen. Somit kann sich Israel durchaus nicht beklagen, wenn man sagt, dass im Schulchan Aruch die inhumanen Gesetze stehen, welche im 'Judenspiegel' enthalten sind.“ veröffentlichte die Bonifacius-Druckerei 1892 als 5. Auflage eine neue, von einem namentlich nicht genannten „Bearbeiter“ grundlegend überarbeitete Fassung, in der jetzt zwar alle Zitate aus dem Schulchan Aruch durch Anführungszeichen kenntlich gemacht, fünf der „Gesetze“ (Nrr. 6, 12, 42, 48 und 49) sogar vollständig entfernt, aber weiterhin inhaltlich problematische Schlussfolgerungen und gewagte Verallgemeinerungen enthalten waren. In den Jahren 1919als „6. Auflage, neu herausgegeben auf Veranlassung des Deutschen Schutz- und Trutzbundes, Hamburg“ und 1921 folgten weitere Auflagen dieser Neufassung.
Nicht wenige der von Briman zusammengestellten „Gesetze“ haben auch Eingang in andere, teilweise bis weit ins 20. Jh. hinein verbreitete antijudaistische bzw. antisemitische Werke gefunden, so in den ab 1887 erscheinenden Antisemiten-Katechismus eines gewissen „Thomas Frey“, d. h. des Maschinenbau-Ingenieurs, Schriftstellers und Verlegers Theodor Fritsch, insbesondere aber in einschlägige Werke katholischer Priester wie des Asienmissionars Justinas B. PranaitisIn dem Werk Christianus in Talmude Iudaeorum, sive Rabbinicae doctrinae de Christianis secreta, St. Petersburg 1892, werden 42 der 100 "Gesetze" des Judenspiegel im hebräischen Original (Texte vermutlich von Ecker übernommen) und in lateinischer Übersetzung angeführt. oder des Wiener Pfarrers Joseph DeckertIn seiner Übersetzung des oben angeführten Werks von Pranaitis ins Deutsche, Das Christentum im Talmud der Juden oder: Die Geheimnisse der rabbinischen Lehre über die Christen, Wien 1894, werden weitere 31, also insgesamt 73 der 100 "Gesetze" des Judenspiegel angeführt.. Auch der von "Wortführer(n) der antisemitischen Bewegung" als "Autorität auf dem Gebiet der Talmudforschung"Martin Finkenberger: Bischoff, Erich Oswald. In: Handbuch des Antisemitismus, Band 8: Nachträge und Register, Berlin 2015, S. 44–46, hier S. 46. gefeierte Germanist und Orientalist Erich Bischoff griff noch 1929 in seinem Buch vom Schulchan aruch eine Vielzahl der im Judenspiegel angegriffenen "Gesetze" erneut auf, indem er sie teilweise neu übersetzte und erläuterte.Erich Bischoff: Das Buch vom Schulchan aruch, 4. Auflage, Hammer-Verlag, Leipzig 1942, S. 76-127.